Da, wo ich gerade gerne bin

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich gerne woanders wäre als da, wo ich gerade bin. Dann halte ich inne und spüre zu meinem Erstaunen, dass ich gerade da gerne bin, wo ich gerade bin. Schließlich habe ich entschieden, dass meine Füße mich da hintragen, wo ich gerade bin.

Sein, wo man ist, das ist eine Sache, die gar nicht so leicht festzustellen ist, denn ich bin überall und nirgends, an irgendeinem Ort im Universum, den ich glaube, bestimmen zu können. Früher, als die Erde eine Scheibe war, da blieb man besser wo man ist, ohne lange zu fragen, wo man überhaupt ist. Nur die sehr Mutigen wagten sich an die Ränder vor, auf die Gefahr hin, hinunterzufallen. Heute ist die Erde eine Kugel, und ich brauche keine Angst mehr zu haben, von ihr hinunterzufallen, und trotzdem habe ich Angst. Keine Angst mehr vor dem Hinunterfallen, eine diffuse Angst, aber eine so große Angst, dass ich vor dieser Angst am liebsten davonlaufen möchte, ich würde bei diesem Davonlaufen sogar riskieren – wenn die Erde noch eine Scheibe wäre – an ihrem Rand hinunterzufallen, so groß ist diese Angst.

Doch vielleicht verursacht gerade das meine Angst, dass die Erde keine Scheibe mehr ist, sondern eine Kugel, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt, sondern dass alles immer weiter geht, und wenn ich das Universum einmal umrundet habe, ich an seinem Anfang stehe. Es ist nicht die Angst vor dem Tod, die ich spüre, sondern die Angst vor dem Leben, dass das Blatt, das im Herbst vom Baum fällt, im Frühling wieder an ihm wächst, es ist ein neues Blatt, es ist anders als das alte Blatt, und doch trägt das neue Blatt das alte in sich. Ich bin ein eigener Mensch, und doch trage ich die Menschheit in mir, und eines Tages wird mein Leib, mit dem ich mich hier auf der Erde bewege, zur Erde sinken wie das Blatt vom Baum, ich werde dadurch neues Leben ermöglichen. Eines Tages wird sogar der Baum mit seinem mächtigen Stamm zur Erde sinken, eines Tages wird sogar die Erde im All versinken. Aber noch bin ich hier, bewege mich auf der Erde.

Heute morgen bin ich erwacht und dachte: Aha, ich habe mich in der Nacht nicht in den Weiten des Alls verloren, sondern bin wieder auf der Erde gelandet. Ich recke und strecke mich, ich sehe meine Haare im Spiegel, zerzaust von ihrem nächtlichen Ausflug ins All und sage zu mir: Ich bin gerade gerne da, wo ich gerade bin.

Z-Reh: Da kommt die Gnutter zur Rettum

Man sagt, jeder Kreis schließt sich. Ist das wirklich so, oder ist das eine Plattitüde?

Ich sprang auf der alten Couch beziehungsweise auf ihren Federn, ich sprang hoch, bis ich schließlich am höchsten Punkt das Gleichgewicht verlor und die Tischkante auf mich zukommen sah, ich schlug heftig auf, beziehungsweise meine Stirn schlug heftig auf, da kam meine Mutter zur Rettung, brachte mich zum Arzt, der meine Blutung stillte und meine Stirn zusammennähte.

Später, die Stirn war längst wieder zusammengewachsen, obwohl man die Narbe noch lange sehen sollte, traf ich Inge, ich glaube es war noch in der Grundschule, so genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls hieß Inge mit Nachnamen Barsch, und irgendwann kam es, wahrscheinlich aus einer Langeweile heraus, dass ich Inge Barsch Binge Arsch nannte, ich nannte sie nur Binge, das Arsch dachte ich mir selbst dazu, ohne es auszusprechen. Binge ging mir nicht aus dem Kopf, sie war das Mädchen meiner Träume, wir standen uns gegenüber und ich hatte plötzlich große Lust, Binge auf den Arsch zu klatschen, gleichzeitig aber große Angst, dass sie mir ins Gesicht klatscht weil ich ihr auf den Arsch klatsche, bis ich es endlich wagte und ihr auf den Arsch klatschte, woraufhin sie mir ins Gesicht klatschte, und so ging es hin und her, Arsch-Gesicht-Arsch-Gesicht-Arsch-Gesicht, doch es blieb eine trockene und schlaffe Übung, eine blutleere Übung, Binges Arsch übte keinerlei Reiz mehr auf mich aus, wie unter Zwang klatschte ich auf ihn, wie auf ein seelenloses, totes Ding, während ich völlig regungslos ihre Klatscher in mein Gesicht entgegennahm, ich sehnte mich nach der Tischkante, die mein Blut spritzen lässt, aber natürlich sollte das eine unerfüllte Sehnsucht bleiben, wie sollte ich je zu einer Tischkante gelangen, wo Binge und ich doch in unserem Arsch-Gesicht-Klatschen gefangen waren, manisch und mit immer ausgefeilterer Rhythmik betrieben wir unser Arsch-Gesicht-Klatschen, wir betäubten uns und schienen uns dabei überhaupt nicht mehr zu spüren, als ich plötzlich mein Herz spürte und Angst bekam, mein Herz zu spüren, in meiner Panik drehte ich am Herz, nicht am leiblichen, nur am Wort in meinem Kopf, drehte es um zum Z-Reh, und ich frage mich bis heute, was ein Z-Reh ist, sicher nicht die Umkehrung von Herz, überhaupt ist das Zerlegen von Wörtern in Buchstaben so sinnvoll wie das Zerlegen des Lebens in Atome, etwas Statisch-Sinnloses, dabei sehne ich mich nach dem Dynamisch-Sinnvollen, wieder sollte eine Sehnsucht von mir unerfüllt bleiben, der Fluss des Lebens floss an mir vorbei während meiner Arsch-Gesicht-Klatsch-Übung mit Binge.

Da hörte ich meine Mutter rufen: Mein Herz ist gebrochen!, woraufhin ich wieder versuchte, mein eigenes Herz zu spüren, meine Hand fiel an meinem Arm nach unten und klatschte nicht mehr an Binges Arsch, woraufhin Binge mir verduzt ins Gesicht sah, anstatt mir mit ihrer Hand in es zu klatschen, ich sah meine Mutter zum Arzt eilen, Retten sie mich! rief sie dem Arzt zu, da riss der Arzt ihre Brust auf, reparierte ihr Herz, während dieser Reparaturarbeiten schrie meine Mutter, sie schrie Todes-Schreie, sie sah den Tod, was sie später bestätigte, ihr Herz stand still, ich gab das Blaulicht aufs Dach des Wagens und raste los, ich kam meiner Mutter zur Rettung, was natürlich Unsinn war, sinnloser Unsinn, jeder hat sein eigenes Herz, ich kam mir selber zur Rettung, spürte mein blutdurchströmtes Herz, wie es unaufhörlich Blut in meinen Leib pumpt, man sagt, jeder Kreis schließt sich, das ist keine Plattitüde, das ist wirklich so.

Ogatorp, der Protago

Einst gab es Vögel, die waren für den Tag und gegen die Nacht. Deshalb nannte man sie Protagos. Man hätte sie auch Kontranachtos nennen können, doch man dachte sich, es ist besser, das Für-Etwas in ihrem Namen auszudrücken und nicht das Gegen-Etwas. Die Protagos hielten sich immer da auf, wo gerade mehr Tag war, also in einer Hälfte des Jahres weit nördlich auf der Nordhalbkugel und in der anderen Hälfte des Jahres weit südlich auf der Südhalbkugel. Dazwischen mussten sie sehr sehr weit fliegen, was sehr sehr anstrengend war. Deshalb waren die Protagos oft schlecht gelaunt, denn sie wussten, egal ob sie auf der Nord- oder Südhalbkugel waren: Bald müssen wir wieder sehr sehr weit fliegen.

Unsere Erzählung setzt ein, als die Protagos gerade beim Nisten waren, auf der Nordhalbkugel. Dort wurde ein junger Protago geboren, der den Namen Ogatorp erhielt. Das war ein seltener Name für einen Protago, und Papa Protago fragte: Wieso denn Ogatorp? Ich spüre es, sagte Mama Protago: Dieser Junge ist besonders – er soll Ogatorp heißen. Und der junge Ogatorp war tatsächlich besonders: Er hielt sich sehr gerne auf dem Boden auf und vernachlässigte vom ersten Tag an das Fliegen. Seine Eltern und andere Protagos zeterten wild herum, das Zetern war überhaupt ein Hauptmerkmal der Protagos und Ausdruck ihrer permanenten Unruhe, doch mit Ogatorp zeterten sie noch wilder als sonst, sie wollten ihn auffordern, mehr zu fliegen, um sich vorzubereiten auf die lange Reise zur Südhalbkugel. Doch Ogatorp wollte seine Ruhe haben und freundete sich stattdessen mit einem Rentier an. Er saß auf dem Rücken des Rentiers, nährte sich vom Ungeziefer und den Insekten in seinem Fell und sagte: Ich möchte bei dir bleiben und nicht mit meinen Eltern wegfliegen.
Da sagte das Rentier: Du hast es gut, du kannst wegfliegen. Ich kann nicht fliegen, ich muss laufen.
Wieso musst du laufen, wieso kannst du nicht hierbleiben?
Hier ist es im Winter zu kalt und zu dunkel, ich muss nach Süden laufen.
Schade, dann muss ich wohl auch mit meinen Eltern nach Süden fliegen, meinte Ogatorp. Dabei möchte ich so gerne die Dunkelheit kennenlernen! Ich kenne die Dunkelheit überhaupt nicht, ich kenne nur das Helle, die Hellheit.

Die anderen Protagos waren schon aufgebrochen, da verabschiedete sich Ogatorp schweren Herzens vom Rentier und flog mit seinen Eltern Richtung Süden. Ogatorp fiel das Fliegen schwer, er hatte es zu wenig geübt, war er doch die ganze Zeit auf dem Rücken des Rentiers gesessen. Er fiel hinter seine Eltern zurück und segelte schließlich zur Erde hinunter. Dort landete er neben einer Schildkröte. Ogatorp fragte die Schildkröte: Wo bin ich denn hier?
Du bist hier in der Mitte der Erde, sagte die Schildkröte.
Kann ich hier bleiben?
Natürlich kannst du hier bleiben. Ich bin schon sehr lange hier, und es geht mir sehr gut.
Ist es sehr dunkel?
Ja, in der Nacht ist es sehr dunkel und am Tag ist es sehr hell.

Das gefällt mir, dachte sich Ogatorp: Hier will ich bleiben. Da kamen seine Eltern wild zeternd angeflogen und schimpften mit ihm: Was machst du hier? Wir müssen weiter nach Süden!
Ich möchte hierbleiben bei der Schildkröte, sagte Ogatorp.
Die Eltern schüttelten verständnislos ihre Köpfe und sagen einhellig: Ein Protago kann nicht hierbleiben, hier ist es zu dunkel, ein Protago muss ins Helle fliegen, ein Protago ist pro Tag und kontra Nacht.
Dann will ich kein Protago sein, sagte Ogatorp und kuschelte sich an den Panzer der Schildkröte. Die Eltern wurden sehr zornig – oder war es eher ihre Hilflosigkeit, die sich im Zorn ausdrückte, ihre Gefangenheit im Gedankenkorsett eines Protagos? Jedenfalls hackten sie mit ihren spitzen Schnäbeln auf Ogatorp ein, bis dieser leblos und zerhackt neben der Schildkröte liegenblieb.

Als Mama-Protago sah, was sie angerichtet hatten, weinte sie bittere Tränen, doch Papa-Protago sagte: Komm, lass uns weiterfliegen zur Südhalbkugel – Ogatorp hätte die Reise ohnehin nicht geschafft und uns nur aufgehalten, der konnte ja kaum fliegen, weil er immer auf dem Rentier rumhockte.

Die letzte Schlacht gewinnen wir!

Ich habe geträumt: Eine Armee von Corona-Viren erschien mir und die Armee sang lauthals: Die letzte Schlacht gewinnen wir! Ich richtete mich auf, versuchte dagegenzuhalten und schrie: Mein Kampf bedeutet Frieden, und ich bekämpfe euren Krieg! Jede Schlacht die ich verliere, bedeutet meinen nächsten Sieg! Doch dann fiel ich vor Erschöpfung um, und in dieser Erschöpfung erschien mir ein edler Fürst, der sprach die folgenden Worte:

Meine lieben Gaukler, Spieler und Musikanten, die ihr mir schon in so vielen Stunden Muse und mich dem Leben so nahe gebracht habt, wie ich ihm sonst nie hätte kommen können, ihr Sucher der Wahrhaftigkeit! Dieser Virus ist über uns gekommen und hat uns alle überrascht, hat sozusagen die Bühne von euch vereinnahmt. Nun ist er da, wir müssen mit ihm leben. Ihr könnt nicht durch die Lande ziehen, viel zu groß ist die Gefahr und die Angst, dass ihr ihn mit euch durch die Gegend schleppt und alles verseucht. Ihr könnt euer Brot nicht verdienen mit euren Künsten. Darum bleibt bei mir, ich gebe euch Brot und Bleibe, bis ihr wieder weiter ziehen könnt. Lasst uns gerade jetzt darüber freuen, gemeinsam auf diesem Planeten zu sein!

Ich erzählte Vorderbrandner von meinen Träumen, woraufhin er

einlegte, die Lautstärke hochdrehte und ekstatisch dazu tanzte. Dann manifestierte er: Die edlen Fürsten, die brauchen wir! Die edlen Fürsten sollen ihr Geld nicht in Luxusgüter investieren, die sie ohnehin nicht brauchen, sondern in uns, in die Leute! Warum schreit jeder nach dem Staat, der kein Geld hat, der Staat sind ja wir, warum schreit nicht jeder nach edlen Fürsten, nach den Geldgeiern, die in ihrer maßlosen Gier Geld angesammelt haben. Die Gier der Geldgeier hat ein Verteilungsproblem geschaffen, dass dieser Virus drastisch aufzeigt! Und wenn die Geldgeier nicht bereit sind, ihren Edelmut in sich zu entdecken und ihr Geld zu teilen, dann werden nicht nur ihre Häuser, dann wird die ganze Erde brennen!

Vorderbrandner umarmte mich, bedankte sich für meine Träume, lief auf die Straße und ließ mich allein zurück.

So etwas darf nie mehr passieren!

Geschichte eines totalen Gutmenschen

Er ist Politiker von Beruf, Bürgermeister einer Kleinstadt, aber ein moderner Politiker, mit Instagram- und Twitter-Account, er steht an der KZ-Gedenkstätte und sagt: So etwas darf nie mehr passieren!, als ein paar Kilometer entfernt, bei der Döner-Bude am historischen Marktplatz, dem zentralen Treffpunkt der Kleinstadt, einer einen anderen erschießt. Er eilt hin und sagt noch am Tatort: So etwas darf nie mehr passieren!, und wie ein Mantra wiederholen die eingetroffenen Gutbürger der Kleinstadt seine Botschaft: So etwas darf nie mehr passieren!

Als die erste Aufregung vorbei ist und die meisten Gutbürger sich wieder verzogen haben, um ihre gute Tat gegen das Böse auf Instagram zu posten, eilt er zurück zur KZ-Gedenkstätte, wo die jüdische Gemeinde ausgeharrt hat, und wiederholt pflichtbewusst seine Botschaft: So etwas darf nie mehr passieren!

Da fliegen plötzlich Eier auf ihn, gut geworfen, denn sie treffen ihn, und einer – es ist wohl kein Gut-, sondern ein Wutbürger – schreit: Wenn du noch einmal sagst So etwas darf nie mehr passieren!, dann hau ich dir so eine in die Fresse, dass dir nie mehr was passiert.

Bitte seien Sie vernünftig, besuchen Sie Bordelle!

ein Aufruf des bayrischen Ministerpräsidenten Markus S.

Liebe Mitbürgerinnen und vor allem -bürger, wieder einmal wende ich mich in dieser schwierigen Zeit an Sie, diesmal mit einer besonderen Bitte: Besuchen Sie Bordelle! Die besondere Situation, in der wir uns befinden, erfordert besondere Aufmerksamkeit, erfordert, die Aufmerksamkeit auch dahin zu richten, wo wir sie bisher nicht hingerichtet haben: Hier in Bayern, in unserem schönen Land, wo der Stand der Ehe besonders hochgehalten wird, möchte man meinen, dass Bordelle nicht notwendig seien. Doch die Krise hat uns eines Besseren belehrt. Die Krise hat die scheinbar so solide Institution der Ehe ins Wanken gebracht, es herrscht größere Unzufriedenheit als sonst in ehelichen Partnerschaften – Stichwort häusliche Gewalt – und ich habe daher eine Expertengruppe einberufen, die sich mit diesem Thema befasst hat. Diese Expertengruppe kam zu dem einhelligen Ergebnis, dass Bordellbesuche für Ehemänner zwingend erforderlich sind, um die Ehe aufrechtzuerhalten beziehungsweise ihren äußeren Schein zu wahren, ja, obwohl die Scheinehe verboten ist, bestehen viele Ehen scheinbar nur zum Schein. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich auf diese Problematik der Scheinehen momentan nicht näher eingehen kann, wichtig erscheint mir im Moment, dass wir alle zusammenhalten, um diesen Schein zu bewahren, und deshalb noch einmal: Besuchen Sie Bordelle!

Ich habe mich vor Ort überzeugt und war begeistert, wie die Hygienestandards eingehalten werden, ja, ich weiß, und da bin ich ganz ehrlich, Sex mit Maske ist lästig, aber es geht im Moment nicht anders, ich bitte Sie – zusätzlich zum Tragen einer Maske und den sonstigen mittlerweile selbstverständlichen Hygienevorkehrungen – möglichst solche Stellungen zu wählen, bei denen die Gesichter maximal weit entfernt sind, wie etwa Doggy oder 69, mir ist bewusst, es entspricht mehr unserem christlich-sozialen Ideal, sich dabei ins Gesicht zu sehen, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, und ganz ehrlich: Auch Stellungen wie Doggy oder 69 können Spaß machen, ich denke, ich spreche da aus Erfahrung.

Außerdem möchte ich allen Bordellbediensteten danken, sie arbeiten wirklich hochprofessionell, ich durfte mich davon überzeugen, und sie leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für unsere christlich-soziale Wertegemeinschaft. Deshalb noch einmal: Klatschen alleine reicht nicht für diese Menschen, die sich in dieser Krise ganz in den Dienst unserer Gesellschaft stellen – besuchen Sie unsere schönen bayrischen Bordelle, damit diese auch in Zukunft ihre gesellschaftlichen Funktionen erfüllen und wir unsere Schein…, nein, was red ich da: Unsere Ehen aufrechterhalten können!

Aus den Klopapier-Kroniken: dritter Quartalsbericht

Erster Bericht
Zweiter Bericht

Ein Quartal eines Jahres ging wieder einmal zu Ende, das dritte dieses Jahres, und der Herbst stand vor der Tür, besser gesagt, er hatte schon begonnen, seit ein paar Tagen hatte es empfindlich abgekühlt, nachdem der Sommer lange seine warmen Temperaturen in den September hineingestreckt hatte.

Mit einem wohligen Behagen, in meine Jacke gehüllt, ging ich die Straße entlang, um mir Klopapier zu besorgen. Als ich den Drogeriemarkt betrat, war mir jedoch plötzlich bange, denn seit zwei Quartalen treibt mich die Sorge um, dass die Regale wieder leer sein könnten, wie im Frühjahr, dass wieder irgendeine Notlage ausgerufen wird, von der ich nichts mitbekomme beziehungsweise deren Not ich nicht rechtzeitig erkenne und es viele Leute wieder notwendig finden, sich mit Klopapier einzudecken weit über ihren Bedarf. Doch meine Bange war unberechtigt, stattdessen großes Staunen: Ein volles Regal steht vor mir, mit Auswahl aus verschiedenen Sorten. Ich nehme aber wie immer dieselbe. Kurz überlege ich, ob ich diesmal statt einer Packung à zehn Rollen zwei nehme, schließlich steht die dunkle, kalte Jahreszeit bevor, und falls ich zum Jahreswechsel in eine Art Winterschlaf verfalle – was schon vorgekommen ist – wäre es äußerst ungünstig, wenn ich genau in dieser Winterschlafphase Klopapier besorgen müsste. Doch dann überkommt mich die Sorge, dass ich diese Packung jemandem wegnehme der sie dringender benötigt, jemandem, der mit Klopapier nicht nur seinen Arsch abwischt, sondern auch seinen Angstschweiß oder sonstige Körperflüssigkeiten, jemandem, der vielleicht mit Klopapier seine ganze Wohnung putzt.

Ich belasse es bei einer Packung und gehe damit zur Kasse. Stolz gehe ich anschließend mit meiner Packung die Straße entlang: Schaut her, ich habe Klopapier gekauft, es gab welches, ich freue mich! Aber fast niemand freut sich mit mir, nur ein paar Kinder entgegnen mein Lächeln mit einem Lächeln ihrerseits. Vielleicht denken sich viele der so enttäuscht und verbittert Dreinschauenden: Oh, der hat Klopapier gekauft – ich hätte ihm welches geben können, ich habe den ganzen Schrank voll davon! Aber schnell vergesse ich den Gedanken über das, was andere denken könnten und freue mich der Kinder, die mir entgegenlächeln. Ich freue mich, dass ich selbst Kind geblieben bin und mich meines Klopapiers erfreue.

Zuhause meldet sich mein Darm, was mich ebenfalls erfreut, ich nehme den Gang zum Stuhl, setze mich darauf und betrachte die weichen, zarten Blättchen Papier, die ich eben erworben habe:

Entfesselte Wut (ein Plädoyer für das Münchner Oktoberfest)

Meine Wut, sagt Vorderbrandner, ist wahrscheinlich nur ein Schrei nach Liebe, so wie der Griff zur Flasche nur ein Schrei nach Liebe ist, trotzdem habe ich eine Wut auf diesen alkoholisierten Pöbel, der auf Plätzen herumhängt, als sei der Virus mit der Zusichnahme von Alkohol auf engem Raum zu besiegen, überhaupt, wir wollen diesen Virus immer besiegen, vielleicht sollte der Virus uns besiegen, uns unwürdiges Menschenpack, das längst den Respekt vor dem Planeten, auf dem es lebt, verloren hat, sagt Vorderbrandner. Reden soll man mit dem alkoholisierten Pöbel, um Verständnis werben – das ich nicht lache! sagt Vorderbrandner, ehe ich zu reden beginne, habe ich schon eine in die Fresse gekriegt, dieser Schrei nach Liebe ist mir zu heftig, für einen Schrei nach Liebe, der sich in entfesselter Wut manifestiert, kann ich kein Verständnis haben, denn für so einen entfesselten Schrei nach Liebe will ich nicht sterben, nein, ich will leben, vielleicht ist das mein Fehler, dass ich leben will, denn der alkoholisierte Pöbel, vielleicht schreit er nicht nach Liebe, sondern nach dem Tod, endlich Schluss mit diesem unsinnigen Leben, wann schaffen wir es endlich, uns zu Tode zu saufen? Es ist eine verpasste Chance, dass das Münchner Oktoberfest abgesagt wurde, dort hätte man den Pöbel hinstecken können, der Pöbel wäre freiwillig hingegangen, hätte sich alkoholisiert, und natürlich – das wäre der einzige Sinn dieser Aktion gewesen – man hätte ihn nicht mehr herunterlassen dürfen von der Festwiese, eine sechzehntägige Quarantäne, saufen, fressen, kotzen, pissen, scheissen, schlafen, und danach Entzug, Alkoholverbot überall, entfesselte Gefühle, nackt, nicht vom Alkohol weggewaschen, Sinnlosigkeit, Verzweiflung, Tod, den Tod sehe ich ständig in den Gesichtern des alkoholisierten Pöbels, den Wunsch zu sterben, die Verzweiflung über die eigene Nichtexistenz, über die Nichtanerkennung dieser Welt. Das Nichts vor Augen und die Angst davor. Die Ablenkung von diesem Nichts mit Alkohol, hinein mit dem Gift in den Körper, Betäubung bis zum Tod. Nicht mehr möglich. Das Leben aushalten müssen und es aushalten. Durch die Angst durch bis zum Staunen, aber bis dahin längst der Wunsch zu sterben, das Staunen ist nicht auszuhalten, zu schmerzvoll, da hilft nur die Betäubung mit Alkohol, solange, bis wir sterben.

Ich habe eine Wut in mir, sagt Vorderbrandner, und ich habe Angst, sie zu entfesseln, obwohl ich weiß, dass sie nur ein Schrei nach Liebe ist, habe ich Angst, sie zu entfesseln.