Ich will alles

Eric Rohmer hatte sich, wie üblich zur Vorbereitung seiner Filme, über ein Jahr lang mit seiner ausgewählten Darstellerin Emmanuelle Chaulet getroffen, mit ihr ausgiebige Gespräche geführt, um ihr ihre Rolle in Der Freund meiner Freundin (L’ami de mon amie) auf den Leib zu schreiben. Bei den Dreharbeiten missfiel ihm ihr Verhalten und er schrie sie an: „Hör auf zu spielen! Du sollst so sein, wie du bist!“ Chaulet war, ihren eigenen Aussagen zufolge, einem Nervenzusammenbruch nahe. Völlig erschöpft flüchtete sie nach den Dreharbeiten in der Trabantenstadt Cergy-Pontoise bei Paris nach La Rochelle an die Atlantikküste zu ihren Eltern.

„Warum erzählst du mir das?“ fragen mich deine Augen, und ich antworte auf deine Frage:
„Du siehst, ich will viel,
vielleicht will ich alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.
Hör auf zu spielen! Du sollst so sein, wie du bist!“

Ich zitiere Rilke und Rohmer in meiner Antwort. Ich frage mich, ob es meine Antwort ist, oder ob ich sie nur geliehen habe und mit den Worten spiele? Heißt, alles zu wollen, jemanden so zu wollen, wie er ist?

Rohmer hat von seinen Darstellern verlangt, so zu sein, wie sie sind, und dabei selbst nie aufgehört zu spielen. Er drehte Film über Film, um seine Gefühle auf seine Darsteller zu projizieren. Er spielte mit ihnen. Hat er jemals auf sie gehört?

Längst habe ich deinen Blick verlassen und mich in meinen Gedanken verloren. Als ich mich wieder finde, merke ich, dass du mich in meinen tiefsten Gefühlen triffst. Ich brauche dich, um zu mir zu kommen. Dort, in der Tiefe, will ich dich treffen.

Ich kehre zurück zu deinem Blick und sage ihm:
„Ich will nicht leben und sagen: Ich will nichts.
So als wäre ich durch meines leichten Gerichts
glatter Gefühle gefürstet.
Ich freue mich deines Gesichts,
das nach dem Leben dürstet.

Hör auf zu spielen!
Ich will dich, so wie du bist.
Ich will alles.“

Habe ich nun meine eigenen Worte gefunden, obwohl ich Rilke und Rohmer zitiere?

Prinz Tessin

Es war einmal ein Prinz aus dem Tessin, dem ging, als er durch deutsche Lande ritt, das T aus seinem Namen verloren.

Der Prinz war ein Liebhaber knapper Worte. Präpositionen und Artikel erschienen ihm überflüssig, und so nannte er sich nicht Prinz aus dem Tessin, sondern nur Prinz Tessin.

Als er in deutschen Landen unterwegs war und Herberg suchte, kam er an einer Burg vorbei. Er ritt zur Pforte und sprach: „Prinz Tessin, erbitte Einlass!“

Der Pförtner, der sich wohl seinen Kollegen aus Macbeth zum Vorbild genommen, ordentlich gezecht hatte und recht betrunken war, verstand:
„Prinzessin, erbitte Einlass!“ und erwiderte:
„Aber mein Herr, Sie sind doch keine Prinzessin! Sie sind höchstens ein Prinz!“
„Ja, Prinz Tessin!“ erklärte der Prinz aus dem Tessin.

Der Pförtner kugelte sich vor Lachen, um sich anschließend mühsam wieder aufzurichten und mit größtmöglicher Nüchternheit zu sagen:
„Na gut, Prinzessin, reiten Sie ein! Aber küssen tu ich Sie nicht, wenn es erlaubt ist!“

Und so ritt der Prinz aus dem Tessin in den Burghof ein und fand Herberg. Aber das T in seinem Namen ward ihm verloren gegangen.

Villiers Terrace – das letzte Weihnachten mit meinem großen Bruder

Es war für mich eine Art Initiation, damals, einen Tag vor Weihnachten, mich im Zimmer meines großen Bruders wiederzufinden, sagt Vorderbrandner, im heiligen Raum, den sonst niemand jemals betreten durfte. Wir fläzten auf seiner Couch, umgeben von volltapezierten Wänden, auf denen seine großen Idole Echo & the Bunnymen, eine britische Gruppe von Musikern aus der Liverpooler Post-Punk-Szene, zu sehen waren.

Wir hörten Echo & the Bunnymen, ziemlich laut, der Song Bring On The Dancing Horses lief. Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass mein großer Bruder mit mir seine Musik hörte. Ich wiegte mich traumverloren in den Klängen. Plötzlich aber, abrupt und unerwartet, stand mein Bruder auf, ging zum Plattenspieler und hob die Nadel von der Platte. Stille. Er begann, nervös und hektisch im Zimmer umherzulaufen.

„Jetzt wenden sie sich auch von mir ab und spielen angepasste Scheisse“, sagte er, nicht wütend, eher nachdenklich. Dann schlug er, in einem kleinen Wutanfall, mit seiner Faust Ian McCulloch, dem Sänger und Anführer von Echo & the Bunnymen, auf einem der Poster an der Wand, ins Gesicht, um anschließend mit seinem nachdenklichen Vortrag fortzufahren:
„Sie waren meine Idole, vor allem er, sie haben sich aufgelehnt gegen die ganze Scheisse, die uns eingeredet wird. Und man muss sich auflehnen gegen diese Scheisse, sonst bringt sie einen um. Schon bei ihrem letzten Album, Ocean Rain, war ich skeptisch, ob ich mich noch auf sie verlassen kann, aber jetzt, mit Bring On The Dancing Horses, bin ich mir sicher, jetzt haben sie endgültig zum Feind gewechselt, sind dem Kommerz verfallen, haben mich betrogen.

Vielleicht bin ich auch dem Kommerz verfallen. Vielleicht ist meine Auflehnung nur eine inverse Bestätigung des Systems, in dem wir alle gefangen sind.“

Dann, als eine Art Zeichen, dass sein Vortrag beendet war, kam er zu mir auf die Couch zurück und sagte, direkt an mich gerichtet:

„Hör zu, kleiner Bruder! Morgen ist Weihnachten, das Fest der gesättigten Wohlstandsarschlöcher, die zu diesem Anlass den Gipfel ihrer Heuchelei betreiben. Ich werde wie immer gute Miene zum bösen Spiel machen, denn ich liebe unsere Eltern, obwohl sie gesättigte Wohlstandsarschlöcher sind, und danach werde ich, wie immer, ins Villiers Terrace gehen, um meinen Ekel gegen die gesättigten Wohlstandsarschlöcher rauszuspielen, rauszutanzen, rauszuschreien. Aber eines könnte anders sein: Ich weiß nicht, ob ich diesmal wieder zurückkomme.“

Villiers Terrace nannte mein Bruder seinen Probenraum, in dem er mit seinen Kumpels, allesamt Echo & the Bunnymen-Verehrer, deren Lieder nachspielte. Der Raum war benannt nach einem Lied von Echo & the Bunnymen aus ihrem Album Crocodiles, in dem eine drogensüchtige Szene besungen wird und sich Leute am Boden auf den Teppichen rollen und ihre Medizin durcheinandermischen. So erzählte es mir mein Bruder, als wir weiter auf seiner Couch fläzten.

Es geschah, wie es mein Bruder gesagt hatte, sagt Vorderbrandner: Nach dem Familienessen am 24. Dezember stand er auf und ging zum Unmut meiner Eltern wie immer ins Villiers Terrace. Mit bangem Blick sah ich ihm nach, wie er zur Tür hinausging. Ich wollte ihm nachlaufen, ihm sagen, er müsse mir versprechen, zurückzukommen, und wenn er mir das nicht versprechen könne, dann wolle ich mit ihm mitkommen. Aber ich blieb brav am Tisch sitzen.

Am Weihnachtsmorgen wurde mein Bruder tot im Villiers Terrace gefunden.

Seit diesem Weihnachten lege ich mich am Weihnachtstag auf meine Couch und höre Bring on the Dancing Horses. Manchmal stehe ich an der Stelle, an der mein Bruder aufgestanden war und die Nadel von der Platte gehoben hatte, auch auf und schlage mit meiner Faust auf das Bild, das von ihm an meiner Wand hängt. Meist jedoch bleibe ich liegen, außer ich bin in sehr festlicher Stimmung: Dann rolle ich mich am Boden auf dem Teppich.

„Ach, aber mit Versen ist so wenig getan“ (zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke)

Am 4. Dezember 1875 wurde Rainer Maria Rilke in Prag geboren. Hier einige Zeilen aus seinen Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge:

„Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluss, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug) – es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah – an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken musste, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschen und mit allen Sternen flogen – und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.“

Die Leidensgeschichte der Inge Hinge-Zogen

Ich treffe Inge Hinge, die neuerdings Inge Hinge-Zogen heißt, an einem sonnigen Herbstnachmittag in Lippstadt, wo sie seit kurzem lebt. Doch das schöne Wetter trügt. Inge Hinge leidet. Sie leide unter ihrem Namen, sagt sie, sie leide darunter, seit sie aus den USA nach Deutschland gezogen sei. In den USA sei sie Inge Hinsch ausgesprochen worden, die englische Aussprache, und Hinsch bedeute im Englischen Scharnier, doch als sie nach Deutschland kam, und damit hatte sie nicht gerechnet, sei sie nicht mit Hinsch, sondern mit Hinge angesprochen worden, was in Kombination mit ihrem Vornamen einen komischen Wortkalauer ergibt, fast jeder lache, wenn sie ihren Namen nennt und fragt noch einmal nach, ob sie denn wirklich so heiße. Inge Hinge? Sie dachte deshalb ernsthaft darüber nach, ihren Nachnamen einzudeutschen und sich Inge Scharnier zu nennen, aber sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Inge Scharnier zu heißen, genauso wie sie sich nicht wohl fühlt, Inge Hinge zu heißen. Sie wurde depressiv wegen ihrer Namensproblematik und konsultierte einen Therapeuten, der sie ermunterte, den Namen Scharnier anzunehmen: Ein Scharnier sei etwas sehr wichtiges, es symbolisiere die Verbindung und Dynamik in Beziehungen. Das erinnerte sie an das Dating-Portal Hinge aus ihrer amerikanischen Heimatstadt Dallas in Texas, das ihr Vater gegründet und dann teuer verkauft hatte: Das Portal wirbt mit ähnlichen Slogans. Inge ergriff eine heftige Wut, und sie schrie ihren Therapeuten an: Dann nennen Sie sich doch selber Scharnier wenn es so wichtig ist, Herr Königsberg! (Anmerkung der Redaktion: Der Therapeut hieß Königsberg.) Sie sprang aus dem Stuhl, verließ weinend das Therapiezimmer und behielt trotzig ihren Namen Hinge.

Sie fasste nun folgenden Entschluss: Sie wollte einen Mann kennenlernen, den sie heiraten und dessen Namen sie annehmen wollte. Doch das Schicksal wollte es, dass sie einen Mann namens Ingmar Minge kennenlernte. Sie mochte ihn, und er mochte sie, und anfangs sah sie über seinen Namen hinweg. Doch dann träumte sie, sie habe Ingmar geheiratet und hieße nun Inge Minge. In ihrem Traum hielt sie sich in Dallas auf, oft hielt sie sich in ihren Träumen in Dallas auf, und die Leute um sie hänselten sie, indem sie sie Insch Minsch nannten. Minge ist im Englischen eine abfällige Bezeichnung für die weiblichen Genitalien. Nein, sie konnte nicht bei Ingmar bleiben, das war klar nach diesem Traum!

Panikartig verließ sie Bielefeld, wohin sie aus Dallas gezogen war, fuhr mit dem Auto so schnell sie konnte weg. Sie kam nicht weit. In Lippstadt blieb sie erschöpft stehen, setzte sich ins Café am Rathausplatz und kam ins Gespräch mit dem Fabrikanten Jürgen Zogen, der mit einen Kartenspiel reich geworden war. Jürgen Zogen, das verbindet die beiden, leidet ebenfalls unter seinem Namen, denn er wird von Freunden und Bekannten nie Jürgen, sondern entweder JürZo oder GenGen genannt. Noch am selben Tag beschlossen die beiden, zu heiraten, eine Leidensgemeinschaft zu bilden, Inge heißt nun offiziell Inge Hinge-Zogen.

Ich frage sie, warum sie nun nicht einfach Inge Zogen heißt, und sie meint, Jürgen hätte der Doppelname Hinge-Zogen so gefallen, dass sie ihm diesen Gefallen machen wollte. In der Hochzeitsnacht, so erzählt sie weiter, habe sie wieder geträumt. Sie ging die Bielefelder Fußgängerzone entlang, und alle Leute fragten sie: Wo sind sie denn hingezogen, Frau Hinge-Zogen?

Danach fängt sie heftig zu weinen an. Schluchzend und verzweifelt meint sie: Vielleicht sollte ich mich einfach Insch Minsch, Inge Fotze, nennen. Vielleicht passt das zu mir. Es scheint, das Leiden der Inge Hinge-Zogen nimmt kein Ende.

Akei und Enien, zwei slawische Brüder

Ein Slawe, dessen Name die Geschichtsschreibung nicht erwähnt, lebte im achten Jahrhundert in der Steiermark. Das war nichts Ungewöhnliches, denn zu dieser Zeit lebten in der Steiermark nur Slawen. Doch dann bedrohten die Awaren ihren Lebensraum. Der bajuwarische Herzog Odilo kam ihnen mit seinen Truppen zu Hilfe und schlug die Awaren in die Flucht. In der Folge lebten immer mehr Bajuwaren mit den Slawen in der Steiermark, und als siegreiche Kriegsherrn beanspruchten sie Privilegien.

Das gefiel dem namenlosen Slawen nicht. Er holte seine zwei Söhne zu sich und sagte zu ihnen:
Die Bajuwaren gefallen mir nicht. Das sind herrschsüchtige Arschlöcher. Haut ab von hier, und lebt woanders!
Das ließen sich seine zwei Söhne, die sich überhaupt nicht ausstehen konnten, nicht zweimal sagen. Sie hauten sofort ab. Der eine haute nach Norden, der andere nach Süden ab. Im Abhauen riefen sie ihrem Vater noch zu:
Vater, was machst du denn?
Ich? antwortete er: Ich werde hier sterben, hier in der Steiermark.

Die Namen der Söhne sind im Gegensatz zu dem des Vaters überliefert: In Dokumenten ist nachzulesen, dass man sie Akei und Enien rief. Akei, der nach Norden abhaute, gründete dort die Slowakei, Enien im Süden Slowenien. Die Slawen Akei und Enien gründeten also jeweils zwei heute noch bestehende Staaten.

Seine beiden Töchter verheiratete der namenlose Vater, nachdem seine Söhne abgehauen waren, an wohlhabende bajuwarische Edelmänner.

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