Archiv der Kategorie: Weises

Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ist das schon weis?

Über das allmähliche Verfertigen der Gefühle beim Schweigen

für Lucie und Amelie, meine Lehrmeister

„Was ist denn?“ frage ich sie und erwarte eine Antwort. Aber sie bleibt reglos auf dem Trampolin liegen, auf dem ihre Schwester hüpfen will, und schweigt. Etwas bewegt sie, das sehe ich, etwas, für das sie keinen Ausdruck findet, keinen sprachlichen zumindest, denn ihr Gesicht ist voller Ausdruck, sie lässt sich bewegen von diesem Etwas, gibt sich ihm hin und lässt sich von keinem Wort irritieren. Ich frage nicht weiter nach, ich spüre, es gibt nichts zu fragen, höchstens etwas zu ertragen, nichts zu sagen, was mit Sprache zu klären wäre, im Gegenteil, die Klarheit verschafft sich durch das Schweigen Raum. Sogar ihre Schwester schweigt, anstatt sich auf dem Trampolin Platz zu verschaffen.

Dann aber – schweigende Klarheit ist nicht so leicht zu ertragen mit den Gefühlen, die sie frei lässt – fängt ihre Schwester laut zu weinen an, während sie reglos auf dem Trampolin liegen bleibt. Ist jetzt der Augenblick, um als Erwachsener mit vernünftiger sprachlicher Intervention einzugreifen? Ich bin zu ergriffen von ihrem klaren Schweigen, um zu einer vernünftigen sprachlichen Intervention bereit zu sein, was ist das überhaupt, eine vernünftige sprachliche Intervention? Jedenfalls schlage ich vor, was ich mir selber oft vorschlage, um einer bedrückenden Situation den Druck zu nehmen, ich schlage vor, nach draußen zu gehen, in den Schnee, sie bleibt jedoch weiter ohne Regung auf dem Trampolin liegen, ihre Schwester rennt nun weinend aus dem Zimmer in den schützenden Schoß der Mutter. Nur mehr wir beide sind im Zimmer, sie richtet sich auf und sagt: „Ja, gehen wir Schlittenfahren!“

Wir packen uns warm ein und mäandern zum Schlittenhang, der ein gutes Stück von Zuhause entfernt ist. Wir biegen ab in Winkel, die wir noch nicht kennen, lassen uns in kleine Pfade leiten, die wir in unserer Muse entdecken wollen. Wir reden nichts. Sie summt eine Melodie, ich habe den Eindruck, sie gibt so ihrer Freude Ausdruck, ich nenne es Freude, wahrscheinlich gibt sie all ihren Gefühlen Ausdruck, den großen und mächtigen Gefühlen, die gleichzeitig so fein und nuanciert sind, dass sie sich jeder konkreten Benennung entziehen.

Wir verlassen unsere geheimnisvollen Pfade und kommen auf die Straße, die in den Park zum Schlittenhang führt. Sie sagt: „Ich habe meine Schwester gehört – ja bestimmt war sie das! Denn ich kenne ihre Laute sehr gut.“
„Vermisst du sie schon?“ frage ich.
„Nein, gar nicht“, sagt sie: „Wir streiten so viel, ich vermisse sie gar nicht.“

Als wir den Park erreichen, sehen wir – zu unserer Überraschung – ihre Schwester am Schlittenhang stehen. Sofort läuft sie los zu ihr, ihre Schwester läuft ihr entgegen, sie rennen so schnell sie können, sie rennen sich in die Arme, sie drehen sich und lachen laut, sie kugeln sich im Schnee.

Da, wo ich gerade gerne bin

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich gerne woanders wäre als da, wo ich gerade bin. Dann halte ich inne und spüre zu meinem Erstaunen, dass ich gerade da gerne bin, wo ich gerade bin. Schließlich habe ich entschieden, dass meine Füße mich da hintragen, wo ich gerade bin.

Sein, wo man ist, das ist eine Sache, die gar nicht so leicht festzustellen ist, denn ich bin überall und nirgends, an irgendeinem Ort im Universum, den ich glaube, bestimmen zu können. Früher, als die Erde eine Scheibe war, da blieb man besser wo man ist, ohne lange zu fragen, wo man überhaupt ist. Nur die sehr Mutigen wagten sich an die Ränder vor, auf die Gefahr hin, hinunterzufallen. Heute ist die Erde eine Kugel, und ich brauche keine Angst mehr zu haben, von ihr hinunterzufallen, und trotzdem habe ich Angst. Keine Angst mehr vor dem Hinunterfallen, eine diffuse Angst, aber eine so große Angst, dass ich vor dieser Angst am liebsten davonlaufen möchte, ich würde bei diesem Davonlaufen sogar riskieren – wenn die Erde noch eine Scheibe wäre – an ihrem Rand hinunterzufallen, so groß ist diese Angst.

Doch vielleicht verursacht gerade das meine Angst, dass die Erde keine Scheibe mehr ist, sondern eine Kugel, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt, sondern dass alles immer weiter geht, und wenn ich das Universum einmal umrundet habe, ich an seinem Anfang stehe. Es ist nicht die Angst vor dem Tod, die ich spüre, sondern die Angst vor dem Leben, dass das Blatt, das im Herbst vom Baum fällt, im Frühling wieder an ihm wächst, es ist ein neues Blatt, es ist anders als das alte Blatt, und doch trägt das neue Blatt das alte in sich. Ich bin ein eigener Mensch, und doch trage ich die Menschheit in mir, und eines Tages wird mein Leib, mit dem ich mich hier auf der Erde bewege, zur Erde sinken wie das Blatt vom Baum, ich werde dadurch neues Leben ermöglichen. Eines Tages wird sogar der Baum mit seinem mächtigen Stamm zur Erde sinken, eines Tages wird sogar die Erde im All versinken. Aber noch bin ich hier, bewege mich auf der Erde.

Heute morgen bin ich erwacht und dachte: Aha, ich habe mich in der Nacht nicht in den Weiten des Alls verloren, sondern bin wieder auf der Erde gelandet. Ich recke und strecke mich, ich sehe meine Haare im Spiegel, zerzaust von ihrem nächtlichen Ausflug ins All und sage zu mir: Ich bin gerade gerne da, wo ich gerade bin.

Ogatorp, der Protago

Einst gab es Vögel, die waren für den Tag und gegen die Nacht. Deshalb nannte man sie Protagos. Man hätte sie auch Kontranachtos nennen können, doch man dachte sich, es ist besser, das Für-Etwas in ihrem Namen auszudrücken und nicht das Gegen-Etwas. Die Protagos hielten sich immer da auf, wo gerade mehr Tag war, also in einer Hälfte des Jahres weit nördlich auf der Nordhalbkugel und in der anderen Hälfte des Jahres weit südlich auf der Südhalbkugel. Dazwischen mussten sie sehr sehr weit fliegen, was sehr sehr anstrengend war. Deshalb waren die Protagos oft schlecht gelaunt, denn sie wussten, egal ob sie auf der Nord- oder Südhalbkugel waren: Bald müssen wir wieder sehr sehr weit fliegen.

Unsere Erzählung setzt ein, als die Protagos gerade beim Nisten waren, auf der Nordhalbkugel. Dort wurde ein junger Protago geboren, der den Namen Ogatorp erhielt. Das war ein seltener Name für einen Protago, und Papa Protago fragte: Wieso denn Ogatorp? Ich spüre es, sagte Mama Protago: Dieser Junge ist besonders – er soll Ogatorp heißen. Und der junge Ogatorp war tatsächlich besonders: Er hielt sich sehr gerne auf dem Boden auf und vernachlässigte vom ersten Tag an das Fliegen. Seine Eltern und andere Protagos zeterten wild herum, das Zetern war überhaupt ein Hauptmerkmal der Protagos und Ausdruck ihrer permanenten Unruhe, doch mit Ogatorp zeterten sie noch wilder als sonst, sie wollten ihn auffordern, mehr zu fliegen, um sich vorzubereiten auf die lange Reise zur Südhalbkugel. Doch Ogatorp wollte seine Ruhe haben und freundete sich stattdessen mit einem Rentier an. Er saß auf dem Rücken des Rentiers, nährte sich vom Ungeziefer und den Insekten in seinem Fell und sagte: Ich möchte bei dir bleiben und nicht mit meinen Eltern wegfliegen.
Da sagte das Rentier: Du hast es gut, du kannst wegfliegen. Ich kann nicht fliegen, ich muss laufen.
Wieso musst du laufen, wieso kannst du nicht hierbleiben?
Hier ist es im Winter zu kalt und zu dunkel, ich muss nach Süden laufen.
Schade, dann muss ich wohl auch mit meinen Eltern nach Süden fliegen, meinte Ogatorp. Dabei möchte ich so gerne die Dunkelheit kennenlernen! Ich kenne die Dunkelheit überhaupt nicht, ich kenne nur das Helle, die Hellheit.

Die anderen Protagos waren schon aufgebrochen, da verabschiedete sich Ogatorp schweren Herzens vom Rentier und flog mit seinen Eltern Richtung Süden. Ogatorp fiel das Fliegen schwer, er hatte es zu wenig geübt, war er doch die ganze Zeit auf dem Rücken des Rentiers gesessen. Er fiel hinter seine Eltern zurück und segelte schließlich zur Erde hinunter. Dort landete er neben einer Schildkröte. Ogatorp fragte die Schildkröte: Wo bin ich denn hier?
Du bist hier in der Mitte der Erde, sagte die Schildkröte.
Kann ich hier bleiben?
Natürlich kannst du hier bleiben. Ich bin schon sehr lange hier, und es geht mir sehr gut.
Ist es sehr dunkel?
Ja, in der Nacht ist es sehr dunkel und am Tag ist es sehr hell.

Das gefällt mir, dachte sich Ogatorp: Hier will ich bleiben. Da kamen seine Eltern wild zeternd angeflogen und schimpften mit ihm: Was machst du hier? Wir müssen weiter nach Süden!
Ich möchte hierbleiben bei der Schildkröte, sagte Ogatorp.
Die Eltern schüttelten verständnislos ihre Köpfe und sagen einhellig: Ein Protago kann nicht hierbleiben, hier ist es zu dunkel, ein Protago muss ins Helle fliegen, ein Protago ist pro Tag und kontra Nacht.
Dann will ich kein Protago sein, sagte Ogatorp und kuschelte sich an den Panzer der Schildkröte. Die Eltern wurden sehr zornig – oder war es eher ihre Hilflosigkeit, die sich im Zorn ausdrückte, ihre Gefangenheit im Gedankenkorsett eines Protagos? Jedenfalls hackten sie mit ihren spitzen Schnäbeln auf Ogatorp ein, bis dieser leblos und zerhackt neben der Schildkröte liegenblieb.

Als Mama-Protago sah, was sie angerichtet hatten, weinte sie bittere Tränen, doch Papa-Protago sagte: Komm, lass uns weiterfliegen zur Südhalbkugel – Ogatorp hätte die Reise ohnehin nicht geschafft und uns nur aufgehalten, der konnte ja kaum fliegen, weil er immer auf dem Rentier rumhockte.

Entfesselte Wut (ein Plädoyer für das Münchner Oktoberfest)

Meine Wut, sagt Vorderbrandner, ist wahrscheinlich nur ein Schrei nach Liebe, so wie der Griff zur Flasche nur ein Schrei nach Liebe ist, trotzdem habe ich eine Wut auf diesen alkoholisierten Pöbel, der auf Plätzen herumhängt, als sei der Virus mit der Zusichnahme von Alkohol auf engem Raum zu besiegen, überhaupt, wir wollen diesen Virus immer besiegen, vielleicht sollte der Virus uns besiegen, uns unwürdiges Menschenpack, das längst den Respekt vor dem Planeten, auf dem es lebt, verloren hat, sagt Vorderbrandner. Reden soll man mit dem alkoholisierten Pöbel, um Verständnis werben – das ich nicht lache! sagt Vorderbrandner, ehe ich zu reden beginne, habe ich schon eine in die Fresse gekriegt, dieser Schrei nach Liebe ist mir zu heftig, für einen Schrei nach Liebe, der sich in entfesselter Wut manifestiert, kann ich kein Verständnis haben, denn für so einen entfesselten Schrei nach Liebe will ich nicht sterben, nein, ich will leben, vielleicht ist das mein Fehler, dass ich leben will, denn der alkoholisierte Pöbel, vielleicht schreit er nicht nach Liebe, sondern nach dem Tod, endlich Schluss mit diesem unsinnigen Leben, wann schaffen wir es endlich, uns zu Tode zu saufen? Es ist eine verpasste Chance, dass das Münchner Oktoberfest abgesagt wurde, dort hätte man den Pöbel hinstecken können, der Pöbel wäre freiwillig hingegangen, hätte sich alkoholisiert, und natürlich – das wäre der einzige Sinn dieser Aktion gewesen – man hätte ihn nicht mehr herunterlassen dürfen von der Festwiese, eine sechzehntägige Quarantäne, saufen, fressen, kotzen, pissen, scheissen, schlafen, und danach Entzug, Alkoholverbot überall, entfesselte Gefühle, nackt, nicht vom Alkohol weggewaschen, Sinnlosigkeit, Verzweiflung, Tod, den Tod sehe ich ständig in den Gesichtern des alkoholisierten Pöbels, den Wunsch zu sterben, die Verzweiflung über die eigene Nichtexistenz, über die Nichtanerkennung dieser Welt. Das Nichts vor Augen und die Angst davor. Die Ablenkung von diesem Nichts mit Alkohol, hinein mit dem Gift in den Körper, Betäubung bis zum Tod. Nicht mehr möglich. Das Leben aushalten müssen und es aushalten. Durch die Angst durch bis zum Staunen, aber bis dahin längst der Wunsch zu sterben, das Staunen ist nicht auszuhalten, zu schmerzvoll, da hilft nur die Betäubung mit Alkohol, solange, bis wir sterben.

Ich habe eine Wut in mir, sagt Vorderbrandner, und ich habe Angst, sie zu entfesseln, obwohl ich weiß, dass sie nur ein Schrei nach Liebe ist, habe ich Angst, sie zu entfesseln.

Ans Ehen (oder: Brettl und die parfümierten Frauen)

Brettl war gerade das sechste Mal geschieden worden, als er beschloss, sich fortan An zu nennen, und wir sagten:
Brettl, bist du bescheuert? An, das klingt wie Prinzessin Anne.
Dann sprecht es halt französisch aus, wenn euch das lieber ist, ohne N, nur A, aber dann mit Accent bitte.
Nein Brettl, du bist der Brettl, oder vielleicht noch der Andi. Aber nicht der An.

Brettl heißt mit amtlichem Namen Andreas Brettlhuber. Brettls Vater war früher Schirennläufer gewesen, er hatte es bis in den Weltcup gebracht. Das weiß man von Brettls Vater. Was man nicht von ihm weiß: Dass er sechs Kinder mit vier Frauen gezeugt hat. Brettl war das erste Kind mit der ersten Frau. Brettl fand seine Mutter toll, so wie man seine Mutter als Kind toll findet, doch je älter er wurde, fand er sie zunehmend verbittert und verschlossen, eine Dame, die ihre Gefühle nicht zeigt, er wollte mehr und mehr zu seinem Vater, er wurde neugierig auf die anderen Frauen seines Vaters. Wenn das Sprichwort Wie der Vater so der Sohn zutrifft, dann trifft es sicher auch auf Brettl und seinen Vater zu. Brettl hat zwar erst zwei Kinder, dafür war er schon sechsmal verheiratet.

Wenn man Brettl fragt, wieso er denn schon sechsmal geheiratet hat, um sich dann sechsmal scheiden zu lassen, wieso er denn das Heiraten nicht irgendwann mal hat sein lassen, so sagt er: Ich wollte nicht heiraten, die Frauen haben mich dazu gedrängt, oder, vielleicht stimmt das nicht, ich wollte doch heiraten, in dem Moment, als sie mich fragten, wollte ich bei ihnen sein, ich muss nämlich Folgendes sagen: Ich haben einen außerordentlich ausgeprägten Geruchssinn, ich kann Frauen sehr gut riechen, selbst wenn sie sich einparfümieren, kann ich das Dahinter riechen, ich bin dann umso mehr betört von Geruch einer Frau, wenn ich mich durch ihre Parfümwolke durchgearbeitet habe, es zieht mich zu ihr hin, ich kann nicht anders als ihr nahe zu sein, und wenn sie mich dann fragt, ob wir heiraten, sage ich natürlich ja, ich kann nicht anders, ich will ihr nahe sein. Doch mit der Zeit, das war bisher bei jeder Frau so, wird mir ihr Geruch schal, es ist, als sei sie für mich gestorben, nicht mehr lebendig, wieder eingehüllt in ihre Parfümwolke wie in einen Kokon, nicht zugänglich für menschliche Nähe und Liebe, und ich rieche plötzlich verstärkt andere Frauen, mich zieht es zu ihnen hin, ich will ihnen nahe sein, ich kann nicht anders.

Dann höre ich von der jeweils aktuellen Frau: Ich will die Scheidung! Ganz strikt, kein Fragen, was denn los sei, kein Selbstinfragestellen der ständigen Parfümwolkerei, nein, nur: Ich will die Scheidung! Was soll ich da sagen? Ich will nicht zwingend die Scheidung, genauso wenig zwingend, wie ich die Heirat will. Ich will bloß eine andere Frau, die ich wieder riechen kann, der ich nahe kommen und die ich lieben kann.

Viele werfen Brettl vor, er habe seine bisherigen sechs Frauen nur wegen des Geldes geheiratet, denn es waren durchgehend vermögende Frauen, von deren Vermögen er dann bei der Scheidung die Hälfte zugesprochen bekam. Brettl meint dazu: Ich glaube, ich habe hinter ihrer Parfümwolke gerochen, dass sie Liebe brauchen, durch meinen scharfen Geruchssinn, aber sie nebelten sich weiter ein, sodass es selbst für meinen scharfen Geruchssinn zu viel wurde, um ihnen nahe zu sein. Die Frauen, die ich erobere, glauben, durch Heiraten meine Liebe an sich binden zu können, anstatt sich selbst für die Liebe zu öffnen. Da ist es doch gut und recht, dass ich bei der Scheidung ihr Geld nehme für diesen Missbrauch an mir.

Ich selbst, sagt Brettl, muss mich allerdings allmählich fragen, wieso ich denn nur Frauen erobern will, die eine Parfümwolke mit sich herumtragen. Sie tragen diese Parfümwolke ja nicht zum Spaß mit sich herum, nein, sie haben Angst vor der Liebe und schützen sich vor ihr. Deshalb habe ich auch meinen Namen zu An geändert, als äußeres Zeichen, dass sich etwas ändern muss. Ich will mich von meiner Sucht befreien, verschlossene Herzen öffnen zu wollen. Es ist anstrengend, verschlossene Herzen zu öffnen, die, sind sie endlich geöffnet, ihren Liebeshunger gierig stillen, um sich dann wieder zu verschließen. Ich will mich für offene Herzen öffnen, die mich lieben wollen.

Mit Suzanne auf dem Hügel

Armin ist aufs Land gezogen, um Ruhe zu finden. Er wohnt in einem ehemaligen Bauernhof, den er zu einem modernen Wohnhaus umgebaut hat. Gleichzeitig hat er seine Wohnung in der Stadt behalten. Kann er sich das leisten? fragte ich mich anfangs. Mittlerweile frage ich mich das nicht mehr sondern denke nur: Armin kann sich das leisten. Armin führt zwei Haushalte, aber nicht alles hat er doppelt. Wenn er auf seinem Bauernhof ist und etwas braucht, das in seiner Stadtwohnung ist, ruft er mich an und ich bringe es ihm. Armin bezahlt mich dafür. Er hat mir einen eigenen Wagen für diese Dienste zur Verfügung gestellt.

Armin hat mich heute Früh angerufen, er sagte, er bräuchte dringend ein Buch aus seiner Stadtwohnung, und ich sagte: Ja, Armin, ich habe Zeit, ich bringe es dir. Ich radelte zu seiner Wohnung, suchte das Buch in seinem gut sortierten Bücherschrank und fand es: Alte Ansichten des Ammersees. Wieso braucht er denn das? Er braucht doch nur aus den Fenstern seines Bauernhofs zu sehen und hat aktuelle Ansichten. Aber dann dachte ich: Er braucht es halt. Ich ging zum Stellplatz des Wagens in der Tiefgarage, legte das Buch auf den Beifahrersitz und fuhr los. Ich fuhr über die Autobahn, denn wenn Armin Dinge haben will, dann will er sie schnell haben, da brauche ich ihm nicht zu kommen mit: Ich bin über die Landstraßen gefahren, das ist schöner. Und schließlich bezahlt er mir für die Dienste, also halte ich mich an die Regeln, an Armins Regeln.

Nur beim Zurückfahren in die Stadt, da nehme ich mir die Freiheit, Umwege zu fahren, stehenzubleiben, ein paar Schritte zu gehen, die Landschaft zu spüren. Diesmal fuhr ich von Armin gleich den Hügel hoch in den Wald. Oben, schon ziemlich weit oben, ist eine weite Lichtung. Dort stellte ich den Wagen ab. Ich ging ein paar Schritte über die Wiese und schaute über den See unter mir. Der Himmel war mächtig mit Wolken aufgeladen, kam jetzt am Abend aber doch zur Ruhe und ließ ab und zu ein paar tiefe Sonnenstrahlen herab. Warum schreibe ich das? Von den Wolken und den Sonnenstrahlen. Weil ich nicht malen kann. Sonst würde ich ein Bild malen. Das würde meine Stimmung viel besser beschreiben als Worte. Glaube ich zumindest.

Worte. Kamen mir in den Kopf, dort oben auf dem Hügel. Wurden mir eingeflüstert. Und ich kann es nicht lassen, sie aufzuschreiben:

Hinter diesem Weg ist ein weiterer, es ist der Pfad, den ich noch nicht gehe, aber ich spüre, wie er sich nach mir sehnt, er ruft mich, laut und schmerzvoll.

Ich kannte einen Mann: Er lebte in seinem Gefängnis. Seine Geschichte erzähle ich mir oft. Er träumte von etwas, er nannte es seine heilige Erfüllung, und als er sich befreit hatte, führte er sein Land, er lehrte die Liebe und lebte sie.

Ich gehe auf diesem Weg, ich lebe wie ich lebe, und die Liebe zieht mich hin zu diesem weiten, wahren Horizont.

Die Luft um mich war klar, dort oben auf dem Hügel mit dem See unter mir, den Bäumen neben und dem Himmel über mir. Alle Wege vereinigten sich für einen kurzen Moment zu einem wahren. Ich hörte eine Trompete. Ihr Klang berührte mich und heiligte den Moment. Ihr Klang erschien mir wahrhaftiger als alle Worte, die ich jemals schreiben werde. Ich will nicht schreiben, Worte frustrieren mich. Es fehlt ihnen etwas. Ich schreibe nur, weil ich nicht Musik machen kann.

Die Trompete verschallte. Ich ging zurück zum Wagen und summte die Melodie, die sie gespielt hatte. Ich konnte sie nicht notieren, nein, Musik notieren kann ich nicht, ich notiere so viel, aber Musik fliegt mir dauernd davon. Vielleicht berührt sie mich genau deswegen so. Trotzdem, diese Melodie wollte ich nicht verlieren. Würde mein Abend ein tragisches Ende nehmen?

Im Wagen – es war wie ein Wunder – kam dann die Musik zu mir, die ich gesucht hatte, die B2-Redaktion hatte sie für mich gefunden, und sie begleitete mich über die Wege durch die grünen Hügel nachhause.

Wieviel ist genug? (Besessen vom Besitzen)

Till und ich sprachen über den Film Szenen einer Ehe von Ingmar Bergman, und Till sagte: „Den würde ich gern mal wieder sehen“, und ich sagte: „Ich hab ihn auf DVD, ich geb ihn dir mit“, und er sagte: „Willst du ihn nicht selber sehen, jetzt, wo wir gerade über ihn gesprochen haben?“ und ich sagte: „Ich habe ihn zweimal auf DVD“, gab ihm die DVD in der Ausgabe von zweitausendeins und verwies stolz auf meine Ingmar-Bergman-Edition von arthaus, zwanzig Filme von Ingmar Bergman, darunter natürlich auch Szenen einer Ehe. „Ich schenk sie dir“, sagte ich zu Till, und bereute diesen Satz im selben Moment, denn eine DVD gibt mir die Sicherheit, einen Film zu besitzen, ihn jederzeit ansehen zu können, das Ansehen von Filmen beruhigt mich, und eine zweite DVD von einem Film zu haben, gibt mir die Sicherheit, einen Film ansehen zu können, wenn eine DVD kaputt- oder verlorengeht. Es kommt mir vor wie ein krampfhaftes Festhalten an einer Sicherheit, die es nicht gibt. Bilder sind vergänglich wie das Leben, trotzdem will ich sie festhalten.

Till nahm die DVD und ging. Ich war allein vor meinem kleinen Heimkino, es wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, einen weiteren Film meiner Ingmar-Bergman-Edition anzusehen, zum Beispiel Das Gesicht oder Die Jungfrauenquelle, die habe ich noch gar nicht gesehen, oder Licht im Winter noch einmal, oder Die Stunde des Wolfs, zwei meiner Lieblinge. Stattdessen ging ich in die ARD-Mediathek und sah Alice in den Städten von Wim Wenders. Seit ich die Ingmar-Bergman-Edition besitze, hat mein Verlangen, Ingmar-Bergman-Filme zu sehen, merklich nachgelassen, das Interesse ist noch da, aber nicht mehr dieses unbedingte Verlangen, der Besitz hat mich abgestumpft, auf grässliche Weise satt gemacht, statt dessen sehe ich Wim-Wenders-Filme aus der ARD-Mediathek, was mir vorher nie in den Sinn gekommen wäre. Ich sehe Film, ohne zu besitzen. Macht mich das zu einem besseren Menschen?

Manchmal sehe ich gar keinen Film, sondern setze mich im Freien ins Gras und betrachte den Himmel. Ich betrachte den hellen Mond und die Sterne neben ihm und wundere mich, wieso ich genau hier und jetzt auf dem Raumschiff Erde bin, das sich durch diese unendlichen Weiten dreht, ich habe Angst, dass meine DVDs bei diesem Drehen verloren gehen, ich spüre, wie ich den Halt verliere, ich möchte verstehen, warum und worum sich alles dreht, und dann möchte ich es nicht verstehen sondern mich einfach in der Luft bewegen wie ein Vogel oder im Wasser wie ein Fisch. Ungläubig berühre ich mit meiner Menschenhand die Erde unter mir. Ich betrachte meine Hand im Mondlicht. Ich atme tief ein und aus und denke: Der Mensch, zum Beispiel ich, redet sich Dinge ein, an die er dann glaubt. Der Mensch redet sich seit geraumer Zeit ein, dass alles immer mehr werden soll. Dabei geht das nicht: dass alles immer mehr wird. Ein Schneeball rollt den Hang hinunter und wird immer größer, aber im Frühling schmilzt er zu Wasser. Die Erde ist die Erde, nicht mehr und nicht weniger. Jedes wirtschaftliche Problem ist ein Verteilungsproblem. Geld – ohnehin eine rein menschliche Erfindung, dessen Nutzen und Wert durch Perversion verloren zu gehen scheint – kann nicht ausgehen, es kann nur schlecht verteilt sein. Wenn der Reiche nicht mehr ausgeht zum Essen und Trinken, gibt er dem Wirt kein Geld mehr und der Wirt wird arm. Werden viele Wirte arm, gehen sie zum Reichen und berauben ihn. Statt dass der Reiche schon vorher, bevor er beraubt wird, mit den armen Wirten teilt! Wer hat als Erster begonnen sich einzureden, dass individueller Besitz ein erstrebenswertes Gut ist? Wer hat mir eingeredet, dass DVDs-Besitzen ein erstrebenswerter Zustand ist? Hat die Angst uns das eingeredet? Woher kommt die Angst?

Ich habe Alice in den Städten von Wim Wenders gesehen. Ich habe beim Sehen nicht besessen, ich war nicht besessen zu besitzen. Ich habe gesehen: Leben und Liebe. Und solange ich nicht verstehe, dass Leben und Lieben die einzigen erstrebenswerten Zustände sind, werde ich nicht glücklich sein.

Vom Leben und Lieben

Zart, ganz zart – oder: Wenn Mütter ihre Söhne verlieren (Teil 2 der Hirsch-Dilogie)

In diesem Moment passierte alles. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf, sie, diese harte Frau, die so hart zu sich selbst war und so hart zur Welt. Alles war klar in diesem Moment. Ich spürte sie, die Klarheit. Ich wusste sie nicht. Sie war ungewusst. Die harte Frau löste den Dutt in ihrem weißen Haar und ließ es frei fallen, über Schulter und über Rücken, was sie sonst nie tat. Es beeindruckte mich, es hatte etwas Sinnliches und Zartes.

Dann ging sie, schluchzend, um Fassung ringend. Beschämt, dass sie mir ihre Tränen gezeigt hatte. Sie ging zur Anrichte und nahm von ihren Herztropfen, die nahm sie schon immer. Seit ich sie kannte, seit ich auf der Welt war, und das war für mich immer. Heute weiß ich: Sie nahm die Tropfen, seit ihr Herz gebrochen war. Heute weiß ich: Drei Jahre vor meiner Geburt war ihr Sohn gestorben. Nicht ihr leiblicher, sie hatte nur eine Tochter: meine Mutter. Ihr Ziehsohn. Ihre Schwester hatte ihn ihr anvertraut, weil er ledig geboren war und die Schwester ihn nicht versorgen konnte. Ihr Ziehsohn, sie hatte ihn geliebt wie eine Mutter ihren Sohn liebt. Das hat mir meine Mutter erzählt. Aber der Ziehsohn rebellierte, wusste nicht wohin mit seiner jugendlichen Kraft. Er zog in die weite Welt, kam zurück, verwirrt. Ging in seiner Verwirrung in die Berge, um zu sich zu kommen. Sah nur Abgründe und stürzte sich auf seiner verzweifelten Suche in diese.

Was für eine Trauer! Den eigenen Sohn zu verlieren! Aber die Trauer durfte nicht sein. Die Trauer war tief, abgrundtief. Machte Angst. Fassung war gefragt. Contenance. Sie ging nach dem Tod ihres Ziehsohns nie mehr auf Begräbnisse. Zu groß war die Trauer. Sie hatte Angst, dass sie wieder hochkommt. Die Trauer wurde immer größer. Ihre Gefasstheit, mit der sie die Trauer unterdrückte, war zuviel für ihr Herz. Es musste fortan mit Tropfen gestützt werden.

Ich war ein pubertierender Rebell. Wusste nicht wohin mit meiner Kraft. Ich hatte Lust auf die Abgründe in ihr, wollte sie rauskitzeln. Ich rüttelte heftig an ihrer Ordnung, ich brachte sie aus der Fassung, die Trauer war nicht mehr zu unterdrücken, sie kam hoch und mit ihr die Tränen, und mit ihnen die Angst, einen weiteren Sohn zu verlieren: ihren Enkelsohn.

In diesem Moment passierte alles, war alles klar. Ich war fassungslos ob der Trauer und der Angst, die sie mich durch ihre Tränen spüren ließ, auch wenn sie sofort ging und sich wieder fasste. Dieser Moment genügte, um das Ungewusste gewusst zu machen.

Nach ihrem Schlaganfall besuchte ich sie am Pflegebett. Sie befahl mir, das Geschirr zu spülen, obwohl keines da war, für sie war es da, Ordnung und Contenance behalten, gefasst sein: Mach es ordentlich, mein Sohn! Sei auf der Hut vor deinen Gefühlen! Sie sind zu groß für mich und auch für dich! Diese Warnung kam zu spät: Ich hatte mittlerweile ihre Gefühle übernommen, durch die vielen verbrachten Kinderstunden mit ihr, sah mich als traurigen und ängstlichen Menschen.

Ein paar Jahre nach ihr starb ein weiterer Sohn: ihr Schwiegersohn, mein Vater. Die Mutter meines Vaters, meine andere Oma, lebte da noch. Meine Vater-Oma war zehn Jahre jünger als meine Mutter-Oma, ich glaube, sie hatte ein starkes Herz, aber es war auch verschlossen, wie sonst hätte sie ihr Leben schaffen sollen, als früh Alleinerziehende von vier Söhnen? Wie soll man sein Herz der Liebe öffnen, wenn man es nie gelernt hat? Wenn man nur Unliebe erfahren hat? Am Grab ihres Ältesten, meinem Vater, schluchzte sie ergreifend, es schüttelte mich, und ich glaube zu wissen: Spätestens wenn ihre Söhne sterben, öffnen Mütter ihre Herzen.

So also wurde mein Ungewusstes zu Gewusstem. Ich setzte mich hin, unter die zarten Blätter des Baumes, und ließ mich tief in mich sinken. Ich spürte die Trauer meiner Großmütter, ganz tief. Kein Sichfassen, kein Sichverschließen, nein, ein weites offenes Land der Trauer öffnete sich vor mir. In dieses weite offene Land sang ich ein Lieb hinein, für meine Großmütter, die ihre Söhne verloren haben. Und die Trauer atmete auf und jubelte, dass sie endlich trauern durfte.

Wo ist die Liebe? fragt jeder Moment. In diesem Moment war sie da: zart, ganz zart. Alles war klar.

Andre Ananas – eine Kindergeschichte

Diese Geschichte kann ich im Grunde gar nicht erzählen, sagt Uteto Fritz, denn ich habe aufgehört, mich mit der heilenden Wirkung von Sprache zu beschäftigen und bin deshalb auch nicht mehr als Sprachenergetiker tätig, als ich mich plötzlich mit Andre, Andreas und Anna in einem Raum befand, einem Raum, der wie ein Therapiezimmer wirkte, Familientherapie, sagte Andreas, wir brauchen Familientherapie, so wie wir früher Paartherapie brauchten, sagte Andreas, und blickte Anna an, so brauchen wir jetzt Familientherapie, und blickte Andre an.

Andre blickte neugierig im Zimmer herum, gut, dachte ich, sagt Uteto Fritz, er hat die Neugier eines Kindes noch nicht verloren, die geht ja oft verloren in der Obhut der Eltern, vor allem, wenn sich die Neugier auf das Leben der Eltern erstreckt, denn Eltern – das haben sie von ihren Eltern gelernt – halten ihr Leben gern versteckt, schließlich holte Andre einen Block heraus, einen Schreibblock, und Andreas kommentierte dieses Schreibblockherausholen sofort, er sagte: Ja, Andre schreibt schon, sehr viel, obwohl er erst in die dritte Klasse geht, in die dritte Klasse geht er und schreibt schon so viel, und er ist ein aufgewecktes Kind, wissen Sie, Anna und ich, wir sind stolz auf ihn, dennoch machen wir uns Sorgen, denn Andre isst für sein Leben gern Ananas, aber jetzt isst er nicht einmal mehr Ananas, im Gegenteil, ich reiche ihm eine Ananas und er wirft sie Anna ins Gesicht, mitten ins Gesicht, das geht doch nicht, was sollen wir denn da machen, das Leben ist die beste Therapie, ja, aber doch nicht so ein Leben mit so einem Kind, Familientherapie – Sie sind doch Familientherapeut? – Familientherapie ist unsere letzte Hoffnung, ich meine, das Kind weggeben, wir wollen nicht daran denken, aber es geht doch nicht, dass Anna und ich an diesem Kind zu Grunde gehen, wo wir so viele Jahre mittels Paartherapie an unserer Beziehung gearbeitet haben, Paartherapie, das hat uns geholfen, das hat uns auch das gewünschte Kind gebracht, wir konnten doch nicht ahnen, dass das Kind unser mühsam erarbeitetes Gleichgewicht so durcheinander bringen würde, wir –

Plötzlich stieß Andre einen lauten Schrei aus und richtete seinen Stift wie einen Pfeil gegen Andreas.

Sehen Sie! sagte Andreas, was sollen wir nur tun? Wir sind mit unseren Nerven am Ende!

Ich wandte mich Andre zu, sagt Uteto Fritz, und sagte: Du schreibst doch sehr gerne, Andre – schreib was über dich! Andre lächelte und schrieb, langsam und bedächtig, in seinen Schreibblock:

Beute und Beate 3: Hansis Brief

Fortsetzung von Teil 2

Wir saßen wie hingemalt im Gras, Ute und ich. Das Leben aber ging weiter. In diesem Weiter bestrahlte die tiefer werdende Sonne die grünen Baumkronen, auf denen die Vögel begannen, ihre Abendlieder anzustimmen. Ute schob mir langsam einen zusammengefalteten Zettel in die Hand. Ich faltete ihn auseinander und begann zu lesen:

Meine liebste Beute,

ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, vielleicht Bezogenheit auf dich, es ist auch nicht wichtig, jedenfalls fühle ich mich dir immer noch sehr verbunden, dir, die du in Unliebe zu dir selbst so oft mit dir unverbunden bist. Ich kenne das von mir, habe mich von Unliebe immer wieder anstecken lassen und mich dann selbst nicht geliebt. Vielleicht ist Unliebe die ansteckendste Krankheit dieser Welt, dabei wollen wir die Liebe, alle von uns, aber gleichzeitig haben wir Angst vor ihr, denn die Liebe ist groß und mächtig.

Ich bin fest entschlossen, die Liebe zu leben, durch alle Widerstände hindurch, und deshalb sage ich dir jetzt, dass ich dich nicht mehr sehen will, nicht weil ich dich nicht liebe, sondern weil ich dich liebe und weil ich spüre, dass wir uns in Unliebe verstricken und die Liebe nicht mehr sehen.

Heute Morgen fühle ich mich frei, ich spüre die Liebe. Ich kann über die Wut und Trauer, die ich dir gegenüber auch spüre, hinwegsehen und sagen: Ich wünsche dir und mir und der Welt die Freiheit für die Liebe, ich wünsche mir Begegnungen ohne Mauern, bei denen sich Herzen treffen und miteinander singen.

Fühl dich geliebt, von mir und der ganzen Welt!

                                Hansi

Ich legte den Zettel wieder in Utes Hand. Wortlos blickten wir über die Baumkronen zum blauen Himmel hoch. Lauschten den Abendliedern der Vögel. Die Sonne grüßte tief von Westen. Wir standen auf. Schritten durch grüne Auen. Langsam und bedächtig. Schweigend. Wir erreichten die Stadt. Selbst die harten Straßen lagen mild im sanften Dämmerlicht. Aus einem Fenster klang ein Klavier. Ich blieb unter dem Fenster stehen und sagte zu Ute: Das ist Hansi! Ute fiel mir in die Arme und drückte sich an mich, dass ich ihren Herzschlag spüren konnte.