Unnutzenschema nach Hinterstoisser

Die Wirtschaftswissenschaft ist eine putzige Wissenschaft: Menschliche Phänomene, denen nach menschlichen Maßstäben eine Komplexität innewohnt, versucht sie in simple, triviale Formeln zu packen. Sie bedient sich dabei willkürlich und nach Lust und Laune der Psychologie und der Mathematik. In der komplexen Praxis greifen diese simplen, trivialen Formeln viel zu kurz. Sie sind viel zu kurz gedacht. Aber Langdenken geht in der Wirtschaftswissenschaft nicht, sie ist eine anwendungsorientierte Wissenschaft. Alles muss von Nutzen sein. Der Nutzen von Kurzdenken ist höher als der Nutzen von Langdenken, so die innewohnende Logik, denn Denken an sich bringt keinen Nutzen. Vielleicht ist das schon zu lang gedacht.

Ich wollte einmal eine Geschichte schreiben mit dem Titel Der Nutzen des Apfelbutzen, es wurde nur ein unnützes Gedicht daraus: Die Würmer krochen hinein, zersetzten ihn gar fein. Aber was interessiert Apple der Apfelbutzen: Es geht nicht um Würmer, sondern um schnieke Geräte, von denen Menschen abhängig gemacht werden, damit sie glauben, sie zu brauchen, oder, um es wirtschaftswissenschaftlich simpel und trivial auszudrücken: dem stofflich-technischen Grundnutzen wird ein geistig-seelischer Zusatznutzen aufgepfropft. Dies geht aus dem sogenannten Nutzenschema der Nürnberger Schule nach Vershofen hervor, das die Wirtschaftswissenschaft in jenen Bereichen zur Wahrheitsfindung heranzieht, in denen sie es als nützlich erachtet. Wahr ist, was nützlich ist, lautet der Leitsatz der Erkenntnis, kurz gedacht und wahr gemacht.

Als Freund der Dualität der Dinge leitete ich aus dieser Erkenntnis den Satz Unwahr ist, was unnütz ist ab und wollte daraus in einem ersten Schritt ein Unnutzenschema entwickeln, an dem sich die Menschen orientieren, die im Unnutzen mehr Unwahrheit sehen als im Nutzen Wahrheit. Ich kam jedoch bei meiner Arbeit, die ich zunächst am Schreibtisch verrichtete, nicht voran, ich sah keinen Nutzen in ihr und auch keinen Unnutzen, und so beschloss ich, einen physischen Schritt zu tun, einen unnützen, dem keine simple, triviale Formel zugrundelag. Ich ließ dem ersten unnützen Schritt weitere unnütze Schritte folgen, die mich zu meinem Fahrrad führten. Dann fuhr ich mit meinem Fahrrad in die Unnützstraße, eine unnütze Aktion, könnte man sagen, doch ich erhoffte mir dort neue Erkenntnisse, und tatsächlich: In der Unnützstraße hing die Sonne unnütz auf kahlen Bäumen rum:

Agnieszka, die Trampolin

Die Vorteile der U-Bahn weiß ich als Großstadtbewohner durchaus zu schätzen. Mit rasender Geschwindigkeit und ohne Hindernisse im Untergrund von A nach B zu gelangen, wie ein Hochgeschwindigkeitsmaulwurf: Es gibt kein schnelleres innerstädtisches Verkehrsmittel. Dennoch bewege ich mich lieber auf der Oberfläche, mit dem Fahrrad, oder, wenn ich Zeit habe, zu Fuß. Ich bin halt doch ein Mensch und kein Maulwurf.

Vor zwei Wochen, als ich Zeit hatte und es mir zu kalt und zu weit war, um zu Fuß zu gehen, nahm ich die Tram. Im winterlichen Sonnenschein stieg ich am Stachus ein. Ich war glücklich, mich fortzubewegen, dabei etwas zu sehen und mich nicht auf den Verkehr konzentrieren zu müssen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die Umgebung, die an mir vorbeizog. Auf die Häuserfassaden in der Sonne und im Schatten und auf die Leute davor auf den Gehsteigen. Auf die kahlen Äste der Laubbäume im flachen Licht und den blauen Himmel dahinter. Die Tram selbst war locker gefüllt, und bei meinem Blick durch den Waggon fiel mir eine Frau auf: Dunkelblond, wohl zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahre alt, hübsch, anmutig. Aber das ist nebensächlich, denn was mich vor allem faszinierte, war ihr Blick. Ein stolzer Blick, der die tiefe Sehnsucht hinter diesem Blick nicht verbergen konnte. Eine zarte Traurigkeit schimmerte durch. Kurz schauten wir uns in die Augen, aber ihr Stolz ließ sie sofort wieder wegschauen. Nach zwei oder drei Fahrminuten ertappte ich sie dabei, wie sie noch einmal zu mir schaute. Sofort schaute sie wieder weg. Für die Gewissheit meiner Bewunderung hätte sie fast ihren Stolz geopfert. Ich fühlte mich stark, begehrt, ich spürte die Liebe. Zufrieden stieg ich an der Schellingstraße aus und ging pfeifend am Gehsteig entlang zu mir nachhause.

All das hätte ich wahrscheinlich schon vergessen und würde es nicht erzählen, wenn ich nicht vor einer Woche wieder mit der Tram gefahren wäre und genau diese Frau wieder getroffen hätte. Unsere Blicke trafen sich, ganz kurz, immer sofort unterbrochen von ihrem Stolz. Ich stieg nicht aus an der Schellingstraße. Am Elisabethmarkt stieg sie aus. Ich auch. Ich folgte ihr durch die Marktstände. Dann ging sie geradeaus weiter in die Agnesstraße. Ich folgte ihr nicht weiter, sondern bog nach links ab. Pfeifend ging ich den Gehsteig entlang und stellte mir vor, dass die Stolze aus der Tram eine Polin ist. Ihre dunkelblonden Haare und ihr blasses Gesicht mit seinen etwas kantigen Zügen machen sie zu einer slawischen Schönheit. Ihr Stolz ist auch slawisch, der Stolz, mit dem sie ihre Unsicherheit überspielen will, ihre große unerfüllte Sehnsucht. Ach, was schreibe ich da über slawische Schönheit! Sie ist eine Polin! Punkt. Weil es mir so gefällt! Weil ich mich durch diese Geschichte noch mehr in sie verliebe. Kurz überlegte ich, ob ich sie Elzbieta oder Agnieszka nenne, entschied mich für Agnieszka und stellte mir vor, wie Agnieszka die Agnesstraße entlanggeht und sich nach der Liebe sehnt.

Als das würde ich nicht erzählen, hätte die Geschichte mit Agnieszka nicht gestern eine Fortsetzung gefunden: Ich war in der Sauna. Zwischen meinen Gängen nahm ich ein Fußbad und las in der Charakteranalyse von Reich. Als ich kurz aufblickte, sah ich am anderen Ende des Raumes Agnieszka. Ich sah sie von der Seite, sie trocknete sich ab. Ich fand sie wunderschön mit ihrem nackten Körper. Ich konnte meine Blicke nicht abwenden. Dann blickte auch sie zu mir, und ich bilde mir ein, ja, ich bin mir sicher: Sie hat mich sofort erkannt. Sie drehte sich in meine Richtung und streckte ihren Oberkörper, sodass ihre Brüste, ihr Bauch und ihre Beine voll zur Geltung kamen. Stolz präsentierte sie sich. Flammend spürte ich mein Begehren. Im nächsten Moment warf sie sich ein Handtuch um und mir einen stolzen Blick zu. Dann schaute sie in die Weite, vielleicht in ihre Sehnsucht, und ging an mir vorbei aus dem Raum, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Ich blieb sitzen, legte aber die Charakteranalyse zur Seite, in der ich nicht mehr gelesen, sondern mich nur daran festgehalten hatte. Agnieszka! Nur du! Jetzt! Ich fühlte mich sehr lebendig, vom Leben geküsst. Flammendes Begehren. Was jetzt? Ich nahm eine Dusche. Unter der Dusche sah ich die chaotischen Verstrickungen der Unliebe hinter Agnieszkas Stolz. Enttäuschte Liebe, von Kindheit an. Agnieszka ist verliebt in die Sehnsucht nach der Liebe und hat Angst vor der Liebe. Agnieszka? Wie komme ich überhaupt darauf, sie Agnieszka zu nennen? Was für eine lächerliche Geschichte! Ich gehe aus der Dusche und trockne mich ab. Ich beschließe, nicht weiter über Agnieszka nachzudenken. Ich beschließe, die kurzen liebevollen offenen Momente zwischen uns so zu belassen, wie sie sind, ohne weitere Kommentierung: Agnieszka, die schöne Polin aus der Tram, die ich in der Sauna getroffen habe.

Als ich das Handtuch zur Seite lege, sehe ich sie kommen.

Hundert, Menschert und der Baum der Selbstachtung

Hundert Hunde laufen durch den stadtnahen Wald, kurz gesagt ein Hundert. Außer Hundert gibt es in diesem Wald nur noch Tiere, die bei eins auf dem Baum sind. Keine Beute mehr für Hundert. Nur Hundert. Dabei will Hundert jagen und erforschen. Aber Hundert in der Stadt wird gefüttert vom Mensch, ist abhängig vom Mensch, domestiziert seit Jahrhunderten, vom Jagd- und Hütegefährten zum Spielzeug umgewandelt. Hundert ist wie Kinder, die nie erwachsen werden, kleingehalten zur menschlichen Ergötzung.

Hundert kommt mit Menschen in den Wald. Es laufen also mit Hundert hundert und mehr Menschen durch den stadtnahen Wald, kurz gesagt ein bis mehrere Menschert. Hundert und Menschert im Wald. Der Wald im Würgegriff. Gewalt dem Wald. Ein Bellen, Pfeifen und Schreien wie im Krieg.

Ich sitze auf einem Baum, auf den ich geflüchtet bin. Auf eine alte Buche mit kräftigen Ästen. Ich fühle mich nicht wohl im Krieg von Hundert und Menschert. Ein Krieg ohne Feind, ein Krieg mit sich selbst, ein verzweifelter Krieg. Das Hundert schnuppert und bellt verzweifelt am Stamm der Buche, auf der ich sitze. Es riecht mich. Beute? Oder ein Freund? Das Menschert bemerkt mich gar nicht. Es quält sich mit Hundert durch die ihm fremde Umgebung: auf das Mobiltelefon starrend oder in es hineinsprechend oder Probleme, die es aus der Stadt mitgebracht hat, gemeinsam oder einsam wälzend. Ohne Gefühl für den Wald, für Hundert und für sich selbst. Sind das meine Artgenossen? Ich will nicht so sein, und bin bei eins auf den Baum geflüchtet, meinen Freund.

Menschert fühlt sich nicht wohl. Das fühle ich. Aber wozu braucht Menschert zu diesem Nichtwohlfühlen Hundert? Wozu geht Menschert zum Nichtwohlfühlen in den Wald? Nichtwohlfühlen geht auch ohne Hundert. Nichtwohlfühlen geht auch in der Stadt. Und Nichtwohlfühlen wird nicht besser mit Hundert und im Wald. Nichtwohlfühlen fängt bei Menschert selbst an. So wie Wohlfühlen. Aber Menschert missachtet sich selbst und in der Folge Hundert und Wald.

Dabei schreibt sich Menschert Folgendes auf sein Haus in der Stadt:

Vor Nichts nimm dich bei Tag und Nacht
so sehr als vor dir selbst in Acht

Frage nicht was andre machen
acht auf deine eignen Sachen

Selbstachtung, das ist ein Gefühl für die eigene Würde. Und wenn ich Menschert bei seinem unwürdigen Schauspiel mit Hundert im Wald sehe – ein Schauspiel, das im sozialen und politischen Leben unter Menschert seine Fortsetzung findet -, dann denke ich: Die Würde des Menschen ist scheinbar wirklich unantastbar, denn viele kommen nicht an ihre Würde heran, tasten im Dunkeln oder machen sich nie auf die Suche, als wäre Beschäftigung mit sich selbst eine viel größere Qual als sich mit Hunden durch den Wald zu quälen.

Ich umarme die Buche, meinen Freund, auf der ich sitze, auf die ich geflüchtet bin, und fühle den Krieg. In mir. Ich frage den Baum: Liebe Buche, ist das würdig, was ich hier treibe? Ich verurteile Menschert und verurteile mich selbst. Ich achte mich nicht: Statt auf dem Boden, für den ich gemacht bin, zu laufen und unter den Menschen zu sein, hocke ich auf dir herum. Die Buche sagt nichts, und durch dieses Nichtssagen weiß ich, dass sie mich versteht, mit der Weisheit ihrer vielen Jahre. Durch ihr Geerdetsein, das sich dem Himmel dankend entgegenstreckt, komme ich auf den tiefsten Grund meines Herzens, wo alles Verurteilen ein Ende hat und meine Selbstachtung sich erstreckt wie ein weiter See.

Das Leben ohne Anfang und ohne Ende

Oben war also tatsächlich Winter. Ich muss zugeben: Ich erwartete es nicht. Denn unten: grüne Wiese und milde Luft, erwärmt durch die Sonne. Aben oben war Winter. Es lag Schnee, mit feinen Kristallen auf die Wiesen gebreitet, und sogar auf den Ästen der Bäume lag er.

Der Unterschlupf für die Nacht mit ihrer sternenklaren Kälte: ein altes Bergbauernhaus, wo die Scheite schon im Feuer knisterten. Ein altes analoges Radio auf der Anrichte, der Regionalsender der Region auf Empfang. Internationales Liedgut, unter anderem dieses:

The Drifters: Kissing in the backrow of the movies on a Saturday night with you

Die Behaglichkeit der Stube und das Mondäne aus dem Radio. Die Welt tut sich auf in mir, und ich kann es spüren, wie ich mit der Erde durch den Raum schwebe. Ich sehe François Truffaut im Kino sitzen, in der letzten Reihe, knutschend mit einer jungen Frau, François Truffaut, der Mann, der das Kino mit dem Leben verwechselte, weil er von den Bildern Liebe erwartete und vom Leben nicht. Frauen und Filme, das waren seine Süchte, mit denen er dem Leben entfliehen wollte. Diese Flucht hat er mit ständigen Depressionen bezahlt, bis ein Kopftumor mit Anfang fünfzig diesem Flüchten ein Ende setzte.

In der letzten Reihe im Kino mit dir: Das ist nicht zu schön um wahr zu sein – das ist schön. Ein Moment zum Fallenlassen. Ein Moment der vergeht. Leben bedeutet auch: in der ersten Reihe stehen und Verantwortung übernehmen für das was man tut und ist. Traurig und faszinierend zugleich, wie perfekt François Truffaut die Flucht beherrschte, die Flucht vor dem Leben zu Film und Frauen. Ein Reich der Träume, die alle traurig enden.

Ich gehe raus in die Dunkelheit, ich sehe über mir die Sterne und den Mond mit seiner Sichel. Die Erde schwebt herum, und ich darf dabei sein. Es ist zu schön um wahr zu sein. Es ist wahr und schön.

Ich will mit dir ins alte Kino gehen und Geraubte Küsse ansehen. Wir setzen uns in die letzte Reihe und sehen Antoine Doinel und Christine Darbon dabei zu, wie sie der Liebe hinterherjagen und sie dann finden in jenen kurzen Momenten, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Dabei schweben wir mit der Erde durch den Raum, und wenn wir uns küssen, dreht sich alles um mich herum, so wie sich alles dreht im Leben, ohne Anfang und ohne Ende. Und deshalb liebe ich das Leben so.

Wo waren bloß die Aale?

Es war ein unruhiger Tag. Ich gewann mit Ela im Mixed-Wettbewerb des Tiereerkennens. So erlebte ich ihn:

Nach dem Finale
gab’s die Pokale,
dazu noch eine Schale.

Dann sahen wir die Wale,
dazu noch die Schakale.
Wo waren bloß die Aale?

Am Abend, in einer Art Rückschau auf den Tag, entwickelte ich folgendes Mantra:

Elanif Elakop Elasch
Elaw Elakasch Elaa

Dieses Mantra betete ich so lange, bis sich die Unruhe des Tages in Ruhe verwandelt hatte.

Für einen Rückblick auf das Jahr empfehle ich folgendes Mantra: Jahresrückblick

Anfänge eines Autors

Emil Hinterstoisser im Selbstinterview über seine Anfänge als Autor

emilh.de: Emil, Du schreibst und sagst zu deiner Schreiberei, dass du selbst nicht genau wüsstest, was du schreibst.

Hinterstoisser: Wenn ich das wüsste, könnte ich wahrscheinlich nicht schreiben. Ich schreibe das, was mir in den Sinn kommt. Wobei manche sagen, dass mir nur Unsinn in den Sinn kommt.

Wo sind deine Anfänge als Autor?

Auf dem Land, in der Wohnküche meiner Oma. Ich war ein recht geschwätziges Kind, immer am Fabulieren. Wenn meine Oma davon zu genervt war, erzählte sie mir folgende Geschichte:

Weißt was? Gschissen hat der Has.
Möchst du's weiterwissen? Hat er weitergschissen.

Eine wunderbare Geschichte: Der Hase beim Scheißen. Eine Kurz-Groteske. Ich mag sie bis heute. Ich habe dieser Geschichte damals als Kind folgende Fortsetzung angefügt:

Möchst du's nochmal weiterwissen? Hat's ihm 's Arschloch zrissen.

Das war sozusagen mein erster dramatischer Text. Meine Oma war entsetzt über diese Fortsetzung.

Sus und Mari (Zwei Schwestern)

Sus und Mari haben den selben Zweitnamen, nämlich Anne, weshalb sie Susanne und Marianne heißen. Außerdem haben sie die selbe Mutter, aber nicht den selben Vater. Die gemeinsame Mutter von Sus und Mari schimpft über die Väter ihrer Töchter, von denen sie sich jeweils kurz nach der Zeugung getrennt hat. Keiner der beiden Väter ist bei der Geburt von Sus und Mari anwesend gewesen. Keiner ist später im Leben der beiden anwesend. Es ist ein Heranwachsen ohne Väter. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die beiden als Kinder beschließen, Nonnen zu werden.

Sus und Mari stellen gerne Situationen dar: Sus schwimmt durch einen Fluss, während Mari am Ufer bleibt. Als Sus am anderen Ufer ankommt, rufen sie einen Kameramann, der sich mit seiner Kamera auf einem Boot in der Mitte des Flusses befindet, er solle bitte ein Bild machen. Das Bild zeigt Mari auf der einen, Sus auf der anderen Seite des Flusses. Sus und Mari nennen das Bild Hierzulande und dortzulande, hier mit und dort ohne Gewande, denn Sus hat sich zum Schwimmen ausgezogen und steht nackt dort, während Mari sich hier Sus‘ Kleid so über den Kopf gezogen hat, dass nur ein Schlitz für ihre Augen freibleibt. Das Bild ist sehr bekannt. Es macht die beiden berühmt. Die Feuilletonisten stürzen sich auf das Bild, rätseln über sein Motiv und kommen fast einhellig zu dem Ergebnis, dass man dort, in der Fremde, nackt ist, und hier, in der Heimat, sich lächerliche Verkleidungen über seinen Körper wirft. Sus und Mari meinen dazu, das könne schon so sein. Kleidung werde schrecklich ideologisiert: Im Winter gehe ich gerne vollverschleiert, sagt Sus, weil es mich im nackten Gesicht genauso friert wie am restlichen Körper. Deswegen bin ich keine Muslime. Ich dagegen schon, sagt Mari, auf das berühmte Bild zurückkommend: Als ich mir Sus‘ Kleid über den Kopf zog, wollte ich eine Muslime sein. Oder war ich doch eine Christin, der das Kopftuch zu weit in das Gesicht gerutscht ist? Ich mit meinen rötlichen Haaren bin die nackte Hexe am anderen Ufer, sagt Sus. Wo ist der Scheiterhaufen?

Mari kennt Wolfgang und sagt: Wolfgang heißt Thomas, aber ich nenne ihn Wolfgang, denn er hat einen Gang wie ein Wolf. Von Wolfgang gibt es ein Bild, das ihn auf einer Kloschüssel sitzend zeigt. Das Bild heißt: Wolfgang beim Stuhlgang.

Mari hat ein Kind geboren. Ob Wolfgang oder Thomas der Vater ist, weiß sie nicht. Am liebsten sei ihr die Vorstellung, sie habe ein Kind von zwei Männern, sagt sie. Das Kind ist – nach langem Kampf – bei der Geburt gestorben. Mari hat dabei viel Blut verloren. Sus hat ein Bild gemacht mit Mari in ihrem verlorenen Blut. Sie nennen das Bild: Das ist mein Blut, das für euch Männer vergossen wird, zur Vergebung der Sünden. Ein Feuilletonist kommentiert das Bild entnervt mit: Die kranken Schwestern, woraufhin Sus meint: Mari und ich werden keine Nonnen mehr, wie wir das als Kinder wollten, sondern Krankenschwestern. Denn die kranke Gesellschaft braucht ihre Schwestern.

Morgen hat gebrochen

Winter war es, irgendwann im Dezember oder Januar, wenn die Tage am kürzesten sind. Ich war früh erwacht, etwa um sieben denke ich, denn beim Blick aus dem Fenster erahnte ich das erste Morgenlicht. Ich beschloss, rauszugehen in den Morgen.

Als ich aus dem Haustor trat auf den Gehsteig, hörte ich Würgelaute. Jemand erbrach sich. Er trug dabei eine rote Mütze, und da wusste ich, es muss Dezember sein, irgendwann vor Weihnachten. Zu vermuten ist folgendes Szenario: Der Erbrechende hatte auf der Weihnachtsfeier maßlos getrunken, Alkohol war reichlich in seinen Körper geflossen, hatte ihn vergiftet, und nun wollte dieser Körper das Gift wieder loswerden. Ich ersann eine freie Übersetzung des Cat Stevens-Klassikers Morning has broken: Morgen hat gebrochen, es hat schlecht gerochen. So begann also mein Morgen, mein Morgen im Dezember.

Es sollte ein sonniger Tag werden, bald würde die Sonne flach am Horizont erscheinen, kalt und klar. Ich ging in den Park, und dort war es so: Die Dohlen hockten hart am Teich. Der Morgen passt besser zum Frühling als zum Winter. Ein Frühlingsmorgen, an dem der nasse Tau von der warmen Sonne bestrahlt wird, das ist ein Morgen, an dem die Dohlen weich am Teich weilen. Ein Wintermorgen ist kein Morgen. Winter ist Kerzenlicht in der Dunkelheit. Umso überraschender kommt der Morgen im Winter. Er ist wie der erste Morgen, an dem das Licht in die Dunkelheit kommt, als wäre es das allererste Licht.

Ich ging weiter, eine Amsel flatterte aus einem kahlen Busch mit leisem Gezeter, man könnte sagen: Im Geäst schwamm ein Klang in Moll. Langsam rollte sich die Sonne zum Horizont empor, und der Morgen, der zunächst auf den Gehsteig gebrochen hatte, war nun angebrochen, wie der erste Morgen. Die Dohlen hockten immer noch hart und weilten nicht weich. Die kalte Kälte trieb mich in meine warme Stube, dort hörte ich das Rauschen des heißen Wassers im Heizkörper. Gibt es etwas Schöneres als eine warme weiche Stube an einem kalten klaren Wintermorgen?

Ich sah meine Gitarre und mein Klavier und ich meine, ich spielte auf beiden gleichzeitig und sang dazu. Oder war jemand bei mir und spielte am Klavier und noch jemand der an der Gitarre spielte? Sang ich selbst, oder ließ ich singen? Es musizierte in mir und durch mich, es erklang ein Lied, und dieses Lied war für mich die einzige Möglichkeit, meine überwältigenden morgendlichen Erlebnisse zu verarbeiten:

Der Morgen ist angebrochen wie der erste Morgen.
Die Amsel hat gesungen wie der erste Vogel.
Ein Loblied auf ihren Gesang, ein Loblied auf den Morgen.
Sie haben heute die Welt neu erschaffen.

Agathe und die Dinge wie sie sind

Seltsamerweise, sagt Vorderbrandner, fällt mir zuerst ein, dass wir über die Brücke gingen, über die Brücke für Fußgänger und Fahrradfahrer, die die Stadtautobahn überquert. Agathe sagte, als ich sie von der Seite betrachtete mit den vorbeifahrenden Autos hinter ihr, dass alles gut ist, obwohl sie gerade von Dingen erzählt hatte, die nicht gut sind, eher schlecht, aber genau in diesem Moment beschloss ich, sagt Vorderbrandner, die Dinge nicht in gut und schlecht einzuteilen, sondern sie so zu lassen, wie sie sind. Wobei sich nun die Frage stellte, wie sie denn sind, die Dinge, und ob man das überhaupt ausdrücken kann, dieses Sein der Dinge. Wir gingen weiter, Agathe und ich, sagt Vorderbrandner, den Weg entlang, der uns in den Stadtpark führte. Es war Abend und dunkel. Es war ein dunklerer Abend als andere Abende, denn der Himmel war mit dicken dunklen grauen Wolken bedeckt, die, je später es wurde, immer dunkler wurden. Agathe fragte, was ich will, und ich dachte mir: Was für eine große Frage! Mir fiel in diesem Moment nichts anderes ein, als dass ich mit Agathe sein will unter dem wolkenverhangenen Himmel im Stadtpark. Die Wolken hatten etwas herrlich Behagliches, sie schirmten uns ab vom Rest der Welt, sie rahmten uns ein. Wir gingen ans Feuer, wo gekocht wurde und wir aßen vom Gekochten, es tat gut, denn ich fühlte mich geschwächt, von was kann ich nicht sagen, ich will es sagen, aber ich kann es nicht, vom Sein der Dinge vielleicht, aber gleichzeitig fühlte ich mich gestärkt vom Sein der Dinge, auf jeden Fall tat es gut, mir etwas einzuverleiben, mich zu stärken, und Agathe sagte, es tut gut, mir etwas einzuverleiben, mich zu stärken, und ich nickte, und plötzlich sah ich Sterne, überall, trotz der vielen Wolken am Himmel, aber nicht nur am Himmel, sondern in Agathes Augen, ja, in Agathes Augen sah ich das ganze Universum, und ich sagte: Agathe, in deinen Augen sehe ich das ganze Universum! und Agathe lächelte und sagte: Unsinn, iss noch was! und als ich ihre Stimme das sagen hörte, hallte das ganze Universum, das sagte ich aber nicht, sondern sagte: Agathe, ich will mit dir unter den Bäumen spazieren, und Agathe sagte: Ja, lass uns unter den Bäumen spazieren!

Wir spazierten unter den Bäumen, und ich war den Bäumen sehr dankbar dafür, dass ich mit Agathe unter ihnen spazieren durfte, und sie freuten sich still über meine Dankbarkeit, und ich war Agathe sehr dankbar dafür, dass sie mit mir unter den Bäumen spazierte, nein, dankbar ist das falsche Wort, vielleicht sollte ich dieses Unterdenbäumengehen überhaupt nicht kommentieren, sondern es einfach so sein lassen wie es ist, wobei sich hier wieder die Frage stellt, wie es denn ist, dieses Unterdenbäumengehen, eine Frage, die sich nicht abschließend beantworten lässt. Wir gingen weiter in die Stadt, und die Häuser waren schön, und ich hatte das Gefühl, dass die Menschen in ihnen sich freuten, dass wir an ihren Häusern vorbeispazierten. Ich blieb stehen und lehnte mich an eine Hauswand, und Agathe sah mich an und fragte: Ist alles gut? Sehr gut, sagte ich, und weiter wollte ich sagen: Ich bin so überwältigt von dieser Welt mit ihren Dingen, dass ich eine kurze Pause brauche, um all das fassen zu können, aber das sagte ich nicht, sondern dachte es mir, und während ich das dachte, sah ich in Agathes Augen wieder das ganze Universum, und ich spürte mein Glück beim Anblick dieser Augen, und ehe ich diesen Gedanken weiter denken konnte, gingen wir weiter, bis Agathe vor einem Haus stehen blieb und sagte: Das ist ein schönes Haus! und ich sagte: Ich schenke es dir! Ich schenke dir die ganze Welt! und ich dachte mir: In Agathe sehe ich die ganze Welt. Dann fing es zu regnen an, ganz leicht und sanft, und er machte mich müde, dieser Regen, und ich wollte mich hinlegen, aber ich konnte mich nicht hinlegen, denn ich war viel zu fasziniert von den Dingen, die ich durch Agathe sah, und Agathe lächelte und ging unter die dunklen Bäume und für einen Moment sah ich sie nicht mehr und hatte plötzlich Angst, sie und die Welt die ich durch sie sah nie mehr wieder zu sehen und ich lief ihr nach und da sah ich sie am Stamm eines Baumes und sagte: Agathe, ich…, und sie sah mich an und ich sagte nichts mehr. Ich hörte ein Lied, vielleicht sang ich es selber, vielleicht sang es die ganze Welt. Es waren keine deutschen Worte, vielleicht französische, jedenfalls kamen die Worte wie von selbst, und ich ließ mich mit Agathe fallen in die Dinge wie sie sind.