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Geborgte Familie

Renate sagt mir, sie will die Scheidung. Es trifft mich sehr. Ich bin mit Renate seit dreißig Jahren verheiratet. Seit fünfundzwanzig Jahren habe ich eine Beziehung mit Sophie. Ich lebe mit Sophie zusammen und bin mit Renate verheiratet. Das kann man komisch finden. Das haben die verschiedensten Leute immer wieder gesagt, dass sie das komisch finden, und manchmal fand ich es selber komisch. Aber meistens fand ich es gut, und ich finde es auch jetzt noch gut. Ich finanziere Renates Leben, und nicht zu knapp. Sie hat das Haus. Sie hat einen teuren Wagen. Sie bekommt eine Menge Geld von mir, jeden Monat. Ich halte sie aus. Sie lässt sich aushalten. Eine stillschweigende Vereinbarung. Bis jetzt. Und jetzt sagt sie mir, in Anwesenheit unserer beiden Kinder, dass sie die Scheidung will. Die Kinder sind erwachsen. Aber sie sind immer unsere Kinder. Maximilian schaut apathisch ins Leere, während Katharinas Gesicht rot anläuft vor Zorn. Alle drei warten sie auf eine Reaktion von mir: Renate, meine Frau, Maximilian und Katharina, meine Kinder. Doch ich bin geschockt von Renates Ansage, dass sie die Scheidung will. Ich fühle mich vollkommen hilflos und schweige.

Ich bin ins Nachkriegsdeutschland geboren worden, mitten in die noch immer zerstörte Stadt. Ich wurde gezeugt in einem Drecksloch, von meiner Mutter und einem Mann, der später nie mein Vater sein wollte. Ich wuchs auf in einem Drecksloch, allein mit meiner Mutter, die sich nie mehr leisten konnte als dieses Drecksloch, und schließlich gab sie mich weg, weil sie sich auch mich nicht mehr leisten wollte. Ich bin ein verwahrlostes Kind der Stadt, das sich durchgekämpft hat. Ich lernte Renate kennen, und mit ihr eine ganz neue Welt. Renate ist auf dem Land aufgewachsen, am See bei den Bergen, mit sechs Geschwistern, mit Mutter und mit Vater. Ich war fasziniert von der Geborgenheit in dieser Familie, die ich nie hatte. Ich wollte das nicht mehr hergeben. Renate und ich heirateten, und bald kam Maximilian auf die Welt. Ich erinnere mich an den Tag, an dem er geboren wurde: Ich war bei Renate und dem kleinen Baby im Krankenhaus. Als ich aus dem Krankenhaus ging, war ich sehr betrübt. Ich fuhr nachhause, wo ich alleine war, und besoff mich hemmungslos. Irgendetwas gefiel mir nicht an meiner Vaterschaft. Ich wollte keine Familie. Renates Familie, das war schön. Aber eine eigene Familie? Ich stürzte mich in der Folgezeit in meine Arbeit. Ich kämpfte mich nach oben und verdiente gutes Geld. Geld ist gut. Geld ist Macht. Mit der Freude am Geld vergaß ich meine Zweifel über mein Vaterdasein. Drei Jahre später kam Katharina zur Welt. Am Tag ihrer Geburt saß ich mit dem dreijährigen Maximilian zuhause, und sie kamen wieder, die Zweifel, mit aller Macht. Es waren keine Zweifel, es waren klare Gedanken: Ich will keine Familie! Ich fuhr mit Renate und den Kindern zu ihrer Familie, immer wieder, immer öfter, um mich abzulenken. Renate fragte mich, wieso ich denn dauernd bei ihrer Familie abhängen will, wo wir doch mit den Kindern eine eigene Familie hätten. Zuhause aber hielt ich es immer weniger aus. Die geborgte Familie war mir lieber als die eigene.

Dann wurde Sophie meine Sekretärin. Es wurde leidenschaftlich. Ich kam abends nicht vom Büro nachhause. Renate nahm es stillschweigend hin, bis es irgendwann klar war, dass ich mit Sophie zusammen bin. Ich zog mit Sophie in eine gemeinsame Wohnung. Aber mit Renate war ich verheiratet. Und mit Renate bin ich verheiratet, und wenn Renate jetzt sagt, sie will die Scheidung, dann trifft mich das unvorbereitet, denn ich will die Scheidung nicht. Renate ist meine Familie, auch wenn ich nie etwas getan habe für diese Familie. Ich habe nur das Geld gegeben und geglaubt, damit die Macht darüber zu haben, dass Renate sich nie von mir scheiden lässt. Renate sagt, dass sie nun endlich ihr eigenes Leben möchte und dass sie es nicht mehr erträgt, die Frau eines Mannes zu sein, der nie für sie da ist, der sich nur ihre Familie von ihr geborgt hat, der ihr zwei Kinder angedreht hat, die er nie haben wollte.

Ich sehe das Erschrecken in Maximilians Gesicht, der selbst gerade, nach langem Hin und Her mit seiner Partnerin, Vater geworden ist. Ich sehe Katharinas Verbitterung und Zorn in ihrem roten Gesicht. Ihre Blicke wollen mich zum Teufel wünschen. Ich fange an zu weinen wie der kleine Junge im Drecksloch, verlassen von seinem Vater, verlassen von seiner Mutter und verlassen von der Welt.

Das Erbe

Zu viert stehen wir da. Ich neben meiner Mutter. Meine Schwester und mein Bruder uns gegenüber. Er ist nicht mehr da, mein Vater. Das unumstrittene Oberhaupt der Familie. Gestorben und begraben, vor wenigen Tagen. Ohne ihn schien es unvorstellbar. Und jetzt ist es nicht nur vorstellbar, sondern Realität.

Das Erbe schwebt zwischen uns. Das Erbe: Das sind zwei Häuser und eine ganze Menge Bares. Das zweite Haus, das bekommst du, mein Junge, hatte mein Vater mir kurz vor seinem Tod zugeflüstert.

Jetzt steht meine Mutter da und sagt: „Erben tu erst mal alles ich, damit das klar ist!“
Meine Mutter erstaunt mich. Ihre Existenz schien unvorstellbar ohne meinen Vater, und jetzt stellt sie sich hin und sagt: Erben tu erst mal alles ich! Spinnt die?

Es wäre schön, das zweite Haus zu erben. Große finanzielle Sicherheit, die ich meinen beiden Kindern und meiner Frau oder auch nur mir damit bieten könnte. Nein, das kann nicht das letzte Wort sein. Die spinnt doch! Wieso will sie alles erben?
„Wieso willst du alles erben?“ frage ich.
„Weil es mein Recht ist! – Da, schau!“
Meine Mutter schiebt mir einen Zettel unter die Nase. Es ist das Testament meines Vaters, mit dem er ihr sein ganzes Vermögen vererbt.
„Den hast du ihm am Krankenbett hingehalten, als er nicht mehr anders konnte!“
„Untersteh dich!“

Ich gehe hinüber zu meiner Schwester und meinem Bruder. Wie eine Dreierfront stehen wir meiner Mutter gegenüber. Doch die Front zerfällt sofort, als mein älterer Bruder sagt: „Ist schon gut Mutter. Du erbst alles. Ist schon gut!“
Eine Provokation mir gegenüber, denn es war ein offenes Geheimnis, dass ich das zweite Haus erben würde, ich, der jüngste von drei Geschwistern, aber der einzige mit eigenen Kindern. Meine Schwester steht zwischen meinem Bruder und mir. Ich glaube, sie weiß nicht recht, für wen von uns beiden sie Partei ergreifen soll. Ihren jüngeren Bruder, also mich, will sie beschützen. Vor ihrem älteren Bruder hat sie Respekt. So ist das also ohne meinen Vater: Ich stehe nicht mehr neben ihm als sein erklärtes Lieblingskind, sondern neben meinen Geschwistern.

Meine Mutter schaut zufrieden und sagt uns mit ihren Blicken: „Schaut her, ich kann auch ohne euren Vater! Ich bin ein eigener Mensch! Und das mir ja niemand glaubt, hier die Vaterrolle übernehmen zu müssen! Auch du nicht, mein Jüngster!“

Brav bleibe ich an der Seite meiner Schwester stehen. Stolz, eine starke Mutter und zwei ältere Geschwister zu haben. Die Fronten sind geklärt. Und das zweite Haus, das werde ich erben. Da bin ich mir jetzt ganz sicher.

Edelweiß für Österreich

US-Amerikaner haben eine sehr romantische Sicht auf Europa. Kein Wunder: Viele haben Vorfahren aus Europa. Sehr beliebt ist die Region mitten in Europa, die von den östlichen Alpen durchzogen und Österreich genannt wird. Die US-Amerikaner lieben Sound of Music, eine Geschichte über eine österreichische Musikantenfamilie. Sie glauben, dass das Lied Edelweiß daraus die Nationalhymne Österreichs ist.

Nun ist es aber bei weniger romantischer Sicht so, dass in dieser Region Österreich, wie in vielen anderen Regionen Europas auch, nicht nur musizierende weltoffene Bergleute anzutreffen sind, sondern viele nationalistisch Gesinnte, die unter sich bleiben wollen. Um sich gegenseitig zu erkennen (und nicht aus Versehen eigene Leute auszugrenzen), tragen diese nationalistisch Gesinnten eine Kornblume am Revers.

Die Furz- und Popelpartei Österreichs, kurz FPÖ, eine Versammlung nationalistisch Gesinnter, die manche lediglich als eine Ansammlung von machtgeilen Dummköpfen bezeichnen, trägt traditionell die Kornblume am Revers, um ihre nationalistische Gesinnung zu zeigen. Für die Furz- und Popelpartei, man glaubt es kaum, haben bei den letzten Parlamentswahlen in Österreich fast dreißig Prozent der Wähler gestimmt. Die Wahlanalyse hat ergeben, dass alle Leute in Österreich, die glauben, dass Österreich im letzten Weltkrieg lediglich Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands war, also Leute, die man guten Gewissens als Dummköpfe bezeichnen kann, die Furz- und Popelpartei gewählt haben. Dummköpfe und Dummköpfe haben sich gefunden.

Nun ist es jedoch neuerdings so, dass die Furz- und Popelpartei ihre nationalistische Gesinnung aufgeben will, sehr zur Enttäuschung ihrer Wähler. Deshalb tragen die Mitglieder ab sofort nicht mehr die Kornblume am Revers, sondern das Edelweiß. Das Edelweiß, das die US-Amerikaner, dieses weltoffene Volk mit ihrem noch weltoffeneren Präsidenten Trump, so liebgewonnen haben, weil es in Sound of Music so lieblich besungen wird.

Die Furz- und Popelpartei sagt, dass alle US-Amerikaner deutscher Abstammung, nein, das mit der deutschen Abstammung wurde korrigiert, dass also alle US-Amerikaner in Österreich jederzeit willkommen sind, aber am meisten würde es sie natürlich freuen, wenn der Präsident das schöne Alpenland mit seinen edelweißblühenden Berghängen bald besuchen würde.

Edelweiß – statt Kornblume

Edelweiß – Nationalhymne Österreichs

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit existierenden Parteien sind rein zufällig.

 

Birke bei den Brücken

eine Bildergeschichte

Birken wachsen gern in Gruppen. Meist unter sich, aber auch gemeinsam mit anderen Bäumen.

Ich weiß nicht, woher ich das weiß. Vielleicht glaube ich es auch nur. Jedenfalls ist es für mich eine Wahrheit.

Umso mehr erstaunt es mich, als ich die einsame Birke entdecke: Ich gehe, wie so oft, den Bach entlang, unter den Autobrücken hindurch, und da nehme ich sie plötzlich wahr, wie sie zwischen den Brücken steht: die einsame Birke. Als hätte sie gerade jemand hingepflanzt. Jedenfalls kommt sie neu in meine Welt und erschüttert meine Wahrheit über Birken als Gruppengewächse.

Mit grenzenlosem Erstaunen schaue ich zur Birke hoch. Ist das wirklich wahr, diese birkige Einsamkeit? Ich brauche Abstand, um das zu prüfen. Vielleicht täuschen mich ja meine Augen, hier unter den Brücken.

Ich gehe auf die andere Seite des Bachs. Ich betrachte die Birke von der gegenüberliegenden Seite, oberhalb der Brücken, wo ihre Einsamkeit nicht so einsam wirkt und die Brücken nicht so brückig.

Doch dieser Blick stellt mich nicht zufrieden. Ich weiß, dass er nicht der Wahrheit entspricht, hinter der ich her bin. Ich will der Birke wieder näher kommen. Autos rauschen über die Brücken an ihr vorbei. Ich warte einen verkehrsfreien Moment ab, überquere die Fahrbahn, um mich der Welt der einsamen Birke wieder zu nähern.

Mein neuer Anblick ist nur eine Momentaufnahme, denn es treibt mich weiter. Ich krieche an den Brücken hinunter ans Ufer des Bachs. Dort schleiche ich herum und weiß nicht recht, wie mir geschieht.

Dunkel ist es unter den Brücken, obwohl die Sonne scheint. Ich bekomme Angst und kauere mich auf den Betonsockel am Ufer. Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zur einsamen Birke gegenüber. Ich bezweifle nicht mehr ihre Existenz. Ich erkenne mich selbst in ihr. Ich spüre meine Angst vor dem Isoliertsein, vor dem Getrenntsein, vor dem Nichtverbundensein.

Doch statt in eine Angststarre zu verfallen, gehe ich zum mutigen Angriff über. Ich springe in den Bach und schwimme zur Birke hinüber. Ich hätte oben über eine der Brücken zu ihr gehen können, aber das hätte viel zu lang gedauert und den rollenden Autoverkehr auf den Brücken nur unnötig in unsere Beziehung involviert. Außerdem hätte das meiner Gefühlslage nicht entsprochen. Denn ich kann mich unmöglich von der Birke wieder entfernen, keinen Zentimeter, so hingezogen fühle ich mich zu ihr. Ist es Liebe?

Durchnässt steige ich am anderen Ufer aus dem Bach, gehe zur Birke und umarme ihren Stamm. Bang frage ich sie: Birke, wie hältst du das aus, immer so alleine zwischen den Brücken?

Ich bin nicht alleine, sagt die Birke: Der Bach fließt an mir vorbei. Als ich klein war, war es sehr windstill und dunkel unter den Brücken, und er mein einziger Begleiter. Er sagte zu mir: Schau nach oben – der Himmel ist über dir. Durch ihn ist alles mit allem verbunden. Ich wuchs dem Himmel entgegen, über die Brücken empor. Seit ich größer bin, spüre ich den Wind. Manchmal kommt er von meinen Geschwistern, die etwas weiter nördlich stehen, und sie grüßen mich. Manchmal geht er von mir zu ihnen, und ich grüße zurück. Und manchmal bringt er mir etwas ganz Neues, der Wind. So ist jeder Tag ein Erlebnis, hier bei den Brücken.

Kori Andermatt und die bessere Zukunft

Ich war beim Begräbnis von Kori Andermatt, einem ehemaligen Schulkollegen von mir. Als ich an seinem Grab stand, habe ich sehr geweint. Irgendetwas in mir war tief berührt.

Kori war in der fünften Klasse mein Sitznachbar. Ein Lehrer fragte ihn am ersten Schultag der fünften Klasse: „Wie heißt du?“ Koris voller Name war Kornelius, aber seine Eltern nannten ihn von Geburt an nur Kori, und so antwortete er: „Kori. Kori Andermatt.“ Dieser Lehrer, der sich später als sadistisches Arschloch entpuppen sollte, sagte daraufhin: „Aha. Ich kenne den Nachnamen Matt, aber ich wusste nicht, dass Koriander ein Vorname ist.“ Die ganze Klasse lachte und brüllte. So blieb Kori allen als Koriander Matt im Gedächtnis hängen.

Kori hat sich später immer wahnsinnig geärgert über diese Geschichte. Bei einem Klassentreffen beschimpfte er uns alle übelst dafür, dass wir sie immer wieder erzählen. Nach seiner Schimpftirade warf er sämtliches Geschirr um ihn herum vom Tisch und stürmte aus dem Raum. Mir tat es einerseits leid für ihn, dass es ihn so traf, andererseits verstand ich nicht, dass er nicht endlich darüber hinwegsehen konnte. Er ärgerte sich immer wieder. Jedesmal wenn ich ihn traf, fing er wieder damit an und bekam einen tobsüchtigen Anfall. Geärgert hat er sich aber nicht nur über diese Geschichte, sondern über alles Mögliche in seinem Leben: Er fand die Schule scheiße, dann die Uni, später die Arbeit. Er fand die Mädels scheiße, später die Frauen. Die Partnerinnen an seiner Seite wechselten mit ziemlicher Regelmäßigkeit mindestens alle zwei Jahre.

Einmal schien er glücklich geworden zu sein, mit einer gewissen Angelina. Er zog mit ihr in ein Häuschen ins Umland. Die Straße, in der sie wohnten, trug den Namen Bessere Zukunft:

Bessere Zukunft in Gräfelfing bei München

Ich traf Kori einige Tage vor dem Umzug in die Bessere Zukunft. Da sagte er zu mir: „Emil, das ist doch ein gutes Omen, dass ich nun in eine Straße namens Bessere Zukunft ziehe. Vielleicht wird meine Zukunft besser als meine beschissene Gegenwart.“ Ich wunderte mich wieder einmal, warum Kori seine Gegenwart immer so beschissen fand. Aber das war nun mal ein Prinzip von ihm, alles Gegenwärtige beschissen zu finden, um auf eine umso bessere Zukunft zu hoffen.

Ein paar Monate später traf ich ihn in der Stadt, als ich den Gehsteig entlangging und er mit einem fetten Wagen aus der Tiefgarage hochschoss. Beinahe hätte er mich über den Haufen gefahren, aber er bremste rechtzeitig, und dann erkannten wir uns.
„Kori! Wie geht’s?“ sagte ich, als er die Scheibe heruntergelassen hatte.
„Beschissen. Ich habe Angelina rausgeschmissen, es war nicht mehr auszuhalten.“
„Aha“, sagte ich und schüttelte innerlich den Kopf. „Fette Karre“, sagte ich dann noch, den Wagen betrachtend, der aussah wie ein kleiner Panzer.
„Aus dem Carpool der Firma. Scheißkarre. Ich glaub ich fahr ihn gegen den Baum, dann bekomm ich hoffentlich einen besseren.“

Das war unser letztes Treffen. Ich habe danach nur noch von anderen über Kori gehört. Nach Angelina hatte er überraschenderweise keine neue Freudin mehr und wurde sehr trübsinnig. Alles war noch beschissener als sonst. In der Arbeit eckte er bei allen so an, dass ihm sein Managerposten gekündigt wurde.

Wie ist Kori gestorben? Er hat nicht den fetten Wagen gegen den Baum gefahren. Der wurde ihm vorher genommen. Er hat sich in der Nähe der Besseren Zukunft vor den Zug geworfen. Bevor er das tat, machte er noch ein Foto von sich und postete dazu diesen Text auf sein Instagram-Account:

Ich habe die Hoffnung auf eine bessere Zukunft endgültig aufgegeben. Die Gegenwart ist so beschissen wie sie immer war, sie wird immer beschissener, und ich sehe keine Möglichkeit, dass sich das jemals ändern wird. Ich kann mich nicht einmal mehr ärgern über alles Beschissene, so müde bin ich geworden. Ich gehe jetzt in die Sonne. Bitte vermisst mich nicht!

 

RetroTV

Der neue Fernsehkanal RetroTV besinnt sich auf die Ursprünge des Fernsehens. Bis vor kurzem wurde nur ein Standbild gesendet. Wir wollen ein Medium der Entschleunigung und des Innehaltens sein, heißt es dazu aus der Programmdirektion, weil es dazu großen Bedarf gibt.

Jetzt wurde zusätzlich zum Standbild eine Talkshow mit dem Titel Leut’abend produziert. Als Talkmaster fungiert Blacky Fuchsberger, zeitlebens als ein Meister des Innehaltens und der Gelassenenheit bekannt. Manche denken bei ihm allerdings auch an dampfende Plauderer und Einschaltspinsel. Wie auch immer –  Gäste von Blacky Fuchsberger bei Leut’abend auf RetroTV sind Bertolt Brecht und Wilhelm Reich. Hier vorab das Protokoll zur Sendung:

Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral!

Wilhelm Reich: Erst kommt die Liebe, dann die Moral!

Bertolt Brecht: Auch gut! Ich kann allerdings keine Verbindung zwischen deiner und meiner Aussage herstellen. Gibt es hier etwa einen Widerspruch? Das wäre schön, denn die Widersprüche sind unsere Hoffnung.

Wilhelm Reich: Das Leben ist ein einziger Widerspruch. Dadurch wird es vorangetrieben. Das Leben ist ein Prozess, nie ein festgefahrener Zustand.

Blacky Fuchsberger: Das erinnert mich an Rainhard Fendrich, der singt: Alles ist möglich, aber nix is fix.

Wilhelm Reich: An wen?

Bertolt Brecht: Den kennen wir nicht. Da waren wir schon tot.

Wilhelm Reich: Ist es nicht ein faszinierender Widerspruch, dass wir beide tot sind und trotzdem in dieser Talkshow sitzen? Wir sind Orgonenergie!

Bertolt Brecht: Ein faszinierender Widerspruch.

Wilhelm Reich: Ich bin ein Jahr vor dir geboren und ein Jahr nach dir gestorben.

Bertolt Brecht: Ich bin ein Jahr nach dir geboren und ein Jahr vor dir gestorben.

Blacky Fuchsberger: Wollen Sie das als Widerspruch präsentieren, meine Herren? Ich fürchte, dazu taugen diese Aussagen nicht. Ich bin übrigens auch schon tot. Und damit gebe ich ab an das Standbild.

Wilhelm Reich (1897 - 1957)
Bertolt Brecht (1898 - 1956)
Joachim "Blacky" Fuchsberger (1927 - 2014)

 

Selbstentfremdung am Hachinger Bach

Durch Haching fließt ein Bach. Die Einheimischen nennen ihn liebevoll Hachinger Bachinger, mehr norddeutsche Zungen sprechen kurz und knapp vom Hach Bach. Ich saß am grünen Ufer des Hachinger Bachingers oberhalb von Haching und las Cesare Pavese, den ich zwecks besserem Fluss des Gesprochenen Cesare Pavesare nenne: Die Liebe ist eine Krise, die Abneigung hinterlässt, schreibt Pavesare. Ich ärgerte mich beim Lesen so über diesen Satz, dass ich das Buch aus meinen Händen in den Fluss des Wassers des Hachinger Bachs warf. Dann passierte etwas Seltsames: Mein Ich zweiteilte sich, was bedeutet, dass sich auch die Erzählperspektive zweiteilt:

Teil 1 (Ich A)
Ich sprang dem im Wasser treibenden Cesare Pavesare hinterher, weil ich spürte, dass hinter dem Ärger über sein Geschriebenes etwas sehr Wichtiges und Existenzielles liegt, das mich betrifft. Ich trieb im Wasser des Hachinger Bachs und merkte, dass es am wichtigsten ist, im Fluss des Wassers zu bleiben, mich von ihm treiben zu lassen, nicht schneller sein zu wollen als der Fluss und auch nicht zu versuchen, den Fluss zu stoppen. Nur so würde ich eine Chance haben, in diesem Fluss auf den treibenden Cesare Pavesare zu stoßen und das Wichtige und Existenzielle darin zu finden.

Bald wurde der Hachinger Bach zum Rinnsal, ohne dass ich den Pavesare fand. Im Münchner Stadtgebiet drohte der Fluss ganz zu versickern, als mich ein Kanal aufnahm, in dem ich durch dunkle Röhren und lange Betonwannen zur Isar gespült wurde. In der Isar hatte ich den Pavesare noch immer nicht gefunden, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass er ständig bei mir ist. Das Treiben im Fluss machte Spaß. Ich freute mich auf die Donau und das Schwarze Meer.

Kurz vor der Mündung der Isar in die Donau wurde ich an eine Schotterbank geschwemmt. In diesem Moment des Innehaltens erinnerte ich mich an mein anderes Ich, das ich im Eifer des Gefechts am Hachinger Bachinger zurückgelassen hatte. Ich bekam wahnsinnige Sehnsucht nach diesem anderen Ich. Denn wir gehören doch zusammen. Mit dieser Sehnsucht setzte ich mich ans Ufer und sang einen Brief* an mein anderes Ich, bevor ich meine Reise fortsetzte.
Teil 2 (Ich B)
Ich sah den Pavesare im Wasser davontreiben und glaubte zunächst, mich von einer Last befreit zu haben. Plötzlich fühlte ich mich aber sehr einsam, als ich da am Ufer saß. Ich fühlte mich dieser Einsamkeit hilflos ausgeliefert. Ich schimpfte auf Pavesare, wie er mich so allein lassen konnte. Ich schimpfte auf ihn, weil ich das Gefühl hatte, dass er mir etwas weggenommen hat. Aber Pavesare war unbeeindruckt weitergetrieben im Fluss des Wassers und nicht mehr in meinem Sichtfeld.

Mitten in meinem Schimpfen kam jemand das Ufer entlang und fragte: "Kann ich helfen?"
"Ich helf dir gleich!" brüllte ich den Entlangkommenden an und lief ihm entgegen, um ihm eine zu scheuern, woraufhin er die Flucht ergriff. Ich kehrte zu meinem Uferplatz zurück und schaute ratlos auf das fließende Wasser. Da kam wieder einer am Ufer entlang. Ich packte ihn unvermittelt und warf ihn ins Wasser.
Wie ein nasser Sack schimpfte und schrie er im Wasser: "Du Spinner, ich zeig dich an!"
"Mach doch, wenn du kannst!" schrie ich zurück und warf ihm ein paar Steine hinterher.

Dann kam keiner mehr entlang am Ufer des Hachinger Bachs. Der Pavesare trieb mittlerweile weißgottwo, jedenfalls weit weg, ich denke irgendwo jenseits von München. Es herrschte Ruhe, die sich wie Leere anfühlte. Ich begann mich zu fürchten vor dieser Leere. Die Angst vor ihr trieb Tränen in meine Augen.

Es begann zu regnen. Durch die Tropfen schien es, als käme etwas zu mir. Nicht der Pavesare, nein, etwas viel Wichtigeres. Es klang wie ein vertrautes Lied*, das mir etwas zurückbringen wollte, das ich scheinbar verloren hatte.

*Gesungener Brief/vertrautes Lied
Hachinger Bachinger
Cesare Pavesare