Kori Andermatt und die bessere Zukunft

Ich war beim Begräbnis von Kori Andermatt, einem ehemaligen Schulkollegen von mir. Als ich an seinem Grab stand, habe ich sehr geweint. Irgendetwas in mir war tief berührt.

Kori war in der fünften Klasse mein Sitznachbar. Ein Lehrer fragte ihn am ersten Schultag der fünften Klasse: „Wie heißt du?“ Koris voller Name war Kornelius, aber seine Eltern nannten ihn von Geburt an nur Kori, und so antwortete er: „Kori. Kori Andermatt.“ Dieser Lehrer, der sich später als sadistisches Arschloch entpuppen sollte, sagte daraufhin: „Aha. Ich kenne den Nachnamen Matt, aber ich wusste nicht, dass Koriander ein Vorname ist.“ Die ganze Klasse lachte und brüllte. So blieb Kori allen als Koriander Matt im Gedächtnis hängen.

Kori hat sich später immer wahnsinnig geärgert über diese Geschichte. Bei einem Klassentreffen beschimpfte er uns alle übelst dafür, dass wir sie immer wieder erzählen. Nach seiner Schimpftirade warf er sämtliches Geschirr um ihn herum vom Tisch und stürmte aus dem Raum. Mir tat es einerseits leid für ihn, dass es ihn so traf, andererseits verstand ich nicht, dass er nicht endlich darüber hinwegsehen konnte. Er ärgerte sich immer wieder. Jedesmal wenn ich ihn traf, fing er wieder damit an und bekam einen tobsüchtigen Anfall. Geärgert hat er sich aber nicht nur über diese Geschichte, sondern über alles Mögliche in seinem Leben: Er fand die Schule scheiße, dann die Uni, später die Arbeit. Er fand die Mädels scheiße, später die Frauen. Die Partnerinnen an seiner Seite wechselten mit ziemlicher Regelmäßigkeit mindestens alle zwei Jahre.

Einmal schien er glücklich geworden zu sein, mit einer gewissen Angelina. Er zog mit ihr in ein Häuschen ins Umland. Die Straße, in der sie wohnten, trug den Namen Bessere Zukunft:

Bessere Zukunft in Gräfelfing bei München

Ich traf Kori einige Tage vor dem Umzug in die Bessere Zukunft. Da sagte er zu mir: „Emil, das ist doch ein gutes Omen, dass ich nun in eine Straße namens Bessere Zukunft ziehe. Vielleicht wird meine Zukunft besser als meine beschissene Gegenwart.“ Ich wunderte mich wieder einmal, warum Kori seine Gegenwart immer so beschissen fand. Aber das war nun mal ein Prinzip von ihm, alles Gegenwärtige beschissen zu finden, um auf eine umso bessere Zukunft zu hoffen.

Ein paar Monate später traf ich ihn in der Stadt, als ich den Gehsteig entlangging und er mit einem fetten Wagen aus der Tiefgarage hochschoss. Beinahe hätte er mich über den Haufen gefahren, aber er bremste rechtzeitig, und dann erkannten wir uns.
„Kori! Wie geht’s?“ sagte ich, als er die Scheibe heruntergelassen hatte.
„Beschissen. Ich habe Angelina rausgeschmissen, es war nicht mehr auszuhalten.“
„Aha“, sagte ich und schüttelte innerlich den Kopf. „Fette Karre“, sagte ich dann noch, den Wagen betrachtend, der aussah wie ein kleiner Panzer.
„Aus dem Carpool der Firma. Scheißkarre. Ich glaub ich fahr ihn gegen den Baum, dann bekomm ich hoffentlich einen besseren.“

Das war unser letztes Treffen. Ich habe danach nur noch von anderen über Kori gehört. Nach Angelina hatte er überraschenderweise keine neue Freudin mehr und wurde sehr trübsinnig. Alles war noch beschissener als sonst. In der Arbeit eckte er bei allen so an, dass ihm sein Managerposten gekündigt wurde.

Wie ist Kori gestorben? Er hat nicht den fetten Wagen gegen den Baum gefahren. Der wurde ihm vorher genommen. Er hat sich in der Nähe der Besseren Zukunft vor den Zug geworfen. Bevor er das tat, machte er noch ein Foto von sich und postete dazu diesen Text auf sein Instagram-Account:

Ich habe die Hoffnung auf eine bessere Zukunft endgültig aufgegeben. Die Gegenwart ist so beschissen wie sie immer war, sie wird immer beschissener, und ich sehe keine Möglichkeit, dass sich das jemals ändern wird. Ich kann mich nicht einmal mehr ärgern über alles Beschissene, so müde bin ich geworden. Ich gehe jetzt in die Sonne. Bitte vermisst mich nicht!

 

RetroTV

Der neue Fernsehkanal RetroTV besinnt sich auf die Ursprünge des Fernsehens. Bis vor kurzem wurde nur ein Standbild gesendet. Wir wollen ein Medium der Entschleunigung und des Innehaltens sein, heißt es dazu aus der Programmdirektion, weil es dazu großen Bedarf gibt.

Jetzt wurde zusätzlich zum Standbild eine Talkshow mit dem Titel Leut’abend produziert. Als Talkmaster fungiert Blacky Fuchsberger, zeitlebens als ein Meister des Innehaltens und der Gelassenenheit bekannt. Manche denken bei ihm allerdings auch an dampfende Plauderer und Einschaltspinsel. Wie auch immer –  Gäste von Blacky Fuchsberger bei Leut’abend auf RetroTV sind Bertolt Brecht und Wilhelm Reich. Hier vorab das Protokoll zur Sendung:

Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral!

Wilhelm Reich: Erst kommt die Liebe, dann die Moral!

Bertolt Brecht: Auch gut! Ich kann allerdings keine Verbindung zwischen deiner und meiner Aussage herstellen. Gibt es hier etwa einen Widerspruch? Das wäre schön, denn die Widersprüche sind unsere Hoffnung.

Wilhelm Reich: Das Leben ist ein einziger Widerspruch. Dadurch wird es vorangetrieben. Das Leben ist ein Prozess, nie ein festgefahrener Zustand.

Blacky Fuchsberger: Das erinnert mich an Rainhard Fendrich, der singt: Alles ist möglich, aber nix is fix.

Wilhelm Reich: An wen?

Bertolt Brecht: Den kennen wir nicht. Da waren wir schon tot.

Wilhelm Reich: Ist es nicht ein faszinierender Widerspruch, dass wir beide tot sind und trotzdem in dieser Talkshow sitzen? Wir sind Orgonenergie!

Bertolt Brecht: Ein faszinierender Widerspruch.

Wilhelm Reich: Ich bin ein Jahr vor dir geboren und ein Jahr nach dir gestorben.

Bertolt Brecht: Ich bin ein Jahr nach dir geboren und ein Jahr vor dir gestorben.

Blacky Fuchsberger: Wollen Sie das als Widerspruch präsentieren, meine Herren? Ich fürchte, dazu taugen diese Aussagen nicht. Ich bin übrigens auch schon tot. Und damit gebe ich ab an das Standbild.

Wilhelm Reich (1897 - 1957)
Bertolt Brecht (1898 - 1956)
Joachim "Blacky" Fuchsberger (1927 - 2014)

 

Selbstentfremdung am Hachinger Bach

Durch Haching fließt ein Bach. Die Einheimischen nennen ihn liebevoll Hachinger Bachinger, mehr norddeutsche Zungen sprechen kurz und knapp vom Hach Bach. Ich saß am grünen Ufer des Hachinger Bachingers oberhalb von Haching und las Cesare Pavese, den ich zwecks besserem Fluss des Gesprochenen Cesare Pavesare nenne. Apropos Fluss: Ich ärgerte mich beim Lesen so über das Geschriebene von Cesare Pavesare, dass ich das Buch aus meinen Händen in den Fluss des Wassers des Hachinger Bachs warf. Dann passierte etwas Seltsames: Mein Ich zweiteilte sich, was bedeutet, dass sich auch die Erzählperspektive zweiteilt:

Teil 1 (Ich A)
Ich sprang dem im Wasser treibenden Cesare Pavesare hinterher, weil ich spürte, dass hinter dem Ärger über sein Geschriebenes etwas sehr Wichtiges und Existenzielles liegt, das mich betrifft. Ich trieb im Wasser des Hachinger Bachs und merkte, dass es am wichtigsten ist, im Fluss des Wassers zu bleiben, mich von ihm treiben zu lassen, nicht schneller sein zu wollen als der Fluss und auch nicht zu versuchen, den Fluss zu stoppen. Nur so würde ich eine Chance haben, in diesem Fluss auf den treibenden Cesare Pavesare zu stoßen und das Wichtige und Existenzielle darin zu finden.

Bald wurde der Hachinger Bach zum Rinnsal, ohne dass ich den Pavesare fand. Im Münchner Stadtgebiet drohte der Fluss ganz zu versickern, als mich ein Kanal aufnahm, in dem ich durch dunkle Röhren und lange Betonwannen zur Isar gespült wurde. In der Isar hatte ich den Pavesare noch immer nicht gefunden, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass er ständig bei mir ist. Das Treiben im Fluss machte Spaß. Ich freute mich auf die Donau und das Schwarze Meer.

Kurz vor der Mündung der Isar in die Donau wurde ich an eine Schotterbank geschwemmt. In diesem Moment des Innehaltens erinnerte ich mich an mein anderes Ich, das ich im Eifer des Gefechts am Hachinger Bachinger zurückgelassen hatte. Ich bekam wahnsinnige Sehnsucht nach diesem anderen Ich. Denn wir gehören doch zusammen. Mit dieser Sehnsucht setzte ich mich ans Ufer und sang einen Brief* an mein anderes Ich, bevor ich meine Reise fortsetzte.
Teil 2 (Ich B)
Ich sah den Pavesare im Wasser davontreiben und glaubte zunächst, mich von einer Last befreit zu haben. Plötzlich fühlte ich mich aber sehr einsam, als ich da am Ufer saß. Ich fühlte mich dieser Einsamkeit hilflos ausgeliefert. Ich schimpfte auf Pavesare, wie er mich so allein lassen konnte. Ich schimpfte auf ihn, weil ich das Gefühl hatte, dass er mir etwas weggenommen hat. Aber Pavesare war unbeeindruckt weitergetrieben im Fluss des Wassers und nicht mehr in meinem Sichtfeld.

Mitten in meinem Schimpfen kam jemand das Ufer entlang und fragte: "Kann ich helfen?"
"Ich helf dir gleich!" brüllte ich den Entlangkommenden an und lief ihm entgegen, um ihm eine zu scheuern, woraufhin er die Flucht ergriff. Ich kehrte zu meinem Uferplatz zurück und schaute ratlos auf das fließende Wasser. Da kam wieder einer am Ufer entlang. Ich packte ihn unvermittelt und warf ihn ins Wasser.
Wie ein nasser Sack schimpfte und schrie er im Wasser: "Du Spinner, ich zeig dich an!"
"Mach doch, wenn du kannst!" schrie ich zurück und warf ihm ein paar Steine hinterher.

Dann kam keiner mehr entlang am Ufer des Hachinger Bachs. Der Pavesare trieb mittlerweile weißgottwo, jedenfalls weit weg, ich denke irgendwo jenseits von München. Es herrschte Ruhe, die sich wie Leere anfühlte. Ich begann mich zu fürchten vor dieser Leere. Die Angst vor ihr trieb Tränen in meine Augen.

Es begann zu regnen. Durch die Tropfen schien es, als käme etwas zu mir. Nicht der Pavesare, nein, etwas viel Wichtigeres. Es klang wie ein vertrautes Lied*, das mir etwas zurückbringen wollte, das ich scheinbar verloren hatte.

*Gesungener Brief/vertrautes Lied
Hachinger Bachinger
Cesare Pavesare