Bob Dylans Schreie nach Liebe

Bob Dylan wurde einmal gefragt, wie das Verhältnis zu seinen Eltern sei, und er antwortete: „Manchmal passiert es, dass du die falschen Eltern hast.“

Habe ich die falschen Eltern gehabt? Die Traumaforschung sagt, Traumata entwickeln sich über Generationen fort, und so ist es in Mode gekommen zu sagen, man habe die falschen Eltern gehabt, denn auch die Eltern hätten bereits die falschen Eltern gehabt und so weiter.

Ich habe als Kind nicht die Liebe bekommen, die ich gebraucht hätte, so glaubte ich, ich sei selber falsch. Die Eltern können nicht falsch sein! Sie sind die unumstössliche Wahrheit, die einzige Quelle der Liebe, die man zum Leben braucht. Ich begann, mich für mich selbst zu schämen und wollte so sein, dass mich meine Eltern lieben. Ich begann, mich vor mir selbst, meinen Gefühlen und Bedürfnissen zu verschließen. Ich ahnte nicht, dass meine Eltern selbst verschlossen waren und nicht das tun konnten, was sie tun wollten: mich, ihr Kind, bedingungslos zu lieben.

Ich habe lange geglaubt, dass ich dazu verdammt bin, ein Kind zu bleiben, das hilflos auf die Liebe seiner Eltern angewiesen ist. Jetzt weiß ich, jetzt habe ich die Gewissheit: Ich habe als Erwachsener die Chance zu lernen, mir selbst Liebe zu geben, auch wenn es mühsamer ist, als wenn ich es als Kind bereits gelernt hätte. Doch weil es die Eltern nie gelernt haben, weil sie von ihren Eltern nicht gelernt haben…

Letzte Nacht erschienen mir meine Eltern im Traum. Sie waren freie, offene Menschen, voller Liebe zu sich selbst. Voller Liebe zu mir. Ich war glücklich. Gleichzeitig war mir bange. Würde diese Liebe wieder vergehen, und es so werden, wie es immer war?

Als ich erwachte, waren meine Eltern nicht da. Ich fühlte mich einsam wie das kleine Kind, das Liebe braucht. Ich dachte an Bob Dylans Worte über seine Eltern. Sind nicht alle seine Lieder, oder zumindest die, die mich berühren, Schreie eines Kindes nach Liebe?

Wie die Bäche im Englischen Garten in München zu ihren Namen kamen

aus der Reihe „Unsere schöne bayrische Heimat“

Der Auftrag war klar: Trockenlegung der Isarauen nördlich der Residenz, um das Gebiet zu einem Volkspark zu machen. Es wurde gerodet, gefällt, gepflanzt, und vor allem: Es wurde entwässert und Betten wurden angelegt, um das Isarwasser kontrolliert durch die ehemaligen Auen fließen zu lassen. Drei Wasserbetten wurden angelegt: Eines am östlichen Rand, das schon nach gut zwei Kilometern wieder in die Isar geführt wurde, eines am westlichen Rand, und das dritte mittendurch.

Kurfürst Karl Theodor, der den Auftrag zur Anlage des Volksparks gegeben hatte, war ein Freund der Namensgebung. Er beauftragte Friedrich Ludwig von Sckell, den Ausführenden der Parkgestaltung, Namen für die drei Bachläufe zu finden. Sckell war jedoch mit anderen Dingen beschäftigt als Namen für die drei Bachläufe zu finden, und so beauftragte er zwei Männer, deren Namen heute nicht mehr bekannt sind, Namen für die drei Bachläufe zu finden.

Die zwei Männer gingen daraufhin von der Residenz durch den Hofgarten zum ersten Bach im neuen Volkspark, der am Zusammenfluss der drei Stadtbäche Papiererbach, Stadtmühlbach und Stadtsägemühlbach entstand, dort, wo heute die Prinzregentenstraße verläuft. Es war Sommer, und einer der Männer zog sich aus, sprang in den Bach und badete.
„Ganz schön eisig!“ rief er aus, als er aus den Fluten wieder auftauchte.
„Gut!“ rief der andere, „wir nennen diesen Bach Eisbach!“
Der eine hatte nichts dagegen, der Beschluss der Namensgebung des ersten Baches war einstimmig gefallen.

Dem einen war noch kalt vom Bad im eisigen Wasser des Eisbachs, und so gingen sie nicht weiter den östlichen Bachlauf entlang, der durch schattigen Wald führt, sondern den westlichen, der bald eine sonnige Wiese zu Füßen des Monopteros erreicht.

Als sie die sonnige Wiese erreicht hatten, sagte der eine: „Den östlichen Bachlauf, der durch schattigen Wald führt, nennen wir weiterhin Eisbach. Er fließt ohnehin bald in die Isar.“
„Einverstanden!“ sagte der andere, „aber wie nennen wir den westlichen?“ fragte er, als sie auf der sonnigen Wiese an dessen Ufer standen.
Sie hatten keine Ahnung, wie sie diesen Bachlauf nennen sollten, und so gingen sie ihm weiter entlang, bis einer der beiden sagte: „Der fließt ganz schön nah an Schwabing entlang.“
„Schwabinger Bach!“ rief der andere begeistert aus, und sie klatschten sich ab, weil zwei Drittel der Arbeit getan waren.

Nach ihrem kleinen Freudentaumel fragte der eine: „Wo fließt denn der dritte Bach?“
„Ich glaube, der zweigt vom Eisbach ab.“
„Hm, wir hätten also doch den Eisbach entlanglaufen sollen!“
„Nein, sonst wäre mir noch immer kalt vom eisigen Bad und wir hätten noch keinen Namen für den Schwabinger Bach!“

So standen sie eine Weile motivationslos da, bis einer sagte: „Du sagst, der dritte Bach zweigt vom Eisbach ab. Sollen wir ihn nicht einfach Eisabzweigbach nennen?“
„Nein, das geht nicht: Der Kurfürst will einen eigenen Namen für den dritten Bach. Und außerdem zweigen alle Bäche von der Isar ab, dann müssten sie alle Isarabzweigbach heißen beziehungsweise Abzweigbach vom Isarabzweigbach und so weiter und so fort!“
Schweigend stimmte der andere zu, und schweigend gingen sie weiter, um zunächst den dritten Bachlauf und dann einen Namen für ihn zu finden. Als sie den Bachlauf gefunden hatten, kam ihnen ein Mann entgegen. Sie fragten ihn, ob er öfter hier entlanggehe, und er sagte ja, und sie fragten ihn, wer er sei, und er sagte, er sei der Oberstjägermeister.
Als er weitergegangen war, sagte der eine zum anderen: „Wenn er öfter hier entlanggeht und der Oberstjägermeister ist, dann nennen wir den Bach Oberstjägermeisterbach!“
„So machen wir es!“ sagte der andere begeistert.

Zufrieden gingen sie zur Residenz zurück, um von Sckell und dem Kurfürsten von ihrer Namensfindung zu berichten, die von den hohen Herren, wie man heute weiß, für gut befunden wurde.

Worte

Wir glauben einfach zu viel an Worte. Wir meinen, wir könnten mit Worten etwas ändern. Meiner Ansicht nach geht es noch weiter: Wir benutzen Worte oft, um nichts zu ändern.

                            Alexander Lowen

Die Frau im blauen Kleid

Ich war abgelenkt von mir selbst, aber Thomas, mit dem ich den Weg vom Mittagessen in die Werkstatt ging, war aufmerksam. Er zeigte auf die Frau, die einige Meter vor uns ging. Sie trug ein blaues, ärmelloses, kurzes Kleid. Auffälliger war ihr Gang: Die Schultern und Arme hatte sie hochgezogen, so als wollte sie alle Energie und Kraft darin bündeln, um ihren Kopf nicht zu verlieren, der darüber baumelte. Der restliche Körper darunter wirkte wie abgekoppelt, als gehörte er nicht zu ihr und müsste nur mitgeschleppt werden, wobei sie ihren Po dabei fest zusammenkniff, als hätte sie etwas zu verlieren, als hätte sie Angst, ihre Darmperistaltik könnte ihre festgefahrene Körperstruktur ins Wanken bringen. Ihre Beine wirkten wie zwei steife Stelzen, die sie in fast verzweifelter Anstrengung nach vorne bewegte, um schnell an ihr Ziel zu kommen.

Thomas sagte, das Ziel dieser Frau könne nur die nächste Toilette sein, vielleicht die nächste Hecke, wo sie loslassen und ihre Darmperistaltik gewähren lassen würde. Nachdenklich blickte ich ihr nach wie sie die Straße überquerte und hinter einer Hecke verschwand. Wie ihr Leben hinter dieser Hecke wirklich weiterging, werde ich wohl nie erfahren, dachte ich. Als wir die Werkstatt erreichten, hatte ich die Frau schon vergessen.

Als ich die Werkstatt später am Tag verließ, zu einer Zeit, die man späten Nachmittag nennen könnte, hatte ich Hunger, obwohl doch gerade erst Mittag gewesen war, aber so ist es eben bei uns Menschen: Kaum haben wir etwas gegessen, haben wir schon wieder Hunger. Ich ging in den Lebensmittelladen, um Essen zu kaufen. An der Kasse gab ich, in Gedanken verloren, meine eingekauften Lebensmittel auf das Rollband. Ich könnte jetzt schreiben, wieder abgelenkt gewesen zu sein von meiner eigenen Welt, doch ich richtete den Blick auf und erkannte das blaue Kleid von heute Mittag, die Frau erkannte ich nicht, ihr Kleid in diesem kräftigen Blau verriet sie. Sie war nicht allein. Sie war jetzt in Begleitung eines kleinen Kindes, eines Kindes, das in seinem Wagen schrie wie ein erschreckter Säugling nach seiner Geburt, das aber einen viel zu großen Körper hatte für einen Säugling nach seiner Geburt, das Kind schien steckengeblieben zu sein im Schrecken seiner Geburt, sein Kopf erschien mir plötzlich riesengroß, und ich stellte mir vor, wie sich dieser Riesenkopf durch den Geburtskanal seiner Mutter zwängt, und beide, Mutter und Kind, verzweifelt aufschrein vor Schmerz.

War die Frau im blauen Kleid die Mutter dieses Kindes? Jedenfalls war das Kind in ihrer Fürsorge, und fürsorglich packte die Frau die Lebensmittel, die sie zuvor aus den Regalen, Schränken und Truhen ausgewählt hatte, in die Tasche unter dem Kindersitz, sie packte sie demonstrativ, um den Kind zu sagen: Schau, mit was für guten Lebensmitteln ich dich versorge! Hör endlich auf zu schreien!, aber das Kind schrie und kreischte, kreischte und schrie, und in diesem Schreien und Kreischen erkannte ich die angestrengten, angespannten Bewegungen der Frau, die ich mittags gesehen hatte. Ich hatte das Gefühl, sie brauchte dringend wieder eine Toilette oder eine Hecke, in oder hinter der sie loslassen kann, ich glaube, sie hatte mittags hinter der Hecke nicht losgelassen, sie war zu ihrem Kind geeilt, zu ihrem schreienden Riesenbaby, um es abzuholen, jetzt kontrollierte sie den Kassenzettel und monierte eine falsche Bonierung, die Tomaten sind doch im Angebot und Sie haben mir den regulären Preis boniert, ich sah ihre Anspannung, das Kind kreischte und schrie, ich sah meine eigenen Tomaten auf dem Rollband und wollte plötzlich keine Tomaten mehr, zu welchem Preis auch immer, doch die Kassiererin sagte zu der Frau im blauen Kleid: „Ich kassiere jetzt den Herrn ab!“, ich ließ es geschehen, packte meine Tomaten ein, der Preis war mir egal, ich hielt einen Zehn-Euro-Schein hin und nahm das Restgeld teilnahmslos entgegen.

Dann flüchtete ich ins Freie.

Vorderbrandner geht in die Liebfrauenkirche in Bremen und schreibt einen Brief

Vorderbrandner schweigt, er sagt, er versuche das Schweigen zu lernen, mehr sagte er nicht, wozu auch, wenn er schweigen will.

Er schickte mir einen Brief aus Bremen, dort war er hingefahren, ohne es mir gesagt zu haben, schweigend auf Reisen, schreibt er, schweigend die Menschen ertragen, ohne sie zu bewerten, zu kommentieren, Vorderbrandner in Bremen, dachte ich, mehr dachte ich nicht, ich dachte nicht: Wieso ist Vorderbrandner in Bremen?, ein Gedanke, der naheliegend gewesen wäre, aber ich dachte ihn nicht, ich denke ihn auch jetzt nicht, in Bremen, schreibt Vorderbrandner weiter, sei er in die Liebfrauenkirche direkt hinter dem Marktplatz gegangen, dort habe das ortsansässige Barockorchester gespielt, wie er im Nachhinein festgestellt habe, es spielte Musik von Johann Bernhard Bach, der ein Vetter von Johann Sebastian gewesen ist, diese Musik habe ihm viel gesagt, schreibt Vorderbrandner, sie habe ihm in diesem Moment alles gesagt, sie sei ihm wie eine Zusammenfassung seines Lebens erschienen, wenngleich sie wohl nur eine Beschreibung seiner Gefühle in diesem Moment gewesen war, aber er wisse es nicht, er wisse auch nicht, warum er darüber schreibe, wo er sich doch das Schweigen auferlegt habe. Mehr wolle er im Moment auch nicht mehr schreiben.