Archiv der Kategorie: Wisuelles

Wo alle Worte zuwenig wären, da hilft vielleicht Wisuelles.

August und Adelheid I

eine Straßengeschichte – erster Teil: August

Die Augustenstraße in München, benannt nach Prinzessin Auguste Amalia Ludovika von Bayern, zweigt nahe des Hauptbahnhofs von der Dachauer Straße ab und führt in nordnordöstlicher Richtung auf knapp eineinhalb Kilometern Länge zum Josephsplatz, an dem sie endet.

Augustenstraße von oben

August lebt in der Nähe des Hauptbahnhofs, am Beginn der Augustenstraße, schon immer. Beim Bahnhof gibt es Arbeit, sagt seine Mutter. Was für Arbeit? fragte August, als er noch ein kleines Kind war. Na, Arbeit halt! sagte seine Mutter, damit dein Vater Geld verdient. Sein Vater war oft arbeiten, und manchmal kamen die Leute, mit denen Vater arbeitete, vorbei, und fragten, wo Vater ist, und Mutter sagte diesen Leuten, dass sie nicht weiß, wo er ist. Aber August wusste, dass Mutter wusste, wo Vater ist. Wenn die Leute wieder weg waren, sagte Mutter zu August: Dass du denen fei ja nicht sagst, wo der Vater ist! Hast mich verstanden! Oft kam Vater tagelang nicht nachhause, und August fragte seine Mutter, warum Vater tagelang nicht nachhause kommt, und Mutter sagte nur: O mei Bub, und August fragte, ob er sich denn vor den Leuten versteckt, die immer vorbeikommen und fragen, wo er ist.

August fragte seine Mutter auch, warum denn die Augustenstraße, in der sie wohnten, so heißt wie er? A geh, sagte die Mutter, die heißt doch nicht so wie du, die ist nach irgendsoeiner adligen Thusnelda namens Auguste benannt, die keine Ahnung vom Leben hatte und trotzdem glaubte, einen besseren Dreck zu scheißen als Leute wie wir. Mutter, fragte August weiter, was ist denn das für eine gelbe Kirche, die man am Ende der Augustenstraße sieht? Das ist St. Joseph, und hinter St. Joseph hört die normale Welt endgültig auf, da wohnen die Großkopferten, die glauben, dass sie was Besseres sind als wir. Da brauchst nie hingehen, Bub! Geh immer in die andere Richtung, zum Bahnhof, denn da gibt’s Arbeit.

Am Beginn der Augustenstraße

Eines Tages weinte und fluchte Augusts Mutter, und August fragte, was los ist, und Mutter sagte, dass der Vater nicht mehr nachhause kommt. Wieso denn? fragte August. Muss er so viel arbeiten? Nein. Derschossen haben’s ihn, diesen Deppen, weil er nicht aufgepasst hat. Derschossen, bei der Arbeit? Ja, derschossen bei der Arbeit. Zuviel beschissen hat er die anderen, dein Vater. Man darf schon ein bisserl bescheissen, wahrscheinlich muss man sogar ein bisserl bescheissen, um was abzukriegen vom Kuchen, aber man darf’s nicht übertreiben, weil wenn die anderen merken, dass sie beschissen werden, dann werden sie zornig und derschießen einen. Dann weinte und fluchte sie wieder. August, sagte sie, jetzt musst du Geld verdienen. Geh gleich zum Bahnhof und schau dass du ein Geld verdienst. Und August, obwohl noch mehr Junge als junger Mann, ging zum Bahnhof und schaute, dass er ein Geld verdient. Er machte alles Mögliche, um ein Geld zu verdienen, und traf dabei Leute, von denen er sich nach einiger Zeit sicher war, dass sie es waren, die den Vater derschossen haben. Aber es half ja nichts: Er musste Geld verdienen, und wenn es sein musste, dabei auch diese Leute bescheissen, die seinen Vater derschossen haben. Das Wichtigste war, Geld nachhause zu bringen, für sich und die Mutter.

Einmal saß August zuhause und zählte das Geld und hatte plötzlich das Gefühl, dass er die Leute, denen er das Geld abgenommen hatte, ein bißchen zuviel beschissen hatte. Er bekam Angst. Würden sie jetzt kommen und ihn derschießen, wie den Vater? In seiner Angst beschloss er, die Augustenstraße in die andere Richtung entlangzulaufen, Richtung St. Joseph, denn dort würden sie ihn bestimmt nicht suchen. Auch wenn seine Mutter gesagt hatte, dass er da nicht hingehen braucht.

In der Augustenstraße

Viele Läden hier, dachte sich August, als er die Augustenstraße entlangging, und viel zu essen kann man kaufen. Verhungern tut man hier nicht, wenn man Geld hat. Aber es gibt immer weniger Leute, für die ich arbeiten kann, je weiter ich gehe. Hier kriegt man kein Geld, hier hat man es. Nach etwa einer Viertelstunde erreichte er St. Joseph und staunte über die große Kirche. Er setzte sich auf die Stufen vor dem Eingang und schaute auf den Platz vor sich. Eltern saßen und Kinder spielten. Sind das die Großkopferten, von denen Mutter spricht? Es war ruhig und friedlich. Ungewohnt. Eine andere Welt. Hier hatte er jedenfalls keine Angst, derschossen zu werden.

Ankunft am Josephsplatz

zweiter Teil

S7 Kreuzstraße (Es fährt ein Zug nach Nirgendwo)

Dieser alte Schlager hat einen verheißungsvollen Titel: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo.

Ich habe mir Nirgendwo immer als einen schönen Ort vorgestellt, als einen Ort, an den man sich zurückziehen kann, um sich zu finden und dann gestärkt wieder von Nirgendwo nach Irgendwo zurückzukehren. Doch der Schlager enttäuscht mich textlich: Der will gar nicht nach Nirgendwo. Der singt davon, dass er nach Nirgendwo fährt, aber da gar nicht hin will.

Ich jedenfalls will nach Nirgendwo. Ich setze mich in Giesing in den Zug, bereit, ihn bis zu seiner Endhaltestelle in Nirgendwo nicht zu verlassen. Zunächst rauscht die Stadt vorbei, Nirgendwo ist noch ganz weit weg. Die Vorstadt, also die Gegend der verschluckten, ehemaligen Dörfer: Das alte Bahnhofsgebäude von Perlach steht unbenützt und einsam und scheint verloren in seiner städtischen Umgebung, und in Neuperlach-Süd glaube ich eher an eine Reise in eine utopische Urbanität statt nach Nirgendwo. Auch beim Verlassen des Stadtgebiets bleibt alles beim Alten: Neubiberg, Ottobrunn, Hohenbrunn, Höhenkirchen, Siegertsbrunn – alles dichtbesiedelte Kleinstädte, deren Nähe zur großen Stadt München spürbar ist. Aber dann: Es wird sehr ländlich. Die Haltestellen tragen so sperrige Namen wie Dürrnhaar oder Peiß, dazwischen Aying als Metropole der Ländlichkeit. Nirgendwo kann nicht mehr weit sein! Ist es auch nicht.

Nirgendwo trägt den Namen Kreuzstraße und ist eine Ansammlung einiger Häuser. Der Zug hält abseits dieser Häuser, in einer bewaldeten Geländevertiefung namens Teufelsgraben.

Ich gehe nicht nach Kreuzstraße, sondern überquere die Gleise und verlasse den Teufelsgraben in die andere Richtung. Nach ein paar Minuten komme ich aus dem Wald auf freie Wiesen. Stille. Ich kann die Erde atmen hören und die Sterne beim Herabblicken sehen. Ich spüre mich, vom Kopf bis zu den Füßen. Ich spüre mein Sein. Ich spüre mich leben in diesem flirrenden Universum. Ich bin wieder bereit für Irgendwo nach dieser kurzen Auszeit in Nirgendwo. Danke Kreuzstraße, danke, dass es dich gibt!

Bilder aus Nirgendwo

 

 

Licht im Winter

Licht im Winter heißt ein Film von Ingmar Bergman, den ich mir immer wieder ansehe. Er ist großartig gemacht und gespielt und erinnert mich auf fatale und komische Weise an meine Kindheit (siehe das Kind in den ersten zwölf Minuten des Films). Es geht im Film um einen Pastor in der Sinnkrise. Gott schweigt, sagt er. Doch nicht Gott schweigt, sondern die Menschen schweigen. Winter in der mittelschwedischen Provinz, alles ist voller Eis und Schnee. Auch die Herzen der Menschen. Sie sind unfähig, miteinander in Beziehung zu kommen, miteinander zu kommunizieren.

Der Winter ist die Zeit des Rückzugs. Alles Lebende verkriecht sich, um zu ruhen. Bis zum zweiten Februar, dem Tag, der Lichtmess genannt wird. Das bäuerliche Jahr beginnt. Die Tage sind schon spürbar lichter als an Weihnachten, eine Ahnung vom Frühjahr kommt auf. Langsam erwacht die Natur.

Zwei Minuten vor Ende des Films Licht im Winter sinkt Märta Lundberg in die Knie, senkt den Kopf, und wir hören ihre Gedanken:

Wenn wir uns nur sicher fühlen könnten und uns getrauten, zueinander zärtlich zu sein! Wenn wir nur eine Wahrheit hätten, an die wir glaubten! Wenn wir nur glauben könnten!

Dann schwenkt die Kamera zum Pastor, der den Kopf ebenfalls gesenkt hält. Er scheint überrascht von der Botschaft und erwacht aus seiner Lethargie. Kurz darauf wird Märtas Gesicht in strahlendes Licht getaucht. Da ist es, das Licht. Das Licht nach einem langen Winter!

Im schwedischen Original heißt der Film Nattvardsgästerna, was soviel bedeutet wie Die Kommunikanten. Auf ihr Kommunikanten, auf ins Licht, nach dem langen Winter! Öffnet eure Herzen und kommuniziert!

Unrat vor Naturdenkmal

Ich stand vor dem Stapel Holz mit dem Schild dahinter und las:

Naturdenkmal – Unrat ablagern verboten

Diese Anordnung stürzte mich in große Verwirrung. Ist das Holz Naturdenkmal oder Unrat? Wenn das Holz Unrat ist, wo ist das Naturdenkmal? Oder steht das Schild für die Natur als Denkmal? Die Natur als ein riesiges Gesamtdenkmal? Ein kleines Schild für die große Natur? Der Holzstapel ein Teil der Natur, ein Teil des Denkmals? Oder doch nur achtlos hingeworfener Unrat vor ein bedeutungsloses Schild?

Ich rief Hubert an, der seine Nummer auf dem Holz hinterlassen hatte. Hubert meldete sich. Ich fragte ihn all meine Fragen. Hubert sagte, sein Kunstwerk solle Fragen aufwerfen, und deshalb freue er sich über meine Fragen. Ich solle doch bitte diese Fragen auf seine Social-Media-Accounts posten, darüber würde er sich noch mehr freuen. Dann legte er auf, ohne meine Fragen zu beantworten.

Weltschmerz auf der Spätsommerwiese

Lilith tanzt zwischen den Schafen auf der Spätsommerwiese. Ein Gefühl der Leichtigkeit liegt in der flirrenden Luft.

Das war vor einigen Wochen, als ich noch glaubte, dass der Sommer nie zu Ende geht. Nun ist er zu Ende gegangen. Ich ertappe mich dabei, dass ich – es fällt mir schwer, das zuzugeben – You’re beautiful von James Blunt höre. Bei diesem Hören denke ich an den Moment auf der Spätsommerwiese, und mich beschleicht ein sanfter Schmerz. Ich recherchiere über diesen Schmerz und stelle fest: Es ist ein „Schmerz über die Vergänglichkeit irdischer Herrlichkeit“, den ich fühle, ein Schmerz, den Heinrich Heine als Weltschmerz bezeichnet, und von dem die Brüder Grimm sagen, er sei eine „tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt“.

You’re beautiful ist mein aktueller Soundtrack zum Weltschmerz. Die Handlung des Songs: Ein Mann sieht eine Frau in einer Menschenmenge und ist von ihrer Schönheit überwältigt. Sie ist in Begleitung eines anderen Mannes. Er verherrlicht den Moment der flüchtigen Begegnung mit ihr, stellt aber gleichzeitig fest, dass dieser Moment unwiederbringlich verloren ist und sie sich nie wieder nahe sein werden. James Blunts leidender Gesang lässt die unerfüllte Sehnsucht spüren. Vom Rolling Stones Musikmagazin wird You’re beautiful als einer der nervigsten Songs der Popgeschichte bezeichnet.  Gleichzeitig ist er ein Welterfolg. Ein nerviger Welterfolg. Ein Welterfolg wie der Weltschmerz.

Weltschmerz, ein naher Verwandter der Melancholie, fasziniert seit Jahrhunderten. Dürer hat einen Holzschnitt gemacht darüber, Cranach, Munch, Picasso und andere Bilder gemalt, Keller ein Gedicht geschrieben, Lars von Trier einen Film gedreht, Blunt ein Lied geschrieben. Der Weltschmerz lädt mich ein, sich in ihm einzunisten. Ich höre You’re beautiful und betäube mich. Ich trage den Schmerz dieser Welt. Ich bleibe hängen in ihm. Ich bin auf der Spätsommerwiese hängen geblieben. Ich klammere mich an diesen Moment auf der Spätsommerwiese, als hänge mein Leben an ihm, als gäbe es kein Leben mehr ohne ihn.

Weltschmerz auf der Spätsommerwiese

Ich fühle mich armselig. Ich will raus aus dem Weltschmerz. Ich habe Durst. Wahnsinnigen Durst. Das habe ich vor lauter Weltschmerz gar nicht bemerkt. Ich trinke Wasser und spüre die Erleichterung. Ich atme und giere nach Luft. Ich will raus aus dem Weltschmerz und rein in die Welt. An die frische Luft, um nach ihr zu schnappen. Ich setze einen Schritt vor den anderen, und mit den Schritten kommen folgende Gedanken:

Mann und Frau treffen sich. Der Plot jeder guten Geschichte. Der Moment der Momente. Singt nicht James Blunt über diesen Moment der Momente? Über das Wahrhaftigste des Wahrhaftigen? Ja, das tut er! Schön! – Er bleibt aber hängen in diesem Moment. Er versinkt im Weltschmerz. Nervig! Ich weiß nicht, was ich tun soll, singt er. Nicht denken. Einfach leben und handeln. Idiot! will ich ihm zurufen. Oder rufe ich mir das selbst zu?

Ich wandle vorbei an Bäumen im Herbstgewand. Die tiefe Sonne versinkt hinter ihnen. In diesem geheimnisvollen Licht geht eine Frau den Weg entlang. Ihr Kopf steckt unter einer Kapuze. Trotzdem erkenne ich sie. Ich rufe und laufe zu ihr. Es ist Lilith, tatsächlich! Wir umarmen uns, blicken uns in die Augen, und meine Blicke sagen zu ihr: Du bist schön, Lilith, es ist wahr! So einfach ist das: Mann trifft Frau, und die Welt ist schön. Ein Gefühl der Leichtigkeit. Das ist jetzt die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, sagt der Weltschmerz, aber ich höre ihn nicht.

Edelweiß für Österreich

US-Amerikaner haben eine sehr romantische Sicht auf Europa. Kein Wunder: Viele haben Vorfahren aus Europa. Sehr beliebt ist die Region mitten in Europa, die von den östlichen Alpen durchzogen und Österreich genannt wird. Die US-Amerikaner lieben Sound of Music, eine Geschichte über eine österreichische Musikantenfamilie. Sie glauben, dass das Lied Edelweiß daraus die Nationalhymne Österreichs ist.

Nun ist es aber bei weniger romantischer Sicht so, dass in dieser Region Österreich, wie in vielen anderen Regionen Europas auch, nicht nur musizierende weltoffene Bergleute anzutreffen sind, sondern viele nationalistisch Gesinnte, die unter sich bleiben wollen. Um sich gegenseitig zu erkennen (und nicht aus Versehen eigene Leute auszugrenzen), tragen diese nationalistisch Gesinnten eine Kornblume am Revers.

Die Furz- und Popelpartei Österreichs, kurz FPÖ, eine Versammlung nationalistisch Gesinnter, die manche lediglich als eine Ansammlung von machtgeilen Dummköpfen bezeichnen, trägt traditionell die Kornblume am Revers, um ihre nationalistische Gesinnung zu zeigen. Für die Furz- und Popelpartei, man glaubt es kaum, haben bei den letzten Parlamentswahlen in Österreich fast dreißig Prozent der Wähler gestimmt. Die Wahlanalyse hat ergeben, dass alle Leute in Österreich, die glauben, dass Österreich im letzten Weltkrieg lediglich Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands war, also Leute, die man guten Gewissens als Dummköpfe bezeichnen kann, die Furz- und Popelpartei gewählt haben. Dummköpfe und Dummköpfe haben sich gefunden.

Nun ist es jedoch neuerdings so, dass die Furz- und Popelpartei ihre nationalistische Gesinnung aufgeben will, sehr zur Enttäuschung ihrer Wähler. Deshalb tragen die Mitglieder ab sofort nicht mehr die Kornblume am Revers, sondern das Edelweiß. Das Edelweiß, das die US-Amerikaner, dieses weltoffene Volk mit ihrem noch weltoffeneren Präsidenten Trump, so liebgewonnen haben, weil es in Sound of Music so lieblich besungen wird.

Die Furz- und Popelpartei sagt, dass alle US-Amerikaner deutscher Abstammung, nein, das mit der deutschen Abstammung wurde korrigiert, dass also alle US-Amerikaner in Österreich jederzeit willkommen sind, aber am meisten würde es sie natürlich freuen, wenn der Präsident das schöne Alpenland mit seinen edelweißblühenden Berghängen bald besuchen würde.

Edelweiß – statt Kornblume

Edelweiß – Nationalhymne Österreichs

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit existierenden Parteien sind rein zufällig.

 

Kori Andermatt und die bessere Zukunft

Ich war beim Begräbnis von Kori Andermatt, einem ehemaligen Schulkollegen von mir. Als ich an seinem Grab stand, habe ich sehr geweint. Irgendetwas in mir war tief berührt.

Kori war in der fünften Klasse mein Sitznachbar. Ein Lehrer fragte ihn am ersten Schultag der fünften Klasse: „Wie heißt du?“ Koris voller Name war Kornelius, aber seine Eltern nannten ihn von Geburt an nur Kori, und so antwortete er: „Kori. Kori Andermatt.“ Dieser Lehrer, der sich später als sadistisches Arschloch entpuppen sollte, sagte daraufhin: „Aha. Ich kenne den Nachnamen Matt, aber ich wusste nicht, dass Koriander ein Vorname ist.“ Die ganze Klasse lachte und brüllte. So blieb Kori allen als Koriander Matt im Gedächtnis hängen.

Kori hat sich später immer wahnsinnig geärgert über diese Geschichte. Bei einem Klassentreffen beschimpfte er uns alle übelst dafür, dass wir sie immer wieder erzählen. Nach seiner Schimpftirade warf er sämtliches Geschirr um ihn herum vom Tisch und stürmte aus dem Raum. Mir tat es einerseits leid für ihn, dass es ihn so traf, andererseits verstand ich nicht, dass er nicht endlich darüber hinwegsehen konnte. Er ärgerte sich immer wieder. Jedesmal wenn ich ihn traf, fing er wieder damit an und bekam einen tobsüchtigen Anfall. Geärgert hat er sich aber nicht nur über diese Geschichte, sondern über alles Mögliche in seinem Leben: Er fand die Schule scheiße, dann die Uni, später die Arbeit. Er fand die Mädels scheiße, später die Frauen. Die Partnerinnen an seiner Seite wechselten mit ziemlicher Regelmäßigkeit mindestens alle zwei Jahre.

Einmal schien er glücklich geworden zu sein, mit einer gewissen Angelina. Er zog mit ihr in ein Häuschen ins Umland. Die Straße, in der sie wohnten, trug den Namen Bessere Zukunft:

Bessere Zukunft in Gräfelfing bei München

Ich traf Kori einige Tage vor dem Umzug in die Bessere Zukunft. Da sagte er zu mir: „Emil, das ist doch ein gutes Omen, dass ich nun in eine Straße namens Bessere Zukunft ziehe. Vielleicht wird meine Zukunft besser als meine beschissene Gegenwart.“ Ich wunderte mich wieder einmal, warum Kori seine Gegenwart immer so beschissen fand. Aber das war nun mal ein Prinzip von ihm, alles Gegenwärtige beschissen zu finden, um auf eine umso bessere Zukunft zu hoffen.

Ein paar Monate später traf ich ihn in der Stadt, als ich den Gehsteig entlangging und er mit einem fetten Wagen aus der Tiefgarage hochschoss. Beinahe hätte er mich über den Haufen gefahren, aber er bremste rechtzeitig, und dann erkannten wir uns.
„Kori! Wie geht’s?“ sagte ich, als er die Scheibe heruntergelassen hatte.
„Beschissen. Ich habe Angelina rausgeschmissen, es war nicht mehr auszuhalten.“
„Aha“, sagte ich und schüttelte innerlich den Kopf. „Fette Karre“, sagte ich dann noch, den Wagen betrachtend, der aussah wie ein kleiner Panzer.
„Aus dem Carpool der Firma. Scheißkarre. Ich glaub ich fahr ihn gegen den Baum, dann bekomm ich hoffentlich einen besseren.“

Das war unser letztes Treffen. Ich habe danach nur noch von anderen über Kori gehört. Nach Angelina hatte er überraschenderweise keine neue Freudin mehr und wurde sehr trübsinnig. Alles war noch beschissener als sonst. In der Arbeit eckte er bei allen so an, dass ihm sein Managerposten gekündigt wurde.

Wie ist Kori gestorben? Er hat nicht den fetten Wagen gegen den Baum gefahren. Der wurde ihm vorher genommen. Er hat sich in der Nähe der Besseren Zukunft vor den Zug geworfen. Bevor er das tat, machte er noch ein Foto von sich und postete dazu diesen Text auf sein Instagram-Account:

Ich habe die Hoffnung auf eine bessere Zukunft endgültig aufgegeben. Die Gegenwart ist so beschissen wie sie immer war, sie wird immer beschissener, und ich sehe keine Möglichkeit, dass sich das jemals ändern wird. Ich kann mich nicht einmal mehr ärgern über alles Beschissene, so müde bin ich geworden. Ich gehe jetzt in die Sonne. Bitte vermisst mich nicht!

 

RetroTV

Der neue Fernsehkanal RetroTV besinnt sich auf die Ursprünge des Fernsehens. Bis vor kurzem wurde nur ein Standbild gesendet. Wir wollen ein Medium der Entschleunigung und des Innehaltens sein, heißt es dazu aus der Programmdirektion, weil es dazu großen Bedarf gibt.

Jetzt wurde zusätzlich zum Standbild eine Talkshow mit dem Titel Leut’abend produziert. Als Talkmaster fungiert Blacky Fuchsberger, zeitlebens als ein Meister des Innehaltens und der Gelassenenheit bekannt. Manche denken bei ihm allerdings auch an dampfende Plauderer und Einschaltspinsel. Wie auch immer –  Gäste von Blacky Fuchsberger bei Leut’abend auf RetroTV sind Bertolt Brecht und Wilhelm Reich. Hier vorab das Protokoll zur Sendung:

Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral!

Wilhelm Reich: Erst kommt die Liebe, dann die Moral!

Bertolt Brecht: Auch gut! Ich kann allerdings keine Verbindung zwischen deiner und meiner Aussage herstellen. Gibt es hier etwa einen Widerspruch? Das wäre schön, denn die Widersprüche sind unsere Hoffnung.

Wilhelm Reich: Das Leben ist ein einziger Widerspruch. Dadurch wird es vorangetrieben. Das Leben ist ein Prozess, nie ein festgefahrener Zustand.

Blacky Fuchsberger: Das erinnert mich an Rainhard Fendrich, der singt: Alles ist möglich, aber nix is fix.

Wilhelm Reich: An wen?

Bertolt Brecht: Den kennen wir nicht. Da waren wir schon tot.

Wilhelm Reich: Ist es nicht ein faszinierender Widerspruch, dass wir beide tot sind und trotzdem in dieser Talkshow sitzen? Wir sind Orgonenergie!

Bertolt Brecht: Ein faszinierender Widerspruch.

Wilhelm Reich: Ich bin ein Jahr vor dir geboren und ein Jahr nach dir gestorben.

Bertolt Brecht: Ich bin ein Jahr nach dir geboren und ein Jahr vor dir gestorben.

Blacky Fuchsberger: Wollen Sie das als Widerspruch präsentieren, meine Herren? Ich fürchte, dazu taugen diese Aussagen nicht. Ich bin übrigens auch schon tot. Und damit gebe ich ab an das Standbild.

Wilhelm Reich (1897 - 1957)
Bertolt Brecht (1898 - 1956)
Joachim "Blacky" Fuchsberger (1927 - 2014)