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Trauma

Während draußen die Nebelschwaden die Wände des Hauses befeuchteten, spielten wir drinnen ein lustvolles Spiel. Die Heizkörper voll aufgedreht, jagten wir uns durch das Haus, und wenn wir uns erwischten, rissen wir uns etwas vom Leib. Unsere Lust schien grenzenlos.

Wir waren längst nackt und rannten noch immer wild hin und her, da packte ich Marianne und riss sie unsanft zu Boden. Ich legte mich auf sie und hielt mit meinen Händen ihre Hände und mit meinen Füßen ihre Füße gefangen. Aber in diesem Moment verspürte ich keine Lust mehr. Ich fühlte mich nicht wie ein Mann, der eine Frau begehrt, sondern wie ein Junge, der seine Mutter um Liebe anbettelt. Oder wie ein verzweifelter Täter, der gewaltsam um Zuneigung kämpft. Ich fühlte die Bedrängnis, die ich ausstrahlte. Ich hielt Marianne noch fester an Händen und Füßen.

Sie begann sich zu wehren. Ich spürte, wie ihre Lust der Angst wich. Sie strampelte und schrie. Ich hielt dagegen. Ich wollte sie demütigen, ich glaubte zu erkennen, dass sie von mir gedemütigt werden will. Es war anstrengend. Wir schwitzten und stöhnten wie zwei Leidende im Todeskampf. Doch plötzlich verließen mich die Kräfte. Ich erstarrte und ließ sie los. Fast ohnmächtig blieb ich liegen, während sie hektisch im Haus herumlief, um ihre verstreuten Klamotten einzusammeln. Mit letzter Kraft schaffte ich es, mich aufzurappeln und Marianne zu suchen. Ich fand sie im Bad vor dem Spiegel: Du magst es nicht, wenn ich mich schminke. Deshalb schminke ich mich! sagte sie mit bebender Stimme, während sie sich mit zitternder Hand dick Lippenstift auf die Lippen strich. Ihr Gesicht war bereits foundiert und gepudert, wie glatt lackiert sah sie aus, und ihre Augen waren entstellt von Lidschatten, Lidstrich und Wimperntusche. Sie packte ihr Täschchen, drängte sich an mir vorbei und zog sich im Gang fertig an. Ich ging zu ihr, schaute ihren hektischen Bewegungen noch immer wie erstarrt zu. Sie zog sich ihre Handschuhe an, um das letzte Stück unbedeckter Haut an ihrem Körper zu bedecken, und mich schrie sie an: Keinen Zentimeter Haut bekommst du mehr von mir, du ekliges Scheusal! Dann öffnete sie die Haustür, knallte sie hinter sich zu und entschwand in den Nebel.

Ich starrte auf die geschlossene Tür. Plötzlich hielten mich meine Beine nicht mehr. Ich fiel zu Boden. Ich legte mich nicht hin: Es legte mich hin. Ich konnte nicht selbst entscheiden. Es hatte mich hingelegt, und der Boden hielt mich fest. Ich hatte keine Möglichkeit, mich aufzurichten und Marianne nachzurennen. Es hatte mich hingelegt und gefesselt. Reglos blieb ich liegen. Es beherrschte mich. Ich drehte mein Gesicht zur Seite und sah zur verschlossenen Tür. Die verschlossen bleiben würde. Für immer.

Ich war zu erstarrt, um zu weinen. Alles war so vertraut, als wäre es schon immer so gewesen. Das ist mein Schicksal: verlassen zu werden.

So stehen die Dinge

So stehen die Dinge also, dachte es in meinem Kopf, aber natürlich war das falsch gedacht, denn die Dinge stehen nicht, niemals, sie gehen auch nicht, was naheliegend wäre wenn sie nicht stehen, aber das ist zu sehr von den Beinen gedacht. Sie bewegen sich, sind immer im Fluss, wie ich gelesen habe, aber ich habe es nicht nur gelesen, ich spüre es auch an meinem Leib, wie es auf meiner Haut kribbelt und krabbelt, wie es in meinem Bauch gluckert und blubbert, und wenn ich mir Zeit und Ruhe nehme, spüre ich, wie das Blut durch mein Fleisch rauscht.

Wie kommt mein Kopf also auf die Idee, dass die Dinge stehen? Es scheint eine fixe Idee zu sein, von der ich nicht loskomme, so fix, dass ich glaube, dass du mich nicht liebst, obwohl mir deine Augen jedesmal, wenn sie in meine schauen, das Gegenteil sagen, sie sagen mir: Ich bin deine Frau, sei du mein Mann, und wir lieben uns!, aber in dem Moment, in dem mir deine Augen das sagen, schrecke ich zurück, ich fessle mich selbst an das Bett, an das ich gefesselt war, mein Blick wird trüb und ich sehe dich nur noch durch eine dicke Scheibe. In mir weint es, weil ich mir die Liebe nehme, die mir einst genommen wurde. Ich traue der Liebe nicht. Auch deiner nicht.

Traust du deiner? Ich sehe den Chor der gefangenen Frauen, gefoltert durch die Jahrhunderte, und ich weiß nicht: Singst du mit dem Chor, oder trittst du aus ihm heraus? In meiner Gefesseltheit singst du mit ihm im ewigen Trauergesang. In meinen freien Momenten, in denen ich die Fesseln zerreisse und mein Blick klar wird, trittst du aus dem Chor heraus, stehst da, schutzlos und nackt, anmutig und voller Liebe, und obwohl du stehst, bewegt sich alles an dir und um dich, und auch bei mir bewegt sich alles, ich komme zu dir, schutzlos und nackt und voller Vertrauen, und wir tanzen den Tanz der Liebe.

Dokum, Frieseninsel

Das Friesland liegt an der Nordseeküste. Dem Festland sind Inseln vorgelagert, die in die westfriesischen und in die ostfriesischen Inseln unterteilt werden. Die westfriesischen Inseln gehören zu den Niederlanden, die ostfriesischen zu Deutschland. Die fünf bewohnten westfriesischen Inseln heißen, von West nach Ost: Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland und Schiermonnikoog. Sie sind alle größer als die sieben bewohnten ostfriesischen Inseln Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum (von Ost nach West).

Borkum ist die westlichste und größte der ostfriesischen Inseln, während die unbewohnte Insel Rottum die östlichste und kleinste der westfriesischen Inseln ist. Das Durcheinander aus West und Ost und groß und klein ist also gar kein Durcheinander, wenn man, wie eben versucht, etwas Systematik in die Inselgruppe bringt. Doch diese Systematik wird durch neueste Forschungen ins Wanken gebracht:

Genau zwischen Borkum, der westlichsten der ostfriesischen, und Rottum, der östlichsten der westfriesischen Inseln, soll sich früher eine weitere Insel namens Dokum befunden haben. Dokum kann keine große Insel gewesen sein, beträgt der Abstand zwischen den heutigen Borkum und Rottum doch nur etwa fünf Kilometer. Und obwohl keineswegs bewiesen ist, dass es dieses kleine Eiland jemals gegeben hat, wird bereits groß darüber gestritten, ob Dokum eine west- oder ostfriesische Insel sei. Die Niederlande sagen, Dokum sei eine westfriesische Insel, da doch Borkum eigentlich auch eine westfriesische Insel sei, weil sie westlich der Emsmündung liege, die die Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland darstelle. Deutschland sagt, Borkum sei nur eigentlich eine westfriesische, tatsächlich aber eine ostfriesische Insel, woraus zu folgern sei, dass Dokum eine ostfriesische Insel sei, schließlich könne sie aufgrund ihrer Lage zwischen Rottum und Borkum kaum westlich, sondern eher südlich von Borkum gelegen haben.

Es wurde ein Expertenrat zur Lösung des Konflikts eingesetzt. Nach langen Beratungen kam der Rat zum Schluss, dass es keinen Konflikt gibt, da die Existenz des Konfliktobjekts, der Insel Dokum, nicht erwiesen sei, und man könne nicht über etwas streiten, dessen Existenz nicht erwiesen sei. Doch just bei der Urteilsverkündung des Rates meldete sich ein Ornithologe und meinte, es sei davon auszugehen, dass Dokum existiert hat, da es Anlass zur Vermutung gibt, dass auf Dokum eine einzigartige Entenart lebte, die sogenannte Dokumente, deren Exemplare nach dem Untergang Dokums auf Rottum und Borkum geflüchtet seien. Es gelte nun, Dokumente zu finden, die diese Annahme bestätigen.

Große Suchtrupps sind mittlerweile unabhängig voneinander auf Borkum und Rottum unterwegs, auf Borkum unter deutscher, auf Rottum unter niederländischer Führung, die sich einen Wettbewerb darin liefern, Dokumente für die Existenz der Dokumente zu finden. Einer der Suchtrupps auf Borkum fand Kotspuren, die man so noch nie gesehen hatte, und behauptet, dies könnten nur Hinterlassenschaften der Dokumente sein und ihre Existenz dokumentieren. Man versäumte es jedoch, die Kotspuren zur gentechnischen Analyse sofort einzusammeln, und als man mit entsprechenden Sammelbehältnissen zurückkam, waren die Kotspuren verschwunden. Ein Suchtrupp auf Rottum hingegen behauptet, einen noch nie gesehenen, entenähnlichen Vogel im Watt gesehen zu haben, doch bevor man den Vogel stellen konnte, kam die Flut und er war verschwunden.

So sucht man weiterhin fieberhaft nach Dokumenten, die die Existenz der Dokumente dokumentieren, die ja in Folge auch die frühere Existenz der Insel Dokum dokumentierten.

Die sinnliche Bedeutung der Lippenbewegung

Auf der Suche nach Worten ging ich zu ihr, doch sie nahm mir die Worte. Nein, nicht doch und auch nicht nehmen: Sie gab mir viel, keine Worte, nein, viel mehr, sie sprach Worte, die nichts bedeuteten, nicht für mich, aber natürlich bedeuteten sie etwas, denn was für einen Sinn haben Worte, die nichts bedeuten? Es war sinnlich wie sie sprach, weniger die Worte als viel mehr die Bewegung ihrer Lippen. Sie beschwerte sich mit ihren Worten, ich hatte das Gefühl, dass sie mit ihrem Sprechen nach etwas verlangte, das ihr fehlte, mir war nur nicht klar was, ich spürte den Drang, sie aus der Beschwernis zu holen, was mich auf die Idee brachte, meine Lippen an ihre zu pressen, doch ich hatte nicht den Mut dazu. Vielleicht bedeutete sie mir mit ihren Worten, dass ihr meine Lippen an ihren Lippen fehlten, dass sie nach mir verlangte, dass ich meine Lippen an ihre pressen soll, an ihre sinnlichen Lippen, die sich so sinnlich bewegten. Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, dass ihre Worte, durch die sie ihre Lippen so sinnlich bewegte, mir bedeuteten, mein Lippen an ihre zu pressen, es ist so heiß hier, sagte sie, diese Worte vernahm ich ganz deutlich, denn sie ergaben Sinn für mich, bemerkte ich doch in diesem Moment, wie heiß mir war. Jetzt hielt mich nichts mehr zurück, ich presste meine Lippen an ihre, oder presste sie ihre an meine?, das brachte keine Abkühlung, es wurde noch heißer, es fielen keine Worte mehr, unsere Zungen waren damit beschäftigt, sich zu züngeln, meine Hand glitt an ihrem Rücken hinauf bis ich ihre Haare erreichte, von dort strich ich ihr ins Gesicht, dass ich mit Händen und Augen genau erforschte, bei den Forschungen wurde mir nochmal heißer, ich glitt hinab über Brust und Bauch zu ihrer feuchten warmen Höhle, wo ich meine genauen Forschungen fortsetzte, sie sprach mit ihrem Körper, sie bebte und strahlte unter meinen Berührungen, von ihren Lippen kamen keine Worte, zumindest nicht solche, die ich als sprachfixierter Mensch so bezeichnen würde, es waren sinnliche Laute, die ich vernahm, wohlig-warme Schauer liefen mir über den Rücken, ich gab meine Suche nach Worten auf, weil sie mir nichts mehr bedeuteten.

Es war zweimal ein Mensch

Es waren einmal zwei Menschen, man könnte ebenso gut sagen: Es war zweimal ein Mensch, und doch ist es nicht das Selbe, denn der Mensch, der zweimal ist, existiert ohne jegliche Verbindung zueinander, während der einmalige Mensch seine Zweimaligkeit dazu nutzt, um miteinander in Verbindung zu treten.

So muss in unserem Fall festgestellt werden, dass zweimal ein Mensch war, ein Mensch, der in seiner Zweimaligkeit nicht in die Zweisamkeit kam, sondern zweimalig einsam blieb. Trennung war das große Wort, das zwischen diesen zweimaligen Menschen stand. Dabei wäre die Trennung leicht zu überwinden gewesen, wenn die zwei Menschen einmal gewesen wären, um aus dieser Einmaligkeit in die Zweisamkeit zu treten, wenn sie sich also als verbunden statt als getrennt erlebt hätten. Doch weil sie es vorzogen, sich als getrennt zu erleben, ist es und bleibt es so, dass zweimal ein Mensch war und nicht einmal zwei Menschen.

Somit ist die anfängliche Aussage, dass einmal zwei Menschen waren, nach diesen Überlegungen zu verwerfen und zum Schluss zu folgern: Es war zweimal ein Mensch.

Ksaver Tsints

Xenia Zechner war erstaunlicherweise nicht die Letzte, die aufgerufen wurde, denn nach ihr kam Xaver Zinz. Sie war das letzte Mädchen, aber nicht die letzte Person. Die war immer Xaver Zinz, da half es ihm auch nichts, wenn er sagte: Beim Vornamen aufgerufen wäre ich nicht der Letzte, denn da kommt Xaver vor Xenia, denn der Lehrer blieb stur und rief immer nach Nachnamen auf, und zwar bei A beginnend und bei Z endend, bei Zinz eben. Rief der Lehrer Zinz, kam ein leises, verächtliches Brummen aus der hintersten Ecke des Klassenzimmers, wo Xaver in jedem Jahrgang, meist alleine, saß, und so seinen Ruf zementierte, der Letzte zu sein.

Xenia Zechner arbeitete gegen das Stigma, die Letzte zu sein, an: Sie saß immer ganz vorne, hob ständig die Hand, wenn es die Hand zu heben galt, um eine gestellte Frage des Lehrers zu beantworten. Außerdem heiratete sie später einen Klassenkameraden, der immer als Erster aufgerufen wurde, Armin Achleitner nämlich, und sie versäumte es nicht, im Zuge ihrer Heirat ihren Namen von Zechner zu Achleitner zu ändern. Für Xaver Zinz wäre es nun naheliegend gewesen, sich Andrea Artl anzunähern. Die saß meistens in der Mitte der Klasse, wurde aber nach Armin Achleitner als Zweite aufgerufen. Beim Vornamen wäre sie sogar als Erste aufgerufen worden, aber dies blieb nur eine phantastische Vorstellung, denn es wurde ja immer beim Nachnamen aufgerufen. Außerdem schien es Andrea Artl egal zu sein, ob sie als Erste, Zweite, Mittlere oder Letzte aufgerufen wurde. Sie ließ sich nicht anstecken vom Aufrufirrsinn des Lehrers, der im Lauf der Jahre eine wahre Obsession im Aufrufen entwickelte. Nein, Andrea Artl war die Gleichmut in Person, wordurch sie sich auch nicht für Xaver Zinz interessierte, in der Schule sowieso nicht und später im heiratsfähigen Alter auch nicht. Daher blieb auch eine Person namens Xaver Artl eine Phantasiegestalt. Außerdem interessierte sich Xaver Zinz überhaupt nicht für Andrea Artl. Er saß stattdessen in seiner hintersten Ecke und brütete darüber, wie er seinen Namen verändern könnte, um vom Lehrer nicht mehr als Letzter aufgerufen zu werden. Er schichtete Buchstaben hin und her, und so wie beim Lehrer das Aufrufen, wurden bei ihm Buchstaben eine Obsession.

In der letzten Klasse, vor dem Übertritt in Gesamtschule oder Gymnasium, hatte er dann endlich die zündende Idee, durch die er beim Aufrufen in vordere Ränge katapultiert werden würde. Ohne aufgerufen zu werden, erhob er sich aus seiner hintersten Ecke und trug mit laut fordernder Stimme vor: Die Buchstaben X und Z sollen aus dem Alphabet gestrichen und durch die Buchstabenfolgen KS und TS ersetzt werden! Sein Vorschlag ließ Andrea Artl in Gleichmut erstarren, in der restlichen Klasse jedoch Unruhe aufkommen: Als Ksaver Tsints würde er zwar immer noch nach Ksenia Tsechner aufgerufen, doch Valentin Vorderbrandner und Veronika Wagner würden nach ihm aufgerufen werden. Jeder redete und debattierte kreuz und quer, bis Armin Achleitner die Stimme über alle erhob und meinte, es sei doch lächerlich, so einen Aufwand zu betreiben, um sich im Alphabet lediglich von Z nach T vorzuarbeiten. Xenia Zechner pflichtete ihm bei. Der Lehrer, bisher ungewohnt ruhig geblieben, pflichtete Armin Achleitner ebenfalls bei und rief nun zur Ruhe auf, woraufhin Ksaver, der kurz überlegte einzuwenden, dass er sich als Ksaver im Alphabet von X nach K verbessern würde, aber sogleich die Sinnlosigkeit dieses Einwands erkannte, seine Idee fallen ließ und sich als Xaver schmollend in seine Ecke setzte.

Xaver Zinz, der, wie wir bereits wissen, nicht Andrea Artl heiratete, arbeitet heute in einer Bibliothek. Dort sitzt er meist in einer hinteren Ecke und arbeitet an seinem Werk zur Reform des Alphabets, das nicht nur die fundiert erläuterte Forderung enthält, die Buchstaben X und Z zu streichen und durch die Buchstabenfolgen KS und TS zu ersetzen, sondern auch, die Vokale zu erweitern, um die Lautvielfalt, gerade im süddeutschen Raum, schriftlich akkurater erfassen zu können.

Im herben Herbst oben das Obst

Heute Morgen, als ich aufwachte, war ich glücklich: denn es fiel mir eine Geschichte ein. Wobei: Die Geschichte fiel mir nicht ein, sondern sie kam zu mir, nicht als Geschichte, sondern als Wahrheit: denn es ist immer die Wahrheit, die zu mir kommt, die, besser gesagt, schon bei mir gewesen ist, ohne dass ich es wusste, sodass ich glaube, sie sei gerade zu mir gekommen. So gesehen könnte ich sagen: Die Wahrheit fiel mir in meine Welt ein.

Als kleiner Junge fiel ich vom alten Obstbaum auf den Boden. Meine Schwester, die sechs Jahre älter ist als ich, war vor mir auf den alten Obstbaum geklettert, um Obst zu ernten, es muss also Herbst gewesen sein, ja, ich erinnere mich, es war ein klarer sonniger Oktobertag, an dem das reife rotgelbe Obst am alten Obstbaum in der Sonne glänzte, es lag etwas Herbes in der Luft, die Herbe des Herbsts, und oben, wohin meine Schwester kletterte, oben war das Obst am alten Obstbaum, jetzt, wo ich das schreibe, wird die Erinnerung ganz konkret: Ich sehe mich unten stehen am furchigen Stamm des alten Obstbaums, während meine Schwester nach oben klettert. In der herben Luft des Herbstes blicke ich nach oben zum Obst und zu meiner Schwester, ich möchte auch in diese herbe Welt da oben, aber wie komme ich in diese Welt des Obstes auf dem alten Baum? Hochzuklettern wie meine Schwester traue ich mir nicht zu. Also rufe ich zu ihr nach oben:

Ich herbe, du herbst. Ich obe, du obst.

Ich habe die Verben herben und oben in meine Welt gebracht. Ich wollte mich verbal in den Herbst herben, mich zum Obst oben. Dazu musste ich nach oben. War es das, was ich sagen wollte: Ich muss dringend nach oben zum Obst, um tiefer in den herben Duft des Herbstes einzutauchen? Unterstrich meine Verbalisierung – Substantive und Adjektive völlig außer Acht lassend – wie dringend es war? Jedenfalls rieche ich jetzt ganz deutlich: Der herbe Duft des Herbstes vermischt sich mit dem Duft des rotgelben reifen Obstes am alten Obstbaum, wie es oben an den Zweigen vor dem hellblauen Oktoberhimmel hängt. Der Duft betört mich. Ich muss nach oben! Dringend! Meine Schwester scheint diese Dringlichkeit zu spüren, ruft sie doch vom Baum herab: Ja, kleiner Bruder, im Herbst gibt es Obst. Komm auch nach oben und pflücke mit mir!

Daraufhin greift meine Motorik von der Zunge auf meinen ganzen Körper über: Ich obe mich nach oben, meine kleinen Hände und Füße krallen sich an den furchigen Stamm des alten Obstbaums, und als ich den ersten Ast erreiche, herbt der Herbst, steigt mir der herbe Duft der Obstbaumrinde in die Nase. Dieser Duft, der mir jetzt, beim Anblick der geschriebenen Wörter, intensiv in die Nase steigt, lässt mich vor Glück in die Leere sinken, ich fliege vom Ast und lande im weichen Gras, meine Schwester über mir oben, und hinter ihr der hellblaue Oktoberhimmel.