Wir glauben einfach zu viel an Worte. Wir meinen, wir könnten mit Worten etwas ändern. Meiner Ansicht nach geht es noch weiter: Wir benutzen Worte oft, um nichts zu ändern.
Alexander Lowen
Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ist das schon weis?
Wir glauben einfach zu viel an Worte. Wir meinen, wir könnten mit Worten etwas ändern. Meiner Ansicht nach geht es noch weiter: Wir benutzen Worte oft, um nichts zu ändern.
Alexander Lowen
ein Film von Pier Paolo Pasolini
Ich lese und schreibe meist über menschliche Missstände. Über Momente der Wahrhaftigkeit kann ich nicht lesen und schreiben. Vielleicht muss ich sie mir über das Lesen und Schreiben erarbeiten, weil mir nicht gelehrt wurde, wie ich sie leben kann.
Im Sommer, wenn ich die Luft und die warmen Strahlen der Sonne auf meiner Haut spüre, bin ich dem Lesen und Schreiben sehr ferne und der Wahrhaftigkeit sehr nahe.
Eine feierliche Stimmung regt sich in mir, die sich in die Welt transzendiert:
Ich habe mich, sagt Vorderbrandner, in meiner Kunst verloren, ich kreise um ein Thema mit Variationen, und mittlerweile ist es keine Kunst mehr, weil es nicht mehr meine Wahrheit ist. Ich habe mich von mir selbst entfernt in meinen Variationen, in meinem Wahn, Kunst treiben zu müssen. Kunst ist das, was meine Wahrheit ist, und wenn das, was ich treibe, nicht mehr meine Wahrheit ist, ist es keine Kunst mehr, nicht für mich und schon gar nicht für jemand anderen.
Ich muss versuchen, aus meinem Selbstbelügungsstrudel, in den ich mich hineingetrieben habe und darin steckengeblieben bin, hinauszukommen, aus diesem Strudel, der sich wie eine steckengebliebene Schallplatte um sich selbst dreht und nicht vom Fleck kommt. Das, was ich bisher als meine Kunst bezeichnete, hat sich zu künstlichem Bemühen entwickelt, das Kunst sein will und es niemals sein kann, sagt Vorderbrandner.
Vorderbrandner sagt weiter, er wolle sich nun für eine Weile zurückziehen, um sich zu sammeln, um zu Kräften zu kommen, denn er habe sich treiben lassen und sich selbst getrieben, hinein in diesen Selbstbelügungsstrudel, dem er nun zu entkommen gedenke. Er sagt, er müsse nun diesen Tod leben, so absurd es klinge. Der Tod ist die Chance auf neues Leben, meinte er.
Wir müssen also vorläufig mit Vorderbrandners bisheriger Kunstsammlung das Auslangen finden und mit dem Vorwurf leben, ihn in diesen Strudel mit hineingetrieben zu haben.
An Ostern, dem im Frühling angesiedelten Fest, wird in der christlichen Welt einem gedacht, der an ein Kreuz genagelt wurde und daran verreckt ist. Ein Fest, das gut in die Welt passt: Während die Natur zum Leben erwacht und Pflanzen zu sprießen beginnen, stirbt der zum Heilsbringer Auserkorene an einem Kreuz, von seinen Mitmenschen daran festgenagelt. (Während seine Geburt zu einem Zeitpunkt des Jahres zelebriert wird, an dem die Tage kurz, kalt und dunkel sind, an dem die Natur tot ist.)
Ich erinnere meine Osterflanierereien in Wald und Flur, die Vögel sangen und an den Zweigen der Bäume begann es zart zu grünen. Doch immer kam ich bei diesen Flanierereien in meiner ländlich, katholisch geprägten Kindheit und Jugend an einem Wegkreuz vorbei, an dem er hing, der Heilsbringer, schlaff, ermattet, mit gesenktem, dornengekröntem Haupt. Manchmal knieten am Fuß des Kreuzes Maria und Magdalena, Mutter und Geliebte, die leidenden Weiber. Das nächste Bild, das sich neben dem am Kreuz Hängenden bei mir einprägte: Das leidende Weib, das eine seltsame erotische Faszination bei mir auslöste.
Nach meiner Flaniererei betrat ich die barocke Basilika, wo in prunkvollem Ambiente die Violine das Leiden leidensreich beklagte, und die begleitende Orgel grundierte das Leiden majestätisch und sprach mit ihrem Klang:
Seht wie erhaben es ist, das männliche Leid zu zelebrieren mit dem leidenden Weib neben dir. Lasset das Fest beginnen!
Ohlstadt, sagt Vorderbrandner, ist für mich seit meinem 37. Lebensjahr ein magischer Ort. Vorher bin ich dort nie gewesen, bin immer auf der Autobahn daran vorbei gefahren, auf der langen Loisachbrücke schwebte ich dahin nach Garmisch oder bin vorher abgebogen, nach links Richtung Kochel oder nach rechts Richtung Murnau.
In meinem 37. Lebensjahr fühlte ich mich so krank, dass Miriam sagte, ich solle zum Arzt gehen, zu einem Arzt, der mich umfassend untersucht, um festzustellen, an welcher Krankheit ich leide. Der Arzt untersuchte mich umfassend und konnte keine Krankheit feststellen, an der ich leide, und er sagte, er kenne jemanden, der Leute behandelt, die glauben, an einer Krankheit zu leiden, obwohl sie an keiner Krankheit leiden. Er schickte mich zu Werner, und Werner sagte, ich solle mit ihm nach Ohlstadt kommen, dort würden wir uns mit anderen Leuten treffen, die auch glauben, krank zu sein, obwohl sie nicht krank sind.
Ich erbat mir Bedenkzeit und wollte von Miriam hören, dass ich nicht nach Ohlstadt fahren soll, doch Miriam sagte, dass ich nach Ohlstadt fahren soll, und auch eine kräftige, starke Stimme in mir sagte, dass ich nach Ohlstadt fahren soll. Ich fuhr nach Ohlstadt, und während der Fahrt sagten andere Stimmen in mir, ich solle umdrehen, es wäre sicherer, weiter krank zu sein, statt mich der Ungewissheit dieser Gruppe fremder Leute auszuliefern, die in Ohlstadt auf mich warten. Doch die kräftige, starke Stimme, die ich tief in mir spürte, setzte sich durch, und wenig später fand ich mich in einem hohen, hellen Raum in einem Stuhlkreis wieder, mit Werner und Leuten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Panik kam in mir hoch: Diesen kranken Leuten soll ich mich öffnen? Später im Bett wälzte ich mich hin und her, bis ich nur mehr einen Ausweg sah: Abhauen! Ich stieg ins Auto und raste zurück nach München. Ich schreckte Miriam aus dem Schlaf, um dann, nach nächtlicher Besprechung, wieder zurückzurasen nach Ohlstadt, zurück in die Ungewissheit, die man – das wusste ich damals noch nicht – das Leben nennt.
Der Tag begann im Freien, mit meditativer Musik, zu der wir in die Himmelsrichtungen atmeten. Es fühlte sich gesund an. Ich begann zu vertrauen, dass mich die Gruppe trägt, dass die anderen meine Freunde sind, dass ich durch ihre Anwesenheit mein Kranksein loslassen kann. Am Schluss der gemeinsamen Tage, bei einem von Werner organisierten Ritual, verkündete ich vor der Gruppe: „Ich bin jetzt endlich nur ich selber, so wie ich wirklich bin. Das Leben und ich sind eins.“ Danach, nach einem gemeinsamen Abend und einer letzten Nacht, fuhr ich ab aus Ohlstadt und kam nie mehr zurück. Das Leben rief.
Vor kurzem war ich in Garmisch, sagt Vorderbrandner. Bei der Rückfahrt nahm ich nicht die Autobahn, sondern die Bundesstraße 2 nach Murnau, die über Ohlstadt führt. Aufgeregt schlug mein Herz, als ich im gleißenden Sonnenlicht durch die Winterlandschaft rollte. Rechts von mir floss die Loisach, als vor mir ein riesiges Betonbauwerk auftauchte: die Loisachbrücke Ohlstadt, mit 1.315 Metern keine hohe, aber die längste Brücke Bayerns, auf der die Autobahn 95 nach Garmisch das breite, sumpfige Tal der Loisach überquert. Unter den schattigen Betonpfeilern der Brücke nahm ich die Ausfahrt von der Bundesstraße 2 nach Ohlstadt. Ich kam mir vor wie in einem Horrorfilm, der mir die Magie Ohlstadts austreiben soll. Wie viele Ingenieure waren beteiligt bei Konstruktion und Bau dieser riesigen, landschaftsdurchpflügenden Brücke, die Ohlstadt vom Murnauer Moos trennt? Hieß Ohlstadt beim Bau noch Ohlstadt oder Ing-Ohlstadt? Zogen die Ingenieure anschließend weiter nach Ingolstadt und haben das H in Ohlstadt vergessen?
Der Eindruck der Brücke hatte mich irritiert, abgelenkt. Ohlstadt durchquerte ich wie blind, ich konnte nichts mehr erkennen als einen schnöden Ort, der nicht ins Blaue Land von Kandinsky, Münter und Marc zu passen scheint. Ich blickte hinauf zu den Hängen Richtung Heimgarten und Herzogstand, wo wir damals umhergewandert sind mit Werner, auf dem Weg zu uns, auf dem Weg ins Leben. Die Wege trafen sich in Ohlstadt, doch sie gingen weiter, wie alles im Leben. Wohin sind die Wege der anderen gegangen, nachdem wir uns getrennt hatten? Eine kurze Wehmut ergriff mich, ehe mich mein Weg weiter, zurück nach München führte.
Uteto Fritz, der sich selbst als Künstler und Psychologen bezeichnet und als Begründer der Sprachenergetik gilt, hat sich seit geraumer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Vor kurzem wurde er jedoch bei einer Hochzeit gesehen, wo er den kurzfristig verhinderten Hochzeitsredner vertrat. Dort beobachtete er das Brautpaar, er studierte die Mimik und Gestik und die Körpersprache der beiden, ohne mit ihnen zu sprechen. Uteto misstraut der Sprache. In einer seiner letzten öffentlichen Aussagen gab er zu Protokoll: „Obwohl der westliche Mensch glaubt, mit seinem Geschwätz seine Seele verbergen zu können, findet sie doch auf einem anderen Weg ihren Ausdruck: über den Leib, über den Körper.“
Als er genug wahr genommen hatte, hob er an zu seiner Rede an das Brautpaar: „Ich sehe: Ihr sucht die Sicherheit, die Sicherheit des Mutterschoßes. Aber ein Partnerschoß ist kein Mutterschoß. Ihr werdet die Sicherheit, die ihr sucht, dort nicht finden. Es steht geschrieben: Darum verlässt das erwachsene Kind Vater und Mutter und bindet sich an seinen Partner, und sie werden ein Fleisch. Aber zuvor muss das Kind Vater und Mutter verlassen. Ihr habt eure Eltern nie verlassen, sondern sucht sie im Partner. Lernt, Abschied zu nehmen. Um zu euch zu gelangen. Zu eurer eigenen Sicherheit. Zu eurer Freiheit.“
Ein Raunen ging durch die Hochzeitsgesellschaft, und der Bräutigam ballte die Fäuste ob dieser unverschämten Worte, wie er später sagen wird. Die Braut aber lief zu Uteto und fiel in seine Arme. Uteto sagte zu ihr: „Mein Kind, auch ich bin nicht dein Vater, von dem du dich nie geliebt gefühlt hast. Gehe hin und finde deine eigene Kraft, die weibliche Kraft in dir.“
Da ging sie hin und sang das Lied von der Kraft des Abschieds:
Eric Rohmer hatte sich, wie üblich zur Vorbereitung seiner Filme, über ein Jahr lang mit seiner ausgewählten Darstellerin Emmanuelle Chaulet getroffen, mit ihr ausgiebige Gespräche geführt, um ihr ihre Rolle in Der Freund meiner Freundin (L’ami de mon amie) auf den Leib zu schreiben. Bei den Dreharbeiten missfiel ihm ihr Verhalten und er schrie sie an: „Hör auf zu spielen! Du sollst so sein, wie du bist!“ Chaulet war, ihren eigenen Aussagen zufolge, einem Nervenzusammenbruch nahe. Völlig erschöpft flüchtete sie nach den Dreharbeiten in der Trabantenstadt Cergy-Pontoise bei Paris nach La Rochelle an die Atlantikküste zu ihren Eltern.
„Warum erzählst du mir das?“ fragen mich deine Augen, und ich antworte auf deine Frage:
„Du siehst, ich will viel,
vielleicht will ich alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.
Hör auf zu spielen! Du sollst so sein, wie du bist!“
Ich zitiere Rilke und Rohmer in meiner Antwort. Ich frage mich, ob es meine Antwort ist, oder ob ich sie nur geliehen habe und mit den Worten spiele? Heißt, alles zu wollen, jemanden so zu wollen, wie er ist?
Rohmer hat von seinen Darstellern verlangt, so zu sein, wie sie sind, und dabei selbst nie aufgehört zu spielen. Er drehte Film über Film, um seine Gefühle auf seine Darsteller zu projizieren. Er spielte mit ihnen. Hat er jemals auf sie gehört?
Längst habe ich deinen Blick verlassen und mich in meinen Gedanken verloren. Als ich mich wieder finde, merke ich, dass du mich in meinen tiefsten Gefühlen triffst. Ich brauche dich, um zu mir zu kommen. Dort, in der Tiefe, will ich dich treffen.
Ich kehre zurück zu deinem Blick und sage ihm:
„Ich will nicht leben und sagen: Ich will nichts.
So als wäre ich durch meines leichten Gerichts
glatter Gefühle gefürstet.
Ich freue mich deines Gesichts,
das nach dem Leben dürstet.
Hör auf zu spielen!
Ich will dich, so wie du bist.
Ich will alles.“
Habe ich nun meine eigenen Worte gefunden, obwohl ich Rilke und Rohmer zitiere?