Schauerschaft

Man sagt, die sogenannte Leserschaft ist eine aussterbende Gruppe von Menschen. Man ist geneigt, in Zeiten der Instagramisierung des Lebens von der Seherschaft zu sprechen, eine Menschengruppe, die immer größer zu werden scheint. Seherschaft verbinde ich jedoch zu sehr mit dem klassischen Fernsehpublikum, deshalb spreche ich lieber von Schauerschaft.

Zu dieser Gruppe rechne ich mich durchaus auch, nur dass ich lieber in die Natur schaue als in das multimediale Gerät namens Smartphone. Ich schaue zum Beispiel gern das Wasser an, auch die Bäume, vor allem den Himmel. Um die Jahreszeit, wenn der Frühling sich ankündigt, bin ich besonders fasziniert von den Niederschlägen, die der Himmel von sich lässt, und ich werde dann zum Schnee-, Hagel-, Graupel- und Regenschauer.

Regenschauer

Wie stehe ich nun zur Leserschaft? Bekenne ich mich zu dieser aussterbenden Gruppe, trotz allem eigenen Schauens? Nun, ich liebe die Buchstaben, diese abstrakten Zeichen, am liebsten in der Schriftart Courier New, deshalb hängt dieses Bild über meinem Schreibtisch, damit ich es immer anschauen kann:

Buchstaben und ihre kunstvolle Aneinanderreihung zu Wörtern und Geschichten erzeugen in mir Bilder, die anders sind als die einer Kamera. Persönlicher. Intimer. Ich kann mir ein Leben ohne Buchstaben nicht vorstellen, denn sie veranschaulichen mir mein Leben auf eine einzigartige Weise.

 

Von Brüsten, Gelen, Meisen und Unterorten (aus dem Leben des Max Klopfer) – Teil 2

Fortsetzung von Teil 1

…Ich war bewusstlos gewesen, hat man mir später erzählt.“
Max kaute an einem seiner Fingernägel, sah mich kurz an und erzählte weiter: „Barbara hat mich im Krankenhaus besucht und gemeint, dass es besser ist, wenn wir uns nicht mehr sehen. Sie stand an meinem Krankenbett, genauso überwältigt wie ich von unserem ersten Mal. Diese Nähe hatte uns aufgewühlt. Sie war total schockiert von meinem Sturz. Sie wusste, wie viel mir das Schispringen bedeutet und fühlte sich schuldig. Und ich? – Ich hatte das Vertrauen verloren. Ich verurteilte mich dafür, dass ich von Schanzen gesprungen bin, dass ich mich verantwortungslos den Kräften der Luft ausgeliefert hatte. Aber nicht nur für das Schispringen, für mein ganzes Leben hatte ich das Vertrauen verloren. Alle Frauen nach Barbara habe ich total kontrolliert, bis mich eine jede wegen meiner Eifersucht verließ. Keine Lust mehr auf Brüste, ohne dass ich mich zwanghaft an sie klammere. Ich kann nicht loslassen. Als hätte sich mein ganzes Leben damals in der Anfahrt auf der Kälberschanze vor mir gezeigt. Ich kenne das Gefühl nicht mehr, das ich hatte, als ich von den Schanzen gesprungen bin: totales Vertrauen, in die Luft eintauchen, sich tragen lassen. Zuversicht, dass das, was passiert, gut ist.“
„Und jetzt?“
„Was jetzt?“
„Was machst du jetzt?“
„Jetzt? Sitze ich vor dem Computer, um Geld zu verdienen. Abends spiele ich in der Band. Die Musik gibt mir ein bißchen Freiheit. Nicht so wie damals auf den Schanzen, aber wenigstens ein bißchen.“

In meiner Euphorie über unser Wiedersehen hatte ich die Idee, mit Max gemeinsam einen Abend zu gestalten. Max: Musik. Ich: Texte.
„Kennst du das Bürgerhaus in Unter…?“
„Kenn ich!“ unterbrach mich Max.
„Dann lass uns dort auftreten! Ich kenn den Leiter.“
„Ich auch.“

Josefine – ich hatte ihr geschrieben wo ich war – platzte in unsere Unterhaltung. Josefine zu treffen ist jedesmal ein neues Erlebnis. Ihre Neugier auf das Leben steckt mich an. Ihre Zufriedenheit mit ihrem Frausein gibt mir Zufriedenheit mit meinem Mannsein. Lächelnd grüßte sie Max und gab mir einen Kuss. Max musterte Josefine und fixierte anschließend seinen Blick auf ihre Brüste, obwohl es bei Josefine von der Größe her da gar nicht so viel zu sehen gibt.
„Alles in Ordnung, Max?“ fragte Josefine.
Max blickte verwirrt.
„Ich glaube, er findet dich schön“, sagte ich und dachte mir: Tiran mas dos tetas que dos carretas.

Am nächsten Tag rief ich im Bürgerhaus an. Wir konnten tatsächlich an unserem Wunschtermin auftreten. Ich informierte Max, er meinte, er hätte auch angerufen, aber niemand hatte etwas zu ihm gesagt von einem bereits gebuchten Termin. Wir machten uns deswegen aber keine weiteren Gedanken.

Unsere Proben für den Abend waren mühsam. Max moserte ständig rum, war nie zufrieden. Er probierte an seiner Musik, um schließlich alles Erarbeitete über den Haufen zu werfen. Meine Texte fand er unpassend. Einmal kommentierte er: Das ist so schlecht, das kannst du nicht bringen. Wir kamen nicht voran. Ich wollte hinschmeissen, das Ganze absagen. Aber ich tat es nicht. Ich glaube, Max tat mir leid. Oder war ich nur zu feige?

Der Tag unseres gemeinsamen Auftritts war ein lauer Frühlingstag. Um sechs Uhr abends verließ ich widerwillig Josefine und Clarissa, die bei mir waren, und radelte nach Unterschleißheim, zum Bürgerhaus. Zorn kam hoch in mir, Zorn auf Max und seine Unzufriedenheit. Zorn auf mich selbst, mich auf diesen Abend eingelassen zu haben. Erst im aufblühenden Frühlingswald vor Unterschleißheim beruhigte ich mich. Meine Gedanken blühten auf. Es waren faunische Gedanken: Die Sprache teilt Tiere in unlogische Kategorien ein, zum Beispiel die Gattung der Gele in die Untergattungen Igel und Vogel. Oder die Gattung der Meisen, ihrerseits eine Untergattung der Vögel, in Ameise und Kohlmeise. Was haben Igel und Vogel oder Ameise und Kohlmeise gemeinsam? Da haben doch Igel und Ameise mehr gemeinsam: Ihren Obergattungsnamen Gel und Meise werden lediglich die Vokale I und A vorangestellt. I und A, das ließ mich an den Ruf des Esels denken, und ich stellte mir Esel, Igel und Ameise als Unterschleißheimer Stadtmusikanten vor. Mit diesem Gedanken kam ich beim Bürgerhaus an.

Wieder kam Zorn in mir hoch. Max war noch nicht da. Was ich gut fand und ich ihm zugleich vorwarf. Wo war dieser verpeilte Arsch nur? Eine halbe Stunde vor Beginn – der Saal begann sich langsam zu füllen – war er immer noch nicht da. Ich rief ihn nicht an. Soll er bleiben, wo der Pfeffer wächst! Meine Aufmerksamkeit begann sich auf den anstehenden Soloabend zu richten, mein Groll wandelte sich in unbändige Kraft. Ich fühlte mich frei, wie ein Schispringer, in die Luft geschleudert und ihr vollkommen ausgeliefert. Ich lieferte mich meinen Texten aus, tauchte in sie ein, erzählte zwischendurch von Gelen, von Meisen und von den Unterschleißheimer Stadtmusikanten und am Ende fühlte es sich an wie eine blitzsaubere Telemarklandung.

Zurück in der Garderobe, erschöpft und glücklich, rief ich Max an:
„Wo bist du?“
„Am Fröttmaninger Berg.“
„Was machst du am Fröttmaninger Berg?“
Max hatte aufgelegt. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und trat heftig in die Pedale. Ich fuhr zum Fröttmaninger Berg. Dort fand ich Max unter dem Windrad, ans Geländer gelehnt, den Kopf gesenkt.
„Wo warst du?“
„In Föhring. Und du?“
„In Schleißheim.“
Wir hatten das kunstvolle Missverständnis produziert, dass Max im Bürgerhaus Unterföhring aufgetreten war und ich im Bürgerhaus Unterschleißheim.
„Wie war dein Auftritt?“
„Ich habe meine Gitarre zertrümmert und das Publikum beschimpft. Dann bin ich hierher gefahren.“
Wir schwiegen und sahen auf die Lichter der Stadt unter uns. Nach einer Weile sagte Max mit tränenerdrückter Stimme: „Ich hätte nicht aufhören sollen. Das Schispringen war doch alles für mich. Ich elender Feigling!“

Wir hörten hinter uns Geräusche und drehten uns um. Josefine und Clarissa stellten ihre Fahrräder ab. Max Augen zeigten großes Erschrecken beim Anblick der beiden. Er rannte weg und verschwand in der Dunkelheit.

Kleine Schisprungkunde mit Toni Innauer
Orte des Geschehens