Archiv der Kategorie: Wirres

Das Leben zu entwirren kann sehr verwirrend sein.

Die Erths

Gertrud und Bertram Erth sind Schwester und Bruder. Sie sind getrieben vom Wunsch, bekannt, berühmt und geliebt zu sein. In der Öffentlichkeit traten sie bisher auf als GErth und BErth, was ihnen bisher jedoch keine größere Bekannt- noch Berühmtheit eingebracht hat. Zwischenzeitlich sind sie auch als ram&rud in Erscheinung getreten, doch auch das gab ihrer Bekannt- und Berühmtheit in der Öffentlichkeit keinen Schub. So treten sie nun wieder als GErth und BErth auf.

Nun wurde bekannt, dass ihre jüngere Schwester Hertha Erth, manche sprechen der Einfachheit halber von HErth, sich mit Verben der deutschen Sprache beschäftigt, die heute nur mehr in abgewandelten Formen in Gebrauch sind. Kürzlich veröffentlichte HErth eine Abhandlung über das Verb behren, dass heute nur noch in der Form entbehren gebräuchlich ist. Behren, so HErth, bedeutet ursprünglich tragen. Man kann also sagen, so HErth weiter: Ich behre die Beere.

Diesen poetischen Satz ihrer jüngeren Schwester griff GErth auf wie einen letzten Strohhalm zur Bekannt- und Berühmtheit und tritt auf einer Bühne auf, auf der sie gehend eine Beere in der Hand trägt und dazu die Worte spricht: Ich behre die Beere, ich lehre die Leere. BErth, ihr Bruder, geht dabei neben ihr und nickt zustimmend.

Einer im Publikum ruft im Nachhall dieser Sätze: Ich gehre die Göre. Er benutzt das Verb gehren, obwohl HErth dieses Verb noch gar nicht abgehandelt hat, das Verb, das heute nur mehr in der abgewandelten Form begehren gebräuchlich ist. Offen bleibt, ob mit der Göre GErth, also Gertrud die Vortragende, gemeint ist oder eine andere Person im Saal. Oder gar HErth?

Ein anderer im Publikum ruft den Rufer zur Ordnung und ruft: Sei still und höre die Hehre!

In dieser Stille, die jetzt herrscht, stellen sich viele Fragen: Ist GErth die Göre und HErth die Hehre? Oder umgekehrt? Oder keine von beiden? Welche Rolle spielt BErth in diesem Spiel? Spielt er überhaupt eine?

GErth bleibt auf der Bühne stehen und ihr Blick geht in die Leere. In ihrer Hand behrt sie reglos die Beere, so als soll dieser Moment, der GErth und BErth endlich bekannt, im besten Fall sogar berühmt machen soll, nie vergehen.

Prinz Tessin

Es war einmal ein Prinz aus dem Tessin, dem ging, als er durch deutsche Lande ritt, das T aus seinem Namen verloren.

Der Prinz war ein Liebhaber knapper Worte. Präpositionen und Artikel erschienen ihm überflüssig, und so nannte er sich nicht Prinz aus dem Tessin, sondern nur Prinz Tessin.

Als er in deutschen Landen unterwegs war und Herberg suchte, kam er an einer Burg vorbei. Er ritt zur Pforte und sprach: „Prinz Tessin, erbitte Einlass!“

Der Pförtner, der sich wohl seinen Kollegen aus Macbeth zum Vorbild genommen, ordentlich gezecht hatte und recht betrunken war, verstand:
„Prinzessin, erbitte Einlass!“ und erwiderte:
„Aber mein Herr, Sie sind doch keine Prinzessin! Sie sind höchstens ein Prinz!“
„Ja, Prinz Tessin!“ erklärte der Prinz aus dem Tessin.

Der Pförtner kugelte sich vor Lachen, um sich anschließend mühsam wieder aufzurichten und mit größtmöglicher Nüchternheit zu sagen:
„Na gut, Prinzessin, reiten Sie ein! Aber küssen tu ich Sie nicht, wenn es erlaubt ist!“

Und so ritt der Prinz aus dem Tessin in den Burghof ein und fand Herberg. Aber das T in seinem Namen ward ihm verloren gegangen.

Die Leidensgeschichte der Inge Hinge-Zogen

Ich treffe Inge Hinge, die neuerdings Inge Hinge-Zogen heißt, an einem sonnigen Herbstnachmittag in Lippstadt, wo sie seit kurzem lebt. Doch das schöne Wetter trügt. Inge Hinge leidet. Sie leide unter ihrem Namen, sagt sie, sie leide darunter, seit sie aus den USA nach Deutschland gezogen sei. In den USA sei sie Inge Hinsch ausgesprochen worden, die englische Aussprache, und Hinsch bedeute im Englischen Scharnier, doch als sie nach Deutschland kam, und damit hatte sie nicht gerechnet, sei sie nicht mit Hinsch, sondern mit Hinge angesprochen worden, was in Kombination mit ihrem Vornamen einen komischen Wortkalauer ergibt, fast jeder lache, wenn sie ihren Namen nennt und fragt noch einmal nach, ob sie denn wirklich so heiße. Inge Hinge? Sie dachte deshalb ernsthaft darüber nach, ihren Nachnamen einzudeutschen und sich Inge Scharnier zu nennen, aber sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Inge Scharnier zu heißen, genauso wie sie sich nicht wohl fühlt, Inge Hinge zu heißen. Sie wurde depressiv wegen ihrer Namensproblematik und konsultierte einen Therapeuten, der sie ermunterte, den Namen Scharnier anzunehmen: Ein Scharnier sei etwas sehr wichtiges, es symbolisiere die Verbindung und Dynamik in Beziehungen. Das erinnerte sie an das Dating-Portal Hinge aus ihrer amerikanischen Heimatstadt Dallas in Texas, das ihr Vater gegründet und dann teuer verkauft hatte: Das Portal wirbt mit ähnlichen Slogans. Inge ergriff eine heftige Wut, und sie schrie ihren Therapeuten an: Dann nennen Sie sich doch selber Scharnier wenn es so wichtig ist, Herr Königsberg! (Anmerkung der Redaktion: Der Therapeut hieß Königsberg.) Sie sprang aus dem Stuhl, verließ weinend das Therapiezimmer und behielt trotzig ihren Namen Hinge.

Sie fasste nun folgenden Entschluss: Sie wollte einen Mann kennenlernen, den sie heiraten und dessen Namen sie annehmen wollte. Doch das Schicksal wollte es, dass sie einen Mann namens Ingmar Minge kennenlernte. Sie mochte ihn, und er mochte sie, und anfangs sah sie über seinen Namen hinweg. Doch dann träumte sie, sie habe Ingmar geheiratet und hieße nun Inge Minge. In ihrem Traum hielt sie sich in Dallas auf, oft hielt sie sich in ihren Träumen in Dallas auf, und die Leute um sie hänselten sie, indem sie sie Insch Minsch nannten. Minge ist im Englischen eine abfällige Bezeichnung für die weiblichen Genitalien. Nein, sie konnte nicht bei Ingmar bleiben, das war klar nach diesem Traum!

Panikartig verließ sie Bielefeld, wohin sie aus Dallas gezogen war, fuhr mit dem Auto so schnell sie konnte weg. Sie kam nicht weit. In Lippstadt blieb sie erschöpft stehen, setzte sich ins Café am Rathausplatz und kam ins Gespräch mit dem Fabrikanten Jürgen Zogen, der mit einen Kartenspiel reich geworden war. Jürgen Zogen, das verbindet die beiden, leidet ebenfalls unter seinem Namen, denn er wird von Freunden und Bekannten nie Jürgen, sondern entweder JürZo oder GenGen genannt. Noch am selben Tag beschlossen die beiden, zu heiraten, eine Leidensgemeinschaft zu bilden, Inge heißt nun offiziell Inge Hinge-Zogen.

Ich frage sie, warum sie nun nicht einfach Inge Zogen heißt, und sie meint, Jürgen hätte der Doppelname Hinge-Zogen so gefallen, dass sie ihm diesen Gefallen machen wollte. In der Hochzeitsnacht, so erzählt sie weiter, habe sie wieder geträumt. Sie ging die Bielefelder Fußgängerzone entlang, und alle Leute fragten sie: Wo sind sie denn hingezogen, Frau Hinge-Zogen?

Danach fängt sie heftig zu weinen an. Schluchzend und verzweifelt meint sie: Vielleicht sollte ich mich einfach Insch Minsch, Inge Fotze, nennen. Vielleicht passt das zu mir. Es scheint, das Leiden der Inge Hinge-Zogen nimmt kein Ende.

Akei und Enien, zwei slawische Brüder

Ein Slawe, dessen Name die Geschichtsschreibung nicht erwähnt, lebte im achten Jahrhundert in der Steiermark. Das war nichts Ungewöhnliches, denn zu dieser Zeit lebten in der Steiermark nur Slawen. Doch dann bedrohten die Awaren ihren Lebensraum. Der bajuwarische Herzog Odilo kam ihnen mit seinen Truppen zu Hilfe und schlug die Awaren in die Flucht. In der Folge lebten immer mehr Bajuwaren mit den Slawen in der Steiermark, und als siegreiche Kriegsherrn beanspruchten sie Privilegien.

Das gefiel dem namenlosen Slawen nicht. Er holte seine zwei Söhne zu sich und sagte zu ihnen:
Die Bajuwaren gefallen mir nicht. Das sind herrschsüchtige Arschlöcher. Haut ab von hier, und lebt woanders!
Das ließen sich seine zwei Söhne, die sich überhaupt nicht ausstehen konnten, nicht zweimal sagen. Sie hauten sofort ab. Der eine haute nach Norden, der andere nach Süden ab. Im Abhauen riefen sie ihrem Vater noch zu:
Vater, was machst du denn?
Ich? antwortete er: Ich werde hier sterben, hier in der Steiermark.

Die Namen der Söhne sind im Gegensatz zu dem des Vaters überliefert: In Dokumenten ist nachzulesen, dass man sie Akei und Enien rief. Akei, der nach Norden abhaute, gründete dort die Slowakei, Enien im Süden Slowenien. Die Slawen Akei und Enien gründeten also jeweils zwei heute noch bestehende Staaten.

Seine beiden Töchter verheiratete der namenlose Vater, nachdem seine Söhne abgehauen waren, an wohlhabende bajuwarische Edelmänner.

Eine Meppe auf der Treppe

Marion stand auf der Treppe, als sie ihm sagte: „Ich komme aus Meppen.“ Sofort machte er ein Foto von ihr und nannte es: Eine Meppe auf der Treppe.

Dann liebten sie sich, und während dieses Aktes offenbarte sie ihm: „Ich will in die Steppe!“ Da unterbrach er den Akt und sagte: „Wir gehn in die Steppe!“ und malte sich aus, wie er sie dort fotografiert: Eine Meppe in der Steppe.

Freitag, ich bin in Liebe

Zunächst weiß ich nicht, ob ich an dich oder über dich schreiben soll. Es ist beides falsch und beides richtig. Vielleicht schreibe ich immer nur an mich und über mich. Ich an diesem sonnigen Freitag im Herbst, an dem ich dich vermisse. An diesem Freitag, der ein Feiertag ist, ein Volk feiert seine Einheit und ist in Liebe. Oder nicht? Dich sehe ich nicht heute, an diesem Feiertags-Freitag.

Siehst du mich, wenn wir uns sehen? Oder siehst du an mir vorbei, an eine Stelle, die ich nicht kenne? Ich glaube jedenfalls dich zu sehen, von Montag bis Freitag, wenn ich vorbeigehe an deiner Tür und blicke, manchmal blickst du zurück, aber heute nicht, heute ist Freitag der Feiertag, ein besonderer Freitag, ein Volk tümelt sich, wir sehen uns nicht, mir bleibt zu schreiben: Ich vermisse dich.

An einem Freitag an dem ich dich sehe, an einem Nichtfeiertag-Freitag, freue ich mich, ich bin voll gespannter Erwartung ob morgen ein Samstag werden wird, an dem wir uns sehen, die gespannte Erwartung, das ahne ich am Freitag schon, wird am Samstag einer Desillusionierung weichen, einer Ernüchterung. Was ist es, dass ich dich sehen will und dabei sehe, dass du mich nicht sehen willst?

Meine Stimmung ist hoch, an diesem Freitag, der ein Feiertag ist. Ich sehe dich nicht, vielleicht träume ich dich und fühle mich dir nah obwohl ich dir nicht nah bin. Oder bin ich dir nah? Was kümmert mich gestern, was kümmert mich morgen, an diesem Freitag, an dem ich in Liebe bin.

Ich bedeute mich, schriftlich

Ich zwinge mich, gegen meine Müdigkeit anzukämpfen und ich schreibe, ich ordne abstrakte Zeichen aneinander, die Buchstaben genannt werden, immerhin, hundertsiebzehn dieser abstrakten Zeichen habe ich schon geschrieben, Bedeutendes soll mein Schreiben darstellen, einen hohen Sinn ergeben, immerhin, trotz meiner Müdigkeit habe ich nun schon zweihunderdreiundvierzig dieser abstraken Zeichen, die Buchstaben genannt werden, geschrieben, nun zwingt mich meine Müdigkeit, mit dem Zählen aufzuhören, was auch wieder eine sehr abstrakte Tätigkeit ist, das Zählen, wie das Schreiben, ich frage mich, ob meinem Organismus, mit dem ich hier auf dieser Welt bin, zumindest erlebe ich mich so, ich bedeute mich als Organismus, falls das Sinn ergibt, ich frage mich, ob meinem Organismus das fortschreitende Schreiben gut tut, ob er nicht viel lieber einfach seine Sinne benutzen würde, um am Leben zu sein, anstatt seine Sinne zu unterdrücken, um einer fortschreitenden Vergeistigung entgegenzuschreiben, die Müdigkeit übermannt mich, ich kann nicht mehr zählen, nein ich kann nicht mehr schreiben, ich werde müder und müder…

Etwas gibt es noch zu schreiben, mit letzter Kraft: Sie ruft am häufigsten tetetet, im Frühjahr einen hellklingenden absinkenden Triller zizizirr, bei Erschrecken zerretett! Eine Blaumeise möchte ich sein und mich so sinnlich bedeuten:

tetetet
zizizirr
zerretett!

Unange Nehm

Es wäre einfach, zu einfach, die folgende Geschichte dem Wortspieler Günter Nehm anzudichten. Doch soviel man weiß, hatte er keine Tochter die an Anämie litt und wie ein blasser Engel erschien, auch Albert Nehm hatte keine solche Tochter, und bei Albert Nehm, so viel kann man sagen ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wäre es noch unwahrscheinlicher, dass er die Krankheit seiner Tochter mit einem unangebrachten Wortspiel ausgedrückt hätte. Bliebe noch Eduard Nehm, doch auch bei ihm weiß man nichts von einer blassen Tochter, sondern nur von einem Sohn, dessen Blässe oder Nichtblässe hier nicht näher ausgeführt werden soll, und doch hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ein gewisser Nehm seine Tochter, die an Anämie litt und ihm wie ein blasser Engel erschien, dass dieser Nehm seine Tochter Unange nannte. War dieser Nehm ein frankophiler Mensch, der seine an Anämie leidende Tochter aufgrund ihrer Blässe Un Ange (einen Engel) nannte, oder war ihm die Blässe seiner Tochter lediglich unangenehm, und er nannte sie deshalb Unange, weil ihr voller Name dann das Adjektiv unangenehm ergab, was die Gefühle ausdrückte, die er gegenüber seiner Tochter empfand?

So viel ist sicher: Dieser Nehm lebt nicht mehr, und auch von seiner Tochter, deren Existenz sich hartnäckig als Gerücht hält, ist nichts bekannt. Ist sie vielleicht nach Frankreich gezogen, um dort als blasser Engel ein ruhiges Leben zu führen, anstatt in Deutschland ein unangenehmes?

Wir werden die Wahrheit nie erfahren, und vielleicht wollen wir das gar nicht.