Unter der Hose zu meiner Überraschung ein Po

Es war ein warmer Tag, ach, was rede ich: Es war ein heißer Tag: Ich ging unter der sengenden Sonne und hatte vollkommen die Orientierung verloren, als ich trotz meiner Orientierungslosigkeit den Schatten alter Bäume erreichte, und – noch viel wichtiger – das Ufer eines wasserreichen Sees. Ich entledigte mich meiner Kleidung, die schweißnass an mir klebte und wollte gerade ein paar Schritte gehen, um im Wasser des wasserreichen Sees ein kühlendes Bad zu nehmen, als ich wie aus dem Nichts Menschen um mich bemerkte. Sie standen aufgereiht da, mit steifen und strengen Mienen in ihren Gesichtern, und als ich ihren Mienen ein Lächeln entgegensetzte, hellte das selbige auch nicht auf. Sie standen da wie gefroren, was ein signifikanter Unterschied zu mir war, stand ich doch noch immer schweißnass da, ohne ein kühlendes Bad genommen zu haben.

Doch der noch signifikantere Unterschied zwischen ihnen und mir war – das fiel mir jetzt bei näherer Betrachung auf -, dass ich nackt war und alle von ihnen zumindest eine Hose trugen. Einige, etwa die Hälfte von ihnen, trugen auch ein Stück Stoff um die Brust, das waren wohl die Frauen, wie ich später schlussfolgerte. War ihr Bekleidetsein und mein Nacktsein der Grund für ihre steifen und strengen Mienen? Andererseits waren sie spärlich bekleidet: Ich sah ihre nackten Arme, Beine und Bäuche, und die Hosen derjenigen, die ein Stück Stoff um die Brust geschnallt hatten, waren oft aus derart wenig Stoff genäht, dass ihre Pobacken nicht bedeckt waren.

Apropos Pobacken: Als ich einen Schritt Richtung Wasser wagte, drehten sie sich plötzlich alle um und wandten mir ihre Rückseite zu. Da war ich mir sicher, dass sie meine Nacktheit nicht ertragen konnten, so abrupt war ihr Abwenden. Der Anblick meines Körpers musste für sie etwas völlig Fremdes sein. Ich zweifelte, ob es wirklich Menschen waren, mit denen ich zu tun hatte, so fremdartig erschien mir ihr Verhalten. Vorsichtig blickte ich zum Wasser, dann auf die steifen und strengen mir zugewandten Rückseiten. Ich beschloss, mein Bad im Wasser des wasserreichen Sees weiter zu verschieben und mich der Gestalten anzunehmen, die sich um mich abgewandt hatten. Vorsichtig ging ich zu ihnen und zog an einer der Hosen: Und unter der Hose zu meiner Überraschung – ein Po.

Rechts vor links

Vor ein paar Jahren fiel mir auf, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer neuartigen Ohrenschmuck tragen: Meist weiße Plastikteile, deren rundliches verdicktes Ende sie direkt im Ohrloch befestigen, es damit quasi verstopfen. Der Fortsatz des Plastikteils hängt seitlich am Ohr nach unten, wie ein kleiner Phallus. Frauen und Männer tragen also an den Ohren kleine Phalli spazieren, mit deren Hoden sie sich das Ohrloch zustopfen, dachte ich mir. Bis ich darüber aufgeklärt wurde, dass es sich bei den Plastikteilen um kabellose Kopfhörer handelt, die per Funk mit dem Handy verbunden sind.

Warum ich das erzähle? Weil ich erst heute eine so beschmückte Person an einer Kreuzung traf. An der Kreuzung gilt die Vorfahrtregel rechts vor links. Ich rollte mit dem Fahrrad heran und blickte nach rechts, als ich im linken Augenwinkel besagte Person mit dem weißen Ohrenschmuck bemerkte, die gedankenverloren in die Gegend blickte, wahrscheinlich weil sie dem Auditiven aus ihrem Kopfhörer lauschte, obwohl sie doch darauf hätte achten müssen, den RechtskommendenInnen Vorfahrt zu geben. Ich bremste, und die Person rollte langsam von links nach rechts an mir vorbei, meine Vorfahrt völlig missachtend. Ich ärgerte mich über diese Unachtsamkeit, die ich als Ignoranz erlebte, und sagte: „Rechts vor links.“
Aber die kopfhörende Person mit dem weißen Ohrenschmuck hörte nichts. Ich fuhr ihr hinterher und rief: „Hier gilt rechts vor links!“
Widerwillig gab sie, die Person, ihren Schmuck aus dem rechten Ohr – nein, dachte ich, falsch verstanden: rechts vor links gilt nicht für das Abnehmen des Ohrenschmucks – als sie, die Person, genervt fragte: „Was ist?“
„An dieser Kreuzung gilt rechts vor links. Du hast das eben völlig missachtet!“
„Na und“, sagte die Person: „Chill mal!“ Sie steckte ihren Ohrenschmuck wieder an und rollte weiter.

Zuhause ließ mir die Sache keine Ruhe. Ich hackte mich in das Handy der vorfahrtmissachtenden Person mit dem weißen Ohrenschmuck und fand folgende Posts darauf:

#Rechtsradikalengetroffen
#Sagtemirunverschämt
#Rechtsvorlinks
#Gehtgarnicht

Muss ein Dach?

Muss ein Dach,
dass es ist,
erst bedacht werden?

Muss ein Bach,
dass er fließt,
erst bebacht werden?

 

P.S:
Ich dachte an ein Dach
und dachte nach:
War zuerst das Dach,
oder mein Gedachtes danach?

Ein Rabe kam am Morgen

Ich trat am Morgen auf den Balkon, der mir vertraut und fremd zugleich war. Etwas Neues begann, nämlich ein neuer Tag, das war mir klar, so klar wie der Morgen. Es hört immer Altes auf und Neues beginnt. Zumindest wird es so gesagt. Doch an diesem Morgen hatte dieser sogesagte Neubeginn eine besondere Güte, denn als ich auf den Balkon trat, wusste ich plötzlich nicht mehr, wer ich bin. Ich dachte, ich sei ein Rabe. Ich sah auf die Grünfläche hinunter, die durch die mächtigen Zweige der alten Linde hindurch die ersten Sonnenstrahlen empfing. Ein Rabe war im Gras. Er pickte an etwas herum und verschlang es Stück für Stück. Dazwischen blickte er zu mir auf, doch ließ sich nicht stören. Immer wieder blickte er zu mir auf, nicht ängstlich, sondern bestimmt. Als er sein Morgenmahl verschlungen hatte, ließ er seinen Blick nicht mehr von mir. Durchdringend schaute er mich an. So als sei er ein Bote. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, der Rabe zu sein. Ich konnte nicht sagen: Dort ist der Rabe und da bin ich. Wir waren auf eine Weise eins, der ich mich nicht entziehen konnte.

In der Nacht vor diesem Morgen hatte sie mich zu sich genommen und bei mir Geborgenheit gesucht, ich bei ihr Sinnlichkeit, ich glaube das ist eine gute Zusammenfassung unserer gemeinsamen Nacht. Nach dem Erwachen lag sie auf dem Rücken. Ich setzte mich auf sie und betrachtete sinnlich ihren Körper, während sie sich geborgen fühlte und erzählte. Sie erzählte irgendwelche Sachen, die ich schon in dem Moment als sie sie erzählte vergessen hatte, ich hatte das Gefühl, sie erzählt, um zu erzählen, um die Geborgenheit zu steigern. Ihre Stimme gefiel mir, sie klang vertraut und beruhigend, und wahrscheinlich auch sinnlich, ja, auch sinnlich, denn ich begann mich zu streicheln, sie erzählte unterdessen weiter, ich wusste nicht, ob sie von meiner Erregung ablenken oder sie weitertreiben wollte, jedenfalls begann sie von ihrem Vater zu erzählen, es fiel mir auf, als sie von ihrem Vater zu erzählen begann, wahrscheinlich weil ihr Erzählen anders wurde, als sie von ihrem Vater zu erzählen begann und weil es mich wahrscheinlich zugleich mehr interessierte als das, was sie davor erzählt hatte. Sie erzählte von der tiefen Zuneigung zwischen ihr und ihrem Vater, die dann bei ihrem Vater in Abneigung umschlug, sie wisse bis heute nicht, warum diese Zuneigung in Abneigung umschlug, sie sagte: Wahrscheinlich weil seine siebte Frau jünger war als ich selbst, eine Frau jünger als die eigene Tochter kann man doch nicht lieben, sagte sie, da kann man doch gleich die eigene Tochter lieben! Dann stockte sie plötzlich, sie sagte nichts mehr und starrte schweigend die Decke an.

Ich suchte immer noch die Sinnlichkeit, aber sie war nicht mehr da. Sie befreite sich aus meiner Umklammerung und ging ins Bad. Ich stand ebenfalls auf, da ihr Bett nun ein Unort geworden war, der weder Geborgenheit noch Sinnlichkeit bot. Ich trat auf den Balkon. Der Rabe blickte zu mir und sagte mit seinem Blick: Abneigung ist eine averse Form von Zuneigung. Sie ist unerlöste Zuneigung, aber sie ist Zuneigung. Verstehst du? sagte er: Sie ist Zuneigung! Denn ohne Zuneigung keine Abneigung. Daraufhin krähte er einige Male laut, heftig bewegte er dabei seinen Kopf, um die Wichtigkeit seiner Mitteilung zu betonen, bis er schließlich seine Schwingen spannte und in den blauen Morgenhimmel verschwand.

Uteto Fritz und die abgeschiedene Achtsamkeit oder: Alles kommt zu einem knirschenden, mahlenden, reibenden Halt

Uteto Fritz, der sich selbst als Künstler und Psychologen bezeichnet, hat sich seit geraumer Zeit in die Abgelegenheit zurückgezogen. Er experimentierte einst mit Sprache als Energetisiakum, weshalb man ihn als Sprachenergetiker bezeichnete. Er lehnte diese Bezeichnung von Anfang an ab, er sagte, er könne kein Sprachenergetiker sein, wenn er als solcher bezeichnet werde. Er fand jedoch immer mehr Anhänger, die sich von ihm sprachlich energetisieren ließen, bis er schließlich den Glauben an die Sprache als Energetisiakum verlor und sich in die Abgelegenheit zurückzog, um sich von seiner Rolle als Sprachenergetiker frei zu machen und wieder zu sich selbst zu kommen.

Jüngst wurde er jedoch wegen einer Angelegenheit aus seiner Abgelegenheit gerufen, und er folgte diesem Ruf: Eine Frau, die sich selbst als Mädchen bezeichnet, war in ein Loch gefallen. Diese Frau, die sich selbst als Mädchen bezeichnet und zu den sprachenergetischen Jüngern gezählt wird, eine Jüngerin also, hatte einst Uteto Fritzes Tätigkeit als Sprachenergetiker auf digitalen Kanälen bekannt gemacht. Die digitalen Kanäle bezeichnet sie als soziale Medien. Uteto Fritz bezeichnet sie als asoziale Separatoren. Die Bekanntmachung seiner Arbeit als Sprachenergetiker auf digitalen Kanälen hatte bei Uteto Fritz erste Zweifel an seiner Arbeit geschürt und führte schließlich zu seinem Entschluss, sich in die Abgelegenheit zurückzuziehen. Das Mädchen, die Jüngerin, setzte nach Utetos Rückzug die sprachenergetischen Bekanntmachungen auf den digitalen Kanälen fort, wobei ohne Uteto die Inhalte ihrer Bekanntmachungen zunehmend dünner wurden. Uteto würde hier anmerken, dass seine Inhalte nie einen Anspruch auf Dicke hatten.

Nun ist dieses Mädchen in ein Loch gefallen, weswegen Uteto, wie bereits erwähnt, aus seiner Abgelegenheit gerufen wurde. Der Tathergang wurde Uteto am Tatort wie folgt geschildert: Das Mädchen sei spazieren gegangen, mit Kopfhörern in den Ohren, und hörte einen Podcast über Achtsamkeit. Dabei habe es ein Loch in der Straße übersehen, in das es gefallen sei. Uteto sah in das Loch und sah darin das Mädchen leblos liegen. Er nahm jedoch noch Zuckungen an ihrem leblosen Leib war, als würde sie unter Strom stehen. Uteto folgerte: Sie hat zu viel Strom konsumiert, deshalb musste sie in das Loch fallen. Das mobile Funken der digitalen Kanäle ist eine permanente Stromzufuhr, diese permanente Stromzufuhr hat sie nicht mehr ausgehalten und ist in das Loch geflüchtet. Dennoch knirscht und mahlt und reibt es noch an ihrem ganzen Leib, wie man an den Zuckungen sieht. Sie ist ein Junkie, den das Knirschen und Mahlen und Reiben des Stroms noch in das Loch verfolgt.

Während Utetos Ausführungen war die Leiche näher untersucht worden. Dabei war festgestellt worden, dass das Mädchen, die Jüngerin, kurz vor ihrem tödlichen Fall in das Loch nicht mehr den Podcast über Achtsamkeit, sondern das Lied Grinding Halt von The Cure gehört hatte.

Das passt gut, sagte Uteto daraufhin, denn die frühe Musik von The Cure ist ein Knirschen und Mahlen und Reiben von Gitarre, Bass und Schlagzeug, das einem ständig Stromschläge verpasst: Everything Is Coming to A Grinding Halt – Alles kommt zu einem knirschenden, mahlenden, reibenden Halt.

Bei Ankunft Brunft

Bei Ankunft war die Zukunft noch Zukunft, wir bezogen zunächst unsere Unterkunft und suchten vor der Zusammenkunft nach Auskunft über die Zunft, schließlich kam unsere Einkunft aus Geschäften mit der Zunft.

Bei Herkunft der Zunft wurde es, wie sollte es anders sein, zünftig, mit Bier, Blasmusik und Brotzeit, die Zunft verlangte schließlich, man ist geneigt zu sagen, aus brünftiger Unvernunft, nach weiblicher Kunft, wir bangten um unsere Einkunft und versorgten deshalb die brünftige Zunft.

Bei Ankunft sagte die weibliche Kunft: Wir sind auch eine Zunft, kein Objekt der Brunft! Und schlugen ein auf die brünftige Zunft. Das war das Ende der zünftigen Zusammenkunft, auch unserer Einkunft aus Geschäften mit der Zunft. Die Hoffnung lag nun auf der Zukunft und deren Ankunft. Gibt es menschliche Vernunft?

Heini Heine

Hätte Heine mit seiner Mathilde
einen Sohn gehabt,
er hätte ihn
wohl Heino genannt.

Und dieser Sohn Heino,
der immer von Papa Heini sprach,
empfing Heinrike in seinem Gemach.
Die in der Ehe dann Heina war:
Heino und Heina Heine also
bekamen eine Tochter.
Und Mutter Heina,
die einst Heinrike war,
fand Heike einen passenden Namen,
und berichtete über Heino:
Heike war ein Name für die Tochter,
den mocht er.

Und Heike Heine fand einen Mann,
Heiko Hebenstreit genannt,
und wurde bald gewahr,
dass frau als Frau
ihren Namen nicht behalten kann.
Heike Hebenstreit gefiel ihr nicht –
Heiko und Heike Heine passt viel besser
in ein Gedicht.
Und wollte weiter Heine heißen,
und Heiko sollte statt Hebenstreit
künftig ein Heine sein.
Doch ein Gericht
untersagte ihr dies,
weshalb sie,
um weiter Heine zu heißen,
Heiko Hebenstreit verließ.

Doch wie wir wissen hat Heine,
der übrigens Harry und nicht Heini hieß,
mit seiner Mathilde keinen Sohn gehabt,
und so erledigt sich jeder weitere Streit,
ob frau als Frau
ihren Namen behalten kann.

 

aus Wikipedia:
Christian Johann Heinrich Heine, geboren am 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts. Im Deutschen Bund mit Publikationsverbot belegt, verbrachte er seine zweite Lebenshälfte im Pariser Exil. Dort lernte er die Schuhverkäuferin Augustine Crescence Mirat kennen, die er Mathilde nannte. Die Ehe sollte kinderlos bleiben. Heine starb am 17. Februar 1856 in Paris.