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Das Leben zu entwirren kann sehr verwirrend sein.

Der Duschkopf

Am Meer gibt es oft Duschen am Strand, damit man sich das Salz vom Körper waschen kann. Auch ich gehöre zu denjenigen, die solche Duschen gerne benutzen, weil mich das Salz sonst juckt, wenn ich es mir nicht vom Körper wasche.

An schönen Sommertagen kann es nun vorkommen, dass sich vor einer solchen Dusche eine kleine Schlange bildet. In solch einer kleinen Schlange befinde ich mich gerade, als plötzlich ein Herr, der unter der Dusche steht, einen lauten Schrei von sich gibt. Alle in der Schlange und sonstige Umstehende schauen daraufhin zu ihm, während er, seinen Rücken mir und den anderen Wartenden zugewandt, wie angewurzelt stehen bleibt. Zögernd dreht er seinen Kopf über die Schulter. Alle warten auf eine Erklärung für seinen Schrei. Ist etwas passiert? Ist alles in Ordnung? Der Herr scheint sich zu sammeln und sagt, immer wieder unterbrochen von einem verlegenen Lächeln: „Diese Dusche ist eine tolle Sache. Um sich das Salz vom Körper zu waschen. Einfach herrlich. Nicht? Wobei ich das Meer an sich, obwohl es voller Salz ist, ja schon sehr mag. Ich meine nicht nur das Baden im Meer. Sondern das Meer an sich. Betrachtet man zum Beispiel die Geschichte der Seefahrt…“

Er setzt gerade an zu erklären, wie die Portugiesen die Hoheit über die Meere erobert haben, als der erste der Wartenden in der Schlange seinen Vortrag unterbricht und ihn fragt, ob er denn nicht neben der Dusche weitererzählen könne, denn er wolle jetzt selbst gerne duschen. Der Mann tritt verlegen zur Seite, als ob er bei etwas sehr Widerwärtigem ertappt worden sei. Er mustert die umstehenden Leute. Hat er Angst, ein Geheimnis von sich preiszugeben? Sein Schrei von vorhin liegt in der Luft.

Unsere Blicke treffen sich. Es ist ein kurzer, aber intensiver Moment. Der Mann zögert. Welche Konsequenzen zieht er aus diesem Moment? Dann stürmt er auf mich zu, packt mich und reißt mich nieder, sodass wir beide auf dem Boden zu liegen kommen.
„Hören Sie!“, sagt er äußerst erregt zu mir. „Das, das geht niemanden etwas an! Niemanden!“
„Was denn?“ frage ich kleinlaut.
„Der Duschkopf!“
Fragende Blicke meinerseits.
„Der Duschkopf machte eben ein sehr komisches Geräusch. Haben Sie es gehört? – Sie müssen es gehört haben!“
Ich getraute mich nicht zu widersprechen.
„Als ich ein kleiner Junge war, hat sich bei einem ähnlichen Geräusch der Duschkopf gelöst und ist mir auf den Kopf gefallen. Es tat höllisch weh. Meine Eltern hatten es nicht gehört, sind erst sehr spät zu mir gekommen. Ich fühlte mich so alleine, so im Stich gelassen.“
Er fängt zu schluchzen an.
Plötzlich wird er wieder ernst, packt mich am Kragen und sagt: „Aber das geht niemanden etwas an. Niemanden!“
Er schaut sich um, richtet sich vorsichtig auf und schleicht davon. Das geht niemanden etwas an! hallt es nach in meinen Ohren.
„Niemanden? Nicht einmal Sie?“ sage ich, aber er ist längst davongegangen und hört mich nicht mehr.

Ich blicke zur Dusche und sehe, dass sie gerade frei ist. Erst einmal abduschen, was ich ohnehin wollte, das ist eine gute Idee, denke ich. Ich stelle mich unter die Dusche und betrachte den Duschkopf. Alles scheint normal. Ich mache das Wasser an. Keinerlei Geräusche. Während das Wasser auf mich prasselt, denke ich: Dem Mann muss geholfen werden! Er muss an die Duschköpfe der Welt wieder herangeführt werden. Und es ist am besten, mit diesem zu beginnen. Ich gehe am Strand umher und suche den Mann. Ich gehe nach hinten, nach vorne, blicke durch alle Reihen. Schließlich finde ich ihn tatsächlich, in einer der versteckteren Ecken. Er blättert in einem Buch über die Geschichte der Seefahrt.
„Kommen Sie!“ sage ich, „ich will Ihnen etwas zeigen.“

Er weigert sich. Ich bleibe hartnäckig, und schließlich kommt er mit. Ich gehe mit ihm zur Dusche. Sie ist frei, keine Schlange davor. Ich stelle mich darunter, mache das Wasser an. Es prasselt auf meinen Körper. Der Mann steht daneben und starrt wie gelähmt auf den Duschkopf. Sein Blick hat etwas Irres, so als sehe er alle Duschköpfe der Welt vor sich, die auf seinen und auf die Köpfe aller seefahrenden Portugiesen knallen. Dann beginnt er, in Schleifen um die Dusche herumzurennen und ruft dabei wie verrückt:
„Duschköpfe beherrschen die Weltmeere! Sie haben die Portugiesen besiegt!“
Er ruft es immer wieder, während er seine Schleifen um die Dusche dreht. Ich spüre Zorn in mir, wahrscheinlich weil mir das alles zu viel wird und ich rufe in seine Schreie hinein:
„Lassen Sie doch die Portugiesen in Frieden! Die geht das nichts an! Es geht um Sie und den kleinen Jungen in Ihnen, der mit den Duschköpfen dieser Welt Frieden schließen soll!“

Er hört mich nicht. Er läuft wie in Trance seine Schleifen. Als ein kleiner Junge seinen Weg kreuzt, stößt er ihn einfach um. Der kleine Junge fängt fürchterlich zu brüllen an. Die Situation scheint völlig zu eskalieren. Dann packen ihn zwei andere Männer und halten ihn fest. Kurz wehrt er sich. Dann fängt er hemmungslos zu weinen an. Dieses Weinen, finde ich, ist das Beste an dieser Geschichte, denn ich hatte das Gefühl, durch die Tränen schien er zu begreifen, dass es ihn sehr wohl etwas angeht, sein Verhältnis zu den Duschköpfen dieser Welt, und dass weder Portugiesen noch sonst wer ihm das abnehmen werden.

Das Wasser prasselt noch immer auf meinen Körper ohne dass ich es merke. So gefesselt bin ich von dieser Szene vor mir. Da berührt mich jemand leicht am Arm und gibt mir zu verstehen, dass er duschen wolle. Für einen kurzen Moment schaue ich die Person verständnislos an über diese banale Bitte in diesem Moment. Dann trete ich zur Seite und sage: „Vorsicht. Duschkopf!“

Was geht mich das jetzt an?

Gedanke und Gedenke

Danke, danke, danke sehr, höre ich die Person sagen. Die Dankesbekundungen nehmen kein Ende, im Gegenteil:

Was für ein nerviges Gedanke, denke ich mir. Doch dies ist offensichtlich ein falscher Gedanke. Denn das Wort Gedanke bezeichnet kein übermäßiges Bedanken (was ich eben für mich als Gedanke bezeichnet hatte), sondern bezeichnet einen, nun ja, einen Gedanken.

Was ist ein Gedanke? (Nein, verschwinde jetzt, Gedanke: Ein Gedanke ist kein übermäßiges Bedanken!) Laut Google ist ein Gedanke ein bestimmter geistiger Inhalt, der als zusammenhängende Einheit gedacht wird. Danke Google, ich danke dir sehr – doch halt: Ich will in kein Gedanke verfallen, das mich bei dieser Person eben so genervt hat.

Ich lese weiter, dass ein Gedanke im Gegensatz zu Wahrnehmung und Intuition als begrifflich aufgefasst wird. Begrifflich! Das ist es ja gerade: Der Begriff Gedanke ist bei mir bereits besetzt, nämlich von übermäßigem Bedanken. Ich brauche einen neuen Begriff für das, was Google als bestimmten geistigen Inhalt bezeichnet.

Allmählich vergeht mir die Lust am Denken, und ich denke: Was soll dieses ganze Gedenke, das dieses Gedanke bei mir ausgelöst hat?

Fakten-Gedicht

Fakten-Gedicht kurrent

Oben liegt der Berg,
unten liegt der See.
Im Winter fällt der Schnee.

Im Sommer scheint die Sonne.
Ohne Sex lebt stets die Nonne.
Doch wenn sie diese Regel bricht –
ist sie dann Nonne oder nicht?

Konsumerlebnis

Ich bin in einer Konsumgesellschaft. Das wurde mir schon oft gesagt. Ich weiß gar nicht von wem, aber von vielen.

Ich bin im Park. Bin ich jetzt in der Konsumgesellschaft? Es gibt keine Geschäfte im Park. Zumindest sehe ich keine, nicht einmal ein fahrendes. Ich sehe und höre keinen Straßenmusiker, dessen Musik ich konsumieren könnte. Im Park bin ich nicht in der Konsumgesellschaft. Wobei – ich konsumiere die Luft, die ich atme. Ich konsumiere die Landschaft mit meinen Augen, meinen Ohren, meiner Nase, meinem ganzen Körper. Fast möchte ich sagen: Man kann nicht nicht konsumieren. Das klingt platt. Ich sage es lieber nicht.

Der Hund jagt die Ente. Fängt er sie, gibt es einen leckeren Happen für ihn und mich. Doch ich bin in einer zivilisierten (Konsum-)Gesellschaft. Es herrscht Jagdverbot. Raus aus dem Park, rein in den Laden. Wenn ich schon nicht nicht konsumieren kann, dann richtig konsumieren. Abgepackte Ente. Fleischstücke unter Plastik. Ich versuche mir das Tier vorzustellen, das einmal war, bevor diese Fleischstücke unter Plastik daraus geworden sind: Die Ente aus dem Park landet im Laden-Hinterhof und wird zu Fleischstücken unter Plastik gemacht. Zu einfach. Die Ente aus der Entenfarm in Niedersachsen fliegt nach München, um hier… nein, zu weit – die Ente aus Niedersachsen wird mit dem LKW nach München transportiert. Tot oder lebendig?

Will ich Ente? Der Hund sieht mich erwartungsvoll an. Ich gehe nachhause und steige dort in mein Auto. Die Idee: Ich fahre zum Bio-Entenhof auf dem Land, um dort eine glückliche Ente zu sehen, die für mich und den Hund geschlachtet wird. Doch bevor ich den Motor starte, fällt mir auf, wieviel ich konsumiere, nur um das Schlachten einer Bio-Ente zu sehen. Ich benutze ein mit viel Energieaufwand hergestelltes Metallgestell auf vier Rädern, dessen Motor mit Treibstoff betrieben wird, der aus Erdöl hergestellt wird, das tief aus der Erde gepumpt werden muss. Ich sitze im Auto, blicke mich um zum Hund und frage ihn, was wir machen sollen. Er blickt erwartungsvoll zurück.

Da fällt mir Rettendes ein: Ich wollte schon lange mal wieder Essen gehen. Ich werde den Abend im Restaurant konsumieren und keine weiteren Fragen stellen. Ich habe Hunger.

Wortlos im Wald (Gegenteile)

Mein Kopf ist voll von Worten. Oder soll ich es einfach nur Buchstabengewirr nennen? Um dem Gewirr zu entrinnen, schnappe ich mir den Hund, stecke uns beide ins Auto und fahre raus. Dorthin, wo sich der Wald kilometerweit erstreckt und die Pfade ihn so kreuz und quer durchziehen, dass man sich leicht verlaufen kann wenn man will.

Wir gehen wortlos durch den Wald. Selbst meine Gedanken will ich wortlos denken, doch ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich geht. Wortlose Gedanken? Zwei, drei Stunden begegnen wir keinem Menschen, der mich zwänge, Worte des Grußes auszusprechen. Nicht einmal einem Schild mit Aufschrift begegnen wir, das ich, unfähig es zu ignorieren, lesen müsste.

Dann sehe ich in einiger Entfernung einen Mann, der unseren Weg kreuzt. Um eine wortreiche Begegnung zu vermeiden, rufe ich Paul, den Hund. Ich rufe: „Hier!“, und während ich dieses Wort rufe, wird mir bewusst, dass ich ein Wort rufe. Ich habe das Wort hier gerufen, das aus vier Buchstaben besteht und zweifelsohne ein Wort ist. Für Paul ist es ein akustisches Symbol herzukommen, doch das soll nicht ablenken von der Tatsache, dass ich meinen Vorsatz des wortlosen Nachmittags im Wald gebrochen habe.

Ich bin plötzlich wieder mittendrin in der Welt der Worte, mit dem Ausruf des Wortes hier. Mir fällt auf, dass man dort als das Gegenteil von hier betrachten kann, und dass beide Wörter aus vier Buchstaben bestehen und so in meinem Kopf eine angenehme Symmetrie bilden. Dann fällt mir das Wort Dortmund ein, und es wundert mich, dass dieses Wort der Name einer Stadt im Ruhrgebiet ist, und dass Dortmund aus vier + vier = acht Buchstaben besteht. Gibt es ein Gegenteil zum Wort Mund? Mir fällt spontan der Anus ein. Das Gegenteil von Dortmund ist somit, nach logischer Schlussfolgerung, Hieranus.

Werden die Anhänger des Fußballvereins Borussia Dortmund, wenn sie dies hier lesen, ihren Konkurrenzverein FC Schalke 04, der ja so etwas wie das Gegenteil ihres Vereins darstellt, fortan FC Hieranus 04 nennen? Mich fasziniert die Zahl 4 im Vereinsnamen von Schalke, denn das bringt mich zurück zu den Wörtern dort, hier, Mund und Anus, die allesamt aus vier Buchstaben bestehen.

„Du Pappnase“, sagt jetzt mein kritisches Eltern-Ich zu mir, „was hast du nur für Gedanken im Kopf?“
„Danke“, sage ich zu meinem kritischen Eltern-Ich, „danke für das Wort Pappnase!“ Es besteht aus vier + vier = acht Buchstaben und reiht sich perfekt in meine bisherigen Überlegungen ein.

Der Mann, den ich gerade gesehen habe, ist weitergegangen und aus meinem Blickfeld verschwunden. „Lauf Paul!“ sage ich, und spüre plötzlich einen Zwang in mir, nur noch Worte mit vier Buchstaben auszusprechen. Dabei wollte ich doch wortlos durch den Wald gehen.

Weiter im Wald: Ich höre Vogelgezwitscher. Das Vogelbuch verrät mir, dass ich einen Stieglitz höre, der als Lockruf ein zweisilbiges, helles Didlitt ertönen lässt. Das ist ein schönes Wort, obwohl es aus sieben und nicht aus vier Buchstaben besteht.

Appe-ndix

Hier soll sehr viel Ruhe sein,
sagt Emil also zuse inem Hund.
Doch wenn derV ogel ruft
dann kann eswe rden laut,
sagt dann sein Hund.