Archiv der Kategorie: Wirres

Das Leben zu entwirren kann sehr verwirrend sein.

Bub und Dirndl Oris

Es gab einst Frau und Herrn Oris, und man sagt, sie waren sehr fleißige Leute. Manche sagen, sie hätten eine Schweizer Uhrmarke begründet, andere, sie wären Vorfahren von Ingenieuren, die Anhängerkupplungen herstellen. Andere wiederum sagen, sie waren sehr verliebt ineinander und küssten sich ihr Leben lang leidenschaftlich, das würde ihren Namen erklären, Os, Mund, Oris, des Mundes, und das würde auch erklären, warum Frau Oris bereits acht Kinder geboren hatte, als sich die beiden sehr müde fühlten vom Schaffen und vom Pflegen und Aufziehen ihrer acht Kinder.

Sie lagen erschöpft da, und selbst in ihrer Erschöpftheit waren sie sehr verliebt ineinander, es kam ihnen vor, als sähen sie sich zum ersten Mal, sie sahen sich in die Augen und sahen darin die ganze Welt. Aus dieser Begegnung gebar Frau Oris, Gott die HerrIn wollte es so, zwei weitere Kinder, Nummer neun und Nummer zehn, ein Mädchen und einen Jungen, und diese Doppelgeburt erschöpfte Frau und auch Herrn Oris so sehr, dass sie nicht die Kraft fanden, den beiden Neugeborenen Namen zu geben. Sie sprachen zwar nicht von Nummer neun und Nummer zehn, sondern vom Mädchen und vom Jungen, vom Dirndl und vom Buben wie man in ihren süddeutschen Breitengraden sagte.

Da waren sie also, das Dirndl Oris und der Bub Oris, nach einiger Zeit sprach man nur vom D’Oris und vom B’Oris. Nach wieder einiger Zeit verschwanden dann auch die Apostrophe, und man sprach und schrieb nur noch Doris und Boris. So, sagt die Legende, sind aus dem Namen Oris die Vornamen Doris und Boris hervorgegangen.

Es muss Liebe sein

Du liegst im Gras und lässt die ersten warmen Frühlingsstrahlen der Sonne auf dich scheinen. Das Licht zeichnet sanft deine Konturen.

Beim Anblick von dir erinnere ich mich an die Zeit, als alles in mir Frühling war, als das Leben begann, sich groß vor mir aufzubauen, als eine Flut von Liebe auf mich zukam. Ich stürzte mich in diese Flut. Ich stürzte mich auf Kathi aus der Parallelklasse, die immer traurig-böse dreinschaute. Ihr Schauen beförderte meinen Ehrgeiz, ihr Herz zu erobern. In ihrem Schauen sah ich die Flut, in der ich ertrinken wollte.

Entschlossen meldete ich mich und meine Kumpels für einen musikalischen Beitrag beim Schulabschlussfest an: Nach wochenlanger intensiver Probierei und Tüftelei bespielten wir die Bühne mit It Must Be Love von Madness. Bevor wir losspielten, sagte ich vor versammelter Menge: This is a song for Kathi, my greatest love of all! Dann spielten wir los, mad, verrückt, wie große Popstars, um die Liebe auf die Spitze, ins Absurde, zu treiben. Es muss schrecklich geklungen haben, aber wir waren überzeugt, mindestens so gut wie Madness zu spielen, mindestens so verrückt, wenn nicht sogar verrückter. Ich spürte eine Welle, die mich trug.

Kathi stand in der Menge und schaute traurig-böse. Nach unserer Madness-Show ging ich von der Bühne und schnurstracks auf sie zu. Ich spüre jetzt noch diesen geradlinigen Mut in mir, diese Welle, die mich trug. Sie rannte davon, ich ihr nach, draußen hinter den Hecken holte ich sie ein. Ich packte sie, sie wehrte sich, doch plötzlich sank sie vor mir hin. Ich strich über ihre Brüste, die sich rund und weich anfühlten, ja, das habe ich am meisten in Erinnerung, dieses Gleiten meiner Hand über ihre weichen und runden Brüste. Dann packte sie mein Gesicht mit beiden Händen und presste ihren Mund fest an meinen. Ich erschrak und wich zurück. Das war zu viel Liebe. Da war die Flut, die über mich kam, und ich hatte plötzlich Angst, in ihr zu ertrinken. Ich drehte mich um und ging zurück ins Trockene, zu meinen Kumpels. Später sah ich Kathi inmitten ihrer Freundinnen, mit Tränen in den Augen.

Du liegst immer noch im Gras. Ich sitze hinter dir, am Stamm des Baumes, wie ein Maler, um den Moment einzufangen. Als die Sonne die obersten Baumwipfel streichelt, hinter denen sie verschwinden wird, kommst du zu mir. Wir umarmen uns. Ist das jetzt die Flut des Frühlings, oder ist es eine sanfte Welle, die uns trägt? Die Vögel singen es von den Bäumen: Es muss Liebe sein:

Die Weltorganisation für Meteorologie meldet sich bei Vorderbrandner und äußert sich wohlwollend über seine Einteilung der Jahreszeiten

Aus gegebenem Anlass des meteorologischen Frühlingsbeginns hat sich die Weltorganisation für Meteorologie wohlwollend über Vorderbrandners Einteilung der Jahreszeiten geäußert.

Zunächst stellt sie fest, dass die Einteilung nach Monaten auch der ihren entspricht: Der Frühling besteht aus März, April und Mai, der Sommer aus Juni, Juli und August, der Herbst aus September, Oktober und November und der Winter aus Dezember, Januar und Februar. Die Ersetzung der Monatsnamen durch die Attribute früh, hoch und spät – bei Vorderbrandner entspricht der März dem Frühfrühling, der April dem Hochfrühling und der Mai dem Spätfrühling und so weiter – führe zwar zu eigentümlichen Wortphänomenen wie dem Frühfrühling, trage aber zum besseren Verständnis der Jahreszeiten in der breiten Bevölkerung bei. Außerdem trage es zur Vereinheitlichung des Jahreszeitenschemas bei, denn es sei verwirrend, den Frühling in Vor-, Erst- und Vollfrühling einzuteilen, den Sommer aber in Früh-, Hoch- und Spätsommer. Für diese Vereinheitlichung müsse man eigentümliche Wortphänomene wie den Frühfrühling in Kauf nehmen.

Die Einteilung Vorderbrandners ist der Weltorganisation für Meteorologie insgesamt jedoch noch zu ungenau, und sie plädiert dafür, die jeweiligen Früh-, Hoch und Spätdrittel der Jahreszeiten nochmals zu dritteln, den Frühfrühling beispielsweise in einen Frühfrüh-, in einen Hochfrüh- und einen Spätfrühfrühling einzuteilen und so weiter. Auf die konkreten Kalendertage bezogen schlägt die Weltorganisation für Meteorologie  vor, die Tage vom 1. bis zum 10. eines Monats als früh, vom 11. bis zum 20. als hoch und vom 21. bis zum letzten als spät zu bezeichnen. Hier fällt auf, dass der Spätspätwinter im Vergleich zu anderen eine sehr kurze Jahreszeit ist, da er nur vom 21. bis zum 28. Februar dauert, in Schaltjahren bis zum 29. Februar.

Es kommt die Tatsache ins Spiel, dass, während die Erde sich einmal um die Sonne dreht, der Mond sich etwas mehr als zwölfmal um die Erde dreht. Doch diese Tatsache führe weg von der meteorologischen Betrachtungsweise der Jahreszeiten in eine astronomische, bei der der Frühlingsanfang an der Tag- und Nachtgleiche um den 20. März liegt, am Übergang des Hochfrühfrühlings in den Spätfrühfrühling also, so die Weltorganisation für Meteorologie, und deshalb sei dieser Aspekt aus meteorologischer Sicht nicht weiter zu verfolgen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Weltorganisation für Meteorologie eine Vorliebe für eigentümliche Wortkreationen zu haben scheint und Vorderbrandner bei seinen Schöpfungen unterstützt.

Die Erths

Gertrud und Bertram Erth sind Schwester und Bruder. Sie sind getrieben vom Wunsch, bekannt, berühmt und geliebt zu sein. In der Öffentlichkeit traten sie bisher auf als GErth und BErth, was ihnen bisher jedoch keine größere Bekannt- noch Berühmtheit eingebracht hat. Zwischenzeitlich sind sie auch als ram&rud in Erscheinung getreten, doch auch das gab ihrer Bekannt- und Berühmtheit in der Öffentlichkeit keinen Schub. So treten sie nun wieder als GErth und BErth auf.

Nun wurde bekannt, dass ihre jüngere Schwester Hertha Erth, manche sprechen der Einfachheit halber von HErth, sich mit Verben der deutschen Sprache beschäftigt, die heute nur mehr in abgewandelten Formen in Gebrauch sind. Kürzlich veröffentlichte HErth eine Abhandlung über das Verb behren, dass heute nur noch in der Form entbehren gebräuchlich ist. Behren, so HErth, bedeutet ursprünglich tragen. Man kann also sagen, so HErth weiter: Ich behre die Beere.

Diesen poetischen Satz ihrer jüngeren Schwester griff GErth auf wie einen letzten Strohhalm zur Bekannt- und Berühmtheit und tritt auf einer Bühne auf, auf der sie gehend eine Beere in der Hand trägt und dazu die Worte spricht: Ich behre die Beere, ich lehre die Leere. BErth, ihr Bruder, geht dabei neben ihr und nickt zustimmend.

Einer im Publikum ruft im Nachhall dieser Sätze: Ich gehre die Göre. Er benutzt das Verb gehren, obwohl HErth dieses Verb noch gar nicht abgehandelt hat, das Verb, das heute nur mehr in der abgewandelten Form begehren gebräuchlich ist. Offen bleibt, ob mit der Göre GErth, also Gertrud die Vortragende, gemeint ist oder eine andere Person im Saal. Oder gar HErth?

Ein anderer im Publikum ruft den Rufer zur Ordnung und ruft: Sei still und höre die Hehre!

In dieser Stille, die jetzt herrscht, stellen sich viele Fragen: Ist GErth die Göre und HErth die Hehre? Oder umgekehrt? Oder keine von beiden? Welche Rolle spielt BErth in diesem Spiel? Spielt er überhaupt eine?

GErth bleibt auf der Bühne stehen und ihr Blick geht in die Leere. In ihrer Hand behrt sie reglos die Beere, so als soll dieser Moment, der GErth und BErth endlich bekannt, im besten Fall sogar berühmt machen soll, nie vergehen.

Prinz Tessin

Es war einmal ein Prinz aus dem Tessin, dem ging, als er durch deutsche Lande ritt, das T aus seinem Namen verloren.

Der Prinz war ein Liebhaber knapper Worte. Präpositionen und Artikel erschienen ihm überflüssig, und so nannte er sich nicht Prinz aus dem Tessin, sondern nur Prinz Tessin.

Als er in deutschen Landen unterwegs war und Herberg suchte, kam er an einer Burg vorbei. Er ritt zur Pforte und sprach: „Prinz Tessin, erbitte Einlass!“

Der Pförtner, der sich wohl seinen Kollegen aus Macbeth zum Vorbild genommen, ordentlich gezecht hatte und recht betrunken war, verstand:
„Prinzessin, erbitte Einlass!“ und erwiderte:
„Aber mein Herr, Sie sind doch keine Prinzessin! Sie sind höchstens ein Prinz!“
„Ja, Prinz Tessin!“ erklärte der Prinz aus dem Tessin.

Der Pförtner kugelte sich vor Lachen, um sich anschließend mühsam wieder aufzurichten und mit größtmöglicher Nüchternheit zu sagen:
„Na gut, Prinzessin, reiten Sie ein! Aber küssen tu ich Sie nicht, wenn es erlaubt ist!“

Und so ritt der Prinz aus dem Tessin in den Burghof ein und fand Herberg. Aber das T in seinem Namen ward ihm verloren gegangen.

Die Leidensgeschichte der Inge Hinge-Zogen

Ich treffe Inge Hinge, die neuerdings Inge Hinge-Zogen heißt, an einem sonnigen Herbstnachmittag in Lippstadt, wo sie seit kurzem lebt. Doch das schöne Wetter trügt. Inge Hinge leidet. Sie leide unter ihrem Namen, sagt sie, sie leide darunter, seit sie aus den USA nach Deutschland gezogen sei. In den USA sei sie Inge Hinsch ausgesprochen worden, die englische Aussprache, und Hinsch bedeute im Englischen Scharnier, doch als sie nach Deutschland kam, und damit hatte sie nicht gerechnet, sei sie nicht mit Hinsch, sondern mit Hinge angesprochen worden, was in Kombination mit ihrem Vornamen einen komischen Wortkalauer ergibt, fast jeder lache, wenn sie ihren Namen nennt und fragt noch einmal nach, ob sie denn wirklich so heiße. Inge Hinge? Sie dachte deshalb ernsthaft darüber nach, ihren Nachnamen einzudeutschen und sich Inge Scharnier zu nennen, aber sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Inge Scharnier zu heißen, genauso wie sie sich nicht wohl fühlt, Inge Hinge zu heißen. Sie wurde depressiv wegen ihrer Namensproblematik und konsultierte einen Therapeuten, der sie ermunterte, den Namen Scharnier anzunehmen: Ein Scharnier sei etwas sehr wichtiges, es symbolisiere die Verbindung und Dynamik in Beziehungen. Das erinnerte sie an das Dating-Portal Hinge aus ihrer amerikanischen Heimatstadt Dallas in Texas, das ihr Vater gegründet und dann teuer verkauft hatte: Das Portal wirbt mit ähnlichen Slogans. Inge ergriff eine heftige Wut, und sie schrie ihren Therapeuten an: Dann nennen Sie sich doch selber Scharnier wenn es so wichtig ist, Herr Königsberg! (Anmerkung der Redaktion: Der Therapeut hieß Königsberg.) Sie sprang aus dem Stuhl, verließ weinend das Therapiezimmer und behielt trotzig ihren Namen Hinge.

Sie fasste nun folgenden Entschluss: Sie wollte einen Mann kennenlernen, den sie heiraten und dessen Namen sie annehmen wollte. Doch das Schicksal wollte es, dass sie einen Mann namens Ingmar Minge kennenlernte. Sie mochte ihn, und er mochte sie, und anfangs sah sie über seinen Namen hinweg. Doch dann träumte sie, sie habe Ingmar geheiratet und hieße nun Inge Minge. In ihrem Traum hielt sie sich in Dallas auf, oft hielt sie sich in ihren Träumen in Dallas auf, und die Leute um sie hänselten sie, indem sie sie Insch Minsch nannten. Minge ist im Englischen eine abfällige Bezeichnung für die weiblichen Genitalien. Nein, sie konnte nicht bei Ingmar bleiben, das war klar nach diesem Traum!

Panikartig verließ sie Bielefeld, wohin sie aus Dallas gezogen war, fuhr mit dem Auto so schnell sie konnte weg. Sie kam nicht weit. In Lippstadt blieb sie erschöpft stehen, setzte sich ins Café am Rathausplatz und kam ins Gespräch mit dem Fabrikanten Jürgen Zogen, der mit einen Kartenspiel reich geworden war. Jürgen Zogen, das verbindet die beiden, leidet ebenfalls unter seinem Namen, denn er wird von Freunden und Bekannten nie Jürgen, sondern entweder JürZo oder GenGen genannt. Noch am selben Tag beschlossen die beiden, zu heiraten, eine Leidensgemeinschaft zu bilden, Inge heißt nun offiziell Inge Hinge-Zogen.

Ich frage sie, warum sie nun nicht einfach Inge Zogen heißt, und sie meint, Jürgen hätte der Doppelname Hinge-Zogen so gefallen, dass sie ihm diesen Gefallen machen wollte. In der Hochzeitsnacht, so erzählt sie weiter, habe sie wieder geträumt. Sie ging die Bielefelder Fußgängerzone entlang, und alle Leute fragten sie: Wo sind sie denn hingezogen, Frau Hinge-Zogen?

Danach fängt sie heftig zu weinen an. Schluchzend und verzweifelt meint sie: Vielleicht sollte ich mich einfach Insch Minsch, Inge Fotze, nennen. Vielleicht passt das zu mir. Es scheint, das Leiden der Inge Hinge-Zogen nimmt kein Ende.

Akei und Enien, zwei slawische Brüder

Ein Slawe, dessen Name die Geschichtsschreibung nicht erwähnt, lebte im achten Jahrhundert in der Steiermark. Das war nichts Ungewöhnliches, denn zu dieser Zeit lebten in der Steiermark nur Slawen. Doch dann bedrohten die Awaren ihren Lebensraum. Der bajuwarische Herzog Odilo kam ihnen mit seinen Truppen zu Hilfe und schlug die Awaren in die Flucht. In der Folge lebten immer mehr Bajuwaren mit den Slawen in der Steiermark, und als siegreiche Kriegsherrn beanspruchten sie Privilegien.

Das gefiel dem namenlosen Slawen nicht. Er holte seine zwei Söhne zu sich und sagte zu ihnen:
Die Bajuwaren gefallen mir nicht. Das sind herrschsüchtige Arschlöcher. Haut ab von hier, und lebt woanders!
Das ließen sich seine zwei Söhne, die sich überhaupt nicht ausstehen konnten, nicht zweimal sagen. Sie hauten sofort ab. Der eine haute nach Norden, der andere nach Süden ab. Im Abhauen riefen sie ihrem Vater noch zu:
Vater, was machst du denn?
Ich? antwortete er: Ich werde hier sterben, hier in der Steiermark.

Die Namen der Söhne sind im Gegensatz zu dem des Vaters überliefert: In Dokumenten ist nachzulesen, dass man sie Akei und Enien rief. Akei, der nach Norden abhaute, gründete dort die Slowakei, Enien im Süden Slowenien. Die Slawen Akei und Enien gründeten also jeweils zwei heute noch bestehende Staaten.

Seine beiden Töchter verheiratete der namenlose Vater, nachdem seine Söhne abgehauen waren, an wohlhabende bajuwarische Edelmänner.