Bob Dylans Schreie nach Liebe

Bob Dylan wurde einmal gefragt, wie das Verhältnis zu seinen Eltern sei, und er antwortete: „Manchmal passiert es, dass du die falschen Eltern hast.“

Habe ich die falschen Eltern gehabt? Die Traumaforschung sagt, Traumata entwickeln sich über Generationen fort, und so ist es in Mode gekommen zu sagen, man habe die falschen Eltern gehabt, denn auch die Eltern hätten bereits die falschen Eltern gehabt und so weiter.

Ich habe als Kind nicht die Liebe bekommen, die ich gebraucht hätte, so glaubte ich, ich sei selber falsch. Die Eltern können nicht falsch sein! Sie sind die unumstössliche Wahrheit, die einzige Quelle der Liebe, die man zum Leben braucht. Ich begann, mich für mich selbst zu schämen und wollte so sein, dass mich meine Eltern lieben. Ich begann, mich vor mir selbst, meinen Gefühlen und Bedürfnissen zu verschließen. Ich ahnte nicht, dass meine Eltern selbst verschlossen waren und nicht das tun konnten, was sie tun wollten: mich, ihr Kind, bedingungslos zu lieben.

Ich habe lange geglaubt, dass ich dazu verdammt bin, ein Kind zu bleiben, das hilflos auf die Liebe seiner Eltern angewiesen ist. Jetzt weiß ich, jetzt habe ich die Gewissheit: Ich habe als Erwachsener die Chance zu lernen, mir selbst Liebe zu geben, auch wenn es mühsamer ist, als wenn ich es als Kind bereits gelernt hätte. Doch weil es die Eltern nie gelernt haben, weil sie von ihren Eltern nicht gelernt haben…

Letzte Nacht erschienen mir meine Eltern im Traum. Sie waren freie, offene Menschen, voller Liebe zu sich selbst. Voller Liebe zu mir. Ich war glücklich. Gleichzeitig war mir bange. Würde diese Liebe wieder vergehen, und es so werden, wie es immer war: voller Unliebe?

Als ich erwachte, waren meine Eltern nicht da. Ich fühlte mich einsam wie das kleine Kind, das Liebe braucht. Ich dachte an Bob Dylans Worte über seine Eltern. Sind nicht alle seine Lieder, oder zumindest die, die mich berühren, Schreie eines Kindes nach Liebe?