Alle Beiträge von EmilHinterstoisser
Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg
ein Film von Emil Hinterstoisser
Auferstehender: Georg Stürzer
Eine Jugend in Zitaten
Gerade heute fällt mir ein, dass es schon lange her ist, als mich ein Gefühl übermannte, das ich nicht kannte. Ich rang es nieder mit meinem Geist, mit meinem Kleingeist, wie sollte er ein Großgeist sein, gerade dem Kindsein entwachsen. Mein Kopf wurde immer größer, doch die Worte wurden für mich so schwer, dass ich sie nicht mehr singen konnte wie bisher. Was sollte ich machen an dieser Stelle, an der du mir gegenüber standst? Auf dich zugehen? Davor hatte ich zuviel Angst, denn dann würde das Gefühl, das ich nicht kannte, mich noch mehr übermannen: Ich war die Angst, die Angst vor mir, nur in deiner Furcht war ich bei dir.
Trotzdem ging ich auf dich zu, um von dir abzufallen, um mich als Abfall zu erleben. Meine Ich-Maschine sprang an und drehte sich im Kreis, im Kreis um mich. Wie sollte ich dir nah sein, wenn ich mich selbst nicht von mir entfernen konnte? You make me, sagte ich, um mich von mir abzulenken. Da brachte Blumfeld nach der Ich-Maschine, aus der sich mein Geist speiste, sein zweites Album heraus. Ich flüchtete mich ins Alleinesein, ohne zu wissen, dass einem im Alleinesein die Gefühle übermannen, weil man mit allem eins ist:
Lass uns nicht von Sex reden
Du sagst, dass wir uns brauchen. Wir brauchen uns? Ich brauche dich. Aber brauchst du mich? Brauche ich dich?
Wir liegen unter der Decke, ohne uns zu vereinigen. Wir vereinigeln uns in unserer gemeinsamen Einsamkeit, in grausamer Bedürftigkeit. Neugier und Freude kriechen aus der Decke, werden verscheucht von der mit aller Macht hereinkriechenden Angst.
Ein ängstliches Erwarten hemmt unsere Leiber. Das Blut stockt und das Fleisch wird hart und kalt. Nicht einmal die Tränen schaffen es aus meinen Augen. Wie können wir uns brauchen, wenn das Leben aus uns zu weichen scheint?
Mein Herz schlägt – noch – trotz meines erstarrten Leibes. Ich spüre es heftig pochen in meiner Brust. Es ermahnt mich, hier zu bleiben, hier in meinem Leib, hier bei dir. Jenseits meiner Angst begehre ich dich, begehre ich deinen Leib. Ich lege meinen Kopf auf deine Brust und spüre dein Herz pochen.
Lass uns nicht von Sex reden, sage ich, nicht von dem Sex, den ich bisher dachte:
Durch dich will ich ihn hinter mir lassen.
Lass uns überhaupt nicht reden, sagst du, während ich mit meiner Zunge von den Tränen auf deinen Wangen koste. Ich spüre das Blut in meinen Adern. Ich spüre die Kraft meines Begehrens und lege mich auf deinen warmen, offenen Leib.
Mondsüchtig
Ich weiß nicht genau ob es an der Zeitumstellung liegt
Traumabewältigung
bei den alten Mühlen
konnte ich mich fühlen
ich begann
in mir zu wühlen
um mich danach
zu kühlen
Hans-Paul Schönewelt
Als Kind fand ich es am schönsten bei den Wichteln hoch oben in den Wäldern des Stoissbergs. Ich tanzte mit ihnen auf dem Moos zwischen den Bäumen im hellen Mondlicht. Weit unten lagen die Sorgen des Stoissertals. Doch als es Morgen wurde, erwachte ich im Tal mit all seinen Sorgen, die meine Eltern mir vermittelten. Mein Onkel Peter, das sagten sie, war aus dem Tal geflüchtet, weil er es nicht mehr ausgehalten hatte. Ein komischer Kerl, dieser Peter, ein Verrückter, sagten sie: Wie kann man es im Stoissertal nicht aushalten?
Ich mochte Onkel Peter und freute mich sehr, wenn wir ihn in München besuchten. Keiner konnte so gut vorlesen wie er, vor allem aus dem großen bunten Wichtelbuch, das ich immer dabei hatte. Wir saßen auf seinem Sofa, eingehüllt von seiner Bücher- und Plattensammlung und tauchten ein in die Welt der Wichtel in den Wäldern des Stoissbergs. Bei Onkel Peter lebte ich auch meine kindliche Neugier aus: Ich fragte ihn, was das für ein Poster sei, das er an der Wand hängen hat. Das ist Pierrot le fou, sagte Onkel Peter – einer wie ich: naiv, melancholisch. Und verliebt. Außerdem hatte Onkel Peter eine Karte von Europa an der Wand hängen, die ich bei jedem Besuch staunend betrachtete und jedes Mal Neues auf ihr entdeckte. Ich stellte mir Europa als einen riesigen Wald vor. In diesem Wald gab es Lichtungen: die Länder.
Später, als ich lesen lernte, las ich bein einem Besuch voller Stolz vom Plakat des Pierrot le fou:
JEAN-PAUL BELMONDO
ET
ANNA KARINA
DANS
PIERROT LE FOU
UN FILM DE
JEAN-LUC GODARD
Jean-Paul Belmondo, wiederholte ich, als Onkel Peter es nochmal in richtigem Französisch vorgelesen hatte. Ein französischer Schauspieler, sagte Onkel Peter, dessen Vorfahren aus dem Piemont und aus Sizilien im heutigen Italien stammen. Jean-Paul Belmondo, sagte ich nochmal ergriffen und lies meinen Blick nicht vom Poster. Ja, Jean-Paul Belmondo, sagte Onkel Peter mit einem zustimmenden Lächeln: Sein Name bedeutet auf deutsch Hans-Paul Schönewelt.
Währenddessen wurden die Sorgen im Stoissertal nicht kleiner, sondern größer, je größer ich wurde. Ich konnte die Sorgen nicht benennen. Ich spürte sie. Ich sah sie im Gesicht meiner Eltern. Wenn ich meine Eltern fragte, warum sie solche Sorgen haben, sagten sie mir, ich solle nicht so dummes Zeug reden. Ich lief zu meinen Freunden den Wichteln auf dem Stoissberg, aber mit zunehmendem Alter erkannte ich, dass es die Wichtel auf dem Stoissberg nicht gab, dass es sie nur in meiner Vorstellung gab, wenn ich abends in meinem Bett ruhte.
Ich lief von den Wäldern des Stoissbergs ins Stoissertal hinunter und sagte zu meinen Eltern, dass ich unbedingt Onkel Peter besuchen will, und zwar sofort. Sie sagten mir, er sei nicht mehr in München. Wo er sei, konnten sie mir nicht sagen. Mein Vater meinte nur: dieser Verrückte! Ich schlussfolgerte, dass Onkel Peter in Frankreich sein müsse, um Jean-Paul Belmondo zu besuchen. Ich stellte mir Onkel Peters lange Reise durch den tiefen Wald Europas vor, bis er in Frankreich angelangt war. Dort würde er nun Jean-Paul Belmondo überreden, mit ihm nach Deutschland zu kommen. In Deutschland angekommen, würde sich Jean-Paul Belmondo Hans-Paul Schönewelt nennen, um als Deutscher einen deutschen Namen zu haben. Mit Schönewelt in Deutschland würden sicher auch die Sorgen im Stoissertal kleiner werden.
Ich legte mich ins Bett, konnte aber nicht einschlafen. Also beschloss ich, zu den Wichteln im Wald auf dem Stoissberg zu gehen. Der Mond schien hell, ich glaube er war voll, und als ich bei den Wichteln ankam, zeigten sie alle nach Westen und sagten: Dort drüben kommen zwei Männer in prächtigen Gewändern. Und tatsächlich: Am westlichen Eingang zum Stoissertal, von München her kommend, sah ich zwei Männer im Mondlicht, die eine Frau namens Marianne Renoir auf ihren Schultern trugen.
Das sind Onkel Peter und Hans-Paul Schönewelt! rief ich euphorisch. Ich wollte ihnen eine prächtigen Empfang bereiten und sagte zu den Wichteln: Wir spielen und tanzen eine Chaconne à la française als glänzenden und festlichen Höhepunkt dieser Geschichte, denn eine Chaconne setzt ein im Augenblick des Triumphes, bremst den durchgeplanten Fortgang der Tragödie auf eine bewegte Stabilität und bewahrt die wache Aufmerksamkeit des Publikums (Raphaëlle Legrand):
Was ich denke (Pierrot le fou)
Was ich denke ist nicht wichtig,
durch dich leb ich mein Leben richtig.
Wie ein Vogel in meiner Hand –
frivol und frei fliegt er davon.
Nachruf auf eine Gourmette
Im Essen
kannte sie sich aus.
In Essen
hatte sie ein Haus.
Dort sie mich empfing
manches Mal im Saal,
wo sie mir
manches Mahl
empfahl.



