Archiv der Kategorie: Wirres

Das Leben zu entwirren kann sehr verwirrend sein.

Eilmeldung: #Coronaüberträgtsich #überdieAugen

Ich fuhr mit der U-Bahn und blickte auf einen der Monitore in der Mitte des Waggons. Ich blicke nicht gern auf diese Monitore, weil ich mir nie sicher bin, ob sie mich beobachten und ob ich mich verdächtig verhalte, wenn ich sie beobachte. Sie hängen da wie die Televisoren in Orwells 1984, ein längst von der Realität überholter Roman, denn es überwacht nicht der totalitäre Staat, sondern das totalitäre Google&Partner.

Jedenfalls blickte ich auf einen der Monitore und las folgende Meldung: Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen – das Corona-Virus wird vor allem über die Augen übertragen. Ich traute meinen Augen nicht, ich wandte meinen Blick vom Monitor ab und blickte in die Augen der mitfahrenden Mitmenschen im Waggon. In etwas anderes Menschliches konnte ich nicht blicken, denn es war Winter und die Körper waren verhüllt mit dicken Klamotten, bei vielen war sogar der Kopf bemützt, Mund und Nase sowieso wegen des grassierenden Corona-Virus. Ich sah also nur die Augen meiner mitfahrenden Mitmenschen.

Das Corona-Virus wird vor allem über die Augen übertragen – dieser Satz durchfuhr meinen Körper, besonders meine Augen. Als der Satz meinen Körper, besonders meine Augen, fertig durchfahren hatte, kamen die Gedanken: Ist es nun vorbei mit der freien Sicht? #GemeinsamgegenCorona #WirverschließenundverhüllendieAugen. Wird dafür der Mund- und Nasenschutz obsolet werden, oder ist eine Übertragung über Mund und Nase weiter im Bereich des Möglichen? Wird sogar die Kleidung ihren sozialen Status verlieren und nur mehr dem Kälteschutz dienen, wenn sie aufgrund verhüllter Augen keiner mehr sieht? Ich schaute wieder in die Augen meiner mitfahrenden Mitmenschen: Sie waren nach wie vor unverhüllt, es erfolgte keine spontane Verhüllungsaktion aufgrund der Meldung am Monitor, weshalb ich meine Augen auch unverhüllt ließ. Lediglich eine Person sah ich, die sich ein Tuch vor die Augen hielt, und bei manchen glaubte ich zu sehen, dass sie ihre Brillen näher an ihre Augen geschoben hatten.

Zuhause angekommen, kramte ich gleich meinen Augenschutz aus der Schublade, den ich bisher zweckentfremdet für Liebesspiele verwendet hatte. (Deshalb aus rotem Stoff.) Nun war ich froh, ihn zu besitzen, denn Augenschutz würde sicher knapp werden in nächster Zeit. Die CKU (kurz für Christliche Klüngel-Union) ist schließlich nicht mehr an der Macht und kann ihre Klüngel-Partner nicht mehr anweisen, statt überteuertem Mund-Nasen-Schutz nun überteuerten Augenschutz herzustellen. Außerdem ist es von Vorteil, dass mein Augenschutz aus rotem Stoff ist, denn ich habe gelesen, dass das Virus rot nicht mag.

Corona-Augenschutz

Zufrieden stand ich da mit meinem Augenschutz, als ich feststellte, dass es schwierig sein würde, ohne Augensicht zur U-Bahn zu gelangen. In den Supermarkt. Überallhin. War diese Meldung nur erfunden, um den Lockdown zu erzwingen? Um die Bevölkerung in die völlige Immobilität zu treiben?

Ich tastete mich zu meinem Digitalradio und schaltete es ein, als gerade der scheidende Digitalinfrastrukurminister der CKU sprach und sagte, dass von der Regierung beauftragte Firmen längst daran arbeiten, ein Fortbewegen ohne Augensicht mittels moderner Apps zu ermöglichen. Er appellierte an die neue Regierung aus Sozis, Alternativos und atheistischen Freidenkern, vernünftig zu sein und diese Entwicklungen nicht zu behindern.

Unbekehrter Bühnenboden

Der Boden war uneben und hart zu bekehren, wir waren im alten Theater, um die Vorstellung vorzubereiten, ich mochte das alte Theater, meine tiefsten Träume offenbarten sich in ihm sobald ich es betrat, vor allem wenn ich seine Bühne betrat, jedenfalls glaubte ich das zu spüren, trotzdem hatten wir das Problem, das der alte unebene Bühnenboden hart zu bekehren war, ich drückte Lebski den Besen in die Hand, ich wusste nicht, ob er verstanden hatte, was ich von ihm wollte, es schien so, als habe er es verstanden, denn er begann den Boden zu bekehren, es sah nach nutzloser Tätigkeit aus, wie er mit dem Besen ruckelnd den unebenen Boden entlangschleifte, es war ein Staubaufwirbeln und kein Saubermachen.

Ich musste nochmal weg, Requisiten besorgen, die mir erst jetzt eingefallen waren, diese Requisiten waren unbedingt notwendig, um den Abend im alten Theater zu einem gelungenen zu machen, also sagte ich zu Lebski: Ich setze auf dich, dass du den Boden ordentlich bekehrst! Ich gehe derweil in die Stadt, um Requisiten zu besorgen.
Du setzst auf mich? fragte Lebski. Was soll das heißen?
Dass ich mich auf dich verlasse.

Ich verließ also Lebski, um in der Stadt Requisiten zu besorgen. Die Spätherbstsonne hatte einen Weg durch den Hochnebel gefunden und bestrahlte sanft die alten steinernen Gassen. Ich schritt federleicht dahin, mit einer Leichtigkeit, die das Leben wie einen Traum erscheinen ließen. Ich wandelte hoch zur Burg, wo ich die sonnenbeschienenen Dächer der Stadt betrachtete. Oben bei der Burg beschloss ich, die Requisiten doch nicht zu besorgen. Sie kamen mir plötzlich überflüssig vor. Ich würde den Abend gänzlich ohne Requisiten bestreiten, Requisiten würden nur ablenken von dem, was ich an diesem Abend erzählen will, ich würde mich auf mich beschränken, und auf mein wunderbares Leben, das mir alles gibt, was ich brauche.

Doch machte ich mir plötzlich Sorgen, dass Lebski mich nicht richtig verstanden hat, ich muss klareres Deutsch mit ihm sprechen, sagte ich zu mir, eindeutige Ansagen machen, obwohl ich ein Freund der Doppeldeutigkeiten bin, mit diesem Entschluss ging ich zurück ins alte Theater, wo Lebski, mit dem Besen in der Hand auf unbekehrtem Bühnenboden stand und mich mit folgenden Worten empfing: Erst hast du dich mich verlassen, und jetzt, bitte, setzt du dich auf mich.

Ich wusste nicht, was er meinte, seine Worte waren voller Doppeldeutigkeiten, was ich schön fand, genau dafür mochte ich Lebski, dass er die Sprache mit seinen Doppeldeutigkeiten bereicherte. Das einzig Eindeutige war, dass der Abend im alten Theater auf unbekehrtem Bühnenboden stattfinden würde, was mich zu dem Entschluss führte, den Abend gemeinsam mit Lebski auf unbekehrtem Boden zu bestreiten.

Pachel und Pö

Dem König gefiel zweierlei: die Musik, die an seiner Tafel erschallte, und seine neue Unterhose. Deshalb rief er den Lakai und fragte: „Von wem ist die Musik, die an meiner Tafel erschallt? Und von wem ist meine neue Unterhose?“
„Die Musik“, entgegnete der Lakai, „ist von einem gewissen Pachel, mein König, die Unterhose von einem gewissen Pö.“
„Die beiden sofort zu mir kommen lassen!“ befahl der König.

Hektische Betriebsamkeit brach im Hofstaat aus, um Pachel und Pö möglichst schnell zum König bringen zu lassen. Pachel hatte man gleich gefunden, er probte am Organ der örtlichen Kathedrale an neuer Musik, während Pö nicht aufzufinden war. Die ganze Stadt wurde durchkämmt, doch man fand ihn erst am Rand der Stadt bei einem Bordell, wo er gerade in eine Schlägerei verwickelt war. In seinem nicht sehr präsentablen Zustand führten sie Pö zur Residenz, wo Pachel sich schon im Audienzzimmer befand. Sodann, als beide anwesend waren, trat der König hinzu und sprach: „Bel Oeuvre, meine Herren! Besser würde es kein Franzose hinkriegen! Sie beide dürfen künftig den Zusatz bel an ihren Namen tragen!“

Der anwesende Hofbeamte eilte sogleich, um die Namensänderungen urkundlich eintragen zu lassen. Pachel verneigte sich vor dem König, voll von innerer Freude, künftig ein Pachelbel zu sein, er sollte mit seinem neuen Namen als Komponist und Organist in die Geschichte eingehen, während Pö fragte: „Von was für einem Oeuvre sprecht ihr?“
„Von der Unterhose, die ihr mir geschneidert!“ sagte der König.
„Ah, verstehe! Gefurzt euch wohl, Majestät!“
„Was für ein Unhold!“ rief nun der König: „Ich scheiß auf seine Unterhose!“

Da schiss der König tatsächlich in die von Pö geschneiderte Unterhose, sodass es im Audienzzimmer fürchterlich zu stinken begann, hatte der König doch am Vortag Hammelbraten gespeist. Die eben noch herrschende feierliche Stimmung war verdorben, es half auch nicht, dass Pachelbel zurückgerufen wurde, um mit der königlichen Hofkapelle eines seiner Stücke zu spielen.

Während die Musiker spielten, riss sich der König die Kleider vom Leib, inklusive Perücke und Unterhose. Ungerührt stand er schließlich in seiner Nacktheit da, während Lakaien seinen Popo putzten. Pö rief, während er abgeführt wurde: „Wohlgetan, Majestät – Unterhose und Scheißen liegen nah beisammen, wenngleich ich empfehle, die Unterhose künftig beim Scheißen beiseite zu schieben.“

Erstaunlicherweise hat der König die Adelung Pös nach den Vorfällen im Audienzzimmer nicht zurückgenommen. Pö durfte sich fortan Pöbel nennen. Die von Pöbel für den König geschneiderte und vom König angeschissene Unterhose, Pöbels Meisterwerk sozusagen, ging allerdings in den Wirren der Geschichte verloren. Man erzählt sich, Pöbel habe keine weiteren Unterhosen noch sonstige Kleidungsstücke mehr für den König geschneidert, sondern für die Damen am Stadtrand Unterwäsche entworfen, in der sie ihre Freier empfingen.

Pachelbel
Pöbel

 

Kassenkrieg

Die Situation in der ich mich befand war eine zufriedenstellende, Samstag Vormittag beim Einkaufen, draußen schien die herbstliche Sonne, ein freies Wochenende vor mir, freudig stand ich unter meinen Mitmenschen in der Kassenschlange, die Situation war derart zufriedenstellend, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, sie festzuhalten in Worten, im Gegenteil, es war ein angenehmer Fluss in mir, trotz des Wartens in der Kassenschlange, den ich nicht durch Festhalten unterbrechen wollte. Eine zweite Kasse wurde geöffnet, um die Schlange mehr ins Fließen zu bringen, ein zweiter Abfluss wurde geschaffen, und ich beschloss, den zweiten Abfluss zu benutzen, gerade als ich diesen Beschluss gefasst hatte, drängte sich ein hinter mir Wartender an mir vorbei, so war jedenfalls mein Eindruck seines Vorgehens, sein Vorgehen war ein Vordrängen. Nun empfand ich die Situation nicht mehr zufriedenstellend, eine leichte Unzufriedenheit stellte sich ein, weshalb ich nun beschloss, diese leichte Unzufriedenheit in leichte Worte zu fassen, und ich sagte zum Vordrängler: Sie haben es wohl sehr eilig?, woraufhin der Vordrängler sagte: Ich habe ja nicht viel!, eine Antwort, die mich erstaunte, erschien sie mir doch nicht logisch, denn nur weil man wenig Sachen zu bezahlen hat, erwirbt man doch nicht das Recht zum Vordrängeln, es war eine pure Dreistigkeit, sich vorzudrängen mit der Begründung, nicht viel zu haben. Erstaunte mich diese Antwort nur oder verärgerte sie mich? So genau kann ich das im Nachhinein nicht mehr sagen, ich denke es mischte sich bereits Ärger ins Erstaunen, doch dazu später, denn ich getraue mich zu behaupten, dass zu diesem Zeitpunkt das Erstaunen den Ärger überwog, antworte ich doch auf sein Ich hab ja nicht viel mit: Ich hab auch nicht viel, woraufhin er meinte: Ich war aber schneller!, und jetzt, das spüre ich ganz deutlich während ich erzähle, jetzt kam zum Erstaunen der Ärger, sein permanentes Rechtfertigen, das ich im Nachhinein als konsequente Kommunikationsverweigerung interpretiere, begann mich zu ärgern: sich vorzudrängen und anschließend zu versuchen, sich dafür zu rechtfertigen, mit despektierlichen Äußerungen – was soll das? Hätte er gesagt: Entschuldigung, ich habe es eilig, mein ursprünglicher Zustand der Zufriedenheit hätte sich nicht verändert, das traue ich mich zu behaupten, aber seine Aussagen Ich hab nicht viel und Ich war schneller erlebte ich als eine Respektlosigkeit, die mein Erstaunen in Ärger verwandelte, Krieg war nun unvermeidlich, das Schlachtfeld war eröffnet, ich sagte zu ihm, und ich höre mich mit zynischem Unterton sprechen: Das hier ist also ein Wettbewerb? Ein Gegeneinander? Wer schneller ist? Wer sich listiger am anderen vorbeidrängelt?Ich bin zwar älter als Sie aber schneller, das gibt’s, entgegnete er meinen Angriff, die Schlacht war in vollem Gange.

Ich blickte ihn reglos und durchdringend an, ich spürte meinen Ärger – und wahrscheinlich sah er ihn in meinen Augen – ich blieb aber äußerlich ruhig, wie ein Raubtier, das seine Beute zappeln lässt. In diese Spannung hinein sagte er: Haben Sie sonst keine Probleme?Nein, sonst habe ich keine Probleme. Sonst erlebe ich allgemeine Zufriedenheit. Nur mit Ihrem Vordrängeln, das Sie schlau und toll finden, habe ich ein Problem, weil ich es respektlos und dumm finde. Er winkte ab und vergaß dabei zu bezahlen, obwohl der Kassier ihm bereits den Preis genannt hatte.

Ich fühlte mich als Sieger dieses Wettbewerbs, und zur Kür sagte ich: Schnell! Schnell! Bezahlen Sie! Und packen Sie schnell Ihre Sachen! Zeigen Sie mir, wie schnell Sie sind! Er räumte das Feld, die Schlacht war vorüber.

Zwei Menschen auf Stühlen

Zwei Menschen sitzen auf Stühlen wie Menschen auf Stühlen sitzen, die Beine an den Hüften und Knien abgewinkelt, den Rumpf über der Hüfte aufrecht haltend beziehungsweise leicht an die Lehne gelehnt, mit dem Kopf darüber aufgehängt, eben in einer Haltung, die man als Sitzen bezeichnet, als einer der beiden Menschen, dessen grammatisches Geschlecht übrigens männlich ist und dessen natürliches Geschlecht uns nicht weiter zu interessieren braucht außer dass man es nicht automatisch als männlich annehmen sollte, als einer der beiden Menschen sagt:

„Ich sitze auf diesem Stuhl. Ich besitze ihn.“

Was den anderen Menschen, für den geschlechtstechnisch dasselbe gilt wie für den einen Menschen, was den anderen Menschen derart erbost, dass er von seinem Stuhl aufspringt und ruft:

„Stehen Sie auf von diesem Stuhl, Sie Besitzer! Ich bin sein Eigentümer, ich bestehe darauf! – Wie kommen Sie überhaupt auf die Idee, diesen Stuhl zu besitzen?“

„Weil ich auf ihm sitze.“

„Ich habe Ihnen den Stuhl nur freundlich überlassen, damit Sie darauf sitzen können, woraus Sie niemals ein Besitzrecht ableiten können!“

„Hat man, wenn man auf etwas sitzt, kein Besitzrecht auf das, worauf man sitzt?“

„Natürlich nicht!“

„Aber Ihre Frau, pardon: Ihr Partnermensch, saß doch vorher auf dem Stuhl, stand auf und bestand darauf, dass ich mich auf den Stuhl setze, sie beziehungsweise er überließ mir den Stuhl also zum Besitzen.“

„Sie meinen also, meine Frau, pardon: mein Partnermensch, ist mittelbarer Besitzer dieses Stuhles und hat Ihnen den Stuhl zum unmittelbaren Besitz überlassen?“

„Vermutlich meine ich das.“

„Bilden Sie sich ja nicht ein, mit dieser Meinung durchzukommen! Ich als Eigentümer dieses Stuhls werden Ihren unmittelbaren Besitzanspruch niemals anerkennen, genausowenig wie ich den Besitzanspruch meiner Frau, pardon: meines Partnermenschen, sei er mittelbar oder unmittelbar, niemals anerkennen werde!“

Zeitverdruss

Er war ein Zeitgenießer
weil er die Zeit
einst sehr genoss
jetzt ist er
ein Zeitgenosse
weil er die Zeit
nicht mehr genießt
weil ihn die Zeit
jetzt sehr verdrießt
ist er nicht nur
Zeitgenosse
sondern vor allem
Zeitverdrießer
In ferner Zukunft
wird man sagen
dass ihn die Zeit
einst sehr verdross
das er ist
ein Zeitverdrosse

Verlorene Geschichte

Ich erwachte in meinem Bett, es war schön behaglich warm, in diese Behaglichkeit kam die Geschichte zu mir, Ideen in Worte geschliffen, ich war sehr zufrieden, die Geschichte erhöhte die Behaglichkeit, sodass ich wieder eindöste, später erwachte ich dann und stand auf, ich ging auf den Balkon und reckte und streckte mich und begrüßte den Tag, dann ging ich ins Bad, unter der Dusche fiel mir die Geschichte wieder ein, die am frühen Morgen zu mir ins Bett gekommen war, was heißt sie fiel mir wieder ein: Ich dachte an sie, aber sie fiel mir nicht wieder ein. Die Ideen, in geschliffene Worte gebettet, waren weg. Ich legte mich zurück ins Bett, in der Hoffnung, dass sie noch da sei, aber sie war nicht mehr da, sie war offensichtlich mit mir aufgestanden, oder sie war vor mir aufgestanden, während ich wieder eingedöst war, jedenfalls hatte sie mich verlassen, ich spürte das jetzt schmerzlich, wo ich sie bei mir haben wollte und sie nicht mehr da war, ich spürte, dass ich krampfhaft nach ihr verlangte, sie nicht losließ, ich versuchte, sie loszulassen, um ihr zu ermöglichen, wieder zu mir zu kommen, aber sie kam nicht, bis heute nicht, und es ist ungewiss, ob sie jemals wieder kommt, genauso wie es ungewiss ist, ob sie jemals nicht wieder kommt, denn sie ist da, nichts geht verloren, auch wenn sie in meiner Wahrnehmung verloren ist.

Alfrederika

Alfred ist erfolgreicher Unternehmer. Sein Produkt ist eine Plastikkarte in Goldoptik, genannt Teuercard. Die Teuercard hat sich einen Namen als Wertanlage gemacht, deshalb wird sie auch Goldcard genannt, obwohl sie aus Plastik besteht und nur minimalste Spuren von Gold enthält, man vermutet, die angegebenen minimalsten Spuren von Gold sind ein reiner Marketing-Gag und die Teuercard enthält gar keine minimalsten Spuren von Gold. Es ist also davon auszugehen, dass die Teuercard nichts wert ist, dies wiederum ist eine Aussage ohne Wert, denn etwas hat genau den Wert, den man ihm beimisst. Für mich ist die Teuercard nichts wert, für andere ist sie soviel wert, dass sie alles dafür geben würden, oder, um es wirtschaftsspezifischer auszudrücken: Die Märkte zeigen große Phantasie, was den Wert der Teuercard betrifft.

Alfred hat sein Unternehmen mit dem Produkt Teuercard inzwischen teuer verkauft, um sich auf andere Dinge zu konzentrieren, zum Beispiel auf seine Familie, die aus seiner Frau Erika, seinen beiden kleinen Söhnen Manbert und Rofred und seit kurzem auch aus der Dackeldame Berta besteht. Alfred wollte eigentlich von Kind an aus dem Bert-Fred-Rhythmus seiner Familie ausbrechen – sein Vater heißt Albert, sein Großvater hieß Alfred, sein Urgroßvater hieß Albert, sein Ururgroßvater hieß Alfred, und so geht das zurück seit es Aufzeichnungen gibt. Doch selbst nach intensiven Diskussionen mit seiner Frau Erika kamen sie zu dem Entschluss, ihre Söhne Manbert und Rofred zu nennen, immerhin konnten sie sich dazu durchringen, sie nicht Manfred und Robert zu nennen, aber wieder findet sich Bert und Fred in beider Namen, was Alfred immer wieder niederschlägt. Wieso war er damals nicht fähig, seinen Söhnen andere Namen zu geben? Er schien dem Zwang unterlegen zu sein, seine Söhne Bert oder Fred zu nennen. Gibt es diesen Zwang? Oder bildet er sich diesen Zwang nur ein?

Trotz dieser zwanghaften Probleme in seiner Familie freute sich Alfred auf die Zeit ohne Teuercard, um mehr Zeit für Erika, Manbert, Rofred und auch für Dackeldame Berta zu haben. Aber just an der letzten Sitzung der Geschäftsleitung, an der er teilnahm, um die Dinge final zu übergeben, geschah etwas völlig Unvorhergesehenes: In dieser Sitzung wurde ein Mann namens Albert zum neuen Leiter des Marketings von Teuercard bestellt. Es war ungewöhnlich genug, dass dieser Mann ausgerechnet Albert hieß, aber Alfred verliebte sich in Albert, und zwar so heftig, dass er beschloss, sich von Erika scheiden zu lassen und Albert zu heiraten.

Mittlerweile tobt der Sorgerechtsstreit um Manbert und Rofred, Manbert und Rofred selbst lehnen Albert als ihre neue Mutter ab, Altmutter Erika sagt, Albert könne gar keine Mutter sein, Alfred sagt, man solle sich nicht in geschlechterspezifischen Begrifflichkeiten verlieren, wichtig sei die Geborgenheit, die Albert Manbert und Rofred vermittle und die Erika immer habe vermissen lassen.

Alfred hat jedoch, bei allem Glück mit Albert, nachdem seine erste Verliebtheit und die Flitterwochen nach der Hochzeit vorbei waren, psychologische Beratung aufgesucht, denn er wird den Gedanken nicht los, sich einmal mehr seiner familiären Zwanghaftigkeit unterworfen und ausgerechnet einen Mann namens Albert geheiratet zu haben.

Ungeachtet dieser ersten Eheprobleme bemühen sich Alfred und Albert gerade um die Adoption eines neugeborenen Mädchens, der sie den Namen Alfrederika geben wollen, um das Vakuum zu füllen, dass die verhaltensauffällige und nun im Tierheim weilende Dackeldame Berta hinterließ.