Pasolini und der frühe Tod

Ich bin in den Siebzigerjahren geboren, sagt Vorderbrandner, in jenem Jahrzehnt, in dem die Menschheit ihre Freiheit entdeckte, von der sie heute weitgehend wieder abgerückt ist.

Gelebt aber habe ich davor schon, sagt Vorderbrandner, und ich weiß, dass ich mittendrin war in diesem Aufbruch in die Freiheit. Ich war in Italien und sah den Film Teorema – Geometrie der Liebe, den Pasolini gerade herausgebracht hatte.

Nach dem Kino traf ich mich mit Pasolini und sagte zu ihm: „Pier Paolo, was für ein wunderbarer Film, den du da gemacht hast! Ein Film wie ein Gemälde! Mit einer Symbolik, die keiner Worte bedarf! Außerdem trifft er das Bürgertum ins Mark, zeigt ihm seine Befangen- und Gefangenheit!“
„Ich hasse das Bürgertum!“ sagte Pasolini, nein, er schrie es mehr: „Ich hätte diesen Film nicht machen sollen! So viel Aufmerksamkeit für solche Idioten!“
„Er trifft die Kirche ins Mark“, meinte ich weiter, „indem du einen modernen Jesus schickst, der den Leuten ihre Freiheit zeigt!“
„Ich hasse die Kirche und ihre verlogene Moral! Nein, ich hätte diesen Film nicht machen sollen!“ entgegnete Pasolini mit starrem Blick. Ich sah so etwas wie Traurigkeit in seinem Gesicht und hatte den Eindruck, als wolle er nur weg, weg, weg. Aber wohin?

Ich sprach weiter und sagte: „Eines verwirrt mich: Warum ist dein moderner Jesus ein Mann? Hätte er nicht genauso gut eine Frau sein können? Außerdem werden die durch ihn befreiten Frauen ziemlich verrückt, während sich die befreiten Männer der Kunst und der Spiritualität zuwenden. Gestehst du den Frauen diese Freiheit nicht zu?“

Pasolini rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Dann wurde er ruhig, so als hätte er sich gesammelt, und sagte mit nachdenklichem Blick: „Nur die Männer können die Erlöser sein. Die Frauen sind Gefangene. Gefangene dieser Gesellschaft.“

Ich erwiderte nichts. Ich sprang auf und rannte davon, so schnell ich konnte. Während des Rennens wurden meine Gedanken klar, und ich erkannte, was der Unterschied zwischen mir und Pasolini ist: Er sieht die Männer als Erlöser, ich die Frauen. Hätte ich damals nur gewusst, dass man nur sein eigener Erlöser sein kann! Ich rannte und rannte, bis ich schließlich an einen Strand gelangte. Dort sah ich über das Meer in die untergehende Sonne. Das Gespräch mit Pasolini hatte mich derart aufgewühlt, dass ich nicht mehr wusste wohin mit mir. Da kamen ein paar Leute und erlösten mich. Sie hatten Stoff dabei. In meiner Überdrehtheit und Euphorie nahm ich viel zu viel davon, und so endete mein Weg in die Freiheit frühzeitig.

Jahre später, sagt Vorderbrandner, wurde ich neu geboren, mit all der Verwirrtheit, die mir mein altes Leben hinterlassen hat.