Da, wo ich gerade gerne bin

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich gerne woanders wäre als da, wo ich gerade bin. Dann halte ich inne und spüre zu meinem Erstaunen, dass ich gerade da gerne bin, wo ich gerade bin. Schließlich habe ich entschieden, dass meine Füße mich da hintragen, wo ich gerade bin.

Sein, wo man ist, das ist eine Sache, die gar nicht so leicht festzustellen ist, denn ich bin überall und nirgends, an irgendeinem Ort im Universum, den ich glaube, bestimmen zu können. Früher, als die Erde eine Scheibe war, da blieb man besser wo man ist, ohne lange zu fragen, wo man überhaupt ist. Nur die sehr Mutigen wagten sich an die Ränder vor, auf die Gefahr hin, hinunterzufallen. Heute ist die Erde eine Kugel, und ich brauche keine Angst mehr zu haben, von ihr hinunterzufallen, und trotzdem habe ich Angst. Keine Angst mehr vor dem Hinunterfallen, eine diffuse Angst, aber eine so große Angst, dass ich vor dieser Angst am liebsten davonlaufen möchte, ich würde bei diesem Davonlaufen sogar riskieren – wenn die Erde noch eine Scheibe wäre – an ihrem Rand hinunterzufallen, so groß ist diese Angst.

Doch vielleicht verursacht gerade das meine Angst, dass die Erde keine Scheibe mehr ist, sondern eine Kugel, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt, sondern dass alles immer weiter geht, und wenn ich das Universum einmal umrundet habe, ich an seinem Anfang stehe. Es ist nicht die Angst vor dem Tod, die ich spüre, sondern die Angst vor dem Leben, dass das Blatt, das im Herbst vom Baum fällt, im Frühling wieder an ihm wächst, es ist ein neues Blatt, es ist anders als das alte Blatt, und doch trägt das neue Blatt das alte in sich. Ich bin ein eigener Mensch, und doch trage ich die Menschheit in mir, und eines Tages wird mein Leib, mit dem ich mich hier auf der Erde bewege, zur Erde sinken wie das Blatt vom Baum, ich werde dadurch neues Leben ermöglichen. Eines Tages wird sogar der Baum mit seinem mächtigen Stamm zur Erde sinken, eines Tages wird sogar die Erde im All versinken. Aber noch bin ich hier, bewege mich auf der Erde.

Heute morgen bin ich erwacht und dachte: Aha, ich habe mich in der Nacht nicht in den Weiten des Alls verloren, sondern bin wieder auf der Erde gelandet. Ich recke und strecke mich, ich sehe meine Haare im Spiegel, zerzaust von ihrem nächtlichen Ausflug ins All und sage zu mir: Ich bin gerade gerne da, wo ich gerade bin.

Z-Reh: Da kommt die Gnutter zur Rettum

Man sagt, jeder Kreis schließt sich. Ist das wirklich so, oder ist das eine Plattitüde?

Ich sprang auf der alten Couch beziehungsweise auf ihren Federn, ich sprang hoch, bis ich schließlich am höchsten Punkt das Gleichgewicht verlor und die Tischkante auf mich zukommen sah, ich schlug heftig auf, beziehungsweise meine Stirn schlug heftig auf, da kam meine Mutter zur Rettung, brachte mich zum Arzt, der meine Blutung stillte und meine Stirn zusammennähte.

Später, die Stirn war längst wieder zusammengewachsen, obwohl man die Narbe noch lange sehen sollte, traf ich Inge, ich glaube es war noch in der Grundschule, so genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls hieß Inge mit Nachnamen Barsch, und irgendwann kam es, wahrscheinlich aus einer Langeweile heraus, dass ich Inge Barsch Binge Arsch nannte, ich nannte sie nur Binge, das Arsch dachte ich mir selbst dazu, ohne es auszusprechen. Binge ging mir nicht aus dem Kopf, sie war das Mädchen meiner Träume, wir standen uns gegenüber und ich hatte plötzlich große Lust, Binge auf den Arsch zu klatschen, gleichzeitig aber große Angst, dass sie mir ins Gesicht klatscht weil ich ihr auf den Arsch klatsche, bis ich es endlich wagte und ihr auf den Arsch klatschte, woraufhin sie mir ins Gesicht klatschte, und so ging es hin und her, Arsch-Gesicht-Arsch-Gesicht-Arsch-Gesicht, doch es blieb eine trockene und schlaffe Übung, eine blutleere Übung, Binges Arsch übte keinerlei Reiz mehr auf mich aus, wie unter Zwang klatschte ich auf ihn, wie auf ein seelenloses, totes Ding, während ich völlig regungslos ihre Klatscher in mein Gesicht entgegennahm, ich sehnte mich nach der Tischkante, die mein Blut spritzen lässt, aber natürlich sollte das eine unerfüllte Sehnsucht bleiben, wie sollte ich je zu einer Tischkante gelangen, wo Binge und ich doch in unserem Arsch-Gesicht-Klatschen gefangen waren, manisch und mit immer ausgefeilterer Rhythmik betrieben wir unser Arsch-Gesicht-Klatschen, wir betäubten uns und schienen uns dabei überhaupt nicht mehr zu spüren, als ich plötzlich mein Herz spürte und Angst bekam, mein Herz zu spüren, in meiner Panik drehte ich am Herz, nicht am leiblichen, nur am Wort in meinem Kopf, drehte es um zum Z-Reh, und ich frage mich bis heute, was ein Z-Reh ist, sicher nicht die Umkehrung von Herz, überhaupt ist das Zerlegen von Wörtern in Buchstaben so sinnvoll wie das Zerlegen des Lebens in Atome, etwas Statisch-Sinnloses, dabei sehne ich mich nach dem Dynamisch-Sinnvollen, wieder sollte eine Sehnsucht von mir unerfüllt bleiben, der Fluss des Lebens floss an mir vorbei während meiner Arsch-Gesicht-Klatsch-Übung mit Binge.

Da hörte ich meine Mutter rufen: Mein Herz ist gebrochen!, woraufhin ich wieder versuchte, mein eigenes Herz zu spüren, meine Hand fiel an meinem Arm nach unten und klatschte nicht mehr an Binges Arsch, woraufhin Binge mir verduzt ins Gesicht sah, anstatt mir mit ihrer Hand in es zu klatschen, ich sah meine Mutter zum Arzt eilen, Retten sie mich! rief sie dem Arzt zu, da riss der Arzt ihre Brust auf, reparierte ihr Herz, während dieser Reparaturarbeiten schrie meine Mutter, sie schrie Todes-Schreie, sie sah den Tod, was sie später bestätigte, ihr Herz stand still, ich gab das Blaulicht aufs Dach des Wagens und raste los, ich kam meiner Mutter zur Rettung, was natürlich Unsinn war, sinnloser Unsinn, jeder hat sein eigenes Herz, ich kam mir selber zur Rettung, spürte mein blutdurchströmtes Herz, wie es unaufhörlich Blut in meinen Leib pumpt, man sagt, jeder Kreis schließt sich, das ist keine Plattitüde, das ist wirklich so.

Ogatorp, der Protago

Einst gab es Vögel, die waren für den Tag und gegen die Nacht. Deshalb nannte man sie Protagos. Man hätte sie auch Kontranachtos nennen können, doch man dachte sich, es ist besser, das Für-Etwas in ihrem Namen auszudrücken und nicht das Gegen-Etwas. Die Protagos hielten sich immer da auf, wo gerade mehr Tag war, also in einer Hälfte des Jahres weit nördlich auf der Nordhalbkugel und in der anderen Hälfte des Jahres weit südlich auf der Südhalbkugel. Dazwischen mussten sie sehr sehr weit fliegen, was sehr sehr anstrengend war. Deshalb waren die Protagos oft schlecht gelaunt, denn sie wussten, egal ob sie auf der Nord- oder Südhalbkugel waren: Bald müssen wir wieder sehr sehr weit fliegen.

Unsere Erzählung setzt ein, als die Protagos gerade beim Nisten waren, auf der Nordhalbkugel. Dort wurde ein junger Protago geboren, der den Namen Ogatorp erhielt. Das war ein seltener Name für einen Protago, und Papa Protago fragte: Wieso denn Ogatorp? Ich spüre es, sagte Mama Protago: Dieser Junge ist besonders – er soll Ogatorp heißen. Und der junge Ogatorp war tatsächlich besonders: Er hielt sich sehr gerne auf dem Boden auf und vernachlässigte vom ersten Tag an das Fliegen. Seine Eltern und andere Protagos zeterten wild herum, das Zetern war überhaupt ein Hauptmerkmal der Protagos und Ausdruck ihrer permanenten Unruhe, doch mit Ogatorp zeterten sie noch wilder als sonst, sie wollten ihn auffordern, mehr zu fliegen, um sich vorzubereiten auf die lange Reise zur Südhalbkugel. Doch Ogatorp wollte seine Ruhe haben und freundete sich stattdessen mit einem Rentier an. Er saß auf dem Rücken des Rentiers, nährte sich vom Ungeziefer und den Insekten in seinem Fell und sagte: Ich möchte bei dir bleiben und nicht mit meinen Eltern wegfliegen.
Da sagte das Rentier: Du hast es gut, du kannst wegfliegen. Ich kann nicht fliegen, ich muss laufen.
Wieso musst du laufen, wieso kannst du nicht hierbleiben?
Hier ist es im Winter zu kalt und zu dunkel, ich muss nach Süden laufen.
Schade, dann muss ich wohl auch mit meinen Eltern nach Süden fliegen, meinte Ogatorp. Dabei möchte ich so gerne die Dunkelheit kennenlernen! Ich kenne die Dunkelheit überhaupt nicht, ich kenne nur das Helle, die Hellheit.

Die anderen Protagos waren schon aufgebrochen, da verabschiedete sich Ogatorp schweren Herzens vom Rentier und flog mit seinen Eltern Richtung Süden. Ogatorp fiel das Fliegen schwer, er hatte es zu wenig geübt, war er doch die ganze Zeit auf dem Rücken des Rentiers gesessen. Er fiel hinter seine Eltern zurück und segelte schließlich zur Erde hinunter. Dort landete er neben einer Schildkröte. Ogatorp fragte die Schildkröte: Wo bin ich denn hier?
Du bist hier in der Mitte der Erde, sagte die Schildkröte.
Kann ich hier bleiben?
Natürlich kannst du hier bleiben. Ich bin schon sehr lange hier, und es geht mir sehr gut.
Ist es sehr dunkel?
Ja, in der Nacht ist es sehr dunkel und am Tag ist es sehr hell.

Das gefällt mir, dachte sich Ogatorp: Hier will ich bleiben. Da kamen seine Eltern wild zeternd angeflogen und schimpften mit ihm: Was machst du hier? Wir müssen weiter nach Süden!
Ich möchte hierbleiben bei der Schildkröte, sagte Ogatorp.
Die Eltern schüttelten verständnislos ihre Köpfe und sagen einhellig: Ein Protago kann nicht hierbleiben, hier ist es zu dunkel, ein Protago muss ins Helle fliegen, ein Protago ist pro Tag und kontra Nacht.
Dann will ich kein Protago sein, sagte Ogatorp und kuschelte sich an den Panzer der Schildkröte. Die Eltern wurden sehr zornig – oder war es eher ihre Hilflosigkeit, die sich im Zorn ausdrückte, ihre Gefangenheit im Gedankenkorsett eines Protagos? Jedenfalls hackten sie mit ihren spitzen Schnäbeln auf Ogatorp ein, bis dieser leblos und zerhackt neben der Schildkröte liegenblieb.

Als Mama-Protago sah, was sie angerichtet hatten, weinte sie bittere Tränen, doch Papa-Protago sagte: Komm, lass uns weiterfliegen zur Südhalbkugel – Ogatorp hätte die Reise ohnehin nicht geschafft und uns nur aufgehalten, der konnte ja kaum fliegen, weil er immer auf dem Rentier rumhockte.