Archiv der Kategorie: Weises

Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ist das schon weis?

Überall gerne 2

Fortsetzung von Teil 1

Zu Salzburg gehörte der Rupertiwinkel über Jahrhunderte, bis Österreich und Bayern das Land an der Salzach 1816 unter sich aufteilten: Der Rupertiwinkel westlich der Salzach kam zu Bayern und der große Rest zu Österreich. Die Hinterstoissers sagen bis heute von sich, sie seien eine Salzburger Familie: Sie kommen aus dem Rupertiwinkel, vom Högl, in dessen Umgebung sie, mit wenigen Ausnahmen, über die Jahrhunderte blieben. Vom Högl in die zwanzig Kilometer entfernte Stadt Salzburg zu ziehen, was einige taten, galt familienintern als Unverschämtheit. Ein Umzug ins ferne München war unvorstellbarer Verrat. Die willkürlich Grenzziehung von 1816 traf unsere stolze Sippe ins Mark, sagte mein Großvater, und ich, Emil, der ich den Hinterstoisserschen Stolz in mir trage, fühle mich weder als Österreicher noch als Bayer. Ich bin ein Rupertiwinkler.

Wie ging es weiter mit meinen Expeditionen von München Richtung Ostsüdost? Eines Tages, es ist nun schon einige Jahre her – Josefine war gerade in Frankfurt, glaube ich mich zu erinnern, jedenfalls war sie nicht in München – trieb mich alles in mir in den Rupertiwinkel: Ich setzte mich in ein verfügbares Automobil und fuhr auf die Autobahn acht, die den Streifen zwischen München und Rupertiwinkel durchquert, ich rollte ostsüdostwärts wie in Trance, ich hielt nicht am Chiemsee, ich bog auch nicht nach Traunstein ab, und als ich im Rupertiwinkel angelangt war, kam auch eine Weiterfahrt nach Salzburg nicht in Betracht. Stattdessen fuhr ich an den Fuß des Högls. Unweit meines Elternhauses stellte ich das Automobil ab und rannte durch den Wald aufwärts. Ich kam auf die Wiese, wo die Gräser grün und der Löwenzahn gelb in der Sonne leuchteten. Hier war ich hochgerannt als Pubertierender, als mir das sündige Mannwerden zu viel geworden war. Ich rannte keuchend weiter über die Wiese, hoch bis zum Waldrand. Dort blieb ich stehen und blickte talwärts. Die Bäume standen schützend hinter mir. Ich erinnerte mich, dass ich genau an dieser Stelle das erste Mal ejakuliert hatte: Hier hatte mich das sündige Mannsein mit voller Wucht getroffen und mich schluchzend und schamhaft ins Tal zurückkehren lassen.

Ich stand an diesem schicksalshaften Ort, und die Zeit schien keine Rolle mehr zu spielen. Mir wurde klar, dass es die Vergangenheit nicht gibt, nur die Gegenwart mir ihren Gedanken über sie. Ich spürte meine Manneskraft und war gerne in meinem Körper, alles in mir, jede Zelle, jubelte dem Leben zu. Ich hatte nicht gedacht, dass mir das am Högl, im Rupertiwinkel, passieren würde. Trotzdem stieg ich bald wieder ab ins Tal, dort ins Automobil, und fuhr zurück nach München, wo ich am gernsten bin.

Am Högl

Überall gerne 1

Im Grunde bin ich überall gerne. Es gab noch keinen Ort in meinem Leben, dem ich nicht ein wenig nachtrauerte, wenn ich ihn verließ, aber irgendwann hat mein Gehirn beschlossen, am gernsten in München zu sein, und so verlasse ich im Zweifel alle anderen Orte, um in München zu sein.

Als junger Mann habe ich erstaunlicherweise den Ort verlassen, an dem ich aufgewachsen bin. Erstaunlicherweise, weil tradionellerweise fast keiner aus der Familie der Hinterstoisser diesen Ort verlässt. Der Ort heißt Högl und liegt in einer Gegend, die ich Rupertiwinkel nenne und die viele andere auch so nennen. Ich verließ den Rupertiwinkel nicht direkt nach München, sondern über Graz, wo ich mich heftig verliebte und darüber depressiv wurde, um von dort nach Bologna zu ziehen, von wo mich meine erneute Verliebtheit nach London weiterziehen ließ. In London, wo ich mich gute zwei Jahre aufhielt, war meine Verliebtheit tendenziell wieder unglücklich, aber anders als in Graz wurde ich darüber nicht depressiv, sondern sie trieb mich zu dem Entschluss, nach München zu ziehen, um dort sesshaft zu werden.

Ich glaube, es war nicht nur mein Gehirn, dass mich nach München trieb, um dort am gernsten zu sein, nein, es war alles in mir, alle meine Gefühle und Regungen in jeder meiner Körperzellen sagten zu mir: Geh nach München! Denn ich ahnte, dass München eine große Stadt ist, die mir viele Freiheiten bietet, aber gleichzeitig in Reichweite des Rupertiwinkels liegt.

Dennoch fuhr ich in meiner Münchner Anfangszeit nicht in den Rupertiwinkel. Allein die Vorstellung, dies zu tun, versetzte mich in Angst und Schrecken. Ich hatte Angst, dort gefangen genommen zu werden und nicht mehr nach München zurückkehren zu können. Es war ein langsames Herantasten an den Ort meiner Kindheit und Jugend, wo mir Sachen widerfahren sind, von denen ich mich wohl mein ganzes Erwachsenenleben erholen muss. Wo meine Sozialisation zum sündigen Mann erfolgte, der ich wohl mein Leben lang geblieben wäre, wäre ich nicht, über Umwege, nach München geflohen.

Die Gegend zwischen München und Rupertiwinkel, also ein etwa hundert Kilometer langer Streifen, der von München ostsüdostwärts zieht, ist immer ein lebensnotwendiger Puffer für mich gewesen, seit ich in München bin. Anfangs wagte ich mich mit Josefine, die mich glücklicherweise auf meinen waghalsigen Expeditionen nach Ostsüdost fast immer begleitete, bis in den Chiemgau vor, wo wir am See weilten, oder, wenn es uns dort zu geschäftig wurde, wir uns in die Berge zurückzogen. Später logierten wir in Traunstein, also schon sehr nahe am Rupertiwinkel, während wir noch später den gesamten Rupertiwinkel durchquerten, um östlich von ihm in Salzburg Quartier aufzuschlagen.

Expeditionskarte

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Verbunden

Ich fühle mich mit Josefine sehr verbunden, obwohl uns unsere eigenen Räume heilig sind. Gestern trafen wir uns an der alten Linde, an einem Raum, den wir uns teilen.

Die Sonne senkte sich gen Abend. Wir standen am Stamm der Linde und berührten mit unseren Händen die vom Tag aufgewärmte Rinde. Wir waren bereits in den Schatten eingetaucht, als von hoch oben aus den Zweigen ein Ruf ertönte. Wir blickten nach oben und sahen eine singende Kohlmeise im sonnendurchfluteten Geäst. Ohne den Blick zu senken, griff meine freie Hand nach der Josefines, während ihre freie Hand mir entgegen zu kommen schien, und so fassten wir uns an den Händen, zur Feier des Moments.

Nach einer Weile ging Josefine. Ich ließ sie gehen, ohne mitzukommen. Ich sah ihr nach, und als sie am Wäldchen war, um um die Ecke zu biegen, drehte sie sich um und wir winkten uns zu. Meine andere Hand noch immer an der warmen Rinde, blieb ich bei der Linde, bis meine Beine sich in Bewegung setzten, um mich Schritt für Schritt zu meinem Nachtlager zu führen.

So war das also gestern. Heute scheint wieder die Sonne. Morgen sollen sich laut Wetterbericht Wolken über das Land legen. Mein Weg führte mich heute wieder zur alten Linde, wo ich jetzt bin. Die erwartete Ankunft des Regens in den nächsten Tagen lässt die Sonne noch schöner scheinen, so wie der erwartete Tod das Leben noch schöner blühen lässt. Die Vögel singen wie am letzten Tag. Am Stamm der Linde sitzt ein Mitmensch, weshalb ich mit etwas Abstand in der Wiese verharre. Der Mitmensch spricht ohne Pausen in sein funkendes Sende- und Empfangsgerät. Er spricht Worte, die ich nicht vernehmen kann. Alles klingt wie ein dröhnendes Blablabla. Ich muss mich sehr konzentrieren, um die Vögel noch zu hören die den letzten Tag besingen, so sehr ist mein Verstand auf menschliche Worte getrimmt. Aber die Worte sagen mir nichts außer Blablabla, sie scheinen sich im Kreis zu drehen, völlig sinnlos auf sich selbst bezogen. Ein Ringeltanz der Worte. Aber wozu? Ahnt der pausenlos Sprechende den letzten Tag? Fürchtet er seinen Tod und will mit seinen Worten eine Festung dagegen errichten? Lasse ich mich in diesen Kampf hineinziehen, in diesen Kampf, der nicht gewonnen werden kann? Oder kann ich mich davon befreien?

Jetzt hat der Sprechende sein funkendes Sende- und Empfangsgerät weggelegt und spricht nicht mehr. Es herrscht plötzlich Stille, die meinem auf menschliche Worte getrimmten Verstand nicht gefällt. Mein Verstand ist in Alarmbereitschaft, falls der jetzt Stille wieder zum Sprechenden werden sollte. Sprechen geschriebene Worte auch? Schreibe ich deshalb?

Die Vögel singen und die Sonne scheint wie am letzten Tag. Ich spüre eine tiefe Dankbarkeit und schweife mit meinem Blick in die Ferne. Am Wäldchen sehe ich Josefine um die Ecke biegen.

Jesu Zeugung

Man bat mich, etwas über die Kirche zu schreiben. Ich wusste nicht, wo ich anfangen soll. In meiner Kindheit, wo mir mantraartig vorgetragen wurde, dass ich ein Sünder bin in meinem Fleisch und Blut? Oder sollte ich eine Abhandlung über die gesamte christliche Kirche schreiben, über jahrhundertelange Unterdrückung unter religiösem Vorwand?

Die Bibel. Ist das Buch der Kirche. Sollte ich bei ihr ansetzen? Zunächst suchte ich in ihr nach pädophilen Spuren, die aufzeigen, warum sich die Kirche im pädophilen Sumpf befindet. Wie, wenn nicht über die Bibel, hätte sich Pädophilie so in der kirchlichen Glaubensgemeinde etablieren können? Wenn sie nicht durch das Wort verkündet worden wäre? – Das Wort ist Fleisch geworden…

Doch ich wurde nicht fündig. Ich war auch des Suchens schnell überdrüssig. Ich wollte nicht weiter herumstochern in etwas, das in Zynismus und Anschuldigungen endet. Ich begann zu vermuten, dass Sexualität in der Bibel zu kurz kommt, und sich deshalb, wegen des fehlenden Wortes, ein pädophiles Ventil gebildet hatte. Da kam der rettende Gedanke über mich: Die Bibel braucht ein Update! Ein Update, das die sexuelle Energie der Gläubigen in andere Bahnen als die pädophilen lenkt. Und zwar durch die Geschichte von Jesu Zeugung:

JESU ZEUGUNG

In jenen Tagen wurde es Frühling und die Magd Marie war sehr lustvoll. Sie traf sich mit dem Zimmermann Josef unter einem blühenden Magnolienbaum. Dort küssten sie sich.
„Willst du mich heiraten, Marie?“ fragte Josef.
„Nein Josef, aber schlafen will ich mit dir!“
Da entkleideten sie sich, sie küssten und liebkosten sich am ganzen Leib und führten ihre Geschlechter zueinander, und so gebar dieser Frühlingstag die Frucht Jesu.

Als sie schwanger war, wollte Marie Josef immer noch nicht heiraten. Sie sagte:
„Josef, ich hab nichts gegen dich. Ich hab nur was gegen Heiraten und das Versprechen, nur dir treu zu sein. Weil ich dich liebe, will ich nicht ausschließen, dass ich jemanden anderen lieben darf.“
„Nein“, sagte Josef, „aber du brauchst einen Vater für das Kind!“
„Den hab ich ja: dich!“
„Ja, aber du brauchst einen offiziellen, und der bin ich nur, wenn wir heiraten.“
„Dann ist der offizielle Vater eben Gott. Mein Kind ist Gottes Kind. Ist nicht jedes Kindes offizieller Vater Gott? Wie könnt ihr Männer Anspruch auf etwas erheben, für das ihr nur euren Samen in uns Frauen hineingespritzt habt?“

Josef, der ein gütiger Mann war, akzeptierte den Wunsch Maries, und so war Gott fortan der offizielle Vater des Kindes, das Marie neun Monate später am 24. Dezember gebar. Es war ein Knabe und sie gab ihm den Namen Jesus. Jesus sollte von nun an im Namen aller Kinder das Kind Gottes sein, und so gedenkt man jedes Jahr am 24. März dem freudigen Ereignis unter dem blühenden Magnolienbaum – und nennt den Tag feierlich: Jesu Zeugung.

„Evangelium unserer Frau Marie Christa!“
„Lob sei dir Christa!“

Kater und Katsie

Kat der Kater und Katsie die Katze waren in einer Beziehungskrise. Um ihre Horizonte zu erweitern und so eventuell ihre Beziehung zu retten, gingen sie auf eine Veranstaltung, in der Geschlechterrollen diskutiert werden sollten.

Sie saßen dort mit den anderen TeilnehmerInnen in einem Saal, als das ModeratorIn die Veranstaltung mit folgenden Worten eröffnete:
„Liebe Katersie, oder sollte ich besser sagen liebe Katsieer, oder Siekater, oder Erkatsie, oder nur Kat?“
„Nein, Kat bin ich, und ich bin ein Kater!“ rief Kat.
Im Saal setzte daraufhin ein allgemeines Schnurren der Kater ein, woraufhin das ModeratorIn die Katsie zum Miauen ermuntern wollte. Da stand eine Katsie sichtlich erregt auf und sagte:
„Ich beharre auf mein Recht zu schnurren! Wieso soll ich als Katsie nur miauen dürfen?“
„Recht so!“ miaute daraufhin ein Kater, woraufhin der traditionelle Flügel der Veranstaltung skandierte: „Katsie ist ein Kater, Kater ist ’ne Katsie!“

Kat der Kater fühlte sich von diesem Diskurs so angeregt, dass er einen lauten Schnurrer von sich gab, der sich anhörte wie ein Brunftschrei. Katsie hatte so einen Schnurrer von Kat noch nie gehört, sie war sehr angetan von diesem Schnurrer, mehr noch, sie war angetörnt davon, sodass sie ein schmachtendes Miau von sich gab, die beiden konnten sich nicht mehr halten und fielen übereinander her.

So gesehen war der Besuch der Veranstaltung über Geschlechterrollen ein voller Erfolg für die Beziehung von Kat und Katsie, und auch für die Veranstaltung war das Übereinanderherfallen von Kat und Katsie ein voller Erfolg, denn es ist doch das Höchste und Schönste für die Geschlechter, wenn sie miteinander in Verkehr treten.

Heilpraktikerpraxis Oberschopf

Ich fand mich in der Heilpraktikerpraxis Oberschopf ein, um mich einer Oberschopf-Behandlung zu unterziehen.

Auf dem Weg zur Praxis Oberschopf

In der Praxis begrüßte mich eine Dame mit mächtigem Oberschopf. Sie bat mich, mich freizumachen, sie meinte, das Freimachen sei der erste Schritt zur Heilung. Also machte ich mich frei und legte mich bäuchlings auf die Behandlungsmatte. Anschließend untersuchte Frau Oberschopf meinen Oberschopf und kam zu der Erkenntnis, dass mein Oberschopf bereits zu verkümmert sei, um an ihm eine Behandlung durchzuführen:

In der Praxis nach erfolgter Oberschopf-Untersuchung

„Warum darf ein Oberschopf nicht verkümmert sein, um an ihm eine Behandlung durchführen zu können?“ fragte ich daraufhin.

„Die Behandlung besteht meist darin, kräftig am Oberschopf zu ziehen, um durch dieses Ziehen das gesamte Energiesystem zu aktivieren. Manchmal führe ich die Energetisierung auch subtiler an einzelnen Haaren durch, aber selbst dafür dürften die Haare bei Ihnen nicht mehr ausreichen. Ich empfehle Ihnen aber einen Kollegen, der sich auf Unterschopfbehandlung spezialisiert hat. Die sollte bei Ihnen gut möglich sein.“

Während ich mich aufrichtete, um mich wieder unfrei zu machen, sagte Frau Oberschopf:
„Warten Sie, bleiben Sie liegen!“
Sie dachte eine Weile nach, um dann zu sagen: „Vielleicht kann ich Ihnen anders helfen. Ich werde versuchen, Sie statt mit einer Oberschopf-Behandlung durch direktes körperliches Berühren zu energetisieren. Erlauben Sie, dass ich mich dazu auch frei mache?“
„Ich erlaube!“ sagte ich und legte mich wieder hin, damit Frau Oberschopf loslegen konnte.

Frau Oberschopf berührte mich daraufhin zuerst mit ihren Händen, anschließend mit ihrem gesamten Körper. Ihr Berühren war sehr angenehm, oder, wie sie es sagen würde: heilend. Ja, ich glaube sagen zu können, die heilende Wirkung ihrer Berührungen gespürt zu haben und bin ihr sehr dankbar dafür.

Anschließend lagen wir noch eine Weile still da. Ich genoss die Stille, auch beim Aufstehen und Anziehen sprachen wir nicht, bis ich sie beim Hinausgehen doch noch fragte, was mir unter den Nägeln brannte: „Warum haben Sie eine Heilpraktikerpraxis und nicht einfach eine Heilpraxis?“

„Ich habe herausgefunden, dass eine Heilpraxis eine solche ist, in der hauptsächlich der sogenannte Heiler sein Heil sucht. Ihr eigenes Heil können Sie dort nicht erwarten, im Gegenteil: Sie können froh sein, wenn Sie heil wieder hinauskommen. Eine Heilpraktikerpraxis hingegen versucht sich an Praktiken, die umfassendes Heil bewirken, für Heiler und Heilsuchenden, wie zum Beispiel Oberschopf-Behandlung oder, wie eben: Berühren.“

Das war für mich eine einleuchtende Erklärung, hatte ich doch eben umfassende Heilung erfahren. Ich fühlte mich heil und glaubte zu bemerken, dass auch Frau Oberschopf sich heil fühlte. Gleichzeitig fragte ich mich, wieso ich unbedingt eine Erklärung haben wollte, anstatt die Heilung Heilung sein zu lassen. Mein schmerzgeplagter Verstand glaubte wohl noch nicht an die Heilung.

Anschließend verabschiedeten wir uns, ich machte mich auf den Weg und beschloss, die empfohlene Unterschopf-Behandlung vorerst nicht in Anspruch zu nehmen.

Weihnachten da capo („Bitte ein Bils!“)

Was waren das letztes Jahr für schöne Weihnachten! Lockdown für alle, wir waren gemeinsam einsam. Es gab keine Impfungen gegen das Corona-Virus, die Gesellschaft war nicht in Geimpfte und Nichtgeimpfte eingeteilt. Es herrschte Einigkeit in der Einsamkeit. Wir saßen in unseren Wohnungen und wetzten die Messer, um den Kampf gegen das Corona-Virus aufzunehmen.

Dieser Tage wäre meine Großmutter hundert Jahre alt geworden. Ich dachte daran, dass ich ihr zu ihrem siebzigsten eine Pappkrone bastelte – ich nannte die Pappkrone Omikron. Und jetzt kommt Omikron in einer neuen Variante des Corona-Virus über uns. Trotz der Wunderwaffe der Impfungen! Ja, Herrschaftszeiten, was taugt denn die Wissenschaft, wenn sie dieses Virus nicht endlich unter Kontrolle kriegt? Wir Menschen haben doch diese Erde unter Kontrolle! Von diesem Glaubenssatz sollen wir nicht abweichen. Sonst sind wir verloren!

Aber das Schlimmste ist: Noch immer ist kein entspanntes geselliges Biertrinken möglich wegen dieses Virus! Apropos Bier: Bier enthält in unseren Breiten Hopfen. Obwohl Hopfen, wie Hildegard von Bingen anmerkte, die Seele des Menschen trübsinnig macht und seine inneren Organe belastet. Nein nein, sagen bayrische Reinheitsapostel dazu: Hopfen beruhigt, schläfert ein, und das ist das Wichtigste in dieser trübsinnigen Zeit, sich zu beruhigen und vor den Sorgen wegzuschlafen. Ich habe mir indessen das Gegemteil überlegt. Ich will mir zur Impfung einen zusätzlichen Booster, einen zusätzlichen Antrieb für das Leben in der Pandemie schenken: Ich werde mir Bier brauen, aber statt mit Hopfen mit Bilsenkraut. Bilsenkraut schläfert die Nerven nicht ein wie Hopfen, sondern bringt sie gewaltig durcheinander, Praktiker sagen, es führe einem das perfekte Bild des Wahns vor Augen. Das klingt nach prallem Leben!

Am Heiligen Abend, nachdem ich mein Bilsener genossen habe, werde ich deshalb wie ein Waldteufel durch den verschneiten Wald wandern, um an einem einsamen Waldsee meine Runden als Schlittschuhläufer zu drehen:

Wer nicht auf Teufel komm raus in den Wald will, um einen Waldsee zu suchen, der kann Weihnachten wieder so feiern wie letztes Jahr. Irgendwie ist es ja doch wieder dasselbe. Weihnachten da capo halt:

Die Flaneuse

Die Flaneuse flaniert in Flanell, jetzt, im Winter, wo es kalt ist.

Im Sommer dagegen, als es warm war, saß sie mit einigen Anderen in einem Raum, als einer der Anderen sagte: „Würden Sie sich bitte bekleiden! Nacktheit im Beisein von Anderen entspricht nicht meiner Moral.“ Woraufhin sich die Flaneuse erhob und sagte: „Wenn ich das Wort Moral höre, muss ich den Raum verlassen.“ Ich wusste nicht, dass sie mit diesem Satz Kieślowski zitierte, jetzt weiß ich es, ich glaube die Flaneuse selbst hat mich später darauf hingewiesen, dass sie Kieslowski zitierte, er sprach über seinen Dekalog, ein ethisches und kein moralisches Werk, wie sie betonte, jedenfalls ging die Flaneuse, nachdem sie Kieślowski zitiert hatte, zur Tür die ins Freie führt, und als sie die Tür geöffnet hatte, in ihr stand und bevor sie sie hinter sich schloss, sagte sie: „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.“ Dann ging sie aus der Tür, schloss sie hinter sich und ließ die Anderen im Sarg zurück.

Ich kenne die Geschichte, weil ich daraufhin der Flaneuse begegnete, wie sie nackt die Straße entlangflanierte. Freudig begrüßte sie mich und meinte, sie habe soeben Blumfeld zitiert mit Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg, und die Anderen im Sarg belassen, während sie nun die Freiheit im Freien genieße, sicher, meinte sie weiter, der harte Asphalt unter meinen Füßen passt nicht zur Weichheit meiner Haut, ich träume vom weichen Wiesengrund, der mich zum wilden Wasser führt, der weiche Wiesengrund ist eine kulturelle Errungenschaft, während der harte, knorrige, wurzelige Waldboden die Realität ist, eine Realität vor dem Menschen, sofern man in der menschlichen Welt von Realitäten sprechen kann, mir erscheint alles wie ein Traum, meinte die Flaneuse, und sie fügte an, dass der harte, knorrige, wurzelige Waldboden mit weichem Moos durchsetzt sei, woraufhing sie vorschlug, den harten Asphalt der Stadtstraßen zu verlassen und in den Stadtwald zu gehen, um dort auf weichem Moos zu ruhen.

Wir flanierten nun zu zweit die Straßen entlang, wobei: Bei mir war es eher angespanntes Gehen, ich sah in den Augen entgegenkommender Leute deren Moral aufblitzen, als ich mit der nackten Flaneuse die Straßen entlangging, ich war kurz davor, vor dieser Moral zu kapitulieren, doch die Flaneuse setzte unbeirrt einen Schritt vor den anderen, dieser Unbeirrtheit konnte ich mich nicht entziehen. Ich begann aber – wohl, um mich von meiner eigenen Moral abzulenken – unentwegt zu plappern, irgendwelches Zeug, sodass ich mich – das weiß ich erst jetzt, im Nachhinein – den wunderbaren Welten, die die Flaneuse mir eröffnet hatte, zu entziehen begann.

Ich wünschte wir wären gemeinsam im Stadtwald angelangt, wo ich mich spätestens auf weichem Moos ebenfalls entkleidet hätte, um mit der Flaneuse unter offenem Himmel die wunderbaren Welten zu erkunden. Doch dazu ist es nicht gekommen: Ich ließ die Flaneuse allein weiterflanieren, bog selbst hart in eine Seitenstraße ab, um mich meiner Moral zu ergeben.

In dieser harten Seitenstraße, die im Winter noch härter ist, flaniert sie nun, die Flaneuse, in weichen Flanell gepackt. Ich sehe sie gehen, wie sie einen Schritt vor den anderen setzt, ich fühle mich wie in einem Sarg, unfähig, einen Schritt mit ihr zu gehen, und wie ich sie so gehen sehe, weiß ich nicht: Ist es ein Traum, oder ist es die Realität der ich nicht ins Auge blicken kann?

 

„Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“

Ephriweh, überall

Ich wachte auf und hatte zunächst eine verträumte Säuselei in meinen Ohren. Es klang nach Lottofee. Dann jedoch ging die Säuselei in tanzende und springende Basstöne über, ich versuchte die Basstöne zu erfassen, ich hörte dreimal die Abfolge C-D-G, abgeschlossen mit einem A-G-F-Diminuendo, ich kann es aber nicht genau sagen, ich fühle Musik nur und denke sie nicht, deshalb berührt Musik mein Innerstes und nicht nur meinen Kopf.

Ich hatte keine Ahnung, was die verträumte Säuselei und die tanzenden und springenden Basstöne mir sagen wollten, ich stieg aus dem Bett und begann den Tag wie üblich mit einem Blick in den Badezimmerspiegel. Musik, dachte ich mir, ja, Musik, während mich die verträumte Säuselei und die tanzenden und springenden Basstöne weiter verfolgten, ich dachte an die Pastorale von Beethoven, an seine sechste Sinfonie, aber ich konnte nur denken, nicht fühlen, ich war voll von verträumter Säuselei und tanzenden und springenden Basstönen, die Basstöne wurden nun dominanter und drängten die Säuselei in den Hintergrund, ich nahm meine Gitarre in die Hand und versuchte, die Basstöne zu spielen:

Es begann kläglich, doch ich spielte mich in einen Rausch, ich konnte nicht mehr aufhören, es war ungewiss, ob ich ein Ende finden würde, als ich plötzlich eine Frau singen hörte, eine tiefe zarte Frauenstimme, die eine Melodie zu den tanzenden und springenden Basstönen sang, mündend in den Chorus: Oh I, I wanna be with you, Ephriweh – oh ich, ich will mit dir sein, Ephriweh.

Das hätte ich nun als vollkommenen Unsinn abtun können und mit diesem vollkommenen Unsinn diese Aufzeichnungen hier beenden können, wenn ich schon mein Gitarrenspiel der Basstöne nicht beenden konnte. Ich beendete jedoch, zu diesem Zeitpunkt völlig unerwartet, das Gitarrenspiel der tanzenden und springenden Basstöne, und jetzt fing alles an. Ich begriff, dass die tanzenden und springenden Basstöne einem Lied entstammen, dass ich bereits als Kind gehört habe: Der Knabe springt über sonnenbeschienene grüne Wiesen und hört die verträumte Stimme singen: I wanna be with you, Ephriweh. Wer ist Ephriweh? Ephriweh bin ich selbst, aber in einer höheren, freieren Dimension. Nein – das ist Unsinn: Ephriweh bin ich und bin nicht ich, Ephriweh ist was ich weiß und was ich nicht weiß, und es ist Unsinn, etwas über Ephriweh zu schreiben. Bin ich nun endgültig an dem Punkt angelangt, diesen Unsinn zu beenden?

Can you hear me calling out your name? Kannst du mich hören, Ephriweh? Ein spiritueller Meister, der nun zwar überraschend aber nicht unpassend die Szenerie betrat, sagte: Ephriweh ist dein befreites Selbst, vielleicht sogar dein universelles Selbst, aber seine Worte verschallten ins Nichts, denn ich fiel ins Bodenlose, ohne Angst vor dem Aufprall zu haben, weil es keinen Boden mehr gab. Doch der Fall hielt nicht an, ich hörte Stimmen sagen: Ist er nicht sonderbar? Wir hören Ramones, und er hört Fleetwood Mac.

Als meine Füße den Boden wieder erreicht hatten, noch immer von tanzenden und springenden Basstönen durchdrungen, hatte sich das Rätsel gelöst: Fleetwood Mac also, mit dem Gesang von Christine McVie. Sie singt nicht Ephriweh, sondern Everywhere, aber ich höre nur Ephriweh, überall wo ich bin.

Im Dämmerlicht ist die Welt wirklicher, weil sie so unwirklich ist

Über der Schotterebene leuchtete noch die Sonne, ganz flach lag sie im Westen auf der Erde, in diesem satten Licht konnte ich mir nicht vorstellen, dass es bald dunkel werden würde, ich rollte weiter, mit großer Geschwindigkeit, auf einer Asphaltpiste, die Autobahn Acht genannt wird und von der Schotterebene ins hügelige Alpenvorland führt, durch die große Geschwindigkeit hatte ich das hügelige Alpenvorland bald erreicht, ich hatte das satte Licht hinter mir gelassen, jetzt dämmerte es, und Tanja, die zu meiner Überraschung neben mir saß, während wir mit großer Geschwindigkeit die Asphaltpiste entlangrollten, sagte: Im Dämmerlicht ist die Welt wirklicher, weil sie so unwirklich ist.
Ich versuchte daraufhin, die Wirklichkeit so gut ich konnte zu erfassen, ich entgegnete Tanjas Aussage mit meiner Feststellung: Die Mangfall haben wir bereits überquert, nun schmiegt sich die Asphaltpiste in das Tal der Leitzach, um uns danach auf den Irschenberg zu führen.
Mag sein, sagte Tanja, aber was hat das mit der Wirklichkeit zu tun?

Vom Irschenberg aus sahen wir ins Inntal nach Osten, die dämmerige Welt lag wie ein Traum vor uns, während im Rückspiegel das Licht der untergehenden Sonne leuchtete. Ich betrachte den erleuchteten Punkt vor uns, der Rosenheim genannt wird, sagte Tanja nun, und es kommt mir so vor, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin und wo ich mich befinde. Vielleicht befinde ich mich in der unmittelbaren Unwirklichkeit.
Die Asphaltpiste leitete uns weiter durch die Unwirklichkeit, und ich dachte an Tanjas Worte, als wir aus der Schotterebene in die Unwirklichkeit eingetaucht waren: Im Dämmerlicht ist die Welt wirklicher, weil sie so unwirklich ist.
Am Chiemsee verließen wir die Asphaltpiste, es erschien unwirklich, hatte die Piste uns doch wie in einem Traum durch das dämmerige Land geleitet, am Chiemsee war es dunkel, das Sonnenlicht im Westen nur noch zu erahnen, die Sterne über uns hell aber nicht erleuchtend, ich verlor vollkommen die Orientierung, was Tanja wortlos zur Kenntnis nahm, ich hatte nicht das Gefühl, als wolle sie etwas gegen diese Orientierungslosigkeit unternehmen, mitten in dieser Orientierungslosigkeit erreichten wir Sonjas Haus, dort hielten wir, und Tanja sagte: Ich steige aus und gehe zu Sonja ins Haus.

Für einen Moment dachte ich, dass auch ich steige aus und gehe zu Sonja ins Haus, doch in diesem einen Moment fiel etwas Licht auf Johannas Gesicht, Johanna saß mit den Kindern hinten, woher das Licht kam, das auf Johannas Gesicht fiel, weiß ich nicht, mittlerweile bilde ich mir ein, dass es von mir kam, ich weiß auch nicht, wieso Johanna mit den Kindern hinten saß, Tanja war inzwischen ausgestiegen und ging zum Haus, und ich wusste jetzt, dass ich mit Johanna und den Kindern an den See fahren würde, wir waren schon am See, trotzdem würde ich mit Johanna und den Kindern weiterfahren, an den See, vielleicht an einen anderen See, vielleicht an den gleichen See an anderer Stelle, Johannas Mutter wohnt am See, so wie Sonja, wir würden zu Johannas Mutter fahren, wo ist eigentlich Johannas Vater? Wo sind überhaupt die Väter in dieser unmittelbaren Unwirklichkeit?

An mehr kann ich mich nicht erinnern, sicher ist, dass ich weiß wo ich mich befinde, die Sonne scheint hell am See, ich weiß, dass ich lebe, aber in alledem fehlt etwas, als wäre es nicht wirklich, eher unwirklich, wie ein Traum, und immer wieder kommen Tanjas Worte über mich, dass im Dämmerlicht die Welt wirklicher ist, weil sie so unwirklich ist.