Gräben ohne Grund

Sie kam entlang des Weges im leicht diffusen Licht eines Sommertages. Der leichte Wind war plötzlich weg, und die Blätter der Bäume hinter ihr bewegten sich nicht mehr. Sie selbst schien sich zu verlieren in dieser ehrfurchtsvollen Stille, die für sie eingetreten war. Langsam und unsicher ging sie weiter. Sie schaute zu mir, doch in dem Moment, als ich zum Gruß ansetzte, schaute sie wieder weg.

Ich verstand nicht. Ich verstand nicht, was gegen einen Gruß sprechen sollte. Sie schaute sich weiter um; sie schien bleiben zu wollen. Dann umfasste sie plötzlich fest ihre Decke und ging weiter. Sie ging weiter mit merkbar schnellerem Schritt. „Ihr folgen ist vergebliches Bemühn“, sagt Demetrius in Shakespeares Sommernachtstraum, und in diesem Fall stimmte das auch für mich. Ich sah ihr nach, und ich sah, wo sie hin ging: an die Stelle gegenüber; immer noch in meinem Blickfeld, aber zu weit weg, um sie noch bei mir zu wähnen. Mit dem Bach zwischen uns, der mit seinem Wasser zwar herrlich erfrischte an diesem heißen Tag, aber sich wie ein tiefer Graben auftat zwischen uns.

Kurz überlege ich, ob ich die Gründe kennen möchte für ihr Verhalten. Kurz meine ich, dass ich die Gründe kennen möchte für ihr Verhalten. Doch schnell erkenne ich, dass es mir nicht zusteht, sie zu kennen; dass diese Gründe ihre eigenen Gründe sind und sie kennen zu wollen ein unerlaubtes Überschreiten des gezogenen Grabens wäre.

Später habe ich sie noch einmal gesehen, beim Baden. Sehr zögerlich näherte sie sich dem Wasser; sehr vorsichtig ging sie hinein. So als erschräke sie vor den Gräben, die sie selbst aufzureissen scheint. Aber das ist wieder nur ein Gedanke von mir, mehr angstvoll als verständnisvoll.

Der Bach erfrischt herrlich; viel zu herrlich, um ihn als Graben zu denken.