Günstiger

In Günz haben sie eine Burg, und in Güns, obwohl es viel kleiner ist, haben sie einen Zoo, der in Güns Tsoo geschrieben wird. Auf ihren Tsoo sind sie immer sehr stolz gewesen, die Günser. Zwischenzeitlich überlegte man, den Ort, nach dem Vorbild vom größeren Günzburg, in Günstsoo umzubenennen. Doch seit einiger Zeit überlegt man in eine ganz andere Richtung: Man überlegt, den Tsoo aufzulassen. Die Tiere sind entweder gestorben oder wurden weggegeben. Nur noch ein Tiger ist übrig. In Güns sagt man deshalb nicht mehr Ich gehe in den Tsoo, sondern Ich gehe zum Tiger. Nichtgünser sagen Ich gehe zum Günstiger. Keine Rede mehr vom Günstsoo.

Der Günstiger ist zum Markenzeichen von Güns geworden. Er ist aber mittlerweile recht alt und verursacht hohe Kosten: Er muss rund um die Uhr gepflegt werden. Nahrung bekommt er nur noch intravenös, weil er nicht mehr beißen und kauen kann. Ständig kommt der Tierarzt. Der Bürgermeister von Güns hofft, dass er endlich stirbt, der Günstiger, um das Gemeindebudget nicht mehr zu belasten, doch weil er nicht stirbt, sah er sich in der letzten Gemeinderatssitzung zu folgender Aussage genötigt: Für Güns wäre es günstiger ohne Tiger. Daraufhin herrschte große Empörung unter den Gemeinderäten. Was ist denn Güns ohne seinen Tiger? Schlimm genug, dass es seinen Tsoo nicht mehr hat!

Ein Rat saß während der ganzen Empörung still in seinem Stuhl. Als die anderen auch wieder still in ihren Stühlen saßen, sahen sie ihn an, wie er still in seinem Stuhl saß, und er sagte in die Stille: Herr Bürgermeister, obwohl ich glaube, sie wollten nur einen billigen Wortwitz unter die Leute bringen, sage ich auch nö zum Tiger – anderes haben wir nötiger!

Thea Ter

Im Nachhinein scheint es natürlich selbstverständlich, dass Thea Ter Schauspielerin geworden ist. Theater-Schauspielerin nämlich. Dabei ist sie die Tochter eines Fabrikanten, eines Herstellers von Teekochern, der seine Produkte für den internationalen Markt T-Heater nennt.

Ist es also doch nicht so selbstverständlich, dass Thea Ter Schauspielerin geworden ist?

Lewandowski nickt ein

Ich beginne diese Erzählung im Heute, denn wenn sie nichts mit dem Heute zu tun hätte, würde ich sie nicht erzählen. Heute ist mittlerweile gestern, und das Gestern, das ich meine, ist der 19. Oktober 2019, ein Samstag, an dem die Internet-Seite des Fußballfachmagazins kicker titelt: Lewandowski nickt ein. Drei Worte, die mich schlagartig in ein noch gestrigeres Gestern katapultieren, nämlich zum 7. Juli 1974. Nun fällt es mir jedoch schwer, über dieses Gestern zu berichten, erstens weil ich noch gar nicht geboren war, und zweitens weil Sportberichterstattung zu den schwierigsten Berichterstattungen überhaupt zählt. Doch zu den Fakten: Am 7. Juli 1974, einem Sonntag, gewann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Olympiastadion von München das Weltmeisterschaftsfinale gegen die Nationalmannschaft der Niederlande und war damit Weltmeister im Fußball. Mit vielen Spielern des FC Bayern München, dem Lieblingsverein meines Vaters: Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Uli Hoeneß, Paul Breitner. Mein Vater war ein glücklicher Mensch an diesem 7. Juli 1974. Er saß vor dem Fernseher und lächelte, und innerlich reckte er die Arme in die Höhe, nur innerlich, denn äußerlich tat er das nie, die Arme in die Höhe recken. Zwei Monate früher, im Mai 1974, war der FC Bayern München zum dritten Mal in Folge deutscher Meister im Fußball geworden. Mein Vater hatte die Arme in die Höhe gereckt, innerlich, im Mai 1974.

Am Abend des 7. Juni 1974 war mein Vater also ein glücklicher Mensch, ein sehr glücklicher. Der FC Bayern war Weltmeister, so konnte man dieses Glück kurz zusammenfassen. Er teilte dieses Glück mit meiner Mutter. Im April 1975 wurde ich geboren. Im April 1975 stand bereits fest, dass der FC Bayern nicht zum vierten Mal in Folge deutscher Meister im Fußball werden würde. Mein Vater war nicht glücklich darüber, was eher seinem Normalzustand entsprach. Im Normalzustand war mein Vater ein unglücklicher Mensch, warum, das habe ich nie genau herausgefunden. Nicht nur wurde der FC Bayern München nicht deutscher Meister im Fußball: Mein Vater hatte jetzt einen Sohn, und er wusste nicht, ob das ein Glück oder ein Unglück ist, denn rein äußerlich war es ein Glück, während er innerlich ein Unglück verspürte, warum, wusste er nicht genau, wahrscheinlich, weil er selbst ein unglücklicher Sohn gewesen war. Das ist jedoch nur ein Mutmaßung über das Innenleben meines Vaters, denn er selbst behauptete immer, ein glücklicher Sohn gewesen zu sein, wenngleich diese Behauptung rein äußerlich daherkam und sich nicht sehr innerlich anfühlte.

Die nächsten Jahre nach meiner Geburt waren dürftige Jahre: Erst 1980 schaffte es der FC Bayern wieder, deutscher Meister im Fußball zu werden, mit Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge. Mittlerweile saß ich mit meinem Vater vor dem Fernseher, wenn die Spieler des FC Bayern München mit ihren roten Trikots in der Sportschau auf dem grünen Rasen aufliefen. Ich sah das Glück in den Augen meines Vaters und wünschte mir, selbst einmal ein Spieler im roten Trikot zu sein, um meinen Vater glücklich zu machen.

Unsere beste Zeit hatten mein Vater und ich zwischen 1985 und 1987, als der FC Bayern dreimal in Folge deutscher Meister wurde. Besonders dramatisch und unvergesslich sind die Umstände der Meisterschaft 1986, die erst am letzten Spieltag errungen wurde. Ich reckte die Arme in die Höhe und tanzte vor dem Fernseher, und mein Vater lächelte. Innerlich reckte er die Arme in die Höhe und tanzte vor dem Fernseher.

Danach erlosch unsere große Begeisterung, daran konnten auch die Meisterschaften 1989 und 1990 nichts ändern, ja nicht einmal der Weltmeistertitel der deutschen Nationalmannschaft im Jahr 1990 vermochte unsere Euphorie neu zu entfachen. Zu wenige Spieler des FC Bayern dabei, sagte mein Vater. Kein Vergleich mit 1974. 1992 spielte der FC Bayern ein sehr schlechtes Jahr. Mein Vater war ein unglücklicher alternder Mann und ich ein unglücklicher junger Mann. Auch die Meisterschaft 1994 konnte daran nichts ändern, nein, sie strich vollkommen unbemerkt an uns vorbei. Was war nur aus uns geworden?

Am 19. April 1997, einem Samstag, spielt der FC Bayern unentschieden gegen Borussia Dortmund und ist Tabellenführer der deutschen Bundesliga, drei Punkte vor Bayer Leverkusen. Mein Vater liegt blass und schwach im Bett. Am folgenden Dienstag, dem 22. April 1997, fällt mein Vater ins Koma. Lungenkollaps, Kreislaufstillstand, Wiederbelebung. In den darauffolgenden Wochen kämpft der FC Bayern gegen Bayer Leverkusen um die deutsche Meisterschaft im Fußball, und mein Vater… – gerne möchte ich sagen: Er kämpfte um sein Leben. Aber er kämpfte nicht. Er war eingenickt und wollte nicht mehr aufwachen. Er lag im Bett, angeschlossen an Maschinen, die ihn am Leben hielten. Aber er wollte nicht mehr. Er wollte nicht mehr leben. Am 31. Mai 1997, einem Samstag, bekam die Mannschaft des FC Bayern die Meisterschafts-Schale überreicht. Meinen Vater interessierte das nicht. Mich auch nicht. Am Mittwoch, dem 4. Juni 1997, stellte man die Maschinen ab. Mein Vater war endgültig eingenickt.

Samstag, 19. Oktober 2019. Der FC Bayern spielt in Augsburg, und das Fußballfachmagazin kicker titelt: Lewandowski nickt ein. Lewandowski nickt ein? Wie einst mein Vater? Ein Schrecken fährt durch meine Glieder. – Nein, Lewandowski nickt nicht ein wie mein Vater, sondern befördert den Ball mit dem Kopf ins Tor. Lewandowski nickt ein. Lewandowski nickt ein! Tor für den FC Bayern München!!!

Seit mein Vater gestorben ist, wurde der FC Bayern fünfzehn Mal deutscher Meister im Fußball: 1999, 2000, 2001, 2003, 2005, 2006, 2008, 2010, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018 und 2019. Wird es der FC Bayern mit den Toren von Robert Lewandowski 2020 wieder schaffen, deutscher Meister zu werden? So wie damals, im April 1986, als mein Vater und ich die Hände in die Höhe reckten und vor dem Fernseher tanzten? Durch den Fußball ist mein Vater kein glücklicher Mensch gewesen. Aber durch den Fußball habe ich die glücklichsten Momente mit ihm erlebt, und immer noch glaube ich, dass Siege des FC Bayern München dieses Glück wiederholen. Sonntag, 7. Juli 1974: Lewandowski nickt ein!

Denken und Lieben

Es waren einst zwei Brüder, die hießen Ben und Ken. Sie entstammten der Künstlerdynastie Lieden. Ben und Ken teilten sich alles im Leben, und so beschlossen sie, auch ihren Familiennamen Lieden zu teilen. Ben übernahm Lie und Ken Den. Mit ihrem künstlerischen Talent zogen sie gemeinsam durch die Lande, und obwohl sie aus dem Norden Deutschlands stammten, waren sie vor allem im süddeutschen Sprachraum sehr beliebt. Im süddeutschen Sprachraum wird in der Alltagssprache der Familienname oft vor den Vornamen gesetzt, und so nannten sich die beiden zwecks besserer Vermarktung bald Lie Ben und Den Ken, schließlich ohne Leerzeichen Lieben und Denken.

Eines Nachts – sie waren wieder unterwegs und ruhten nach ihrem Auftritt im Hotel – hatte Ken einen Traum: Er bestand aus einem riesengroßen Kopf. Er hatte keinen Körper mehr, nur mehr einen riesengroßen Kopf. Unerträgliche Gedanken quälten seinen riesengroßen Kopf, und Ben schenkte ihm in dieser Unerträglichkeit eine riesengroße Mütze für seinen riesengroßen Kopf.

Am nächsten Morgen erzählte Ken Ben von seinem Traum, und Ben sagte: Dieser Traum macht Sinn. Deine Disziplin ist das Denken, meine das Lieben. Du denkst, also bist du, ich liebe, also bin ich. Du bist Denken, ich bin Lieben. Nach diesen Worten von Ben schwoll Kens Kopf an und wurde größer und größer und verschlang seinen Körper und machte sich daran, seine ganze Umgebung zu verschlingen. Mit unbändiger Kraft rollte der Riesenkopf über alles hinweg. Es schien sogar, als rollte er gnadenlos über Bens Liebe hinweg, aus Zorn über Bens Aussagen, die so hochnäsig und arrogant daherkamen für den verzweifelt denkenden Riesenkopf, doch wenn man aufmerksam schaute, mit Liebe sozusagen, sah man, dass sich Bens Körper mit einer unglaublichen Elastizität um Kens Kopf schlängelte, und so rollten und schlangen sich die beiden dahin, und am Ende sagten alle Beobachter einhellig, das sei der bisher beste Auftritt der Brüder gewesen, mündend in der Feststellung: Denken und Lieben, das sind zwei große Künstler!

Laubatio

eine Baumbegegnung im Herbst

Bäume, besonders die laubtragenden unter ihnen, sind sehr empfindsame Wesen. Sie registrieren, wenn Menschen freundlich zu ihnen sind. Da sie jedoch nicht sprechen können, gibt es von ihnen kein Lob, sondern Laub.

Im Herbst, wenn sie Bilanz ziehen über all die freundlichen Menschen, die an ihnen im Lauf des Jahres vorbeigezogen sind, halten sie, mangels Sprechvermögen, keine Laudatio, sondern eine Laubatio.

Ich kam in diesen Tagen zu dieser Ehre, als ich unter einer sich gelb färbenden Buche stand. Im leichten Wind ließ sie ein paar Blätter auf mich fallen, und ich sagte zu mir: Schön, dass ich das erleben darf, korrigierte mich aber sofort und sagte: Schön, dass ich das erlauben darf!

Buche bei der Laubatio

 

Im Goldenen Land

„Beinahe wie im Goldenen Land“, murmelte er.
„Was ist das Goldene Land?“
„Nichts Besonderes, ehrlich. Eine Landschaft, die ich manchmal im Traum gesehen habe.“
(aus George Orwell: 1984)

In den Weserauen bei Hameln

anlässlich der Premiere von 1984 in Hameln am 16. September 2019

Im Buchenwald

Im Buchenwald
dachte ich
an Buchenwald:
Der Großvater,
der Schuss der hallt.

Ich musst es tun,
sagt er,
sonst wäre ich
selbst gestorben,
und wusste nicht,
dass ich
durch den Schuss
selbst
gestorben bin.

Abgründe tun sich auf,
Verzweiflung, bittre Not.
Die Buchen stehen da,
schaun gütig auf die Welt,
sie suchen keine Schuld,
sie fürchten nicht den Tod.