Liebesknurren

Liebe geht durch den Magen. Mein Magen knurrt recht oft. Er knurrt nach Liebe. Die Liebe weigert sich, hindurchzugehen. Oder hindere ich sie daran? Wieso sonst sollte die Liebe durch so viele Mägen gehen und gerade durch meinen nicht? Mein Hirn versucht auszuhelfen in dieser Misere und schaltet sich denkend ein. Es denkt an Josefine und dass ich mich von ihr getrennt habe.

Die Trennung von Josefine – war das meine Befreiung oder mein Rückzug? fragt mein Hirn. Moment, sage ich, eines nach dem anderen: Trennung, was ist das? Trennung – so nenne ich es, was geschehen ist zwischen Josefine und mir. Ich habe Zweifel, ob das der richtige Name ist für dieses Geschehen. Trennung ist ein Ding in meinem Kopf, und das Ding an sich, sagt zumindest Fichte, ist eine Erdichtung und hat gar keine Realität. Was ist also die Realität abseits dieses Dinges der Trennung?

Mein Hirn in seinem Polaritätsdenken hilft mir und denkt weiter: Das Gegenteil von Trennung ist Vereinigung. Gibt es das, totale Trennung und totale Vereinigung? Oder hat mein Hirn diese beiden Extrempole erfunden, um das Leben zu begreifen als ein Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe? Oszilliert die Realität zwischen Distanz und Nähe, zwischen Trennung und Vereinigung?

Während dieser Gedanken knurrt mein Magen unentwegt, knurrt nach Liebe. Ich gehe in ein Restaurant und gebe ihm Essen stattdessen. Ich stopfe mich voll, so als wollte ich der Liebe den Weg versperren. Mir wird schlecht. Obwohl ich so vollgestopft bin, fühle ich mich so leer. Ich betrauere mich, wie ich so vollgestopft allein an meinem Tisch sitze. Ich rutsche vom Stuhl und komme unter dem Tisch zum Liegen. Befreiung oder Rückzug? fragt nun mein Hirn wieder und kriecht zu mir unter den Tisch. Was weiß denn ich? Ich sehne mich nach Josefine. Ich ergebe mich dieser Sehnsucht und ziehe mich in sie zurück. Also Rückzug. Was veranlasst mich, diesen Rückzug anzutreten? Ist es eine Verweigerung der Liebe? Wieso bist du überzeugt davon, frage ich mein Hirn, dass ich es nicht wert bin, geliebt zu werden und baust alle deine weiteren Erkenntnisse darauf auf? Du verweigerst die Liebe von Josefine, um in deiner Überzeugung nicht gestört zu werden, um dich ungestört deiner unerfüllten Sehnsucht hinzugeben.

Hat diese Gedanken nun mein Hirn oder mein Magen gedacht? Mein Magen jedenfalls macht heftige Geräusche und Bewegungen, so als stoße ihm die fehlende Liebe sauer auf. Ich beschließe, das Treffen mit meinem Hirn unter dem Tisch zu beenden, hieve mich hoch, verlasse das Restaurant und gehe ins Freie. Befreiung?

Vor dem Restaurant steht zu meinem Erstaunen mitten im Freien eine Toilette, die mir und meinem Magen sehr gelegen kommt. Ich setze mich auf die Toilette und lasse den Dingen ihren Lauf. Plötzlich öffnen sich am Hochhaus gegenüber nach und nach alle Fenster. Menschen erscheinen an ihnen und beginnen zu singen, bis schließlich alle im Chor einstimmen: Nähe und Distanz, das Leben voll und ganz! Mein Hirn ist überwältigt, und mein Magen bereit für die Liebe, in diesem erhebenden Moment.

Musikalische Untermalung des Hochhauschors

Blick von der Freilufttoilette vor dem Restaurant zum Hochhaus