Auf meine Frage, ob er noch immer gerne Buchstaben zählt und sie in Vierergruppen sortiert, antwortete er schriftlich:
Mich
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iert
dasn
icht
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Das Leben zu entwirren kann sehr verwirrend sein.
Auf meine Frage, ob er noch immer gerne Buchstaben zählt und sie in Vierergruppen sortiert, antwortete er schriftlich:
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aus der Reihe „Unsere schöne bayrische Heimat“
Der Auftrag war klar: Trockenlegung der Isarauen nördlich der Residenz, um das Gebiet zu einem Volkspark zu machen. Es wurde gerodet, gefällt, gepflanzt, und vor allem: Es wurde entwässert und Betten wurden angelegt, um das Isarwasser kontrolliert durch die ehemaligen Auen fließen zu lassen. Drei Wasserbetten wurden angelegt: Eines am östlichen Rand, das schon nach gut zwei Kilometern wieder in die Isar geführt wurde, eines am westlichen Rand, und das dritte mittendurch.
Kurfürst Karl Theodor, der den Auftrag zur Anlage des Volksparks gegeben hatte, war ein Freund der Namensgebung. Er beauftragte Friedrich Ludwig von Sckell, den Ausführenden der Parkgestaltung, Namen für die drei Bachläufe zu finden. Sckell war jedoch mit anderen Dingen beschäftigt als Namen für die drei Bachläufe zu finden, und so beauftragte er zwei Männer, deren Namen heute nicht mehr bekannt sind, Namen für die drei Bachläufe zu finden.
Die zwei Männer gingen daraufhin von der Residenz durch den Hofgarten zum ersten Bach im neuen Volkspark, der am Zusammenfluss der drei Stadtbäche Papiererbach, Stadtmühlbach und Stadtsägemühlbach entstand, dort, wo heute die Prinzregentenstraße verläuft. Es war Sommer, und einer der Männer zog sich aus, sprang in den Bach und badete.
„Ganz schön eisig!“ rief er aus, als er aus den Fluten wieder auftauchte.
„Gut!“ rief der andere, „wir nennen diesen Bach Eisbach!“
Der eine hatte nichts dagegen, der Beschluss der Namensgebung des ersten Baches war einstimmig gefallen.
Dem einen war noch kalt vom Bad im eisigen Wasser des Eisbachs, und so gingen sie nicht weiter den östlichen Bachlauf entlang, der durch schattigen Wald führt, sondern den westlichen, der bald eine sonnige Wiese zu Füßen des Monopteros erreicht.
Als sie die sonnige Wiese erreicht hatten, sagte der eine: „Den östlichen Bachlauf, der durch schattigen Wald führt, nennen wir weiterhin Eisbach. Er fließt ohnehin bald in die Isar.“
„Einverstanden!“ sagte der andere, „aber wie nennen wir den westlichen?“ fragte er, als sie auf der sonnigen Wiese an dessen Ufer standen.
Sie hatten keine Ahnung, wie sie diesen Bachlauf nennen sollten, und so gingen sie ihm weiter entlang, bis einer der beiden sagte: „Der fließt ganz schön nah an Schwabing entlang.“
„Schwabinger Bach!“ rief der andere begeistert aus, und sie klatschten sich ab, weil zwei Drittel der Arbeit getan waren.
Nach ihrem kleinen Freudentaumel fragte der eine: „Wo fließt denn der dritte Bach?“
„Ich glaube, der zweigt vom Eisbach ab.“
„Hm, wir hätten also doch den Eisbach entlanglaufen sollen!“
„Nein, sonst wäre mir noch immer kalt vom eisigen Bad und wir hätten noch keinen Namen für den Schwabinger Bach!“
So standen sie eine Weile motivationslos da, bis einer sagte: „Du sagst, der dritte Bach zweigt vom Eisbach ab. Sollen wir ihn nicht einfach Eisabzweigbach nennen?“
„Nein, das geht nicht: Der Kurfürst will einen eigenen Namen für den dritten Bach. Und außerdem zweigen alle Bäche von der Isar ab, dann müssten sie alle Isarabzweigbach heißen beziehungsweise Abzweigbach vom Isarabzweigbach und so weiter und so fort!“
Schweigend stimmte der andere zu, und schweigend gingen sie weiter, um zunächst den dritten Bachlauf und dann einen Namen für ihn zu finden. Als sie den Bachlauf gefunden hatten, kam ihnen ein Mann entgegen. Sie fragten ihn, ob er öfter hier entlanggehe, und er sagte ja, und sie fragten ihn, wer er sei, und er sagte, er sei der Oberstjägermeister.
Als er weitergegangen war, sagte der eine zum anderen: „Wenn er öfter hier entlanggeht und der Oberstjägermeister ist, dann nennen wir den Bach Oberstjägermeisterbach!“
„So machen wir es!“ sagte der andere begeistert.
Zufrieden gingen sie zur Residenz zurück, um von Sckell und dem Kurfürsten von ihrer Namensfindung zu berichten, die von den hohen Herren, wie man heute weiß, für gut befunden wurde.
Ich war abgelenkt von mir selbst, aber Thomas, mit dem ich den Weg vom Mittagessen in die Werkstatt ging, war aufmerksam. Er zeigte auf die Frau, die einige Meter vor uns ging. Sie trug ein blaues, ärmelloses, kurzes Kleid. Auffälliger war ihr Gang: Die Schultern und Arme hatte sie hochgezogen, so als wollte sie alle Energie und Kraft darin bündeln, um ihren Kopf nicht zu verlieren, der darüber baumelte. Der restliche Körper darunter wirkte wie abgekoppelt, als gehörte er nicht zu ihr und müsste nur mitgeschleppt werden, wobei sie ihren Po dabei fest zusammenkniff, als hätte sie etwas zu verlieren, als hätte sie Angst, ihre Darmperistaltik könnte ihre festgefahrene Körperstruktur ins Wanken bringen. Ihre Beine wirkten wie zwei steife Stelzen, die sie in fast verzweifelter Anstrengung nach vorne bewegte, um schnell an ihr Ziel zu kommen.
Thomas sagte, das Ziel dieser Frau könne nur die nächste Toilette sein, vielleicht die nächste Hecke, wo sie loslassen und ihre Darmperistaltik gewähren lassen würde. Nachdenklich blickte ich ihr nach wie sie die Straße überquerte und hinter einer Hecke verschwand. Wie ihr Leben hinter dieser Hecke wirklich weiterging, werde ich wohl nie erfahren, dachte ich. Als wir die Werkstatt erreichten, hatte ich die Frau schon vergessen.
Als ich die Werkstatt später am Tag verließ, zu einer Zeit, die man späten Nachmittag nennen könnte, hatte ich Hunger, obwohl doch gerade erst Mittag gewesen war, aber so ist es eben bei uns Menschen: Kaum haben wir etwas gegessen, haben wir schon wieder Hunger. Ich ging in den Lebensmittelladen, um Essen zu kaufen. An der Kasse gab ich, in Gedanken verloren, meine eingekauften Lebensmittel auf das Rollband. Ich könnte jetzt schreiben, wieder abgelenkt gewesen zu sein von meiner eigenen Welt, doch ich richtete den Blick auf und erkannte das blaue Kleid von heute Mittag, die Frau erkannte ich nicht, ihr Kleid in diesem kräftigen Blau verriet sie. Sie war nicht allein. Sie war jetzt in Begleitung eines kleinen Kindes, eines Kindes, das in seinem Wagen schrie wie ein erschreckter Säugling nach seiner Geburt, das aber einen viel zu großen Körper hatte für einen Säugling nach seiner Geburt, das Kind schien steckengeblieben zu sein im Schrecken seiner Geburt, sein Kopf erschien mir plötzlich riesengroß, und ich stellte mir vor, wie sich dieser Riesenkopf durch den Geburtskanal seiner Mutter zwängt, und beide, Mutter und Kind, verzweifelt aufschrein vor Schmerz.
War die Frau im blauen Kleid die Mutter dieses Kindes? Jedenfalls war das Kind in ihrer Fürsorge, und fürsorglich packte die Frau die Lebensmittel, die sie zuvor aus den Regalen, Schränken und Truhen ausgewählt hatte, in die Tasche unter dem Kindersitz, sie packte sie demonstrativ, um den Kind zu sagen: Schau, mit was für guten Lebensmitteln ich dich versorge! Hör endlich auf zu schreien!, aber das Kind schrie und kreischte, kreischte und schrie, und in diesem Schreien und Kreischen erkannte ich die angestrengten, angespannten Bewegungen der Frau, die ich mittags gesehen hatte. Ich hatte das Gefühl, sie brauchte dringend wieder eine Toilette oder eine Hecke, in oder hinter der sie loslassen kann, ich glaube, sie hatte mittags hinter der Hecke nicht losgelassen, sie war zu ihrem Kind geeilt, zu ihrem schreienden Riesenbaby, um es abzuholen, jetzt kontrollierte sie den Kassenzettel und monierte eine falsche Bonierung, die Tomaten sind doch im Angebot und Sie haben mir den regulären Preis boniert, ich sah ihre Anspannung, das Kind kreischte und schrie, ich sah meine eigenen Tomaten auf dem Rollband und wollte plötzlich keine Tomaten mehr, zu welchem Preis auch immer, doch die Kassiererin sagte zu der Frau im blauen Kleid: „Ich kassiere jetzt den Herrn ab!“, ich ließ es geschehen, packte meine Tomaten ein, der Preis war mir egal, ich hielt einen Zehn-Euro-Schein hin und nahm das Restgeld teilnahmslos entgegen.
Dann flüchtete ich ins Freie.
Vorderbrandner schweigt, er sagt, er versuche das Schweigen zu lernen, mehr sagte er nicht, wozu auch, wenn er schweigen will.
Er schickte mir einen Brief aus Bremen, dort war er hingefahren, ohne es mir gesagt zu haben, schweigend auf Reisen, schreibt er, schweigend die Menschen ertragen, ohne sie zu bewerten, zu kommentieren, Vorderbrandner in Bremen, dachte ich, mehr dachte ich nicht, ich dachte nicht: Wieso ist Vorderbrandner in Bremen?, ein Gedanke, der naheliegend gewesen wäre, aber ich dachte ihn nicht, ich denke ihn auch jetzt nicht, in Bremen, schreibt Vorderbrandner weiter, sei er in die Liebfrauenkirche direkt hinter dem Marktplatz gegangen, dort habe das ortsansässige Barockorchester gespielt, wie er im Nachhinein festgestellt habe, es spielte Musik von Johann Bernhard Bach, der ein Vetter von Johann Sebastian gewesen ist, diese Musik habe ihm viel gesagt, schreibt Vorderbrandner, sie habe ihm in diesem Moment alles gesagt, sie sei ihm wie eine Zusammenfassung seines Lebens erschienen, wenngleich sie wohl nur eine Beschreibung seiner Gefühle in diesem Moment gewesen war, aber er wisse es nicht, er wisse auch nicht, warum er darüber schreibe, wo er sich doch das Schweigen auferlegt habe. Mehr wolle er im Moment auch nicht mehr schreiben.
Dieser Mann beobachtet uns, sagte Josefine. Dieser Mann mit den dunklen langen Haaren und dem dunklen langen vollen Bart hatte eine Kurve um uns gemacht, dabei grüßend genickt und sich nahe von uns ins Gras gesetzt, zu nahe, wie Josefine fand, und nicht nur Josefine fand das, auch ich fand, dass er sich zu nahe zu uns ins Gras gesetzt hatte. Er saß nicht frontal zu uns, nein, ich würde sagen, er saß in einem Winkel von etwa fünfunddreißig Grad zu uns, doch wenn er seinen Kopf um fünfunddreißig Grad drehte, blickte er frontal zu uns, was er gerade tat, als ich zu ihm hinüberblickte, und so blickten wir uns kurz in die Augen, ehe er seinen Kopf drehte, in welche Richtung und um wieviel Grad weiß ich nicht mehr, jedenfalls drehte er ihn, um nicht mehr frontal zu uns zu blicken. Josefine hatte sich in der Zwischenzeit auf den Rücken gelegt und blickte zum Himmel, ich lag neben ihr und blickte auf ihren Körper, auf ihren Kopf, von dort auf ihren Hals, auf ihre Brust, auf ihren Bauch, ihre Arme und Hände, auf ihre Hüfte, auf ihre Beine und Füße, so als wollte ich mich überzeugen, dass sie es wirklich ist, als sie sagte: Ich möchte ein Vogel sein, worauf ich meinen Blick von ihren Füßen auf ihre Augen richtete, und bei diesem Blick in ihre Augen sah ich aus meinem Augenwinkel, dass der Mann, der uns beobachtete, seinen Kopf nun gerade zu seinem Körper ausgerichtet hatte, also um etwa fünfunddreißig Grad zu uns versetzt, seine Augen jedoch um diese etwa fünfunddreißig Grad zu uns gedreht hatte, und ich staunte, wieviele Drehungen der menschliche Körper imstande ist zu machen.
Was ist? fragte Josefine.
Er beobachtet uns. sagte ich.
Ich weiß, sagte Josefine.
Ich legte mich wieder neben Josefine. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Komplexitätsgrad der Beobachtungen nun verstand: Der Mann beobachtete uns, ich beobachtete ihn und Josefine, und Josefine fühlte sich beobachtet und beobachtete den Himmel und wollte ein Vogel sein, doch obwohl ihre Augen nur gen Himmel gerichtet waren, verriet ihr Blick, dass sie auch den Mann und mich beobachtete, durch ihre Haut, und die Härchen auf ihrer Haut stellten sich auf, so als wollte sie sagen: Kommt mir nicht zu nahe!
Aus meinem Augenwinkel sah ich, dass der Mann, der uns beobachtete, aufstand. Er machte wieder eine Kurve um uns und dann sagte er, nicht verbal, nein, nur in der Art, wie er blickte: Ich habe genug gesehen! Da lag ich also nun neben Josefine, und ich dachte, nun, wo der Mann nicht mehr da ist, der uns beobachtet hat, wird alles leichter sein, doch das Gegenteil war der Fall, alles war steif und schwer, meine Hand tapste hilflos Richtung Josefine, ohne sie zu erreichen. Mein Kopf sank ins Gras mit den Augen nach unten, während Josefine, die noch immer zum Himmel blickte, etwas sagte, das zwar sehr entfernt klang, das ich aber trotzdem verstand. Sie sagte, ihr sei kalt und sie habe Hunger nach etwas Warmem, Deftigem, und so gingen wir in die nahe Wirtschaft und bestellten zwei Würste, eine Wurst für jeden von uns, die zwischen uns auf einem Teller lagen, und Josefine aß zufrieden ihre Wurst und lächelte, während meine mir schon während dem Essen schwer im Magen lag, irgendetwas lag mir schwer im Magen, nicht nur die Wurst, vielleicht unsere Getrenntheit, ja, unsere Getrenntheit, obwohl wir uns so nah zu sein schienen, tat sich eine Wand zwischen uns auf, und je kleiner ich die Wand machen wollte, desto größer wurde sie, eine dicke Wand aus Glas, durch die ich Josefine nur mehr undeutlich wahrnahm, und mich fröstelte und ich hörte Josefine noch sagen, dass es sie fröstelt, und dann war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob es Josefine war, die das gesagt hatte, alles war so fremd, und ich vermeinte, den bärtigen, dunkelhaarigen Mann am Nebentisch zu sehen wie er uns beobachtet und Josefine schämte sich, dass der Mann uns beobachtet, und in mir kam alles durcheinander, mich fröstelte immer mehr, Josefine war nicht mehr da, ich tapste im Dunkeln dahin, an der Brücke über den kleinen Fluss blieb ich stehen und weinte bitterlich, gleichzeitig schlotterte ich vor Kälte. Er hatte genug gesehen, der bärtige dunkelhaarige Mann, aber was hatte er gesehen, was ich nicht gesehen hatte? Wollte ich nicht sehen, was er gesehen hatte?
Am nächsten Tag, als die dunkle, kalte Nacht vorbei war und die Sonne den Tag in ein warmes Licht setzte, ging ich zur Stelle im Gras, wo ich mit Josefine gelegen hatte, ich stellte mir vor, wie sie daliegt und ich ihren Körper betrachte, ich berührte sanft die plattgedrückten Grashalme, auf denen sie gelegen hatte. Ich schlotterte.
Hallo, mein Freund! grüßte mich eine Stimme, sie kam direkt auf mich zu, ohne Bogen und Umwege: Es war die Stimme des bärtigen, dunkelhaarigen Mannes.
Du hast uns beobachtet, sagte ich.
Ja, ich habe euch beobachtet: Lass das mit ihr! Du wünschst dir Nähe, die du von ihr nicht bekommst. Weil du Angst vor Nähe hast. Lass sie, kümmere dich um dich selbst!
Was für eine Unverschämtheit, dachte ich, was für eine Unverschämtheit! Und gleichzeitig wusste ich, dass es wahr war, was er gesagt hatte, und ich fiel ihm um den Hals und weinte wieder bitterlich.
ein Film von Pier Paolo Pasolini
Einst, es war wohl schon vor langer Zeit, kam einer aus den Anden in die Stadt. Man nannte ihn Ando. Mit der Zeit kamen viele aus den Anden in die Stadt, und es gab viele Andos in ihr.
Einmal kam einer, der sah sehr erschöpft aus.
Man fragte ihn: Wo kommst du denn her?
Aus den Anden, sagte er.
Aber warum bist du so erschöpft? fragte man ihn weiter.
Ich komme von fern aus den Anden.
Aha, sagte einer, ein Fernando.
Aha, wiederholten die anderen, ein Fernando.
So nannte man ihn Fernando.
Ein ander Mal kam einer, der sah sehr erholt aus, aber er behauptete, er käme ebenfalls aus den Anden. Man fragte ihn, von wo er aus den Anden käme, er zögerte kurz mit seiner Antwort und sagte dann, er käme von relativ nah aus den Anden. Man nannte ihn daher Nahando, doch nach genaueren Nachforschungen stellte sich heraus, dass er lediglich aus einer anderen Straße der Stadt um die Ecke gebogen war und nur behauptet hatte, aus den Anden zu kommen. Man nannte ihn fortan nicht mehr Nahando, sondern Lügner.
Den anderen Ando, den erschöpften, der aus der Ferne gekommen war – Fernando – verehrte man sehr, fast kultisch. Man komponierte ihm zu Ehren ein Lied, das von zwei jungen, hübschen Frauen der Stadt gesungen wurde:
Wieder ein anderes Mal kam einer in die Stadt, der hatte auffallend lange und kräftige Arme im Vergleich zu seinem restlichen Körper. Auch er behauptete, aus den Anden zu kommen, daher nannte man ihn Armando.
Später behauptete einer, dieser Ando sei nicht wegen seiner überproportionalen Arme Armando genannt worden, sondern weil er so arm gewesen war. Aber diese Behauptung stellte sich als Unsinn heraus, denn einer der vielen anderen Andos, die in der Stadt lebten, stellte die Gegenthese auf und sagte:
Wenn dieser Ando so arm gewesen sein soll, wieso ist dann nie ein reicher Ando in die Stadt gekommen, den man Reichando genannt hätte?
Stimmt, wiederholten die meisten anderen: Wieso ist nie ein Reichando in die Stadt gekommen?
Und so einigte man sich, dass dieser Ando, den man Armando genannt hatte, wegen seiner überproportionalen Arme und nicht wegen seiner Armut Armando genannt worden war.
Für diese These spricht, dass einmal zwei in die Stadt kamen, von denen ein jeder sehr überproportionale Beine hatte. Auch sie behaupteten, aus den Anden zu kommen, und so nannte man jeden von ihnen Beinando. Jedoch, weil der eine immer mit dem anderen beieinander war, nannte man später jeden von ihnen auch Beieinando. So sind die beiden mehr als Beieinandos denn als Beinandos in Erinnerung.
Jüngst war einer in die Stadt gekommen, der gründete einen Lieferdienst. Man fragte ihn gar nicht mehr, woher er gekommen war, denn man nimmt inzwischen an, dass alle, die in die Stadt kommen, aus den Anden kommen. Man nennt ihn Lieferando.
Als einer kam, der immer alles zahlen wollte, sagten viele: Jetzt haben wir ihn endlich, unseren Reichando. Andere sagten: Wenn er immer so weiterzahlt, ist er bald nicht mehr reich. Wir nennen ihn besser Zahlando. Bei der amtlichen Registrierung dieses neuen Bewohners aus den Anden unterlief dem Beamten ein formaler Fehler: Er vergaß das H und registrierte ihn als Zalando, wobei es geblieben ist.
Apropos Registrierung: Weil die Strom von Zuwanderern aus den Anden in die Stadt ungebrochen anhält, werden Andos, die in die Stadt gekommen aber noch nicht registriert sind, bis zu ihrer Registrierung Kommandos genannt.
Seltsamerweise weiß niemand genau, woher Frau Kniebe und Herr Schwerden kamen, manchen sagen, irgendwo aus Niedersachsen, anderen sagen aus Westfalen und wieder andere sagen vom Niederrhein. Manche behaupten, sie müssen vom Niederrhein gekommen sein, denn sie dürsteten nach den Bergen, also müssen sie aus einer sehr flachen Gegend gekommen sein, so die Behauptung.
Aber sie kamen gar nicht gemeinsam, denn sie lernten sich erst in den Bergen kennen, als sie auf einen Gipfel hetzten. Ein Wunder, dass sie sich bei dieser Hetzerei kennenlernen konnten, denn sie hetzten immer auf die Berge, um anschließend wieder herunterzuhetzen und todmüde ins Bett zu fallen. Vielleicht glaubten sie auch nur, sich bei ihrer Hetzerei kennengelernt zu haben, gemeinsam hetzen verbindet, glaubten sie, die Berge verbinden, wenn man dem Flachland entflohen ist, glaubten sie.
Irgendwann aber, so heißt es, stellte sich bei Frau Kniebe und Herrn Schwerden Erschöpfung ein, nicht nur nach ihren Gipfelhetzereien, wenn sie abends erschöpft ins Bett fielen, sondern schon währenddessen, und so saßen sie eines Tages an einem Hang, unfähig, den Gipfel zu erreichen, und um nicht in Verzweiflung zu verfallen, sagte Herr Schwerden zu Frau Kniebe: Willst du mich heiraten? Gerührt humpelten sie ins Tal und fielen erschöpft in ihr Bett, als sie es endlich erreicht hatten. Anschließend hatten sie beide Alpträume, und am Morgen erwachten sie mit schrecklichen Kniebeschwerden.
Seitdem hat man sie nicht mehr gesehen in den Bergen. Manche vermuten, sie sind an den Niederrhein zurückgekehrt oder in ein anderes flaches Land, aus Enttäuschung über die Berge. Manche Fantasten behaupten sogar, sie hätten im flachen Land geheiratet und trügen nun den Doppelnamen Kniebe-Schwerden.
Es gab einst Frau und Herrn Oris, und man sagt, sie waren sehr fleißige Leute. Manche sagen, sie hätten eine Schweizer Uhrmarke begründet, andere, sie wären Vorfahren von Ingenieuren, die Anhängerkupplungen herstellen. Andere wiederum sagen, sie waren sehr verliebt ineinander und küssten sich ihr Leben lang leidenschaftlich, das würde ihren Namen erklären, Os, Mund, Oris, des Mundes, und das würde auch erklären, warum Frau Oris bereits acht Kinder geboren hatte, als sich die beiden sehr müde fühlten vom Schaffen und vom Pflegen und Aufziehen ihrer acht Kinder.
Sie lagen erschöpft da, und selbst in ihrer Erschöpftheit waren sie sehr verliebt ineinander, es kam ihnen vor, als sähen sie sich zum ersten Mal, sie sahen sich in die Augen und sahen darin die ganze Welt. Aus dieser Begegnung gebar Frau Oris, Gott die HerrIn wollte es so, zwei weitere Kinder, Nummer neun und Nummer zehn, ein Mädchen und einen Jungen, und diese Doppelgeburt erschöpfte Frau und auch Herrn Oris so sehr, dass sie nicht die Kraft fanden, den beiden Neugeborenen Namen zu geben. Sie sprachen zwar nicht von Nummer neun und Nummer zehn, sondern vom Mädchen und vom Jungen, vom Dirndl und vom Buben wie man in ihren süddeutschen Breitengraden sagte.
Da waren sie also, das Dirndl Oris und der Bub Oris, nach einiger Zeit sprach man nur vom D’Oris und vom B’Oris. Nach wieder einiger Zeit verschwanden dann auch die Apostrophe, und man sprach und schrieb nur noch Doris und Boris. So, sagt die Legende, sind aus dem Namen Oris die Vornamen Doris und Boris hervorgegangen.