Archiv der Kategorie: Weises

Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ist das schon weis?

Lasset das Fest beginnen!

An Ostern, dem im Frühling angesiedelten Fest, wird in der christlichen Welt einem gedacht, der an ein Kreuz genagelt wurde und daran verreckt ist. Ein Fest, das gut in die Welt passt: Während die Natur zum Leben erwacht und Pflanzen zu sprießen beginnen, stirbt der zum Heilsbringer Auserkorene an einem Kreuz, von seinen Mitmenschen daran festgenagelt. (Während seine Geburt zu einem Zeitpunkt des Jahres zelebriert wird, an dem die Tage kurz, kalt und dunkel sind, an dem die Natur tot ist.)

Ich erinnere meine Osterflanierereien in Wald und Flur, die Vögel sangen und an den Zweigen der Bäume begann es zart zu grünen. Doch immer kam ich bei diesen Flanierereien in meiner ländlich, katholisch geprägten Kindheit und Jugend an einem Wegkreuz vorbei, an dem er hing, der Heilsbringer, schlaff, ermattet, mit gesenktem, dornengekröntem Haupt. Manchmal knieten am Fuß des Kreuzes Maria und Magdalena, Mutter und Geliebte, die leidenden Weiber. Das nächste Bild, das sich neben dem am Kreuz Hängenden bei mir einprägte: Das leidende Weib, das eine seltsame erotische Faszination bei mir auslöste.

Nach meiner Flaniererei betrat ich die barocke Basilika, wo in prunkvollem Ambiente die Violine das Leiden leidensreich beklagte, und die begleitende Orgel grundierte das Leiden majestätisch und sprach mit ihrem Klang:

Seht wie erhaben es ist, das männliche Leid zu zelebrieren mit dem leidenden Weib neben dir. Lasset das Fest beginnen!

Was wäre, wäre Ohlstadt voller Ingenieure?

Ohlstadt, sagt Vorderbrandner, ist für mich seit meinem 37. Lebensjahr ein magischer Ort. Vorher bin ich dort nie gewesen, bin immer auf der Autobahn daran vorbei gefahren, auf der langen Loisachbrücke schwebte ich dahin nach Garmisch oder bin vorher abgebogen, nach links Richtung Kochel oder nach rechts Richtung Murnau.

In meinem 37. Lebensjahr fühlte ich mich so krank, dass Miriam sagte, ich solle zum Arzt gehen, zu einem Arzt, der mich umfassend untersucht, um festzustellen, an welcher Krankheit ich leide. Der Arzt untersuchte mich umfassend und konnte keine Krankheit feststellen, an der ich leide, und er sagte, er kenne jemanden, der Leute behandelt, die glauben, an einer Krankheit zu leiden, obwohl sie an keiner Krankheit leiden. Er schickte mich zu Werner, und Werner sagte, ich solle mit ihm nach Ohlstadt kommen, dort würden wir uns mit anderen Leuten treffen, die auch glauben, krank zu sein, obwohl sie nicht krank sind.

Ich erbat mir Bedenkzeit und wollte von Miriam hören, dass ich nicht nach Ohlstadt fahren soll, doch Miriam sagte, dass ich nach Ohlstadt fahren soll, und auch eine kräftige, starke Stimme in mir sagte, dass ich nach Ohlstadt fahren soll. Ich fuhr nach Ohlstadt, und während der Fahrt sagten andere Stimmen in mir, ich solle umdrehen, es wäre sicherer, weiter krank zu sein, statt mich der Ungewissheit dieser Gruppe fremder Leute auszuliefern, die in Ohlstadt auf mich warten. Doch die kräftige, starke Stimme, die ich tief in mir spürte, setzte sich durch, und wenig später fand ich mich in einem hohen, hellen Raum in einem Stuhlkreis wieder, mit Werner und Leuten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Panik kam in mir hoch: Diesen kranken Leuten soll ich mich öffnen? Später im Bett wälzte ich mich hin und her, bis ich nur mehr einen Ausweg sah: Abhauen! Ich stieg ins Auto und raste zurück nach München. Ich schreckte Miriam aus dem Schlaf, um dann, nach nächtlicher Besprechung, wieder zurückzurasen nach Ohlstadt, zurück in die Ungewissheit, die man – das wusste ich damals noch nicht – das Leben nennt.

Der Tag begann im Freien, mit meditativer Musik, zu der wir in die Himmelsrichtungen atmeten. Es fühlte sich gesund an. Ich begann zu vertrauen, dass mich die Gruppe trägt, dass die anderen meine Freunde sind, dass ich durch ihre Anwesenheit mein Kranksein loslassen kann. Am Schluss der gemeinsamen Tage, bei einem von Werner organisierten Ritual, verkündete ich vor der Gruppe: „Ich bin jetzt endlich nur ich selber, so wie ich wirklich bin. Das Leben und ich sind eins.“ Danach, nach einem gemeinsamen Abend und einer letzten Nacht, fuhr ich ab aus Ohlstadt und kam nie mehr zurück. Das Leben rief.

Vor kurzem war ich in Garmisch, sagt Vorderbrandner. Bei der Rückfahrt nahm ich nicht die Autobahn, sondern die Bundesstraße 2 nach Murnau, die über Ohlstadt führt. Aufgeregt schlug mein Herz, als ich im gleißenden Sonnenlicht durch die Winterlandschaft rollte. Rechts von mir floss die Loisach, als vor mir ein riesiges Betonbauwerk auftauchte: die Loisachbrücke Ohlstadt, mit 1.315 Metern keine hohe, aber die längste Brücke Bayerns, auf der die Autobahn 95 nach Garmisch das breite, sumpfige Tal der Loisach überquert. Unter den schattigen Betonpfeilern der Brücke nahm ich die Ausfahrt von der Bundesstraße 2 nach Ohlstadt. Ich kam mir vor wie in einem Horrorfilm, der mir die Magie Ohlstadts austreiben soll. Wie viele Ingenieure waren beteiligt bei Konstruktion und Bau dieser riesigen, landschaftsdurchpflügenden Brücke, die Ohlstadt vom Murnauer Moos trennt? Hieß Ohlstadt beim Bau noch Ohlstadt oder Ing-Ohlstadt? Zogen die Ingenieure anschließend weiter nach Ingolstadt und haben das H in Ohlstadt vergessen?

Der Eindruck der Brücke hatte mich irritiert, abgelenkt. Ohlstadt durchquerte ich wie blind, ich konnte nichts mehr erkennen als einen schnöden Ort, der nicht ins Blaue Land von Kandinsky, Münter und Marc zu passen scheint. Ich blickte hinauf zu den Hängen Richtung Heimgarten und Herzogstand, wo wir damals umhergewandert sind mit Werner, auf dem Weg zu uns, auf dem Weg ins Leben. Die Wege trafen sich in Ohlstadt, doch sie gingen weiter, wie alles im Leben. Wohin sind die Wege der anderen gegangen, nachdem wir uns getrennt hatten? Eine kurze Wehmut ergriff mich, ehe mich mein Weg weiter, zurück nach München führte.

Ohlstadt
Loisachbrücke Ohlstadt

Die Kraft des Abschieds

Uteto Fritz, der sich selbst als Künstler und Psychologen bezeichnet und als Begründer der Sprachenergetik gilt, hat sich seit geraumer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Vor kurzem wurde er jedoch bei einer Hochzeit gesehen, wo er den kurzfristig verhinderten Hochzeitsredner vertrat. Dort beobachtete er das Brautpaar, er studierte die Mimik und Gestik und die Körpersprache der beiden, ohne mit ihnen zu sprechen. Uteto misstraut der Sprache. In einer seiner letzten öffentlichen Aussagen gab er zu Protokoll: „Obwohl der westliche Mensch glaubt, mit seinem Geschwätz seine Seele verbergen zu können, findet sie doch auf einem anderen Weg ihren Ausdruck: über den Leib, über den Körper.“

Als er genug wahr genommen hatte, hob er an zu seiner Rede an das Brautpaar: „Ich sehe: Ihr sucht die Sicherheit, die Sicherheit des Mutterschoßes. Aber ein Partnerschoß ist kein Mutterschoß. Ihr werdet die Sicherheit, die ihr sucht, dort nicht finden. Es steht geschrieben: Darum verlässt das erwachsene Kind Vater und Mutter und bindet sich an seinen Partner, und sie werden ein Fleisch. Aber zuvor muss das Kind Vater und Mutter verlassen. Ihr habt eure Eltern nie verlassen, sondern sucht sie im Partner. Lernt, Abschied zu nehmen. Um zu euch zu gelangen. Zu eurer eigenen Sicherheit. Zu eurer Freiheit.“

Ein Raunen ging durch die Hochzeitsgesellschaft, und der Bräutigam ballte die Fäuste ob dieser unverschämten Worte, wie er später sagen wird. Die Braut aber lief zu Uteto und fiel in seine Arme. Uteto sagte zu ihr: „Mein Kind, auch ich bin nicht dein Vater, von dem du dich nie geliebt gefühlt hast. Gehe hin und finde deine eigene Kraft, die weibliche Kraft in dir.“

Da ging sie hin und sang das Lied von der Kraft des Abschieds:

Ich will alles

Eric Rohmer hatte sich, wie üblich zur Vorbereitung seiner Filme, über ein Jahr lang mit seiner ausgewählten Darstellerin Emmanuelle Chaulet getroffen, mit ihr ausgiebige Gespräche geführt, um ihr ihre Rolle in Der Freund meiner Freundin (L’ami de mon amie) auf den Leib zu schreiben. Bei den Dreharbeiten missfiel ihm ihr Verhalten und er schrie sie an: „Hör auf zu spielen! Du sollst so sein, wie du bist!“ Chaulet war, ihren eigenen Aussagen zufolge, einem Nervenzusammenbruch nahe. Völlig erschöpft flüchtete sie nach den Dreharbeiten in der Trabantenstadt Cergy-Pontoise bei Paris nach La Rochelle an die Atlantikküste zu ihren Eltern.

„Warum erzählst du mir das?“ fragen mich deine Augen, und ich antworte auf deine Frage:
„Du siehst, ich will viel,
vielleicht will ich alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.
Hör auf zu spielen! Du sollst so sein, wie du bist!“

Ich zitiere Rilke und Rohmer in meiner Antwort. Ich frage mich, ob es meine Antwort ist, oder ob ich sie nur geliehen habe und mit den Worten spiele? Heißt, alles zu wollen, jemanden so zu wollen, wie er ist?

Rohmer hat von seinen Darstellern verlangt, so zu sein, wie sie sind, und dabei selbst nie aufgehört zu spielen. Er drehte Film über Film, um seine Gefühle auf seine Darsteller zu projizieren. Er spielte mit ihnen. Hat er jemals auf sie gehört?

Längst habe ich deinen Blick verlassen und mich in meinen Gedanken verloren. Als ich mich wieder finde, merke ich, dass du mich in meinen tiefsten Gefühlen triffst. Ich brauche dich, um zu mir zu kommen. Dort, in der Tiefe, will ich dich treffen.

Ich kehre zurück zu deinem Blick und sage ihm:
„Ich will nicht leben und sagen: Ich will nichts.
So als wäre ich durch meines leichten Gerichts
glatter Gefühle gefürstet.
Ich freue mich deines Gesichts,
das nach dem Leben dürstet.

Hör auf zu spielen!
Ich will dich, so wie du bist.
Ich will alles.“

Habe ich nun meine eigenen Worte gefunden, obwohl ich Rilke und Rohmer zitiere?

Villiers Terrace – das letzte Weihnachten mit meinem großen Bruder

Es war für mich eine Art Initiation, damals, einen Tag vor Weihnachten, mich im Zimmer meines großen Bruders wiederzufinden, sagt Vorderbrandner, im heiligen Raum, den sonst niemand jemals betreten durfte. Wir fläzten auf seiner Couch, umgeben von volltapezierten Wänden, auf denen seine großen Idole Echo & the Bunnymen, eine britische Gruppe von Musikern aus der Liverpooler Post-Punk-Szene, zu sehen waren.

Wir hörten Echo & the Bunnymen, ziemlich laut, der Song Bring On The Dancing Horses lief. Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass mein großer Bruder mit mir seine Musik hörte. Ich wiegte mich traumverloren in den Klängen. Plötzlich aber, abrupt und unerwartet, stand mein Bruder auf, ging zum Plattenspieler und hob die Nadel von der Platte. Stille. Er begann, nervös und hektisch im Zimmer umherzulaufen.

„Jetzt wenden sie sich auch von mir ab und spielen angepasste Scheisse“, sagte er, nicht wütend, eher nachdenklich. Dann schlug er, in einem kleinen Wutanfall, mit seiner Faust Ian McCulloch, dem Sänger und Anführer von Echo & the Bunnymen, auf einem der Poster an der Wand, ins Gesicht, um anschließend mit seinem nachdenklichen Vortrag fortzufahren:
„Sie waren meine Idole, vor allem er, sie haben sich aufgelehnt gegen die ganze Scheisse, die uns eingeredet wird. Und man muss sich auflehnen gegen diese Scheisse, sonst bringt sie einen um. Schon bei ihrem letzten Album, Ocean Rain, war ich skeptisch, ob ich mich noch auf sie verlassen kann, aber jetzt, mit Bring On The Dancing Horses, bin ich mir sicher, jetzt haben sie endgültig zum Feind gewechselt, sind dem Kommerz verfallen, haben mich betrogen.

Vielleicht bin ich auch dem Kommerz verfallen. Vielleicht ist meine Auflehnung nur eine inverse Bestätigung des Systems, in dem wir alle gefangen sind.“

Dann, als eine Art Zeichen, dass sein Vortrag beendet war, kam er zu mir auf die Couch zurück und sagte, direkt an mich gerichtet:

„Hör zu, kleiner Bruder! Morgen ist Weihnachten, das Fest der gesättigten Wohlstandsarschlöcher, die zu diesem Anlass den Gipfel ihrer Heuchelei betreiben. Ich werde wie immer gute Miene zum bösen Spiel machen, denn ich liebe unsere Eltern, obwohl sie gesättigte Wohlstandsarschlöcher sind, und danach werde ich, wie immer, ins Villiers Terrace gehen, um meinen Ekel gegen die gesättigten Wohlstandsarschlöcher rauszuspielen, rauszutanzen, rauszuschreien. Aber eines könnte anders sein: Ich weiß nicht, ob ich diesmal wieder zurückkomme.“

Villiers Terrace nannte mein Bruder seinen Probenraum, in dem er mit seinen Kumpels, allesamt Echo & the Bunnymen-Verehrer, deren Lieder nachspielte. Der Raum war benannt nach einem Lied von Echo & the Bunnymen aus ihrem Album Crocodiles, in dem eine drogensüchtige Szene besungen wird und sich Leute am Boden auf den Teppichen rollen und ihre Medizin durcheinandermischen. So erzählte es mir mein Bruder, als wir weiter auf seiner Couch fläzten.

Es geschah, wie es mein Bruder gesagt hatte, sagt Vorderbrandner: Nach dem Familienessen am 24. Dezember stand er auf und ging zum Unmut meiner Eltern wie immer ins Villiers Terrace. Mit bangem Blick sah ich ihm nach, wie er zur Tür hinausging. Ich wollte ihm nachlaufen, ihm sagen, er müsse mir versprechen, zurückzukommen, und wenn er mir das nicht versprechen könne, dann wolle ich mit ihm mitkommen. Aber ich blieb brav am Tisch sitzen.

Am Weihnachtsmorgen wurde mein Bruder tot im Villiers Terrace gefunden.

Seit diesem Weihnachten lege ich mich am Weihnachtstag auf meine Couch und höre Bring on the Dancing Horses. Manchmal stehe ich an der Stelle, an der mein Bruder aufgestanden war und die Nadel von der Platte gehoben hatte, auch auf und schlage mit meiner Faust auf das Bild, das von ihm an meiner Wand hängt. Meist jedoch bleibe ich liegen, außer ich bin in sehr festlicher Stimmung: Dann rolle ich mich am Boden auf dem Teppich.

„Ach, aber mit Versen ist so wenig getan“ (zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke)

Am 4. Dezember 1875 wurde Rainer Maria Rilke in Prag geboren. Hier einige Zeilen aus seinen Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge:

„Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluss, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug) – es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah – an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken musste, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschen und mit allen Sternen flogen – und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.“

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Rilke ist als Dramatiker gescheitert. Warum? Die Antwort hat er sich selbst gegeben:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

(Rainer Maria Rilke aus: Mir zur Feier)

Hört auf das Wesen der Erscheinungen, anstatt sie mit Worten festzunageln, sprach er, und nagelte sein eigenes Leben mit Worten fest. Ist das ideale Rilke-Stück eine Choreographie des Schweigens?