Von Hunden, Besitzern und Bedürfnissen

Manchmal habe ich das Gefühl, Vorderbrandner besser zu kennen als mich selbst. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich durch Vorderbrandner mich selbst besser kennen lerne. Vorderbrandner trägt eine Art heiligen Zorn in sich, der sich von Zeit zu Zeit in Provokationen gegenüber Menschen entlädt, die gerade in seiner Nähe sind.

Wir waren im Park. Ich erzählte Vorderbrandner von meinem Entschluss, künftig keine Sonnencremes unter Lichtschutzfaktor 30 mehr zu verwenden. Vermutlich langweilten Vorderbrandner meine Ausführungen, denn ich spürte, wie ich seine Aufmerksamkeit verlor. Jedenfalls sprach Vorderbrandner unvermittelt einen uns entgegenkommenden Hundebesitzer an und fragte ihn, ob er Kotbeutel für seinen Hund dabei hat und ob er ihm einen abgeben könne. Der Hundebesitzer bejahte, gab Vorderbrandner einen Beutel und wollte weitergehen.

„Nein, warten Sie!“ sagte Vorderbrandner. „Ich werde gleich kacken und Ihnen den gefüllten Beutel wieder mitgeben!“ Der Hundebesitzer blickte irritiert, während Vorderbrandner seine Hosen runterzog und sich in Hockstellung begab.

„Sie werden doch nicht allen Ernstes hier hinmachen!“ rief der Hundebesitzer empört.

„Wieso denn nicht? Ihr Hund macht das doch auch! Seien Sie unbesorgt. Ich habe ausgewogen gegessen und fühle mich gut. Es wird keine Durchfallsauerei geben!“ Vorderbrandner drückte eine Wurst von mittelfester Konsistenz aus seinem Darm, die ins Gras fiel. Ein Stuhl, den jeder Arzt wohlwollend betrachten würde, weil er von gutem Stoffwechsel und Gesundheit zeugt.

Der Hundebesitzer wandte sich ab, rief seinen Hund und wollte weitergehen. Doch sein Hund kam nicht, was ihn zum Verweilen zwang. Auf der Wiese neben uns scheuchte ein großer Afghanischer Windhund in flottem Tempo Krähen aus dem Gras. An der Gestik des Hundebesitzers konnte ich erkennen, dass es sein Hund war.

Afghane beim Krähenscheuchen

Als der Windhund endlich auf die Rufe seines Besitzers hörte und zu diesem kam, hatte Vorderbrandner sein produziertes Häufchen in den Beutel eingetütet, das Taschentuch, mit dem er sich abgewischt hatte, dazugeworfen, und den Beutel mit einem Knoten verschlossen. Der Hundebesitzer hatte sich bereits einige Schritte entfernt. Vorderbrandner lief ihm nach und wollte ihm den Beutel überreichen. Der Hundebesitzer ignorierte Vorderbrandner, doch Vorderbrandner ließ nicht locker, sodass der Hundebesitzer schließlich entnervt stehenblieb, sich zu ihm wandte und sagte: „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihre Scheiße entsorge!“

„Doch, das glaube ich! Sie entsorgen doch die Scheiße Ihres Hundes auch. So groß wie der ist, glaube ich nicht, dass seine Scheiße leichter und weniger geruchsintensiv ist als meine.“

„Lassen Sie mich in Frieden!“ rief der Hundebesitzer, während sein Afghane schon wieder in vollem Tempo die Krähen im Gras scheuchte. In diesem Moment schlug Vorderbrandners Provokationslust in Zorn um, und er schrie erbost: „Du elender, hundebesitzender, tierquälender Stadtneurotiker, der seinen Hund mit seinen Neurosen zuscheißt und als Dank dessen Scheiße im Beutel herumträgt! Glaub ja nicht, dass ich dir jemals einen Beutel leihe, wenn du dringend kacken musst! Gib deinen entarteten, ungehaltenen, neurotisierten Köter sofort an die Leine, sonst ruf ich die Polizei!“

Während der Hundebesitzer unbeirrt, ohne sich noch einmal umzudrehen, sich von uns entfernte, sein Afghane es aufgab, die erbosten Krähen zu scheuchen und ihm nachlief, ritten in unserer Nähe zwei Polizisten auf Pferden vorbei. Vorderbrandner rief sie entgegen seiner Ankündigung nicht. Stattdessen ging er mit seinem Beutel in der Hand zum Bach, um sich dort zu waschen. Ich folgte ihm. Als ich ihn erreicht hatte, drehte er sich um und sagte: „Ich verwende gar keine Sonnencremes. Ich habe das Gefühl, dass ich mit diesem Zeug nur meine Haut malträtiere.“

João Baptista und der Krieg am See

Dass ich mir diesen Wunsch erfülle, wieder einmal an den See zu fahren, darüber bin ich glücklich. Ich gehe den Weg am Waldrand entlang, der mich zum See führen wird. Nach einer kleinen Biegung um Gesträuch herum blicke ich nach vorn – und sehe am Weg, ganz eindeutig: Henriette. Henriette! Dass ich bei meinem Ausflug an den See ausgerechnet Henriette treffe, darüber bin ich nicht so glücklich.

Ich sollte erklären, warum ich so gern an den See fahre: Ich fahre an den See, um meinen inneren Frieden zu finden, und hoffe, dabei auf Gleichgesinnte zu treffen. Henriette habe ich als eine Person in Erinnerung, die ihren inneren Krieg in die Welt projiziert und dieser Welt ihren Unmut darüber kundtut. Also als eine Andersgesinnte.

Sie gehen sehr langsam vor mir, Henriette und ihr dunkelhaariger Begleiter. Meine Schritte werden ebenfalls langsamer und ich überlege, ob ich umkehren soll; ob ich im Wald verschwinden soll. Ob ich irgendetwas tun soll, um ein Treffen zu vermeiden. In diesem Moment dreht sich Henriette um, unsere Blicke treffen sich. Zu spät für eine Flucht. Sie und ihr Begleiter bleiben stehen. Ich schreite dem Unentrinnbaren entgegen. Während mein Körper sehr steif wird und meine Beine sehr schwer, spüre ich, wie mein innerer Frieden in eine heftige Schieflage gerät, ja mehr noch, wie sich Krieg in mir ausbreitet.

„Emil, grüß dich!“ sagt Henriette. Ich kenne die Süße in dieser Stimme, die die darunterliegende Aggression verbergen soll, ohne es zu schaffen. Sie zeigt auf ihren Begleiter: „Das ist João Baptista, mein Freund“. João Baptista ist sehr muskulös, wirkt gleichzeitig aber sehr eingeschüchtert. Ohne nachzufragen und weiter darüber nachzudenken, ordne ich ihn als Brasilianer ein.

Ich gehe mit Henriette und João Baptista weiter den Waldpfad entlang zum See. Henriettes Erscheinung ist die einer militanten Grünen, die ihre Umwelt vergewaltigen will. Ihre sackigen Gewänder, mit denen sie sich kleidet, wirken wie eine Waffe, die jederzeit den Tod durch Ersticken herbeiführen kann. João Baptista scheint sich dieser Gewalt widerstandslos zu unterwerfen und sich devot seiner schleichenden Erstickung hinzugeben. Ich stelle mir seine Wirklichkeit so vor: Alle Frauen sind Huren, seine Mutter ist eine Heilige. Da seine Mutter weit weg in Brasilien ist, ist Henriette seine deutsche Ersatzmutter. Ich spüre, wie der Krieg in mir tobt. Dabei bin ich an den See gefahren, um meinen inneren Frieden zu finden.

An der Wiese am See angekommen, breitet Henriette eine Decke aus, auf die sie und ich mich setzen, während João Baptista neben uns im Gras stehen bleibt. Ich bin irritiert und frage Henriette, warum er stehenbleibt und sich nicht zu uns setzt.

„In Brasilien stehen die Männer am Strand immer. Sich zu setzen ist ein Zeichen von Schwäche, von Weichheit.“

„Erstens sind wir nicht in Brasilien, zweitens will ich nicht als Schwächling gelten, nur weil ich mich ins Gras setze!“ sage ich etwas ungehalten. Der Krieg in mir wird heftiger. Mir wird heiß. Ich ziehe mein Shirt aus und lege mich auf den Bauch, um mich zu beruhigen. Als ich auf dem Bauch liegend zu João Baptista aufschaue, bemerke ich Entsetzen in seinen Augen. Er geht hastig einige Meter weg von uns, bleibt dann wie angewurzelt stehen und blickt demonstrativ in die andere Richtung.

„Was hat er denn jetzt?“ frage ich genervt.

Henriette beugt sich zu mir: „Wenn sich in Brasilien ein Mann öffentlich auf den Bauch legt, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass er schwul ist. Deshalb ist er irritiert.“

Ich spüre plötzlich eine starke Solidarität mit den Schwächlingen und Schwulen dieser Welt, obwohl ich bis eben noch nicht wusste, dass ich mich diesen Gruppen besonders zugeneigt fühle. Der Krieg ist jetzt endgültig in mir ausgebrochen und bahnt sich einen Weg nach draußen. Ich stehe auf, reisse mir die Hose vom Leib und renne zu João Baptista. Ich tanze nackt um ihn herum, mit heftigen Hüftbewegungen. Dazwischen werfe ich mich vor ihm auf den Boden. Ich strenge mich an bis aufs äußerste, um ihm ein schwuler Schwächling zu sein. João Bapista bleibt während meiner Performance wie angewurzelt stehen, mit starrem Blick. Schickt er Stoßgebete zu seiner Mama nach Brasilien, während die männliche Hure schlimmer als in seinen Albträumen um ihn tanzt?

Ich remple ihn an, rufe: „Sag was, du verklemmter Kraftprotz!“ Er bleibt stoisch stehen. Ich pralle an seinen Muskeln ab. Ich spüre, dass ich diesen Krieg nicht gewinnen kann. Es bedarf einer Abkühlung der Fronten. Ich laufe zur Decke, zu Henriette, sage: „Henriette, zieh dich aus, geh baden mit mir!“

„Aber doch nicht nackt!“

„Doch, nackt! Entblöße dich, zeige dich der Welt, und die Welt wird sich dir zeigen, schöner als du es dir jemals vorstellen konntest!“ Ich laufe mit Freudengeschrei zum Wasser und tauche ein ins kühle Nass. Ich stelle mir vor, wie Henriette ihr sackiges Kriegsgewand über ihren Kopf stülpt und mir nachläuft.

Beim Auftauchen rufe ich: „Der Krieg ist aus, es lebe der Friede!“ und sehe, wie Henriette hastig die Decke zusammenfaltet, um mit João Baptista die Wiese zu verlassen.

Knatternde Ungeheuer in Fröttmaning

Nein, er sei kein Oköfritze, sagt er. Er habe auch nicht vor, die Nachfolge von Dieter Wieland anzutreten, wenngleich er Dieter Wieland sehr schätze. Alles, was er sagen wolle, würden die Bilder sagen, die gleich gemacht würden, wenn die Kamera angeht. Es sei im übrigen keine nette Geschichte, sondern eine Tatsache, dass sein Urgroßvater am 9. Juni 1927, einem Donnerstag, hier gestanden sei, genau hier, vor der Kirche, wo er jetzt steht. Das wisse er so genau, weil sein Vater es ihm erzählt habe, dem es wiederum sein Vater, also sein Großvater, erzählt habe, der als Bub daneben gestanden sei, neben seinem Vater, also seinem Urgroßvater. Denn es sei ihm wichtig zu betonen, dass er hier die Wahrheit erzähle und nicht irgendeine nette Geschichte!

Er fragt die Crew, ob die Kamera bereit sei und sie zu filmen beginnen könnten, aber die Kamera ist noch nicht bereit, und so fragt einer der Umstehenden, was denn sein Urgroßvater damals gemacht hätte, am 9. Juni 1927, einem Donnerstag, als er hier vor der Kirche stand.

Mein Urgroßvater wollte mit meinem Großvater von München nach Freising fahren, mit dem Fahrrad, sagt er, und dann habe er hier eine Pause gemacht, vor der Kirche. Plötzlich wurde es unglaublich laut. Ein Auto aus München näherte sich auf der holperigen Landstraße, umgeben von einer Staubwolke. Der Motor des Autos machte einen Höllenlärm. Die Explosionen im Zylinder des Motors waren so laut, dass mein Urgroßvater und mein Großvater dachten, der Motor müsse jeden Moment als ganzes explodieren. Aber die Explosionen blieben kontrolliert im Zylinder. Als der Wagen an ihnen vorbeifuhr, beschimpfte mein Urgroßvater den Fahrer desselben und rief, er solle sein knatterndes Ungeheuer doch gegen einen Baum fahren! Andernfalls würde die Menschheit an diesem Lärm bald zugrunde gehen.

„Wir wären soweit!“ ruft der Kameramann dazwischen. Die Umstehenden gehen aus dem Bild. Die Kamera geht an, auf ihn gerichtet, wie er vor der Kirche steht. Er sagt:

„Meine lieben Zuschauer, grüß Gott! Ich begrüße Sie heute von einem Ort, den es eigentlich gar nicht mehr gibt. Früher gab es ihn, aber dann wurde er zunächst zur Mülldeponie und stinkenden Kloake im Norden Münchens, und schließlich musste er den Autobahnen weichen, die sich heute genau an seinem früheren Platz kreuzen. Warum kennt man diesen Ort nun wieder, obwohl es ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gibt? Weil ihm gegenüber, auf der anderen Seite des… des Flusses wollte ich schon sagen – auf der anderen Seite der Autobahn, die mit ihrem dichten Verkehrsfluss aber mindestens genauso schwer querbar ist wie ein echter Fluss – seit nunmehr über zehn Jahren ein großes Fußballstadion steht, die Allianz-Arena. Jetzt wissen die meisten von Ihnen, wo ich stehe, und zwar in Fröttmaning, der Pilgerstätte der Fußballgläubigen, der Anhänger des allmächtigen FCB. Ich stehe aber nicht vor der Allianz-Arena, dem modernen Tempel, sondern vor der inmitten von Bäumen versteckten Heilig-Kreuz-Kirche, dem letzten verbliebenen Rest des ansonsten versunkenen Dorfes Fröttmaning.“

Blick vom Müllberg auf Fröttmaning: rechts die Heilig-Kreuz-Kirche, hinter den Bäumen die vorbeiführende Autobahn, dahinter die Allianz-Arena

„Danke, Schnitt! Wir drehen oben am Müllberg weiter. Das Licht ist dort optimal heute!“ ruft der Lichtmeister.

Er blickt kurz irritiert ob des unvorhergesehenen, abrupten Endes seines Vortrages, nutzt die Pause aber dann und geht unter einen der Bäume, die die Kirche mit ihrem kleinen Friedhof säumen. Einer der Umstehenden ist ihm wieder gefolgt und sagt, dass ihm die Geschichte mit dem Urgroßvater, der am 9. Juni 1927 hier vor der Kirche gestanden sei, nicht aus dem Kopf gehe.

„Was fasziniert Sie an der Geschichte? Dass mein Urgroßvater Autos knatternde Ungeheuer nannte und dachte, sie würden die Menschheit zugrunde richten? Lauschen Sie mal den Autos auf der Autobahn: Wieviele Explosionen finden da statt in den Motoren! Nicht mehr mit lautem Knall, sondern sehr kontrolliert, aber unüberhörbar. Eine Explosion nach der anderen. Und wir mittendrinnen! Deshalb bin ich so gerne hier, in dieser Oase der Ruhe, umgeben von all dem Lärm! Ein Auto war meinem Urgroßvater schon zuviel, und ich begebe mich freiwillig unter hunderte von ihnen, die in einem Affentempo an uns vorbeiknattern! Durch die Bäume betrachtet könnte man meinen, es seien lauter kleine Ungeheuer. Ist das nicht verrückt! Und dann der ganze Müll, der hier immer noch rund um uns deponiert wird! Ein irrer Ort! –

Entschuldigen Sie, ich halte Vorträge! Deshalb bin ich zum Fernsehen gegangen, um für mein Gerede bezahlt zu werden. Denn das ist das einzige, was ich kann.“

„Reden Sie weiter, bitte! Ich würde mir allerdings wünschen, dass Sie solche Dinge öfter vor der Kamera sagen! Wieso erzählen Sie die Geschichte ihres Urgroßvaters und den knatternden Ungeheuern eigentlich nur mir und nicht den Zuschauern im Fernsehen?“

„Zu unbedeutend. Zu banal. Interessiert keinen. Kommen Sie mit zu den Dreharbeiten oben am Berg! Dort reden wir weiter!“

Fröttmaning am Autobahnkreuz München-Nord

Die Welt als Haushalt und Gegensatz

Professor Dr. Dr. Rainer Schmorn, ein Universitätsprofessor für Philosophie und Wissenschaftstheorie, öffnete eines Morgens die Besteckschublade in seiner Küche, um daraus einen Löffel zu entnehmen. Doch er fand keinen Löffel darin. Er seufzte. Er hatte vergessen, am Vorabend den Geschirrspüler anzumachen. Also öffnete er die Klappe des Geschirrspülers, entnahm daraus einen schmutzigen Löffel und spülte ihn ab. Dann setzte er sich mit dem Löffel an den Tisch, wo eine Schale mit Müsli stand, und begann zu essen.

Seit Clarissa nicht mehr da war, musste er seinen Haushalt alleine führen. Es machte ihn einerseits stolz, dass er endlich, im fortgeschrittenen Alter, einen Haushalt alleine führte. Bisher hatte er das immer den Frauen in seinem Leben überlassen, zunächst seiner Mutter, dann Clarissa. Andererseits überforderte ihn die Haushaltsführung. Seine geistige, wissenschaftliche Arbeit litt unter dieser neuen Herausforderung. Er hätte sich eine Haushälterin anstellen können, aber das erschien ihm nicht zeit- und frauengerecht. Ist Haushaltsarbeit zwingend weiblich und von Männern nicht zu bewältigen? Professor Schmorn blickte traurig auf und betrachtete das Bild von Clarissa und ihm, das noch immer an der Wand hing. Dann stand er auf und gab den benutzten Löffel wieder in den Geschirrspüler.

Er ging, wie immer, zu Fuß zu seiner Arbeit an der Universität, die etwa zehn Gehminuten von  seiner Wohnung entfernt lag. Er begrüßte seine Kollegen und Mitarbeiter am Institut, um anschließend in den großen Vorlesungssaal zu gehen. Er hielt dort eine Vorlesung für Erstsemestrige und begann seinen Vortrag so:

„Was machen wir an der Universität, in den Wissenschaften? Wir beobachten die Phänomene und erschaffen Begriffe für sie, um aus den geschaffenen Begriffen unser wissenschaftliches Weltbild zu formen. Was ist zuerst da, das Phänomen oder der Begriff? Natürlich das Phänomen – zumindest ist das mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen -, aber um es beobachten und abgrenzen zu können von anderen Phänomenen, müssen wir es zumeist erst begrifflich definieren. Nehmen wir als Beispiel das Phänomen des Haushalts: Unter einem Haushalt verstehen wir die wirtschaftliche Einheit einer Person oder mehrerer zusammenlebender Personen. Wir haben also das Phänomen Haushalt definiert, um es beobachten zu können. Ein Haushalt ist zunächst ein in sich ruhender, harmonischer Begriff. Doch ein Haushalt ruht nicht, genauso wie die Welt nicht ruht. Sie bewegt sich, zwischen den Polen. Was sind die bekanntesten menschlichen Pole? – Männlich und weiblich. Bewegt sich ein Haushalt zwischen den Polen männlich und weiblich? Vielleicht, obwohl sich hier beobachten lässt, dass traditionell in unserer Kultur das Pendel zum Weiblichen ausschlägt, was den Haushalt betrifft.“

Professor Schmorn erntete verständnislose Blicke aus dem Auditorium der jungen Studenten. Er nahm diese Blicke auf und fuhr fort:

„Heute gibt es aber mehr denn je das Phänomen des rein weiblichen und des rein männlichen Haushalts, und es lassen sich keine signifikanten, wissenschaftlich definierbaren Unterschiede daraus feststellen. Vielleicht sollten wir stattdessen für den Haushalt die Pole ordentlich und schlampig einführen. Diese Pole habe ich aus meiner Erfahrung hergeleitet. Was ist nun unsere nächste Aufgabe als Wissenschaftler? Wir definieren die eingeführten Pole für Haushalte. Was ist ein ordentlicher Haushalt, was ist ein schlampiger Haushalt? An welchen Kriterien können wir das festhalten? Ein wichtiges Kriterium in einem Haushalt ist das Abspülen, und aus diesem Kriterium lässt sich folgern, dass in einem prototypischen ordentlichen Haushalt nach dem Essen abgespült wird, während in einem prototypischen schlampigen Haushalt vor dem Essen abgespült wird.

Meine Damen und Herren, ich will Sie nicht länger mit theoretischen Abhandlungen quälen, sondern fordere Sie auf, sich selbst Phänomene ins Gedächtnis zu rufen, die Ihnen in Ihrem Leben bereits begegnet sind, diese begrifflich zu formen und über ihre Polarität nachzudenken!“

Während er das sagte, entdeckte Professor Schmorn eine junge Frau im Auditorium, die ihn an die junge Clarissa erinnerte.

Polarität