So etwas darf nie mehr passieren!

Geschichte eines totalen Gutmenschen

Er ist Politiker von Beruf, Bürgermeister einer Kleinstadt, aber ein moderner Politiker, mit Instagram- und Twitter-Account, er steht an der KZ-Gedenkstätte und sagt: So etwas darf nie mehr passieren!, als ein paar Kilometer entfernt, bei der Döner-Bude am historischen Marktplatz, dem zentralen Treffpunkt der Kleinstadt, einer einen anderen erschießt. Er eilt hin und sagt noch am Tatort: So etwas darf nie mehr passieren!, und wie ein Mantra wiederholen die eingetroffenen Gutbürger der Kleinstadt seine Botschaft: So etwas darf nie mehr passieren!

Als die erste Aufregung vorbei ist und die meisten Gutbürger sich wieder verzogen haben, um ihre gute Tat gegen das Böse auf Instagram zu posten, eilt er zurück zur KZ-Gedenkstätte, wo die jüdische Gemeinde ausgeharrt hat, und wiederholt pflichtbewusst seine Botschaft: So etwas darf nie mehr passieren!

Da fliegen plötzlich Eier auf ihn, gut geworfen, denn sie treffen ihn, und einer – es ist wohl kein Gut-, sondern ein Wutbürger – schreit: Wenn du noch einmal sagst So etwas darf nie mehr passieren!, dann hau ich dir so eine in die Fresse, dass dir nie mehr was passiert.

Bitte seien Sie vernünftig, besuchen Sie Bordelle!

ein Aufruf des bayrischen Ministerpräsidenten Markus S.

Liebe Mitbürgerinnen und vor allem -bürger, wieder einmal wende ich mich in dieser schwierigen Zeit an Sie, diesmal mit einer besonderen Bitte: Besuchen Sie Bordelle! Die besondere Situation, in der wir uns befinden, erfordert besondere Aufmerksamkeit, erfordert, die Aufmerksamkeit auch dahin zu richten, wo wir sie bisher nicht hingerichtet haben: Hier in Bayern, in unserem schönen Land, wo der Stand der Ehe besonders hochgehalten wird, möchte man meinen, dass Bordelle nicht notwendig seien. Doch die Krise hat uns eines Besseren belehrt. Die Krise hat die scheinbar so solide Institution der Ehe ins Wanken gebracht, es herrscht größere Unzufriedenheit als sonst in ehelichen Partnerschaften – Stichwort häusliche Gewalt – und ich habe daher eine Expertengruppe einberufen, die sich mit diesem Thema befasst hat. Diese Expertengruppe kam zu dem einhelligen Ergebnis, dass Bordellbesuche für Ehemänner zwingend erforderlich sind, um die Ehe aufrechtzuerhalten beziehungsweise ihren äußeren Schein zu wahren, ja, obwohl die Scheinehe verboten ist, bestehen viele Ehen scheinbar nur zum Schein. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich auf diese Problematik der Scheinehen momentan nicht näher eingehen kann, wichtig erscheint mir im Moment, dass wir alle zusammenhalten, um diesen Schein zu bewahren, und deshalb noch einmal: Besuchen Sie Bordelle!

Ich habe mich vor Ort überzeugt und war begeistert, wie die Hygienestandards eingehalten werden, ja, ich weiß, und da bin ich ganz ehrlich, Sex mit Maske ist lästig, aber es geht im Moment nicht anders, ich bitte Sie – zusätzlich zum Tragen einer Maske und den sonstigen mittlerweile selbstverständlichen Hygienevorkehrungen – möglichst solche Stellungen zu wählen, bei denen die Gesichter maximal weit entfernt sind, wie etwa Doggy oder 69, mir ist bewusst, es entspricht mehr unserem christlich-sozialen Ideal, sich dabei ins Gesicht zu sehen, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, und ganz ehrlich: Auch Stellungen wie Doggy oder 69 können Spaß machen, ich denke, ich spreche da aus Erfahrung.

Außerdem möchte ich allen Bordellbediensteten danken, sie arbeiten wirklich hochprofessionell, ich durfte mich davon überzeugen, und sie leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für unsere christlich-soziale Wertegemeinschaft. Deshalb noch einmal: Klatschen alleine reicht nicht für diese Menschen, die sich in dieser Krise ganz in den Dienst unserer Gesellschaft stellen – besuchen Sie unsere schönen bayrischen Bordelle, damit diese auch in Zukunft ihre gesellschaftlichen Funktionen erfüllen und wir unsere Schein…, nein, was red ich da: Unsere Ehen aufrechterhalten können!

Aus den Klopapier-Kroniken: dritter Quartalsbericht

Erster Bericht
Zweiter Bericht

Ein Quartal eines Jahres ging wieder einmal zu Ende, das dritte dieses Jahres, und der Herbst stand vor der Tür, besser gesagt, er hatte schon begonnen, seit ein paar Tagen hatte es empfindlich abgekühlt, nachdem der Sommer lange seine warmen Temperaturen in den September hineingestreckt hatte.

Mit einem wohligen Behagen, in meine Jacke gehüllt, ging ich die Straße entlang, um mir Klopapier zu besorgen. Als ich den Drogeriemarkt betrat, war mir jedoch plötzlich bange, denn seit zwei Quartalen treibt mich die Sorge um, dass die Regale wieder leer sein könnten, wie im Frühjahr, dass wieder irgendeine Notlage ausgerufen wird, von der ich nichts mitbekomme beziehungsweise deren Not ich nicht rechtzeitig erkenne und es viele Leute wieder notwendig finden, sich mit Klopapier einzudecken weit über ihren Bedarf. Doch meine Bange war unberechtigt, stattdessen großes Staunen: Ein volles Regal steht vor mir, mit Auswahl aus verschiedenen Sorten. Ich nehme aber wie immer dieselbe. Kurz überlege ich, ob ich diesmal statt einer Packung à zehn Rollen zwei nehme, schließlich steht die dunkle, kalte Jahreszeit bevor, und falls ich zum Jahreswechsel in eine Art Winterschlaf verfalle – was schon vorgekommen ist – wäre es äußerst ungünstig, wenn ich genau in dieser Winterschlafphase Klopapier besorgen müsste. Doch dann überkommt mich die Sorge, dass ich diese Packung jemandem wegnehme der sie dringender benötigt, jemandem, der mit Klopapier nicht nur seinen Arsch abwischt, sondern auch seinen Angstschweiß oder sonstige Körperflüssigkeiten, jemandem, der vielleicht mit Klopapier seine ganze Wohnung putzt.

Ich belasse es bei einer Packung und gehe damit zur Kasse. Stolz gehe ich anschließend mit meiner Packung die Straße entlang: Schaut her, ich habe Klopapier gekauft, es gab welches, ich freue mich! Aber fast niemand freut sich mit mir, nur ein paar Kinder entgegnen mein Lächeln mit einem Lächeln ihrerseits. Vielleicht denken sich viele der so enttäuscht und verbittert Dreinschauenden: Oh, der hat Klopapier gekauft – ich hätte ihm welches geben können, ich habe den ganzen Schrank voll davon! Aber schnell vergesse ich den Gedanken über das, was andere denken könnten und freue mich der Kinder, die mir entgegenlächeln. Ich freue mich, dass ich selbst Kind geblieben bin und mich meines Klopapiers erfreue.

Zuhause meldet sich mein Darm, was mich ebenfalls erfreut, ich nehme den Gang zum Stuhl, setze mich darauf und betrachte die weichen, zarten Blättchen Papier, die ich eben erworben habe:

Entfesselte Wut (ein Plädoyer für das Münchner Oktoberfest)

Meine Wut, sagt Vorderbrandner, ist wahrscheinlich nur ein Schrei nach Liebe, so wie der Griff zur Flasche nur ein Schrei nach Liebe ist, trotzdem habe ich eine Wut auf diesen alkoholisierten Pöbel, der auf Plätzen herumhängt, als sei der Virus mit der Zusichnahme von Alkohol auf engem Raum zu besiegen, überhaupt, wir wollen diesen Virus immer besiegen, vielleicht sollte der Virus uns besiegen, uns unwürdiges Menschenpack, das längst den Respekt vor dem Planeten, auf dem es lebt, verloren hat, sagt Vorderbrandner. Reden soll man mit dem alkoholisierten Pöbel, um Verständnis werben – das ich nicht lache! sagt Vorderbrandner, ehe ich zu reden beginne, habe ich schon eine in die Fresse gekriegt, dieser Schrei nach Liebe ist mir zu heftig, für einen Schrei nach Liebe, der sich in entfesselter Wut manifestiert, kann ich kein Verständnis haben, denn für so einen entfesselten Schrei nach Liebe will ich nicht sterben, nein, ich will leben, vielleicht ist das mein Fehler, dass ich leben will, denn der alkoholisierte Pöbel, vielleicht schreit er nicht nach Liebe, sondern nach dem Tod, endlich Schluss mit diesem unsinnigen Leben, wann schaffen wir es endlich, uns zu Tode zu saufen? Es ist eine verpasste Chance, dass das Münchner Oktoberfest abgesagt wurde, dort hätte man den Pöbel hinstecken können, der Pöbel wäre freiwillig hingegangen, hätte sich alkoholisiert, und natürlich – das wäre der einzige Sinn dieser Aktion gewesen – man hätte ihn nicht mehr herunterlassen dürfen von der Festwiese, eine sechzehntägige Quarantäne, saufen, fressen, kotzen, pissen, scheissen, schlafen, und danach Entzug, Alkoholverbot überall, entfesselte Gefühle, nackt, nicht vom Alkohol weggewaschen, Sinnlosigkeit, Verzweiflung, Tod, den Tod sehe ich ständig in den Gesichtern des alkoholisierten Pöbels, den Wunsch zu sterben, die Verzweiflung über die eigene Nichtexistenz, über die Nichtanerkennung dieser Welt. Das Nichts vor Augen und die Angst davor. Die Ablenkung von diesem Nichts mit Alkohol, hinein mit dem Gift in den Körper, Betäubung bis zum Tod. Nicht mehr möglich. Das Leben aushalten müssen und es aushalten. Durch die Angst durch bis zum Staunen, aber bis dahin längst der Wunsch zu sterben, das Staunen ist nicht auszuhalten, zu schmerzvoll, da hilft nur die Betäubung mit Alkohol, solange, bis wir sterben.

Ich habe eine Wut in mir, sagt Vorderbrandner, und ich habe Angst, sie zu entfesseln, obwohl ich weiß, dass sie nur ein Schrei nach Liebe ist, habe ich Angst, sie zu entfesseln.

Ans Ehen (oder: Brettl und die parfümierten Frauen)

Brettl war gerade das sechste Mal geschieden worden, als er beschloss, sich fortan An zu nennen, und wir sagten:
Brettl, bist du bescheuert? An, das klingt wie Prinzessin Anne.
Dann sprecht es halt französisch aus, wenn euch das lieber ist, ohne N, nur A, aber dann mit Accent bitte.
Nein Brettl, du bist der Brettl, oder vielleicht noch der Andi. Aber nicht der An.

Brettl heißt mit amtlichem Namen Andreas Brettlhuber. Brettls Vater war früher Schirennläufer gewesen, er hatte es bis in den Weltcup gebracht. Das weiß man von Brettls Vater. Was man nicht von ihm weiß: Dass er sechs Kinder mit vier Frauen gezeugt hat. Brettl war das erste Kind mit der ersten Frau. Brettl fand seine Mutter toll, so wie man seine Mutter als Kind toll findet, doch je älter er wurde, fand er sie zunehmend verbittert und verschlossen, eine Dame, die ihre Gefühle nicht zeigt, er wollte mehr und mehr zu seinem Vater, er wurde neugierig auf die anderen Frauen seines Vaters. Wenn das Sprichwort Wie der Vater so der Sohn zutrifft, dann trifft es sicher auch auf Brettl und seinen Vater zu. Brettl hat zwar erst zwei Kinder, dafür war er schon sechsmal verheiratet.

Wenn man Brettl fragt, wieso er denn schon sechsmal geheiratet hat, um sich dann sechsmal scheiden zu lassen, wieso er denn das Heiraten nicht irgendwann mal hat sein lassen, so sagt er: Ich wollte nicht heiraten, die Frauen haben mich dazu gedrängt, oder, vielleicht stimmt das nicht, ich wollte doch heiraten, in dem Moment, als sie mich fragten, wollte ich bei ihnen sein, ich muss nämlich Folgendes sagen: Ich haben einen außerordentlich ausgeprägten Geruchssinn, ich kann Frauen sehr gut riechen, selbst wenn sie sich einparfümieren, kann ich das Dahinter riechen, ich bin dann umso mehr betört von Geruch einer Frau, wenn ich mich durch ihre Parfümwolke durchgearbeitet habe, es zieht mich zu ihr hin, ich kann nicht anders als ihr nahe zu sein, und wenn sie mich dann fragt, ob wir heiraten, sage ich natürlich ja, ich kann nicht anders, ich will ihr nahe sein. Doch mit der Zeit, das war bisher bei jeder Frau so, wird mir ihr Geruch schal, es ist, als sei sie für mich gestorben, nicht mehr lebendig, wieder eingehüllt in ihre Parfümwolke wie in einen Kokon, nicht zugänglich für menschliche Nähe und Liebe, und ich rieche plötzlich verstärkt andere Frauen, mich zieht es zu ihnen hin, ich will ihnen nahe sein, ich kann nicht anders.

Dann höre ich von der jeweils aktuellen Frau: Ich will die Scheidung! Ganz strikt, kein Fragen, was denn los sei, kein Selbstinfragestellen der ständigen Parfümwolkerei, nein, nur: Ich will die Scheidung! Was soll ich da sagen? Ich will nicht zwingend die Scheidung, genauso wenig zwingend, wie ich die Heirat will. Ich will bloß eine andere Frau, die ich wieder riechen kann, der ich nahe kommen und die ich lieben kann.

Viele werfen Brettl vor, er habe seine bisherigen sechs Frauen nur wegen des Geldes geheiratet, denn es waren durchgehend vermögende Frauen, von deren Vermögen er dann bei der Scheidung die Hälfte zugesprochen bekam. Brettl meint dazu: Ich glaube, ich habe hinter ihrer Parfümwolke gerochen, dass sie Liebe brauchen, durch meinen scharfen Geruchssinn, aber sie nebelten sich weiter ein, sodass es selbst für meinen scharfen Geruchssinn zu viel wurde, um ihnen nahe zu sein. Die Frauen, die ich erobere, glauben, durch Heiraten meine Liebe an sich binden zu können, anstatt sich selbst für die Liebe zu öffnen. Da ist es doch gut und recht, dass ich bei der Scheidung ihr Geld nehme für diesen Missbrauch an mir.

Ich selbst, sagt Brettl, muss mich allerdings allmählich fragen, wieso ich denn nur Frauen erobern will, die eine Parfümwolke mit sich herumtragen. Sie tragen diese Parfümwolke ja nicht zum Spaß mit sich herum, nein, sie haben Angst vor der Liebe und schützen sich vor ihr. Deshalb habe ich auch meinen Namen zu An geändert, als äußeres Zeichen, dass sich etwas ändern muss. Ich will mich von meiner Sucht befreien, verschlossene Herzen öffnen zu wollen. Es ist anstrengend, verschlossene Herzen zu öffnen, die, sind sie endlich geöffnet, ihren Liebeshunger gierig stillen, um sich dann wieder zu verschließen. Ich will mich für offene Herzen öffnen, die mich lieben wollen.

Mit Suzanne auf dem Hügel

Armin ist aufs Land gezogen, um Ruhe zu finden. Er wohnt in einem ehemaligen Bauernhof, den er zu einem modernen Wohnhaus umgebaut hat. Gleichzeitig hat er seine Wohnung in der Stadt behalten. Kann er sich das leisten? fragte ich mich anfangs. Mittlerweile frage ich mich das nicht mehr sondern denke nur: Armin kann sich das leisten. Armin führt zwei Haushalte, aber nicht alles hat er doppelt. Wenn er auf seinem Bauernhof ist und etwas braucht, das in seiner Stadtwohnung ist, ruft er mich an und ich bringe es ihm. Armin bezahlt mich dafür. Er hat mir einen eigenen Wagen für diese Dienste zur Verfügung gestellt.

Armin hat mich heute Früh angerufen, er sagte, er bräuchte dringend ein Buch aus seiner Stadtwohnung, und ich sagte: Ja, Armin, ich habe Zeit, ich bringe es dir. Ich radelte zu seiner Wohnung, suchte das Buch in seinem gut sortierten Bücherschrank und fand es: Alte Ansichten des Ammersees. Wieso braucht er denn das? Er braucht doch nur aus den Fenstern seines Bauernhofs zu sehen und hat aktuelle Ansichten. Aber dann dachte ich: Er braucht es halt. Ich ging zum Stellplatz des Wagens in der Tiefgarage, legte das Buch auf den Beifahrersitz und fuhr los. Ich fuhr über die Autobahn, denn wenn Armin Dinge haben will, dann will er sie schnell haben, da brauche ich ihm nicht zu kommen mit: Ich bin über die Landstraßen gefahren, das ist schöner. Und schließlich bezahlt er mir für die Dienste, also halte ich mich an die Regeln, an Armins Regeln.

Nur beim Zurückfahren in die Stadt, da nehme ich mir die Freiheit, Umwege zu fahren, stehenzubleiben, ein paar Schritte zu gehen, die Landschaft zu spüren. Diesmal fuhr ich von Armin gleich den Hügel hoch in den Wald. Oben, schon ziemlich weit oben, ist eine weite Lichtung. Dort stellte ich den Wagen ab. Ich ging ein paar Schritte über die Wiese und schaute über den See unter mir. Der Himmel war mächtig mit Wolken aufgeladen, kam jetzt am Abend aber doch zur Ruhe und ließ ab und zu ein paar tiefe Sonnenstrahlen herab. Warum schreibe ich das? Von den Wolken und den Sonnenstrahlen. Weil ich nicht malen kann. Sonst würde ich ein Bild malen. Das würde meine Stimmung viel besser beschreiben als Worte. Glaube ich zumindest.

Worte. Kamen mir in den Kopf, dort oben auf dem Hügel. Wurden mir eingeflüstert. Und ich kann es nicht lassen, sie aufzuschreiben:

Hinter diesem Weg ist ein weiterer, es ist der Pfad, den ich noch nicht gehe, aber ich spüre, wie er sich nach mir sehnt, er ruft mich, laut und schmerzvoll.

Ich kannte einen Mann: Er lebte in seinem Gefängnis. Seine Geschichte erzähle ich mir oft. Er träumte von etwas, er nannte es seine heilige Erfüllung, und als er sich befreit hatte, führte er sein Land, er lehrte die Liebe und lebte sie.

Ich gehe auf diesem Weg, ich lebe wie ich lebe, und die Liebe zieht mich hin zu diesem weiten, wahren Horizont.

Die Luft um mich war klar, dort oben auf dem Hügel mit dem See unter mir, den Bäumen neben und dem Himmel über mir. Alle Wege vereinigten sich für einen kurzen Moment zu einem wahren. Ich hörte eine Trompete. Ihr Klang berührte mich und heiligte den Moment. Ihr Klang erschien mir wahrhaftiger als alle Worte, die ich jemals schreiben werde. Ich will nicht schreiben, Worte frustrieren mich. Es fehlt ihnen etwas. Ich schreibe nur, weil ich nicht Musik machen kann.

Die Trompete verschallte. Ich ging zurück zum Wagen und summte die Melodie, die sie gespielt hatte. Ich konnte sie nicht notieren, nein, Musik notieren kann ich nicht, ich notiere so viel, aber Musik fliegt mir dauernd davon. Vielleicht berührt sie mich genau deswegen so. Trotzdem, diese Melodie wollte ich nicht verlieren. Würde mein Abend ein tragisches Ende nehmen?

Im Wagen – es war wie ein Wunder – kam dann die Musik zu mir, die ich gesucht hatte, die B2-Redaktion hatte sie für mich gefunden, und sie begleitete mich über die Wege durch die grünen Hügel nachhause.

Sus und Mari (Zwei Schwestern) – Versuch einer Szene

Sus und Mari stellen gerne Situationen dar: Sus schwimmt durch einen Fluss, während Mari am Ufer bleibt. Als Sus am anderen Ufer ankommt, rufen sie einen Kameramann, der sich mit seiner Kamera auf einem Boot in der Mitte des Flusses befindet. Der Kameramann macht ein Bild. Das Bild zeigt Mari auf der einen, Sus auf der anderen Seite des Flusses. Sus und Mari nennen das Bild Hierzulande und dortzulande, hier mit und dort ohne Gewande, denn Sus hat sich zum Schwimmen ausgezogen und steht nackt dort, während Mari sich hier Sus‘ Kleid so über den Kopf gezogen hat, dass nur ein Schlitz für ihre Augen freibleibt. Das Bild ist sehr bekannt. Es macht die beiden berühmt. Die Feuilletonisten stürzen sich auf das Bild, rätseln über sein Motiv und kommen fast einhellig zu dem Ergebnis, dass man dort, in der Fremde, nackt ist, und hier, in der Heimat, sich lächerliche Verkleidungen über seinen Körper wirft. Sus und Mari meinen dazu: Das kann schon so sein. Kleidung wird schrecklich ideologisiert. Im Winter gehe ich gerne vollverschleiert, sagt Sus, weil es mich im nackten Gesicht genauso friert wie am restlichen Körper. Deswegen bin ich keine Muslime. Ich dagegen schon, sagt Mari, auf das berühmte Bild zurückkommend: Als ich mir Sus‘ Kleid über den Kopf zog, wollte ich eine Muslime sein. Oder war ich doch eine Christin, der das Kopftuch zu weit in das Gesicht gerutscht ist? Ich mit meinen rötlichen Haaren bin die nackte Hexe am anderen Ufer, sagt Sus. Wo ist der Scheiterhaufen?

Wer sind Sus und Mari? Sie haben die selbe Mutter, aber nicht den selben Vater. Sus und Maris Mutter Anne schimpft über die Väter ihrer Töchter, von denen sie sich jeweils kurz nach der Zeugung getrennt hat. Keiner der beiden Väter ist bei der Geburt von Sus und Mari dabei gewesen. Keiner ist später im Leben der beiden dabei. Es ist ein Heranwachsen ohne Väter. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die beiden als Kinder beschließen, Nonnen zu werden.

Mari kennt Wolfgang und sagt: Wolfgang heißt Thomas, aber ich nenne ihn Wolfgang, denn er hat einen Gang wie ein Wolf. Von Wolfgang gibt es ein Bild, das ihn auf einer Kloschüssel sitzend zeigt. Das Bild heißt: Wolfgang beim Stuhlgang.

Mari hat ein Kind geboren. Ob Wolfgang oder Thomas der Vater ist, weiß sie nicht. Am liebsten sei ihr die Vorstellung, sie habe ein Kind von zwei Männern, sagt sie. Das Kind ist – nach langem Kampf – bei der Geburt gestorben. Mari hat dabei viel Blut verloren. Sus hat ein Bild gemacht mit Mari in ihrem verlorenen Blut. Sie nennen das Bild: Das ist mein Blut, das für euch Männer vergossen wird, zur Vergebung der Sünden. Ein Feuilletonist kommentiert das Bild entnervt mit: Die kranken Schwestern, woraufhin Sus meint: Mari und ich werden keine Nonnen mehr, wie wir das als Kinder wollten, sondern Krankenschwestern. Denn die kranke Gesellschaft braucht ihre Schwestern.