Archiv der Kategorie: Wisuelles

Wo alle Worte zuwenig wären, da hilft vielleicht Wisuelles.

Im Goldenen Land

„Beinahe wie im Goldenen Land“, murmelte er.
„Was ist das Goldene Land?“
„Nichts Besonderes, ehrlich. Eine Landschaft, die ich manchmal im Traum gesehen habe.“
(aus George Orwell: 1984)

In den Weserauen bei Hameln

anlässlich der Premiere von 1984 in Hameln am 16. September 2019

Traumzeit

Dieser Mann beobachtet uns, sagte Josefine. Dieser Mann mit den dunklen langen Haaren und dem dunklen langen vollen Bart hatte eine Kurve um uns gemacht, dabei grüßend genickt und sich nahe von uns ins Gras gesetzt, zu nahe, wie Josefine fand, und nicht nur Josefine fand das, auch ich fand, dass er sich zu nahe zu uns ins Gras gesetzt hatte. Er saß nicht frontal zu uns, nein, ich würde sagen, er saß in einem Winkel von etwa fünfunddreißig Grad zu uns, doch wenn er seinen Kopf um fünfunddreißig Grad drehte, blickte er frontal zu uns, was er gerade tat, als ich zu ihm hinüberblickte, und so blickten wir uns kurz in die Augen, ehe er seinen Kopf drehte, in welche Richtung und um wieviel Grad weiß ich nicht mehr, jedenfalls drehte er ihn, um nicht mehr frontal zu uns zu blicken. Josefine hatte sich in der Zwischenzeit auf den Rücken gelegt und blickte zum Himmel, ich lag neben ihr und blickte auf ihren Körper, auf ihren Kopf, von dort auf ihren Hals, auf ihre Brust, auf ihren Bauch, ihre Arme und Hände, auf ihre Hüfte, auf ihre Beine und Füße, so als wollte ich mich überzeugen, dass sie es wirklich ist, als sie sagte: Ich möchte ein Vogel sein, worauf ich meinen Blick von ihren Füßen auf ihre Augen richtete, und bei diesem Blick in ihre Augen sah ich aus meinem Augenwinkel, dass der Mann, der uns beobachtete, seinen Kopf nun gerade zu seinem Körper ausgerichtet hatte, also um etwa fünfunddreißig Grad zu uns versetzt, seine Augen jedoch um diese etwa fünfunddreißig Grad zu uns gedreht hatte, und ich staunte, wieviele Drehungen der menschliche Körper imstande ist zu machen.
Was ist? fragte Josefine.
Er beobachtet uns. sagte ich.
Ich weiß. sagte Josefine.
Ich stand auf, ging zu ihm und sagte: Sie beobachten uns.
Ja, ich beobachte Sie, sagte er, und ich habe dabei Folgendes festgestellt…
Ihre Feststellungen interessieren mich gerade nicht, unterbrach ich ihn, ich komme gegebenenfalls später darauf zurück.
Ich ging zurück zu Josefine und legte mich wieder neben sie. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Komplexitätsgrad der Beobachtungen nun verstand: Der Mann beobachtete uns, ich beobachtete ihn und Josefine, und Josefine fühlte sich beobachtet und beobachtete den Himmel und wollte ein Vogel sein, doch obwohl ihre Augen nur gen Himmel gerichtet waren, verriet ihr Blick, dass sie auch den Mann und mich beobachtete, durch ihre Haut, und die Härchen auf ihrer Haut stellten sich auf, so als wollte sie sagen: Kommt mir nicht zu nahe!

Aus meinem Augenwinkel sah ich, dass der Mann, der uns beobachtete, aufstand. Er machte wieder eine Kurve um uns und dann sagte er, nicht verbal, nein, nur in der Art, wie er blickte: Ich habe genug gesehen! Da lag ich also nun neben Josefine, und ich dachte, nun, wo der Mann nicht mehr da ist, der uns beobachtet hat, wird alles leichter sein, doch das Gegenteil war der Fall, alles war steif und schwer, meine Hand tapste hilflos Richtung Josefine, ohne sie zu erreichen. Mein Kopf sank ins Gras mit den Augen nach unten, während Josefine, die noch immer zum Himmel blickte, etwas sagte, das zwar sehr entfernt klang, das ich aber trotzdem verstand. Sie sagte, ihr sei kalt und sie habe Hunger nach etwas Warmem, Deftigem, und so gingen wir in die nahe Wirtschaft und bestellten zwei Würste, eine Wurst für jeden von uns, die zwischen uns auf einem Teller lagen, und Josefine aß zufrieden ihre Wurst und lächelte, während meine mir schon während dem Essen schwer im Magen lag, irgendetwas lag mir schwer im Magen, nicht nur die Wurst, vielleicht unsere Getrenntheit, ja, unsere Getrenntheit, obwohl wir uns so nah am Tisch saßen, tat sich eine Wand zwischen uns auf, und je kleiner ich die Wand machen wollte, desto größer wurde sie, eine dicke Wand aus Glas, durch die ich Josefine nur mehr undeutlich wahrnahm, und mich fröstelte und ich hörte Josefine noch sagen, dass es sie fröstelt, und dann war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob es Josefine war, die das gesagt hatte, alles war so fremd, und ich vermeinte, den bärtigen, dunkelhaarigen Mann am Nebentisch zu sehen wie er uns beobachtet und Josefine schämte sich, dass der Mann uns beobachtet, und in mir kam alles durcheinander, als es plötzlich von unten sehr warm wurde und es mich in die Höhe hob, nicht nur mich, auch Josefine, es hob uns über die Glaswand, und dort oben trafen wir uns, und ich wusste über alle meine Wünsche Bescheid und sie wurden wahr, und deshalb zweifle ich, ob es noch die Wahrheit war, die ich wahrnahm, oder nur ein schöner Traum.

Doch es gibt Aufzeichnungen zu diesen Begebenheiten, die ich Ihnen, lieber Leser, nicht vorenthalten möchte. Und seit diesen Begebenheiten glaube ich, dass jeder Traum wahrer ist als das, was ich oft versehentlich für die Wirklichkeit halte.

Aufzeichnung zu besagten Begebenheiten

Lass mich mein grausames Schicksal beweinen…

So ist es eben: Kaum bin ich mit einem Text fertig, renne ich in die Natur oder ins Theater. Im Sommer normalerweise in die Natur, aber heute mache ich eine Ausnahme: Ich gehe ins Theater. Sie spielen eine Komödie über geldgierige Gesellen, die von Volpone, dem schlauen Fuchs, um ihr Geld gebracht werden. Eine willkommene Abwechslung für mich, der zur Tragödie neigt. Doch dann erwischen sie mich komplett am falschen Fuß. Sie treiben mir das Schwert in mein tiefstes Inneres. Sie eröffnen den Abend mit der Arie Lascia ch’io pianga aus Händels Oper Rinaldo:

Lascia ch'io pianga mia cruda sorte
e che sospiri la libertà.
Il duolo infranga queste ritorte
dei miei martiri, sol per pietà.

Lass mich mein grausames Schicksal beweinen
und beseufzen die verlorene Freiheit.
Das Leid zerbreche diese Ketten
meiner Qualen, allein aus Erbarmen.

Würdiger, ergreifender und genüsslicher als mit dieser Melodie ist niemals getrauert worden. Ein Fest des Selbstmitleids. Ein Schauspieler mimt auf der Bühne zur Toneinspielung den Sänger. Ein Drama, das mich völlig übermannt. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Es ist, als würden mir Fesseln angelegt. Mein Atem stockt. Mein Herz bleibt stehen. Die Bilder, sie kommen mit aller Gewalt, mit mir als zweijährigen Jungen: Das Krankenhaus, in dem ich wegen eines schweren Infekts in Quarantäne gehalten werde. Durch dickes Glas kann ich sie schemenhaft erkennen. Aber ich kann nicht zu ihnen, zu meinen geliebten Eltern. Ich stecke fest, festgeschnallt. Angst und Schrecken. Hoffnungslosigkeit. Hilflosigkeit. Es wird dunkel. Totaler Zusammenbruch. Totale Selbstaufgabe. Sterbe ich jetzt?

Ich versuche zu leben. Oder erwache ich gerade? Die Übelkeit im Magen. Meine angespannten Muskeln. Meine Tränen in den Augen. So schön können Tränen sein. Ich lebe. Ich lebe! Der Boden unter meinen Füßen. Der Sitz unter meinem Hintern. Die Lehne hinter meinem Rücken. Die Luft um meinen Kopf. Die Schauspieler auf der Bühne mit ihren Körpern voller Leben. Ich sehe sie. Ich freue mich, sie zu sehen. Voller Neugier beobachte ich, wo der Abend sie hinträgt.

Meine Hände klatschen. Ja, sie klatschen! Keine Fesseln mehr! Ich stehe auf. Ich bin frei, zu gehen! Ich renne aus dem Theater. Ich renne und renne so schnell ich kann und spüre meine Beine, wie sie mich tragen. Ich lache wie ein Schelm. Ich renne in die Natur, wo im Lindenwipfel des Mondes weiße Barke ruht.

So ist es eben: Kaum bin ich mit einem Text fertig, renne ich ins Theater oder in die Natur. Aber dass ich mit diesem Text fertig bin, erfüllt mich mit einer bisher nicht gekannten Zufriedenheit.

Volpone am Volkstheater München

Hommage an Ingmar Bergman

Ingmar Bergmans Geschichten schauen auf den Grund der Seele. Einen seiner Filme zu sehen ist für mich wie eine Reise in die tiefsten Tiefen meines Lebens. Bergman hat immer wieder mit denselben Schauspielern zusammengearbeitet. Viele andere wollten unter ihm spielen, haben es aber nie getan.

Kürzlich habe ich geträumt, dass ich bei einem seiner Filme überraschenderweise ein Kandidat auf der Besetzungsliste war. Er suchte einen nordischen, zurückhaltenden Typen, der zu Wutausbrüchen neigt. Letztendlich lehnte er mich jedoch ab, was mich fürchterlich aufregte. Hatte er das Drehbuch nicht gelesen? Er, der größte Drehbuchautor aller Zeiten!

Hier die von Georg Stürzer nachgespielte Traumszene (Idee, Regie und Kamera: Harald Krist):

 

Ich wartete nicht auf Bergmans Antwort, sondern wachte vorher auf.

Gedanken zur Europawahl

München ist schwarz-grün-schwarz nach der Europawahl. In den westlichen und östlichen Stadtbezirken hat die schwarze Bürgerlichkeit der CSU die Mehrheit. In der Mitte, von Nord nach Süd, regiert die grüne Bürgerlichkeit der Grünen. Kein Rot der SPD mehr nirgends. Das schmerzt mich als traditionellen Sozialdemokraten. Ein Sozialdemokrat ist für mich ein bürgerlich angepasster Kommunist, der Gerechtigkeit predigt und vor dem Kapitalismus der Eliten warnt, sich aber trotzdem mit ihm arrangiert. So konnte ich mit dem Kreuz für rot bisher gut in dieser Gesellschaft leben: mein soziales Gewissen beruhigen und gleichzeitig vom (Geld-)System profitieren. Doch zurück zu den urbanen Grünen, die elektrobetriebene SUVs fahren. Ein Kreuz für grün ist moderne Gewissensberuhigung. Änderungen wollen wir nicht, hier im Wohlstandsgebiet. Höchstens mehr Geld. In Rom war nie Revolution, sondern an den Rändern des Reiches. Ich treffe sie im Biomarkt, die grünen Faschisten, die glauben, die Erde zu retten, während an ihren Rändern die Pole schmelzen. Moderne Väter mit Baby umgeschnallt dozieren mit modernen Müttern ohne Baby umgeschnallt. Soziale Kälte, die sich der Klimaerwärmung entgegenstellt. Hier, im Biomarkt, trifft sich die grüne Elite im Kampf gegen die Welt da draußen. Wohlstand bewahren mit einem Kreuz für grün. Das Geld, die moderne Religion, hält die Gesellschaft zusammen. Das Vertrauen in es ist unerschütterlich, obwohl es längst nichts mehr wert ist. Ein Volk von Ackerbauern, nicht mehr möglich. Zu viele sind wir Menschen, eine zu erfolgreiche Spezies, die die Erde übervölkert. Aber noch schwebt sie herum, die Erde, um die Sonne. Ein Blatt stirbt im Herbst und wird im Frühjahr geboren. Das Geld ist mir viel wert, weil es nichts mehr anderes gibt, was mir etwas wert sein könnte. Enttäuscht wende ich mich ab von der modernen Frau, die keinen Mann mehr braucht, sondern sich selbst genügt. Mein Traum von Nähe zwischen Mann und Frau, er ist ausgeträumt in diesem System der schwarz-grünen Eliten. Das habe ich von meinem bürgerlichen Kommunismus.

Schwarz-grün-schwarzes München
Im Biomarkt