Wundervoller Morgen

Ein Wintermorgen, kalt und stechend die Luft. Die Sonne sendet erstes schwaches Licht hinter den verschneiten Ästen der Bäume. Ich biege ein in die lange Straße mit den Häusern, dicht an dicht gestaffelt. Die Straße liegt gebettet wie in einen Rhythmus an diesem Morgen; in keinen lauten, krachenden Rhythmus, sondern in einen ruhigen, tragenden. Ich denke an das Adagio in G-Moll nach Albinoni.

Quelle: www.youtube.com/watch?v=XMbvcp480Y4

Ich tauche ein in diesen Rhythmus. Die Häuser ziehen links und rechts an mir vorbei. Wieviele Stunden hat es gebraucht, all diese Häuser zu bauen? Wieviel Geschick und Handfertigkeit? Ist es nicht ein Wunder, was der Mensch alles erschafft? Er schafft moderne Höhlen, die er Häuser nennt, die wie steile Schluchten die Straßen säumen.

Da ist die Treppe zur U-Bahn vor mir. Ich werde die Treppen hinuntersteigen in den ausgegrabenen Untergrund, in einen Zug einsteigen, der mich durch lange Tunnel an einen Ort bringt, wo ich dann wie von Zauberhand hingebracht wieder an die Oberfläche gelange.

Ich sehe sie die Treppen hinuntersteigen. Sie trägt Kopfhörer und hat ihr Smartphone in der Hand. Ich folge ihr. Sie biegt um die Ecke und fährt die Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig.

Wir warten auf den Zug. Ab und zu blicke ich zu ihr hinüber. Ich will ihr erzählen von den Wundern, die ich heute schon erlebt habe: vom orangenen Licht hinter den weißen Zweigen; von den Schluchten, die ich durchschritten habe; von ihr, wie ich sie auf der Treppe gesehen habe und wie wunderbar ich es finde dass sie und ich geboren und auf diese Welt gekommen sind.

Sie blickt kurz zu mir herüber. Doch ehe mir ihr Gesicht etwas sagen könnte, wendet sie sich wieder ab. Will sie mir damit sagen: Hör bloß auf mit deinen Wundern, ich will nichts von ihnen hören?

Vielleicht ist es besser, Wunder einfach geschehen zu lassen, anstatt sie mit schnöden Worten zu beschreiben. Als der Zug kommt, steige ich einen Waggon hinter ihr ein. Und da ist wieder der Rhythmus, ich höre ihn ganz deutlich: das Adagio in G-Moll. Oh Remo Giazotto, hat dir wirklich Tomaso Albinoni diese wunderbare Musik eingeflüstert? Oder ist sie einfach nur wie ein Wunder über mich gekommen an diesem wundervollen Morgen?