Ich war abgelenkt von mir selbst, aber Thomas, mit dem ich den Weg vom Mittagessen in die Werkstatt ging, war aufmerksam. Er zeigte auf die Frau, die einige Meter vor uns ging. Sie trug ein blaues, ärmelloses, kurzes Kleid. Auffälliger war ihr Gang: Die Schultern und Arme hatte sie hochgezogen, so als wollte sie alle Energie und Kraft darin bündeln, um ihren Kopf nicht zu verlieren, der darüber baumelte. Der restliche Körper darunter wirkte wie abgekoppelt, als gehörte er nicht zu ihr und müsste nur mitgeschleppt werden, wobei sie ihren Po dabei fest zusammenkniff, als hätte sie etwas zu verlieren, als hätte sie Angst, ihre Darmperistaltik könnte ihre festgefahrene Körperstruktur ins Wanken bringen. Ihre Beine wirkten wie zwei steife Stelzen, die sie in fast verzweifelter Anstrengung nach vorne bewegte, um schnell an ihr Ziel zu kommen.
Thomas sagte, das Ziel dieser Frau könne nur die nächste Toilette sein, vielleicht die nächste Hecke, wo sie loslassen und ihre Darmperistaltik gewähren lassen würde. Nachdenklich blickte ich ihr nach wie sie die Straße überquerte und hinter einer Hecke verschwand. Wie ihr Leben hinter dieser Hecke wirklich weiterging, werde ich wohl nie erfahren, dachte ich. Als wir die Werkstatt erreichten, hatte ich die Frau schon vergessen.
Als ich die Werkstatt später am Tag verließ, zu einer Zeit, die man späten Nachmittag nennen könnte, hatte ich Hunger, obwohl doch gerade erst Mittag gewesen war, aber so ist es eben bei uns Menschen: Kuam haben wir etwas gegessen, haben wir schon wieder Hunger. An der Kasse gab ich, in Gedanken verloren, meine eingekauften Lebensmittel auf das Rollband. Ich könnte jetzt schreiben, wieder abgelenkt gewesen zu sein von meiner eigenen Welt, doch ich richtete den Blick auf und erkannte das blaue Kleid von heute Mittag, die Frau erkannte ich nicht, ihr Kleid in diesem kräftigen Blau verriet sie. Sie war nicht allein. Sie war jetzt in Begleitung eines kleinen Kindes, eines Kindes, das in seinem Wagen schrie wie ein erschreckter Säugling nach seiner Geburt, das aber einen viel zu großen Körper hatte für einen Säugling nach seiner Geburt, das Kind schien steckengeblieben zu sein im Schrecken seiner Geburt, sein Kopf erschien mir plötzlich riesengroß, und ich stellte mir vor, wie sich dieser Riesenkopf durch den Geburtskanal seiner Mutter zwängt, und beide, Mutter und Kind, verzweifelt aufschrein vor Schmerz.
War die Frau im blauen Kleid die Mutter dieses Kindes? Jedenfalls war das Kind in ihrer Fürsorge, und fürsorglich packte die Frau die Lebensmittel, die sie zuvor aus den Regalen, Schränken und Truhen ausgewählt hatte, in die Tasche unter dem Kindersitz, sie packte sie demonstrativ, um den Kind zu sagen: Schau, mit was für guten Lebensmitteln ich dich versorge! Hör endlich auf zu schreien!, aber das Kind schrie und kreischte, kreischte und schrie, und in diesem Schreien und Kreischen erkannte ich die angestrengten, angespannten Bewegungen der Frau, die ich mittags erkannt hatte. Ich hatte das Gefühl, sie brauchte dringend wieder eine Toilette oder eine Hecke, in oder hinter der sie loslassen kann, ich glaube, sie hatte mittags hinter der Hecke nicht losgelassen, sie war zu ihrem Kind geeilt, zu ihrem schreienden Riesenbaby, um es abzuholen, jetzt kontrollierte sie den Kassenzettel und monierte eine falsche Bonierung, die Tomaten sind doch im Angebot und Sie haben mir den regulären Preis boniert, ich sah ihre Anspannung, das Kind kreischte und schrie, ich sah meine eigenen Tomaten auf dem Rollband und wollte plötzlich keine Tomaten mehr, zu welchem Preis auch immer, doch die Kassiererin sagte zu der Frau im blauen Kleid: „Ich kassiere jetzt den Herrn ab!“, ich ließ es geschehen, packte meine Tomaten ein, der Preis war mir egal, ich hielt einen Zehn-Euro-Schein hin und nahm das Restgeld teilnahmslos entgegen.
Dann flüchtete ich ins Freie.