Archiv der Kategorie: Weises

Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ist das schon weis?

Pasolini und der frühe Tod

Ich bin in den Siebzigerjahren geboren, sagt Vorderbrandner, in jenem Jahrzehnt, in dem die Menschheit ihre Freiheit entdeckte, von der sie heute weitgehend wieder abgerückt ist.

Gelebt aber habe ich davor schon, sagt Vorderbrandner, und ich weiß, dass ich mittendrin war in diesem Aufbruch in die Freiheit. Ich war in Italien und sah den Film Teorema – Geometrie der Liebe, den Pasolini gerade herausgebracht hatte.

Nach dem Kino traf ich mich mit Pasolini und sagte zu ihm: „Pier Paolo, was für ein wunderbarer Film, den du da gemacht hast! Ein Film wie ein Gemälde! Mit einer Symbolik, die keiner Worte bedarf! Außerdem trifft er das Bürgertum ins Mark, zeigt ihm seine Befangen- und Gefangenheit!“
„Ich hasse das Bürgertum!“ sagte Pasolini, nein, er schrie es mehr: „Ich hätte diesen Film nicht machen sollen! So viel Aufmerksamkeit für solche Idioten!“
„Er trifft die Kirche ins Mark“, meinte ich weiter, „indem du einen modernen Jesus schickst, der den Leuten ihre Freiheit zeigt!“
„Ich hasse die Kirche und ihre verlogene Moral! Nein, ich hätte diesen Film nicht machen sollen!“ entgegnete Pasolini mit starrem Blick. Ich sah so etwas wie Traurigkeit in seinem Gesicht und hatte den Eindruck, als wolle er nur weg, weg, weg. Aber wohin?

Ich sprach weiter und sagte: „Eines verwirrt mich: Warum ist dein moderner Jesus ein Mann? Hätte er nicht genauso gut eine Frau sein können? Außerdem werden die durch ihn befreiten Frauen ziemlich verrückt, während sich die befreiten Männer der Kunst und der Spiritualität zuwenden. Gestehst du den Frauen diese Freiheit nicht zu?“

Pasolini rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Dann wurde er ruhig, so als hätte er sich gesammelt, und sagte mit nachdenklichem Blick: „Nur die Männer können die Erlöser sein. Die Frauen sind Gefangene. Gefangene dieser Gesellschaft.“

Ich erwiderte nichts. Ich sprang auf und rannte davon, so schnell ich konnte. Während des Rennens wurden meine Gedanken klar, und ich erkannte, was der Unterschied zwischen mir und Pasolini ist: Er sieht die Männer als Erlöser, ich die Frauen. Hätte ich damals nur gewusst, dass man nur sein eigener Erlöser sein kann! Ich rannte und rannte, bis ich schließlich an einen Strand gelangte. Dort sah ich über das Meer in die untergehende Sonne. Das Gespräch mit Pasolini hatte mich derart aufgewühlt, dass ich nicht mehr wusste wohin mit mir. Da kamen ein paar Leute und erlösten mich. Sie hatten Stoff dabei. In meiner Überdrehtheit und Euphorie nahm ich viel zu viel davon, und so endete mein Weg in die Freiheit frühzeitig.

Jahre später, sagt Vorderbrandner, wurde ich neu geboren, mit all der Verwirrtheit, die mir mein altes Leben hinterlassen hat.

Was mach ich bloß an dieser Stelle?

Wir stecken fest. Beide, glaube ich. Zumindest bei mir bin ich mir sicher. Wir reden Worte, die nichts bedeuten. Wir bemühen uns, durch Gerede voranzukommen, kommen aber nicht vom Fleck. Wie denn auch? Alles was da ist, sind Gefühle, und Gefühle in Worte zu kleiden hat noch nie funktioniert. Sonst wären sie ja Gedanken. Die Gefühle stecken in unseren Körpern fest. Unsere Körper, die uns vielleicht helfen könnten, sind eingefroren. Unfähig, ihre Gefühle auszudrücken, sich zu bewegen, sich aufeinander zuzubewegen.

Ich träume davon, wie unsere Gefühle losgelassen werden und unsere Körper sich umschlingen, wie wir nacheinander greifen, um uns selbst zu begreifen. Wie alles fließt und unsere Tränen der Erleichterung fließen, weil alle Gefühle losgelassen sind, die uns bisher gefangen genommen haben. Ich bin die Angst, die Angst vor mir, wenn du dich fürchtest, bin ich bei dir, sage ich zu dir im intensivsten Augenblick unseres Umschlungenseins, und ich weiß, dass ich damit Blumfeld zitiere, doch nie war ein Zitat so wahrhaftig wie dieses. Spürst du, dass ich bei dir sein will? Nein, ich will mich nicht vor meiner Angst verkriechen, wie ich das schon so oft getan habe, nein, ich will durch sie hindurchgehen und mich dir zeigen, ohne Angst zu haben, dass du erschrickst und davonläufst. Denn davor habe ich die größte Angst: dass du davonläufst, du, durch die ich endlich zu mir komme. Ich bin nicht die Angst, nein, ich bin der, den ich durch dich erkenne.

Was mach ich bloß an dieser Stelle, an der wir uns so nahe sind? Wo ich mich kreuz und quer zerstreue, und längst noch nicht zu mir gekommen bin?

Blumfeld: You Make Me

Konrad Vert und Elisabeth Rauen

eine Geschichte über Kontrolle und Vertrauen

Konrad Vert war früher ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Ihn zu sehen war mir jedesmal eine große Freude. Doch seit er Elisabeth Rauen kennengelernt hat, hat sich das grundlegend geändert.

Konrad kam damals zu mir, völlig euphorisiert, und sagte: Stell dir vor: Ich habe eine Frau namens Rauen kennengelernt! Das ist meine große Chance! Durch sie kann ich mein großes Lebensthema, das Vertrauen, in meinen Namen integrieren: Vert-Rauen. Ich muss sie heiraten!

Konrad hofierte und umwöhnte in der Folgezeit Elisabeth – so heißt die damals so heftig Umworbene mit Vornamen – wie die Prinzessin auf der Erbse. Der Diener und seine Herrin. Schließlich schaffte es Konrad, dass Elisabeth einwilligte zu heiraten, und aus Konrad Vert und Elisabeth Rauen wurden Konrad und Elisabeth Vert-Rauen. Konrad wollte noch durchsetzen, dass der Doppelname ohne Bindestrich geschrieben wird, also Vertrauen, kam damit aber bei den Behörden nicht durch. Das hinderte ihn nicht daran, seine Vertrauen-Praxis zu eröffnen für alle, die auf der Suche nach dem Vertrauen in ihr Leben sind.

Der größte Fehler ist doch, dozierte Konrad bei jeder Gelegenheit, dass wir über alles Kontrolle haben wollen. Dabei braucht es Vertrauen statt Kontrolle. Kommt zu mir und ich zeige euch, wie das Vertrauen in euer Leben kommt!

Aber die Leute wollten sich nicht so recht einlassen auf seine Vertrauen-Workshops, und so schimpfte Konrad immer mehr auf die kontrollwütigen Individuen unserer Gesellschaft, die unfähig seien, Vertrauen in sich aufzubauen, die diese Unfähigkeit an sich nicht erkennen würden und deshalb nicht einmal fähig seien, zu ihm zu kommen, der ihnen zeigen würde, was Vertrauen heißt.

Schließlich wurde das Geld knapp, und ein Freund von Elisabeth lieh ihnen Geld. Konrad bezichtigte daraufhin Elisabeth, eine Affäre mit diesem Freund zu haben, mit diesem neureichen Scheusal, wie er sagte, der mit seinem Geld Kontrolle ausüben will. Eines Abends, Konrad war völlig verzweifelt und hatte einigen Alkohol getrunken, sagte er mir, er werde nun einen Detektiv engagieren, um Elisabeth und dieses kontrollierende Geldschwein beobachten zu lassen. Er werde ein für allemal aufdecken, dass dieses Schwein Elisabeths Untergang bedeutet und dass solche Schweine im Allgemeinen den Untergang dieser Welt bedeuten.

Ich fuhr ihm ins Wort und sagte: Konrad! Was du da treibst, ist totaler Mist. Du schürst nichts als Mißtrauen. Konrad Mist-Rauen. Du bist für mich Konrad Kont auf der Suche nach Rosina Rolle, zur Erlangung der totalen Kontrolle!

Da wurde Konrad fuchsteufelswild und fuchtelte mit den Armen. Dann sackte er in sich zusammen und sagte mit starrem Blick: So ist es eben – wenn jemand nicht vertrauen kann, braucht es Kontrolle. Ich wollte es nicht. Ich wollte die Welt in ihr Vertrauen bringen. Aber die Welt braucht eben Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle, nichts als Kontrolle!

Der Kommunikationsberater

Der Kommunikationsberater öffnete die Fahrertür seines Porsche, drehte sich noch einmal zu uns um und sagte: „Es gilt jetzt, alle mitzunehmen!“

Ich ging daraufhin zur Beifahrertür, öffnete sie und setzte mich in den Wagen.
„Das wird schwierig!“ sagte ich, mich im Wageninneren umsehend.

„Was wird schwierig?“ fragte der Kommunikationsberater irritiert.

„Mit diesem kleinen Auto alle mitzunehmen. Nicht mal die, die jetzt noch dastehen, können Sie damit mitnehmen. Geschweige denn das ganze Team. Dabei haben sie gerade gesagt: Es gilt jetzt, alle mitzunehmen!

„Das war doch auf das Projekt bezogen! Steigen Sie sofort aus meinem Wagen aus, ich hab’s eilig!“

Ich stieg aus, lehnte mich an den Porsche und sagte: „Es wäre ein gutes Zeichen für das Projekt gewesen, wenn Sie mit einem Bus gekommen wären und jetzt alle mitnehmen würden. Stattdessen stellen Sie sich an Ihr Egomanen-Fahrzeug und meinen überhaupt nicht, was Sie sagen.“

„Was fällt Ihnen…“

„Was Sie mit Ihrem Verhalten sagen ist: In unserem auf Egozentrismus aufgebauten Wirtschaftssystem hat man den Sinn für das Gemeinsame verloren. Kommunikation findet nicht statt. Ich habe das erkannt und verdiene mit diesem Mangel mein Geld, den zu beseitigen mir überhaupt kein Bedürfnis ist. Im Gegenteil: Dann würde ich ja kein Geld mehr verdienen.

„Ach lassen Sie mich doch in Frieden! Ich habe Ihre schlauen Reden nicht nötig!“
Der Kommunikationsberater schlug die Tür seines Porsche zu und brauste davon.

Axel Witsel – eine Kritik am deutschen Alphabet

Ich stehe auf einer riesigen Tribüne. Die Tribüne ist mit drei anderen Tribünen verbunden. Die Tribünen stehen im Neunzig-Grad-Winkel zueinander und umschließen ein Fußballfeld. Alle Tribünen sind voll mit Menschen, mit insgesamt etwa achtzigtausend Menschen, wie ich mir sagen ließ. Eine Zahl, die ich gar nicht fassen kann. Sehr sehr viele Menschen auf engem Raum. Gleich wird ein Fußballspiel beginnen. Die achtzigtausend Menschen auf den Tribünen werden zweiundzwanzig Menschen auf dem Rasen beim Fußballspielen zusehen. Ich blicke auf die vielen Menschen um mich. Bei diesem Anblick weiß ich, warum ich als Junge Fußballprofi werden wollte: Achtzigtausend Menschen, die einem beim Spielen zusehen. So viel Aufmerksamkeit hat man sonst nie im Leben!

Der Stadionsprecher brüllt die Namen der Spieler in sein Mikrofon, aber im ohrenbetäubenden Lärm um mich verstehe ich nichts. Ich schaue auf einen der großen Bildschirme und lese den Namen des Spielers mit der Rückennummer 28: Axel Witsel. Ein Name, der mich beeindruckt. Ein Name wie eine eindringliche Forderung. Nämlich das deutsche Alphabet um zwei überflüssige Buchstaben zu kürzen: um das X und um das Z. Das X kann durch KS ersetzt werden, das Z durch TS. Axel Witsel betont auf geniale Weise diese Forderung: In der Schreibung des Vornamens Axel mit X der Hinweis auf den aktuellen Missstand, in der Schreibung des Nachnames Witsel der Protest dagegen durch die Ersetzung des Z durch TS. Wer Axel schreibt, muss auch Wizel schreiben, sagt der kühle Verstand. Wer sich Witsel schreibt, sollte sich auch Aksel schreiben, sage ich.

Die Spieler betreten das Feld. Axel Wizel trägt eine Afro-Frisur. Dunkler Teint. Blaue Augen, die sehr auffallen durch seine sonst dunkle Erscheinung. Das Spiel beginnt. Aksel Witsel bewegt sich grazil und demütig wie eine Gazelle und robust und bestimmend wie ein Löwe, ohne sich dabei zu widersprechen. Wie mich sein Name beeindruckt, so beeindruckt mich sein Spiel. Ich beneide ihn, mit welcher Eleganz und Souveränität er sich auf dem Rasen bewegt und wie ihm dabei achtzigtausend Menschen zuschauen. Axel Witsel – die leibhaftige Kritik am deutschen Alphabet!

Axel Witsel

Penetrations-Workshop

Ich hatte einen eigenartigen Traum, sagt Vorderbrandner: Ich war in einem Penetrations-Workshop. Die Frau, mit der ich übte, war recht locker drauf, und wir mussten beide lachen, als ich mir das Kondom etwas ungeschickt überzog. Schon lange nicht mehr gemacht, sagte ich, sagt Vorderbrandner, und sie meinte, sie nehme jetzt auch Gleitcreme, obwohl sie die normalerweise nicht brauche.

Ich war in Sorge, dass meine Erektion weggeht, sobald ich das Kondom übergezogen habe, sagt Vorderbrandner, aber sie ging nicht weg. Im Gegenteil. Ich drang in die Frau ein, und wir lächelten uns an. Ich schob ihn rein und raus, anfangs vorsichtig und langsam, dann wild und schnell. Wir hatten großen Spaß dabei. Unbeschwertheit. Leichtigkeit. Dann erwachte ich aus diesem Traum. Ich war sehr entspannt und hatte in der Tat eine Hammererektion. Nur die Frau war verschwunden.

Am nächsten Tag rief ich Agathe an, sagt Vorderbrandner. Ich sagte ihr, ich müsse dringend bei ihr vorbeikommen, weil ich sie unbedingt penetrieren will. Ob sie denn was dagegen habe? Ich fuhr sofort zu ihr und habe Agathe in die Augen geschaut wie ich ihr noch nie in die Augen geschaut habe. Fordernd und liebevoll zugleich. Wir küssten, spürten und berührten uns. Lange. Innig. Dann habe ich meine Übung aus dem Penetrations-Workshop mit Agathe fortgesetzt, nur dass ich bei Agathe kein Kondom übergezogen habe.

Erschöpft und zufrieden lagen wir uns schließlich in den Armen. Dann begann Agathe zu weinen. Bei mir brechen gerade alle Dämme, sagte sie, ich kann nicht anders. Ich bin so glücklich. Ich sagte nichts, sagt Vorderbrandner. Ich habe Agathe wortlos gestreichelt, und in diesem Moment spürte ich, dass ich sie liebe, ja, dieses Wort will ich jetzt benutzen: Liebe.

Normalerweise ist unser Sex recht frustrierend. Ich bin so angespannt, dass ich keine ordentliche Erektion bekomme. Dann bin ich so enttäuscht, dass ich weinen möchte. Aber meistens fluche ich stattdessen. Ich fluche auf meine christliche Kindheit, die die Vagina zum Himmel und zur Hölle zugleich machte. Jedenfalls zu etwas Übermenschlichem wie die Jungfrau Maria, dem ich nie gerecht werden kann, dem ich unterliege und das ich daher ablehnen muss. Agathe, die meine Schimpftiraden geduldig ertrug, sagte dann oft: Dann mach es dir doch wenigstens selbst, und ich fuchtelte angespannt und nervös an meinem Penis herum, um Samenflüssigkeit aus mir herauszupressen. Schließlich einigten Agathe und ich uns, dass ihre Vagina mit anderen Penissen und mein Penis mit anderen Vaginas in Berührung kommen sollte. Das verschaffte mir gewisse Erleichterung. Die Moralkeule, dass man nur mit einem Menschen intime Kontakte haben darf und alles andere Todsünde ist, hatte mich belastet, sagt Vorderbrandner. Auf diese Weise schafften Agathe und ich es, so etwas wie halbwegs entspannten Sex miteinander zu haben. Dennoch hat sich meine Anspannung beim Sex nie richtig gelegt, egal mit wem ich ihn hatte. Entsprechend nervös war ich vor dem Penetrations-Workshop.

Konnte ich denn ahnen, dass der Workshop so ablaufen würde? Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich von diesem Workshop wirklich nur geträumt habe, oder ob ich ihn tatsächlich besucht und nur vergessen habe, dass ich ihn besucht habe, sagt Vorderbrandner. Jedenfalls bin ich meiner Übungspartnerin sehr dankbar, kann mich aber beim besten Willen nicht mehr an sie erinnern.

Musik aus dem Penetrations-Workshop

…Meine Zeit mit Liliane

Ich habe Liliane seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe nichts von ihr gehört. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt. Laut Wikipedia tut sie es: Liliane Kampermann ist eine deutsche Künstlerin, die in München sowie weltweit lebt und arbeitet. Vor diesen Jahren, in denen wir uns nun nicht mehr gesehen haben, haben wir uns jahrelang in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gesehen. Ich versuche, meine Begegnungen mit Liliane über die Zeiträume zu strukturieren, aber es gelingt mir nicht. Denn wenn wir uns trafen, schien die Zeit keine Rolle zu spielen. Sie verging einfach, ohne dass wir es merkten. Wir waren eingebettet in das, was nie war und was nie sein wird, sondern einfach ist: in die Gegenwart.

Ich habe als Kind Nacktheit als etwas Verbotenes erlebt, das mit starker Scham belegt ist. Das hat dazu geführt, dass ich mich bevorzugt in Frauen verliebe, die sich nackt zeigen. Ohne jede Kleidung. Ohne jeden Schmuck. Ein nackter Frauenleib ist für mich die Offenbarung des Glücks, der Zugang ins verbotene Paradies. Liliane und ich waren nackt, als wir uns das erste Mal sahen. Und sie zeigte sich: Sie stieg vor meinen Augen nackt ins warme Wasser, lud mich mit ihren Blicken ein, ihr zu folgen. Das Paradies öffnete seine Türen. Als unser nackter Abend endete, schloss sich das Paradies. Wir zogen uns an. Aber mich zog es hin in dieses Paradies, das fortan Liliane hieß. Wir trafen uns zu unseren zeitlosen Treffen, wir redeten und redeten, im Nachhinein glaube ich, Liliane redete mehr als ich, während ich sie betrachtete: ihren Mund, wenn sie redete; ihre Augen, wenn sie schaute. Bei diesen Anblicken träumte ich vom Paradies, das sich als kuscheliges Liebesnest mit uns beiden darin darstellte.

Es ist ein sehr warmer Frühlingstag im März. Die Sonne scheint schon ungewöhnlich stark durch die noch blattlosen Äste der Bäume. Liliane und ich sind im Paradies. Wir streunen über die Wiesen, auf der die Frühlingsblumen blühen. Ein Pärchen springt bereits voller Übermut ins kalte Wasser. Ich sehe Liliane und mich in diesem Pärchen und träume schon wieder vom Paradies. Wir setzen uns ins Gras und reden. Sind wir, oder belehren wir uns? Bin ich, oder beobachte ich sie? Die Worte, die wir reden, bauen sich auf wie eine Blockade. Die Worte werden viel zu viele, und ich lege mich hin, um ihnen zu entfliehen, aber auch als ich liege, fällt mir nichts anderes ein als Worte, Worte, Worte, und ich sehe Liliane und denke mir: Sie ist schön, schön, schön, und ich denke: Gibt es eigentlich einen idealen Zeitpunkt, um sich zu küssen? Oder passiert das einfach im Paradies? Ich ringe um das Paradies in meinem Kopf und sage: Ich sehe Frauen als viel zu hohe Wesen. Ich kann kein normales Verhältnis zu ihnen aufbauen. Durch dich, Liliane, lerne ich, dass ich, um mit einer Frau zu sein, ein Mann sein muss. Noch während diese Worte meinen Mund verlassen, fühlen sie sich komisch an, schal, unwahr, bauen sich auf wie eine trennende Wand zwischen uns, und mir fallen alle unsere Gespräche ein, deren Worte sich wie ein Schleier über Nachmittage und Nächte legen, den wir nicht zu durchdringen vermögen. Ich ringe weiter um das Paradies, aber mit Worten, das ist die Illusion, der ich erliege, dass ich mit Worten das Paradies herbeireden kann, ohne etwas dafür zu tun, und ich sage also: Liliane – ich will ehrlich sein zu mir, ich will ehrlich sein zu dir, deshalb sage ich dir jetzt, dass ich dich spüren will, dass ich dich küssen und berühren will. Für einen Moment sehe ich, wie sich Lilianes Lippen öffnen, so als will sie mir sagen: Dann tu es doch! Doch dann sehe ich in ihren Augen all die Worte unserer Gespräche, die uns trennen. Ich sehe in ihnen die Trauer über Oleg, den Zorn über ihren Vater, die Bitterkeit über die Männer. Ich sehe, dass sie das alles voll in Beschlag nimmt und verhindert, dass wir uns nahe kommen. Kein Platz für mich in Lilianes Welt. Oder haben wir uns für einen kurzen Moment gefunden, um uns gegenseitig unsere Trauer zu zeigen darüber, wo wir herkommen? Sind wir jetzt soweit, hinzuschauen? Sind wir jetzt am Grund des tiefen Sees, wo sich die Wahrheit ruhig verrät?

Liliane stand auf und lief davon. Ich blieb im Gras liegen und schaute zum Himmel. Ja, ich mag die Natur, weil sie keine Meinung hat. Sie ist einfach. Jahre vergehen, so wie die mit Liliane. Eines bleibt: die Gegenwart. Und mit ihr die Chance, frei zu sein. Denn der verdient sich seine Freiheit, der täglich sie erobern muss. Ich ziehe mich aus und springe in das kalte und klare Wasser.

…Unterfrau…

Nach dem Erlebnis im Sommer, als ich dreizehn war, begann ich, meinen Körper hinter weiten T-Shirts und pludrigen Pullovern zu verstecken. Nicht begehrenswert, nicht begehrenswert. Keiner der Männer sollte mir zu nahe kommen und mich enttäuschen. Ein Mauerblümchen war ich, ein scheues, sensibles Seelchen. Das sagten die Leute.

Ich vergrub mich in Bücher, bis ich eines Tages las: Ein bildender Künstler ist jemand, der durch sein Werk Eindruck macht, nicht durch sich selbst. Das faszinierte mich. Mit seinem Werk Eindruck machen und selbst unsichtbar bleiben. Ich studierte Kunst, und dann arbeitete und arbeitete ich: Graphik und Design für die Werbung. Ich arbeitete tagelang, nächtelang, Projekt über Projekt. Eindruck machen mit dem was ich mache. Wahrscheinlich hätte ich mich zu Tode gearbeitet, wäre nicht Oleg in mein Leben gekommen. Oleg interessierte sich für mich. Ich war irritiert. Mein Werk, nicht ich, sollte Eindruck machen. Ich wehrte mich gegen seine Avancen. Er würde sich schon verziehen. Aber er verzog sich nicht. Er ließ nicht locker. Bis ich mich fangen ließ. Er zog mir meinen pludrigen Pullover und mein weites T-Shirt aus. Heftig pochte mein Herz, als ich nackt vor ihm stand. Jede seiner Berührungen ließ meinen Körper explodieren. Ich wurde feucht wie ich es noch nie gewesen war. Seine Stöße brachten mich in Ekstase. Begehrt! Begehrt! Ich wurde begehrt!

Durch Oleg war ich in einen Kreislauf gekommen, aus dem es kein Entrinnen gab. Er begehrte mich. Ich ließ mich begehren. Ich wurde süchtig nach Oleg, er war mein Übermann.

Mitten in diesem Begehren geschah etwas Unvorhergesehenes: Mein Vater starb. Nicht ganz so klischeehaft, wie man es vermuten würde, nämlich beim Sex mit einer jungen Geliebten, aber fast: Er war in Begleitung einer wesentlich jüngeren Dame – zwei Jahre jünger als ich, wie sich später herausstellte – als er zusammenbrach und nicht mehr wiederbelebt werden konnte. Ein Schock. So wie damals, als ich dreizehn war. Der Mann der Männer: tot. Meine Mutter: ein Häufchen Elend, Trost suchend bei ihrer jüngsten Tochter – mir.

Materiell gesehen war ich plötzlich reich geworden: Mein Vater hatte ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Insgesamt gesehen war es eine Misere: Das unerträgliche Gejammer meiner Mutter. Ohne meinen Vater geriet das Gefüge aus den Fugen.
Oleg sagte: Lass uns abhauen! Du hast doch jetzt Geld!
Wohin denn?
Nach Biarritz. Ich mach den Surflehrer und du widmest dich deiner Kunst.
Ohne etwas zu sagen, sagte ich mit meinen Blicken: Ja Oleg, gehen wir nach Biarritz! Für dich mache ich alles! Du bist alles was ich habe! Du darfst mich nur nicht verlassen! Versprich mir das!

In Biarritz hatte Oleg das Surfen und ich die Kunst. Alles schien gut. Aber ich bekam Angst. Angst, Oleg zu verlieren. Eines Abends – ich wusste, Oleg würde gleich nachhause kommen – stellte ich mich im sanften Abendlicht splitternackt ans Fenster, wie eine Skulptur. Ich machte mich selbst zum Kunstwerk. Oleg kam zur Tür herein und sah mich erstaunt an. Ich spürte meine Verletzlichkeit. Ich musste mein Kunstwerk retten und sagte: Oleg, bitte berühre mich und sag mir, dass ich eine schöne Frau bin!
Sei nicht lächerlich, Liliane! sagte er: Ich habe Hunger, und ging zum Kühlschrank.
Ein Schock! War ich ihm nicht mehr schön genug? War es mein Schicksal, von Männern nicht begehrt zu werden?

In den nächsten Tagen folgte ich Oleg heimlich in die Surfschule. Ich sah, wie er mit anderen Frauen flirtete. Ich stellte ihn zur Rede. Er meinte, ich solle ihn nicht mit meiner kranken Eifersucht belästigen, er würde doch wohl mit anderen Frauen reden dürfen. Ich bat ihn auf Knien, mich zu lieben. Er aber verließ mich.

Was sollte ich alleine in Biarritz? Oleg war der einzige, den ich kannte. Außer ihm gab es hier niemanden für mich. Außer ihm würde es niemanden geben. Ich setzte mich ins Auto und ließ Biarritz hinter mir. L’amour en fuite. Liebe auf der Flucht. Ich hörte diesen lächerlichen Chanson von Alain Souchon. Ich hörte ihn immer wieder. Ein darstellender Künstler stellt sich selbst dar. Wie schrecklich! Wie abscheulich! Wie verletzlich! Ça coule sur ma joue. Tränen fließen über meine Wange. Ich fuhr und fuhr. Ich schleppte mich nach München. Meine Mutter empfing mich mit offenen Armen. Sie berührte und küsste mich wie damals, im Sommer, als ich dreizehn war. Wie ein kleines, schutzbedürftiges Mädchen. Mittlerweile war ich aber über dreißig Jahre alt…

…Übervater…

Er saß mir gegenüber und sprach von seiner Übermutter, und davon, dass er ihretwegen kein normales Verhältnis zu Frauen aufbauen könne. Ich konnte mit dem, was er sagte, nichts anfangen. Ich bin doch eine Frau, und er redete ganz normal mit mir. Sicher, ich hatte ihm bereits signalisiert, dass er mir nicht zu nahe kommen soll: Ich hatte meine Gründe. Aber das wird doch nicht bei jeder Frau so sein, die er trifft!

Er machte mich neugierig. Irgendetwas zog mich zu ihm hin. Er brachte mich zum Nachdenken: Übermutter? Ich konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Meine Mutter war keine Übermutter. Sie war eine hilfsbedürftige Frau, die sich meinem Vater ausgeliefert hatte. Mein Vater war der Chef im Ring. Er hatte als Kind den Bombenhagel über Dresden überlebt. Allein deswegen war er schon eine Art Übermensch. Durch vielerlei Irrungen und Wirrungen kam er nach dem Krieg nach München. Schlug sich durch. Wurde Arzt. Die Autorität im weißen Kittel. Er ehelichte meine Mutter, was soviel bedeutete, dass er sie in Besitz nahm. Meine Mutter gebar ihm drei Mädchen: meine beiden älteren Schwestern und mich. Mein Vater war sehr stolz auf meine beiden älteren Schwestern. Er betrachtete sie wie zwei heranwachsende weibliche Trophäen. Ich war immer außen vor, zu groß war der Altersunterschied: Juliane ist acht, Adriane sechs Jahre älter als ich.

Im Sommer flogen meine Eltern mit uns dreien immer ans Meer, wo wir nackt badeten. Ich weiß noch genau den Moment in dem Sommer, als Juliane das letzte Mal mit uns kam. Sie war siebzehn und Adriane fünfzehn: Ich spielte gerade im Sand, als ich aufblickte. Mein Vater stand mit meinen beiden Schwestern nackt da. Er legte triumphierend die Hände um ihre Schultern. Anschließend fasste er Juliane an die Brust und sagte: Ja, das fühlt sich gut an! Wirst eine ordentliche Frau! Zu Adriane, deren Brüste er auch berührte, sagte er: Ja, auch bei dir ist das schon ganz ordentlich. Und außerdem hast du ja noch zwei Jahre mehr Zeit als deine Schwester. Meine Schwestern grinsten stolz. Wie eine verschworene Gemeinschaft standen sie da mit ihren nackten Körpern, die drei. Ich saß im Sand und verstand nichts. Ich merkte nur, dass bei mir noch nichts auf der Brust war, das mein Vater gerne angefasst hätte, und fühlte mich schlecht. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich es kaum erwarten, dass mir Brüste wachsen.

Vier Jahre später: Ich war dreizehn und nur mit meinen Eltern – ohne meine beiden Schwestern – im Strandurlaub. Meine Brüste hatten sich bereits ansehnlich entwickelt. Stolz ging ich im Sand herum und hoffte, dass mein Vater nun endlich auch meine Brüste berührt. Mir wurde ganz schwindelig bei dem Gedanken, ich konnte es kaum erwarten. Dann, eines Abends, lag ich im Bett und konnte nicht schlafen. Ich wünschte mir, dass mein Vater kommt und mich berührt. Mir war heiß. Ich stand auf und wollte auf die Terrasse unseres Bungalows gehen, wo meine Eltern noch saßen. Als ich den Flur betrat, hörte ich sie reden. Leise schlich ich zur Ecke, wo sie mich nicht sehen konnten, und belauschte ihr Gespräch.

Wolfgang, sagte meine Mutter, ich habe nur eine Bitte an dich: Lass unsere Kleine in Ruh! Ich merke, wie fixiert du schon wieder auf sie bist. Aber ich werde das nicht dulden! Sie soll ohne dein Gegrapsche eine Frau werden!

Ach was, sagte mein Vater: Als ob das schaden würde! Sind Juliane und Adriane wegen meinem Gegrapsche, wie du es nennst, schlechte Menschen? Im Gegenteil: Sie sind selbstbewusste junge Frauen!

Du weißt, wie mir die Kleine am Herzen liegt! Ich habe sie mir so gewünscht! Bei den beiden Großen habe ich dir freie Hand gelassen. Aber sie, sie gehört mir! Lass die Finger von ihr! Ich dulde alle deine Frauengeschichten. Aber wenn du auch nur einmal Liliane begrapschst, dann verlasse ich dich mit ihr!

Ich lief davon, sprang ins Bett, zog mir die Decke über den Kopf und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich heulte und heulte, ohne Ende. Eine Welt brach zusammen. Mein Vater würde mich nicht berühren. Mein Vater berührte meine älteren Schwestern. Mein Vater berührte andere Frauen. Nur mich und meine Mutter nicht. Ich war verzweifelt. Ich hatte das Gefühl, meinen Vater verloren zu haben. An meine beiden älteren Schwestern. An alle Frauen dieser Welt.

Meine Mutter hatte mich heulen gehört. Sie kam zu mir ins Zimmer und schob die Decke von meinem Kopf: Was ist denn, meine Kleine? Hast du schlecht geträumt? Sie begann mich zu streicheln und zu küssen, aber ich wollte das nicht. Ich wollte Zärtlichkeiten von meinem Vater, aber nicht von meiner Mutter. Ich versuchte, mich zu beruhigen. Wie sonst hätte ich dieser Situation entkommen sollen? Was hätte ich denn sagen sollen? Meine Mutter ließ nicht los von mir. Nachdem ich ihr mehrmals gesagt hatte, dass ich schlafen will, ging sie schließlich. Geschlafen habe ich die ganze Nacht nicht. Ich wäre am liebsten gestorben.

Am nächsten Tag, am Strand, hatte ich das Gefühl, den hässlichsten Körper aller Frauen zu haben. Ich vergrub ihn mitsamt meinem Kopf im Liegestuhl…