Ich lese und schreibe meist über menschliche Missstände. Über Momente der Wahrhaftigkeit kann ich nicht lesen und schreiben. Vielleicht muss ich sie mir über das Lesen und Schreiben erarbeiten, weil mir nicht gelehrt wurde, wie ich sie leben kann.
Im Sommer, wenn ich die Luft und die warmen Strahlen der Sonne auf meiner Haut spüre, bin ich dem Lesen und Schreiben sehr ferne und der Wahrhaftigkeit sehr nahe.
Eine feierliche Stimmung regt sich in mir, die sich in die Welt transzendiert:
Ich habe mich, sagt Vorderbrandner, in meiner Kunst verloren, ich kreise um ein Thema mit Variationen, und mittlerweile ist es keine Kunst mehr, weil es nicht mehr meine Wahrheit ist. Ich habe mich von mir selbst entfernt in meinen Variationen, in meinem Wahn, Kunst treiben zu müssen. Kunst ist das, was meine Wahrheit ist, und wenn das, was ich treibe, nicht mehr meine Wahrheit ist, ist es keine Kunst mehr, nicht für mich und schon gar nicht für jemand anderen.
Ich muss versuchen, aus meinem Selbstbelügungsstrudel, in den ich mich hineingetrieben habe und darin steckengeblieben bin, hinauszukommen, aus diesem Strudel, der sich wie eine steckengebliebene Schallplatte um sich selbst dreht und nicht vom Fleck kommt. Das, was ich bisher als meine Kunst bezeichnete, hat sich zu künstlichem Bemühen entwickelt, das Kunst sein will und es niemals sein kann, sagt Vorderbrandner.
Vorderbrandner sagt weiter, er wolle sich nun für eine Weile zurückziehen, um sich zu sammeln, um zu Kräften zu kommen, denn er habe sich treiben lassen und sich selbst getrieben, hinein in diesen Selbstbelügungsstrudel, dem er nun zu entkommen gedenke. Er sagt, er müsse nun diesen Tod leben, so absurd es klinge. Der Tod ist die Chance auf neues Leben, meinte er.
Wir müssen also vorläufig mit Vorderbrandners bisheriger Kunstsammlung das Auslangen finden und mit dem Vorwurf leben, ihn in diesen Strudel mit hineingetrieben zu haben.
Einst, es war wohl schon vor langer Zeit, kam einer aus den Anden in die Stadt. Man nannte ihn Ando. Mit der Zeit kamen viele aus den Anden in die Stadt, und es gab viele Andos in ihr.
Einmal kam einer, der sah sehr erschöpft aus.
Man fragte ihn: Wo kommst du denn her?
Aus den Anden, sagte er.
Aber warum bist du so erschöpft? fragte man ihn weiter.
Ich komme von fern aus den Anden.
Aha, sagte einer, ein Fernando.
Aha, wiederholten die anderen, ein Fernando.
So nannte man ihn Fernando.
Ein ander Mal kam einer, der sah sehr erholt aus, aber er behauptete, er käme ebenfalls aus den Anden. Man fragte ihn, von wo er aus den Anden käme, er zögerte kurz mit seiner Antwort und sagte dann, er käme von relativ nah aus den Anden. Man nannte ihn daher Nahando, doch nach genaueren Nachforschungen stellte sich heraus, dass er lediglich aus einer anderen Straße der Stadt um die Ecke gebogen war und nur behauptet hatte, aus den Anden zu kommen. Man nannte ihn fortan nicht mehr Nahando, sondern Lügner.
Den anderen Ando, den erschöpften, der aus der Ferne gekommen war – Fernando – verehrte man sehr, fast kultisch. Man komponierte ihm zu Ehren ein Lied, das von zwei jungen, hübschen Frauen der Stadt gesungen wurde:
Wieder ein anderes Mal kam einer in die Stadt, der hatte auffallend lange und kräftige Arme im Vergleich zu seinem restlichen Körper. Auch er behauptete, aus den Anden zu kommen, daher nannte man ihn Armando.
Später behauptete einer, dieser Ando sei nicht wegen seiner überproportionalen Arme Armando genannt worden, sondern weil er so arm gewesen war. Aber diese Behauptung stellte sich als Unsinn heraus, denn einer der vielen anderen Andos, die in der Stadt lebten, stellte die Gegenthese auf und sagte:
Wenn dieser Ando so arm gewesen sein soll, wieso ist dann nie ein reicher Ando in die Stadt gekommen, den man Reichando genannt hätte?
Stimmt, wiederholten die meisten anderen: Wieso ist nie ein Reichando in die Stadt gekommen?
Und so einigte man sich, dass dieser Ando, den man Armando genannt hatte, wegen seiner überproportionalen Arme und nicht wegen seiner Armut Armando genannt worden war.
Für diese These spricht, dass einmal zwei in die Stadt kamen, von denen ein jeder sehr überproportionale Beine hatte. Auch sie behaupteten, aus den Anden zu kommen, und so nannte man jeden von ihnen Beinando. Jedoch, weil der eine immer mit dem anderen beieinander war, nannte man später jeden von ihnen auch Beieinando. So sind die beiden mehr als Beieinandos denn als Beinandos in Erinnerung.
Jüngst war einer in die Stadt gekommen, der gründete einen Lieferdienst. Man fragte ihn gar nicht mehr, woher er gekommen war, denn man nimmt inzwischen an, dass alle, die in die Stadt kommen, aus den Anden kommen. Man nennt ihn Lieferando.
Als einer kam, der immer alles zahlen wollte, sagten viele: Jetzt haben wir ihn endlich, unseren Reichando. Andere sagten: Wenn er immer so weiterzahlt, ist er bald nicht mehr reich. Wir nennen ihn besser Zahlando. Bei der amtlichen Registrierung dieses neuen Bewohners aus den Anden unterlief dem Beamten ein formaler Fehler: Er vergaß das H und registrierte ihn als Zalando, wobei es geblieben ist.
Apropos Registrierung: Weil die Strom von Zuwanderern aus den Anden in die Stadt ungebrochen anhält, werden Andos, die in die Stadt gekommen aber noch nicht registriert sind, bis zu ihrer Registrierung Kommandos genannt.