Oben über Trieben

Etwas trieb mich nach Trieben, Vorderbrandner fand es übertrieben, aber ich ließ mich nicht aufhalten, nicht einmal, als er mir hinterherrief: „Warum nicht wenigstens Leoben?“, sein Hinterherrufen irritierte mich ein wenig, denn ich verstand das erste E in Leoben wie ein Ö, ich dachte an den französischen Artikel Le, Le Oben klang es in meinen Ohren, Le Haut, das Oben oder besser der Oben, und ich dachte: Es ist eine gute Idee, in Trieben nach oben zu gehen, auf einen der umliegenden Berge, diese Idee setzte ich, in Trieben angekommen, in die Tat um, ich stieg auf einen der umliegenden Berge, den Triebenstein, und befand mich nach erfolgreichem Aufstieg oben über Trieben.

Leoben von oben
Oben über Trieben

Dolores, Marion und das Meer des Lebens

Ich denke an das talentierte Klageweib aus Irland, wobei: das Wort Denken gefällt mir nicht, Denken ist nur die Spitze des Eisbergs, es ist mehr als Denken, ich tauche ein ins Meer des Lebens, ich begegne ihr, wie es Gedanken allein nicht können: Dolores war ihr Name, Dolor – der Schmerz, in den Schmerz hinein aber nicht durch ihn durch, im Schmerz steckenbleiben, viele beneiden Dolores dafür, in den Schmerz hineingekommen zu sein, viele kommen ihr Leben lang nicht in den Schmerz hinein und sterben, ohne gelebt zu haben, sie kam hinein aber nicht durch ihn durch, sie sang beim Papst, das Singen beim Papst war der Anfang vom Ende, das Papsttum, das Oberheuchlertum der Menschheitsgeschichte, Dolores glaubte an die Männer und die Männer an den Papst, drei Männer als Moosbeeren stehen und sitzen hilflos um sie herum, an Gitarre, Bass und Schlagzeug, als The Cranberries, sie geben Rhythmus und Takt, während Dolores durch ihre Stimme ihr Leid klagt, aus dem es kein Entrinnen gibt, sagt der Papst, und sie glaubt ihm.

Meine Begegnung mit Dolores im Meer des Lebens ist eine intensive, doch in diese Begegnung platzt plötzlich ein Schwarm christlich-sozialer Demokraten, so nennen sie sich, ohne sich darüber einig zu sein und fragen: Laschet oder Söder als Kanzler? – Laschet oder Söder? Baerbock! Frauen an den Machtgebrauch, Männer weg von ihrem Missbrauch! Ich dränge den Schwarm zur Seite und lasse mich nicht länger ablenken, kehre zurück zum irischen Klageweib Dolores, das die Stimme erhebt und gehört wird, aber sich selbst nicht hört. Ihre Stimme verstummt.

Die Stimme verstummt. Bleibt im Hals stecken. Runterschlucken was raufwill. Mit Alkohol und Tabletten. Wie Marion. Marion ist heute vor 37 Jahren gestorben, das nennt man wahrscheinlich die journalistische Relevanz dieses Textes.

Marion Koeppen, 1927 in München geboren als Marion Ulrich, bürgerliche Dekadenz im Elternhaus in Schwabing, Saufgelage mit Künstlern, die Mutter stirbt während des Krieges als Fünfzigjährige am Alkohol, da hatte Marion als Sechzehnjährige bereits Wolfgang Koeppen kennengelernt, heiratet ihn wenige Jahre später und nimmt ihn auf in das brüchige Idyll des Elternhauses, in das Idyll, das 1963 endet, als Marions Vater stirbt. Verkauf und Abriss des Hauses. Die Schicksalsgemeinschaft mit Ehemann Wolfgang bleibt bis zu ihrem Tod bestehen. Mit Wolfgang Koeppen, mehr als zwanzig Jahre älter als Marion, dem Schreiberling, der in den 1950er-Jahren berühmt wird mit seiner Romantrilogie über das Westdeutschland in der Nachkriegszeit und danach fast nichts mehr veröffentlicht. 1967 finden sie mit finanzieller Hilfe aus dem Literaturbetrieb das Refugium im Haus Widenmayerstraße 45, in dem sie ihr Drama als zunehmend einsames Paar weiterführen.

Was ist meine Rolle in diesem Drama? Bin ich Wolfgang Koeppen? Der Mann, der die Frauen liebt und doch nur mit denen eine Beziehung eingeht, an denen er verzweifelt? Die Frau als Ablenkung des Mannes von sich selbst?

Die U-Bahn hält seit 1970 an der Ungererstraße in Schwabing, wo das Elternhaus Marion Koeppens stand. Ich gehe in den Untergrund und steige in den Zug, der mich zum Nordfriedhof bringt. Dort sind Marion und Wolfgang Koeppen begraben.

Ich bin allein im Zug, was mir nicht oft passiert. Mitten am Tag in der Millionenstadt. Ich genieße das Alleinsein, das Alles-in-Einem-Sein im Meer des Lebens. Ich spüre, dass Frauen und Männer miteinander leben können, um sich zu ge- und nicht zu missbrauchen.

Marion singt, endlich findet sie ihre Stimme: Sie singt ein Klagelied. Was sonst? Vor dem Schmerz erstarren? Im Schmerz steckenbleiben? Nein, durch den Schmerz durchgehen: There’s no need to argue anymore.

Wolfgang Acquodios Tierreich

Als Kind saß ich wie gebannt vor dem Radio und lauschte der Stimme Wolfgang Acquodios, wenn er seine Geschichten aus dem Tierreich erzählte. Er erzählte von den Tieren im Wald, wenn sich Fuchs und Dachs nach ihrem Tagwerk abends in ihrer gemeinsamen Höhle treffen, oder wenn sich die Rehe unter dem dichten Tann zum Schlafen zusammenkuscheln. Ich lag anschließend in meinem Bett und stellte mir vor, bei Fuchs und Dachs oder bei den Rehen zu sein, und schlief mit einem Gefühl großer Geborgenheit ein.

Jedenfalls hat sich die Stimme Wolfgang Acquodios so in mir eingebrannt, dass ich sie neulich – nach all den Jahren seit meiner Kindheit vor dem Radio – erkannte, als ich im Park unterwegs war. Da redete ein älterer Herr mit einer älteren Dame, anfangs war ich irritiert ob der Vertrautheit der Stimme die da sprach, einer Vertrautheit, die wie aus einer fernen Zeit klang, bis sich in mir alles zusammenfügte, und ich sie als die Stimme Wolfgang Acquodios erkannte.

Ergriffen blieb ich stehen, gab mich schließlich zu erkennen und fragte: Sind Sie Wolfgang Acquodio? Acquodio verzog fast keine Miene, ich glaube, er fühlte sich gestört und geschmeichelt zugleich, ich hatte Zeit, ihn und die Dame zu betrachten, wie sie dastanden am Teich mit ihren Pelzmänteln und strengen Frisuren, die Dame gezeichnet von mehreren Schönheitsoperationen. Ich konnte mir ein ausführliches Bild machen, doch bevor ich begann, es zu interpretieren, antwortete Wolfgang Acquodio auf meine Frage mit einem Ja. Szenen meiner Kindheit spielten sich daraufhin in meinem Kopf ab, die Geborgenheit des Waldes, bei Dachs, Fuchs und Rehen, Bilder, die so gar nicht zu dem Bild passten, das gerade vor mir war: Zwei harte alte Menschen, die mir unerbittlich erschienen, es war schwer zu ertragen, das Bild schrie nach Auflösung, wahrscheinlich deshalb sagte ich: Der Teich hier ist schön.

Acquodio wandte sich daraufhin zum Teich, in der seitlichen Silhouette sah sein Gesicht noch strenger aus, und sprach: Das Tierreich im Teich ist vom Wasser ganz weich! Dann nahm er die Dame mit dem starren Schönheitsgesicht beim Arm und schritt mit ihr davon.

Erstarrt starrte ich auf den Teich, einerseits ergriffen vom poetischen Satz der Stimme meiner Kindheit über das Tierreich im Teich, anderseits entsetzt über meine unbedachte Äußerung über den Teich: Acquodio hat immer Geschichten über den Wald, nie welche über das Wasser erzählt. Wie konnte ich nur den Teich erwähnen! Dazu noch sein Name – Acquodio – was soviel bedeutet wie: Wasser hasse ich. Doch was steht er auch am Teich, dieser Wasserhasser, dieser Boscamo, dieser Waldlieber!

Ich zog meine Schuhe aus und hielt meine Füße in das Wasser des Teichs. Mit der Gewissheit, meine Kindheit nun endgültig hinter mir gelassen zu haben.

Weiden in der Oberpfalz 2: Am Berg

Fortsetzung von Teil 1

Ah, Amberg! sagte Matthew, als sei ihm plötzlich die Erleuchtung gekommen: Ich weiß Amberg!
Er tippte in sein Handy und fuhr los, er schien einen genauen Plan zu haben, wo wir hinfahren, aber er ließ sich nicht in die Karten schauen beziehungsweise auf sein Handy, wo ich hätte sehen können, wo er sich hinnavigieren lässt. Fast schien es mir, dass er Angst hatte, ich würde sagen, dass wir da nicht hinfahren sollen, wo er hinfahren will.

Eines war mir bald klar: Wir fuhren nicht nach Amberg, da hätten wir uns von Weiden südwestlich halten müssen. Wir fuhren aber eher nach Südosten, an der Grenze zu Tschechien entlang, Richtung Bayrischer Wald. Bei Kötzting, wir waren sicher schon an die hundert Kilometer von Weiden gefahren, sagte ich: Bald hört die Oberpfalz auf, bald kommen wir nach Niederbayern.

Ja gut, sagte Matthew, wir sind gleich da, wir sind gleich Amberg. Er bog in eine Straße ein, die uns durch einen Wald zu einem Parkplatz führte. Dort stellte er den Wagen ab. Ich war verwirrt: Erst lässt er sich von mir durch die Oberpfalz führen, dann steuert er zielsicher einen Parkplatz in einem Wald bei Kötzting an, als hätte er nur das vorgehabt.
Wir sind Amberg, sagte Matthew: Ich hoffe, du gehst mit auf dem Berg!
Am Berg, nicht in Amberg, sagte ich, mehr zu mir als zu Matthew, und fühlte mich selber reingelegt von meinen Wortspielen.

Wir gingen zum Kreuzfelsen hoch, der eine schöne Aussicht auf das Kötztinger Tal und die bergig-hügelige Umgebung bietet. Auch das wusste Matthew genau. Ich spürte seine Freude und Aufregung, als wir durch den Wald nach oben gingen. Am Felsen angekommen, kletterten wir ganz nach oben zum Kreuz. Matthew blickte herum und war sehr ergriffen:
Es ist ein großer Moment für mich, sagte er: Mein Großvater erzählte mir, als ich war ein Kind, dass sein Vater, als er war ein Kind, von Kötzting hier hochgelaufen ist auf die Kreuzfelsen und dachte: Eines Tages ich gehe nach Amerika. Und er ist gegangen.

Wir blickten umher, das Wetter war schön, die Luft klar und bot eine wunderbare Sicht. Dann bat mich Matthew, ein Foto von ihm zu machen.

Nachdem Matthew das Foto angesehen hatte, sagte er: Ich bin sehr stolz auf diese Foto, Emil, obwohl keine Weiden es ist darauf zu sehen!
Er lächelte zufrieden, als hätte ich ihm die größte Freude gemacht, die ihm jemals in seinem Leben widerfahren ist. Dann sah ich das Foto an: Matthew und hinter ihm das Kötztinger Tal mit seinen Wiesen und Weiden. Matthew auf den Spuren seines Urgroßvaters.

Ich nannte das Foto Matthew und die Weiden in der Oberpfalz, aber nur für mich, ich sagte es Matthew nicht.

Weiden in der Oberpfalz 1: Weiden

Matthew Smith aus Chicago meldete sich und sagte, er habe meine Nummer von Bekannten von Bekannten von Bekannten von mir, die ihm sagten, ich könne ihm weiterhelfen bei seinen Annäherungen an die Oberpfalz.

Ich fragte ihn, ob er ein Auto hat, dann wäre es ein Leichtes, sich der Oberpfalz von München aus anzunähern – die Autobahn führt direkt dorthin. Matthew mietete sich daraufhin ein Auto, ein paar Tage nach unserem Telefonat holte er mich ab und wir fuhren auf die A9 Richtung Norden. In der Holledau bogen wir auf die A93 ab. Matthews Gesicht war voll gespannter Erwartung, und als wir Regensburg erreichten, rief er voller Freude: Ah, Regensburg, die Hauptstadt der Oberpfalz!
Ich blickte skeptisch, und er blickte fragend, mich an, worauf ich zu einer Erklärung ansetzte:
Offiziell ja, offiziell ist Regensburg die Hauptstadt der Oberpfalz.
Offiziell?
Heidelberg war auch mal die Hauptstadt der Oberpfalz.
Heidelberg?
Ja. Wegen der Pfälzer Linie der Wittelsbacher. Deshalb heißt die Oberpfalz auch Oberpfalz.
Matthew Smith blickte vollkommen verwirrt, ich redete trotzdem weiter, denn ich kann nichts dafür, dass die deutsche Geschichte eine verwirrende ist:
Viele sagen, dass die Oberpfalz generell nicht regierbar ist, auch nicht von Regensburg aus, obwohl Regensburg näher an der Oberpfalz ist als Heidelberg. Und wahrscheinlich soll man die Oberpfälzer gar nicht regieren wollen, auch nicht von Amberg oder Weiden aus, das zeigt doch die Fuchsmühler Holzschlacht.

Ich bemerkte, dass ich Matthew als Zuhörer verloren hatte und setzte meinen Vortrag daher nicht fort, sondern schlug vor, nach Weiden zu fahren.
Nach Weiden? fragte Matthew.
Ja, nach Weiden in der Oberpfalz.

Wir setzten unsere Fahrt auf der A93 Richtung Norden fort. Bevor wir allerdings nach Weiden kamen, legten wir eine Pinkelpause ein. Vom Parkplatz aus hatte man eine schöne Aussicht auf die Landschaft, und Matthew sagte: Dort ist ein Fluss!
Ja, die Naab. Mit schönen Weiden am Ufer, sagte ich.
Das ist Weiden? fragte Matthew erstaunt. Weiden in der Oberpfalz? Er machte ein Foto.
Nein, das sind Weiden, sagte ich: Bäume, die an Flüssen wachsen.
Matthew blickte ratlos auf sein Handy. Wir gingen wieder zum Auto und fuhren weiter nach Weiden.

In Weiden gingen wir durch die Stadt, und Matthew machte auf mich einen angestrengten Eindruck, als ob er ständig etwas suche.
Suchst du etwas?
Ja, die Weiden.
Die Bäume?
Ja, die Bäume.
Die wachsen nicht in der Stadt. Wir müssen an den Fluss gehen, an die Waldnaab. Dort wachsen sie.
Wir gingen ans Ufer der Waldnaab. Dort fanden wir Weiden, und Matthew machte wieder ein Foto von den Weiden.

Ich sagte zu Matthew: Das Foto vom Parkplatz nennst du Weiden in der Oberpfalz, und das Foto von hier nennst du Weiden in Weiden in der Oberpfalz.

Matthew blickte mich wieder verwirrt an, doch ich ging nicht darauf ein, sondern zum Auto und schlug vor, weiter nach Amberg zu fahren.

weiter zu Teil 2

Übergabeprotokoll

Meine erste Schiffsreise die ich tat war professioneller Natur, ich wollte mit dieser Reise Geld verdienen und bewarb mich auf eine Anzeige hin als Protokollant der Übergaben. Ich witterte leichtes Geld – irgendwelche Übergaben protokollieren und dabei auf dem Meer herumschippern: Ich stellte mich auf einen verdienstvollen Urlaub ein.

Schon am ersten Tag der Reise war die See eine stürmische, es gab unzählige Übergaben und ich wurde zu ihnen gerufen, um sie zu protokollieren: Ich sah bleiche Gesichter, die sich eben übergeben hatten, erst jetzt erfuhr ich, welche Übergaben ich zu protokollieren hatte: orale Übergaben menschlichen Mageninhalts an die Umwelt. Während die stürmische See das Schiff schwanken ließ, versuchte ich standhaft zu bleiben mit meinem Protokoll in der Hand und fragte die bleichen Gesichter mit leerem Magen nach Name, Geschlecht, Alter, Wohnort und Familienstand. Wieso denn Familienstand? fragte ein bleiches Gesicht erschöpft. Ich weiß nicht, sagte ich, steht so im Protokoll.

Manche versuchten, an die Reling zu gelangen und sich ins Meer zu übergeben, daraufhin wurde via Lautsprecher eindringlich aufgefordert – es klang wie ein Befehl – zur Übergabe des Mageninhalts die dafür bereitgestellten Schüsseln zu benutzen oder, falls eine Schüssel nicht rechtzeitig zur Hand sei, sich auf den Schiffsboden zu übergeben. Ein Kollege von mir sammelte daraufhin, nachdem Übergaben ins Meer erfolgreich unterbunden worden waren, Proben des jeweils Erbrochenen aus den Schüsseln oder vom Boden ein und diktierte mir anschließend die Entnahme seiner Proben, damit ich auch diese protokollieren konnte.

Nach erfolgter Protokollierung wurde ich aufgefordert, auch für die Beseitigung des Erbrochenen zu sorgen, anfangs weigerte ich mich, diese Aufgabe zu übernehmen, schließlich, so behauptete ich, stünde nichts davon in meinem Arbeitsvertrag, ich wurde dann jedoch auf den Passus des Vertrages verwiesen der lautete: Bei Bedarf hat der Arbeitnehmer auch andere Arbeiten als die Protokollierung von Übergaben zu übernehmen. So übernahm ich also auch die Beseitigung von Übergaben.

Die See blieb stürmisch während der ganzen Überfahrt nach New York, sodass ich pausenlos Übergaben zu protokollieren und zu beseitigen hatte, bis ich spätabends erschöpft in mein Kajütenbett fiel, bis sich frühmorgens der erste wieder übergab. Sogar mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf wurde ich zu Übergaben gerufen.

Auf der Rückfahrt waren neue Passagiere an Bord, von denen sich der Großteil ebenfalls wie die Hinfahrtspassagiere ständig übergeben musste, ich wunderte mich, wieso sich immer alle bis auf wenige übergeben mussten, hatte aber nicht viel Zeit zu diesen Überlegungen, zu beschäftigt hielten mich die Protokollierungen und Beseitigungen der ständigen Übergaben. Da die See jedoch insgesamt etwas ruhiger war als bei der Hinfahrt, hatte ich zwischendurch Zeit zu fragen, wozu denn die ganzen Übergaben protokolliert werden müssen, wurde aber lediglich auf meinen Arbeitsvertrag verwiesen und dass ich diesen zu erfüllen hätte.

Erschöpft betrat ich schließlich europäisches Festland, ich konnte kein Erbrochenes mehr sehen und vor allem nicht mehr riechen. Ich sah noch, wie die entnommenen Proben des Erbrochenen in einen Transporter verladen wurden, wandte mich aber gleich ab, denn bei diesem Anblick stieg sofort wieder der Geruch von Erbrochenem in meine Nase, der mich während der Reise wochenlang begleitet hatte und den ich anschließend wochenlang, monatelang nicht loswerden konnte. Schweißgebadet wachte ich monatelang nachts aus dem immer selben Albtraum auf: Ich hatte geträumt, in einem Meer von Erbrochenem zu ertrinken.

Später habe ich erfahren, dass auf diese Schiffsreise, deren Übergaben ich protokolliert hatte, nur Menschen eingeladen worden waren, die leicht seekrank werden. Durch die chemische Analyse der Proben ihres Erbrochenen stellte man fest, welche Speisen in welcher Zusammensetzung sie unmittelbar vor Antritt und während der Reise zu sich genommen hatten und wollte so herausfinden, welche Speisen in welcher Zusammensetzung vor allem zu Seekrankheit führen, um diese in Zukunft nicht mehr anzubieten und so die Anzahl der Übergaben von Erbrochenem während einer Schiffsreise zu verringern.

Es hieß, die Untersuchung habe keine signifikanten Ergebnisse geliefert. All die Protokollierungen der Übergaben waren also umsonst gewesen, mehr noch: Die ganze Reise war umsonst gewesen. Seit dieser habe ich nie mehr eine weitere Schiffsreise unternommen.

Uteto Fritz und die Hamsterradiaden der Menschheit 3: Die Schönheit des Todes

3 Die Schönheit des Todes

Fortsetzung von Teil 2

Uteto Fritz sitzt am Stamm seines Baumes, der von der Wintersonne erwärmt wird. Die Hamsterradiaden sind wie durch ein Wunder einer angenehmen Ruhe gewichen. Uteto Fritz liest Zeitung. Dann blickt er auf zu mir und sagt: Thomas Bernhard hat gesagt, er lese die Zeitung, um mehr vom Irrsinn dieser Welt zu erfahren, ich lese also wie er, um vom Irrsinn dieser Welt zu erfahren, und dabei lese ich von Virologen, von den neuen Chefs der Menschheit, die von der Bundeskanzlerin zu Rittern geschlagen werden, von Leuten wie Thomas Brussig geadelt werden, von Thomas Brussig, der unter dem Titel Mehr Diktatur wagen fordert, die Demokratie aufzugeben und Virologen zu unseren Diktatoren zu befördern, vielleicht weil er die DDR-Diktatur erlebt hat und die Diktatur von Google, Apple und Co. heraufziehen sieht, besser eine staatlich-naturwissenschaftliche Diktatur als eine privat-technokratische, denkt er sich vielleicht. Jedenfalls ist das eine orthodoxe Wissenschaftsgläubigkeit, die ich irrsinnig finde, nein mehr noch, die mir Angst macht, sagt Uteto Fritz, Angst um meine Freiheit, ich glaube nicht an Google, Apple & Co., ich glaube auch nicht an Virologen, ich glaube an mich und mein Leben, das tödlich enden wird.

Das Treiben der Viren unter dem Mikroskop zu beobachten stelle ich mir Furcht einflößend vor, vielleicht ist es auch faszinierend, vielleicht beides zugleich: die Welt als Vire und Vorstellung, dabei vergesse ich, dass durch das verordnete Nichtstun wegen der tödlichen Virengefahr neue Risikogruppen herangezüchtet werden, zum Beispiel die Fettleibigen, die dann wieder die Intensivbetten blockieren, was zu weiterem Nichtstun führt… – ich verliere mich in den Gedanken zur Pandemie. Gibt es noch etwas anderes als die Pandemie, zum Beispiel das Leben an sich?

Uteto Fritz legt die Zeitung beiseite und sagt: Ein Virus ist potentiell tödlich, so wie das Leben. Solange ich mich nicht damit abfinde, dass mein Leben tödlich enden wird, werde ich Angst vor dem Tod haben, und diese Angst zum Beispiel auf ein Virus projizieren. Vor ein paar Tagen brachte ich meine Nichte ins Bett, sie konnte nicht einschlafen und sagte, sie habe Angst vor den Viren, die kommen sicher heute Nacht zu ihr ins Bett und töten sie. Da sagte ich zu ihr: Die Viren wollen genauso leben wie wir Menschen. Als einmal ein Mensch gestorben war, den die Viren befallen hatten, setzten sie sich in einer Runde zusammen wie die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin, waren sehr traurig über den Tod dieses Menschen und meinten einhellig: Die Lebenskraft dieses Wirtes haben wir überschätzt, seine Gastfreundschaft endete tödlich. In Zukunft wollen wir uns Wirte suchen, die mit uns leben können.

An den Tod, sagt Uteto Fritz, glaube ich wie an das Leben, durch den Tod werde ich meine letzte intimste Begegnung mit mir selbst haben, es wird hoffentlich eine schöne Begegnung sein voller Zufriedenheit, zumindest ist das mein Ziel. Doch ich stelle fest: Gerade lebe ich, als Mensch auf dieser Erde, voller Neugier, was mir heute noch passieren wird, sagt Uteto Fritz, drückt mir die Zeitung in die Hand, steht auf und geht über die Wiese der Sonne entgegen.

Moritz Mozart

Vorderbrandner stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf Dinge, die mich erstaunen lassen. So hat er tatsächlich einen Nachfahren von Wolfgang Amadeus Mozart ausfindig gemacht, der sich Moritz Mozart nennt und behauptet, der Ururururururenkel seines berühmten Ururururururgroßvaters zu sein. Das wäre schon erstaunlich genug, aber das, was mich noch mehr erstaunt, ist, dass Vorderbrandner solche Menschen, die er ausfindig macht, auch zum Reden bringt. So sagte ihm Moritz Mozart, sagt Vorderbrandner, dass er von Freunden liebevoll Momo genannt wird, während andere Bekannte, die mit seiner Homosexualität nicht klarkommen und behaupten, er sei derjenige, der bei seinen Liebesaffären immer anal penetriert wird, ihn zarte Ritze nennen, Anlass dafür war eine Verletzung am After, die er sich tatsächlich beim Analverkehr zugezogen hatte und von der er einem heterosexuell veranlagten Bekannten erzählt hatte, diesen Bekannten hatte er liberal und offen eingeschätzt, doch dieser Bekannter ist ein verstockter Christ, er kam mit dieser Erzählung nicht klar und teilte sie mit anderen verstockten Christen die er kennt, und einer dieser anderen verstockten Christen hat wohl das Wortspiel mit der zarten Ritze erfunden, das seitdem in aller Munde ist.

Natürlich, sagt Vorderbrandner, habe er Moritz Mozart auch nach seinem Ururururururgroßvater gefragt, was er anfangs fast bereut hätte, denn Moritz Mozart war auf diese Frage hin plötzlich still, dann aber wurde er wütend und schimpfte auf seinen Ururururururgroßvater, Wolfgang Amadeus hätte nichts als Unglück über die Mozarts gebracht, er redete sich in Rage, sodass von Stille nicht mehr die Rede sein konnte, sondern von ihrem Gegenteil, er sagte, sein berühmter Vorfahr sei ein Frauenheld gewesen, ein charmanter zwar, aber ein Frauenheld, sein musikalisches Genie und die damit einhergehende Berühmtheit habe er ausgenutzt, um sich durchs Leben zu prassen und um nichts zu hinterlassen als einen Scherbenhaufen. Er könne Frauen deshalb nicht ausstehen, sagt Moritz Mozart, weil sie für die Dekadenz seines Ururururururgroßvaters stehen, mit ihrem tiefen Loch zwischen den Beinen, in dem man sich verliert und in das man versinkt, er wisse nicht, warum ihn seine Mutter als Kind dazu zwang, Röckchen und Kleidchen anzuziehen, wie konnten sich die Mozarts nur über so viele Generationen fortpflanzen, es muss doch ein Ekel geherrscht haben vor dieser schleimigen Höhle, in die man den Penis steckt, jedenfalls habe er diesen Ekel bei einer schamanischen Sitzung deutlich gespürt, seitdem ekle ihm noch viel mehr vor Frauen, ihm ekle vor jeglichen schleimigen Öffnungen, sogar vor seinem eigenen After wenn er es für den Analverkehr eincremt, merkwürdigerweise lerne er nur Partner kennen, die ihn anal nehmen wollen und nicht umgekehrt, einmal habe er sich vor lauter Ekel nicht genug eingecremt, dabei sei diese Verletzung entstanden, die ihn zur zarten Ritze machte, sein Liebespartner habe ihn blutend zurückgelassen, seitdem ekle es ihm vor Analverkehr, er hat geträumt, dass eine Frau mit ihren Fingern zart sein After gestreichelt habe, dann aber kam sie mit ihren Brüsten über ihn, die ihn fast erschlagen hätten, er kann seinem Ururururururgroßvater einfach nicht verzeihen, was er ihm angetan hat, er kann Frauen nicht lieben, er hat zuviel Angst vor ihnen, seit seiner Verletzung kann er auch Männer nicht mehr lieben, er könnte sich natürlich einen Partner suchen, den er penetriert, aber er macht sich zu viel Druck wenn es ans Penetrieren geht, sein Penis erschlafft dann regelmäßig, und so ist er in die Rolle des Penetrierten gerutscht, ohne dass er es wollte, vielleicht würden schamanische Sitzungen helfen, um die Lockerheit für die Penetration zu erlangen, er habe keine Lust mehr, der Penetrierte zu sein, je mehr er über die Penetration nachdenkt, desto mehr will er eine feuchte Frauenhöhle penetrieren statt einen eingecremten Männerafter, aber das macht ihm wieder Angst, diese Höhle, vor der sein Penis erschlafft, er kann seinem Ururururururgroßvater die Wunden nicht verzeihen, die er geschlagen hat.

Vorderbrandner hat die Geschichte von Moritz Mozart mehreren Verlagen zur Veröffentlichung angeboten, aber alle sagten: Mozart ohne Musik – das geht nicht!

Kurze Biographie des Ururururururgroßvaters

Uteto Fritz und die Hamsterradiaden der Menschheit 2: Die Ruhe in der Unruhe

2 Die Ruhe in der Unruhe

Fortsetzung von Teil 1

Begegnung, so sagen gerade viele, ist im Moment, in Corona-Zeiten, nicht möglich, aber für mich, der ich alleine wohne, sagt Uteto Fritz, ist Begegnung im Moment mehr möglich als sonst, Begegnung mit mir selbst, meine umfassende körperlich-geistig-seelische Selbstbegegnung erfüllt mich mehr als ein verlogenes Tinder-Date, ich spüre mich mehr als sonst, weil ich Zeit habe, anzuhalten und mich zu beobachten, manchmal ist das eine harte Übung, bei der ich Widerstände überwinden muss, denn meine Ahnen haben, wie die ganze Menschheit, viel Selbstverleugnung betrieben in all den gelebten Jahrhunderten, viel Schmerz hinuntergeschluckt, diesen Schmerz in sich gespeichert und weitergegeben, und dieser Schmerz, lasse ich ihn zu, ist groß und schmerzvoll, und es befreit mich ungemein, ihn zuzulassen.

Begegnung, wie sie viele sonst konsumieren, ist im Moment, in Corona-Zeiten, nicht möglich, in Shoppingcentern, in Fitnessstudios, in Cafés und Gastwirtschaften. Sie laufen deshalb im Freien herum, oft in Parks und Grünanlagen, wo sie Abstand halten können, und klammern sich bei diesem Laufen an ihre mitgebrachten Kaffeebecher und mobilen Endgeräte.

Ich lehne mich an meinen Baum, der von der Wintersonne bestrahlt wird, an dem ich Ruhe finde, an dem ich mir und dem Universum begegne, währenddessen laufen sie an mir vorbei mit ihren Kaffeebechern und ihren mobilen Endgeräten und ihrer Unruhe, und sie glauben, dass sie Abstand halten, aber sie halten keinen Abstand, im Gegenteil, sie vergewaltigen ihre Umgebung, konsumieren sie wie einen Kaffee oder ein Tinder-Date, kein Begegnen, sondern ein Davonlaufen, sie haben nicht nur Kaffee und mobile Endgeräte dabei, sondern auch riesige Hamsterräder, mit denen sie durch die Gegend rattern, sie rattern lärmend durch die Gegend und kommen nicht auf die Idee, die Hamsterräder anzuhalten und aus ihnen auszusteigen, zuviel Angst, was dann passieren würde, nämlich nichts außer Ruhe und Begegnung mit sich selbst, diese Begegnung in der Ruhe wäre vielleicht eine Begegnung mit der eigenen Unruhe, dann lieber weiter im Hamsterrad, Kaffee schlurfend und pausenlos redend, ins mobile Endgerät oder zum benachbarten Hamsterrad, Sprache energetisiert nicht, sondern lenkt ab, ich rufe laut: Steigt aus aus euren Hamsterrädern und haltet mal für fünf Minuten euren Mund!, aber mein Ruf verhallt ungehört, die Hamsterräder rattern zu laut, sie rattern noch lauter während ich rufe, so empfinde ich es, durch das Hamsterradgeratter höre ich ein höhnisches Gelächter und einer ruft: Schaut mal, wie der armselig am Baum steht, ganz ohne Hamsterrad!

Ich spüre den von der Wintersonne erwärmten Stamm des Baums an meinem Rücken, ich spüre meine Wut und meine Enttäuschung darüber, mich selbst immer wieder täuschen zu wollen, indem ich glaube, mir auch ein Hamsterrad anschaffen zu müssen, aus Angst, sonst allein zu sein, sagt Uteto Fritz.

weiter zu Teil 3

Rote Rosen für Blanche

Als ich zum ersten Mal L’ami de mon amie von Eric Rohmer sah, es war wohl um das Jahr 2000 herum, verliebte ich mich heftig in die Hauptdarstellerin Emmanuelle Chaulet. Tagelang hatte ich Sehnsucht nach ihr, ich wollte bei ihr sein in Cergy-Pontoise, einer auf dem Reißbrett entworfenen Trabantenstadt bei Paris, wo der Film spielt. Meine damalige Freundin fragte mich, was mit mir los sei, sie bemerkte meine heftige Verliebtheit, was nicht schwer war, denn ich war zu Tränen gerührt, jedesmal wenn ich an Emmanuelle Chaulet dachte, so groß war meine Sehnsucht, aber ich sagte nichts, aus Angst, meine Freundin würde mich verlassen. Denn so groß meine Verliebtheit war, fast so groß war meine Angst vor dem Verlassenwerden. Wenige Wochen später verließ mich meine Freundin, so empfand ich es damals, heute sage ich: Wir haben uns verlassen. Ich fuhr trotzdem nicht nach Cergy-Pontoise, um Emmanuelle zu sehen, zu groß war die Angst vor Enttäuschung. Sie würde nicht da sein, meine Traurigkeit ins Unermessliche steigen. Ich fand heraus, dass Emmanuelle Chaulet inzwischen in den USA lebte, außerdem fand ich heraus, dass ich in Wahrheit Blanche liebte, wie Emmanuelle in ihrer Rolle heißt. Eric Rohmer machte keinen Unterschied zwischen Filmfigur und realer Person, ich in diesem Fall schon. Dieser Unterschied half mir, wieder zu mir zu kommen. Als ich L’ami de mon amie zum ersten Mal sah, war ich ungefähr in Blanches Alter, während Emmanuelle Chaulet älter geworden war. Raum und Zeit war gegen diese Liebe. Diese Liebe musste eine unglückliche bleiben, nein, nicht diese Liebe: dieses romantische Bild von Blanche. Rohmer war ein Romantiker, der die Romantik entzauberte: Seine Figuren sind bürgerliche, verkopfte Spießer auf der Suche nach ihren Gefühlen. Das kommt mir im nachhinein sehr realistisch vor was meine Realität betrifft.

Vor einigen Tagen habe ich mit Josefine wieder L’ami de mon amie angesehen. Es war ein gewagtes Experiment und nahm den erwarteten Ausgang: Ich verliebte mich wieder heftig in Blanche, es ging nicht anders, zu genial erzählt Rohmer diese Geschichte mit seinen Bildern. Ergriffen lag ich Josefine in unserem kleinen Heimkino in den Armen.
„Ich habe mich in Blanche verliebt“, sagte ich.
Josefine drehte sich zu mir, lächelte und sah mir in die Augen: „Ich weiß. Ich mag es, wenn du dich in Blanche verliebst, mon douce Emile!“

Am nächsten Tag ging ich durch Schwabing, mit mindestens so viel Liebe wie Rohmer durch sein Paris. Ein bisschen wünschte ich mir, in Cergy-Pontoise zu sein, bei Blanche. Ich kam an einem Blumenladen vorbei. Neben der offenen Tür stand: Wegen Corona – Blumen nur auf Bestellung. Ich rief durch die Tür hinein: „Ich möchte gerne rote Rosen bestellen!“ Dann setzte ich meine Maske auf, ging durch die Tür in den Laden hinein und sagte: „Ich habe roten Rosen bestellt.“