Ohlstadt, sagt Vorderbrandner, ist für mich seit meinem 37. Lebensjahr ein magischer Ort. Vorher bin ich dort nie gewesen, bin immer auf der Autobahn daran vorbei gefahren, auf der langen Loisachbrücke schwebte ich dahin nach Garmisch oder bin vorher abgebogen, nach links Richtung Kochel oder nach rechts Richtung Murnau.
In meinem 37. Lebensjahr fühlte ich mich so krank, dass Miriam sagte, ich solle zum Arzt gehen, zu einem Arzt, der mich umfassend untersucht, um festzustellen, an welcher Krankheit ich leide. Der Arzt untersuchte mich umfassend und konnte keine Krankheit feststellen, an der ich leide, und er sagte, er kenne jemanden, der Leute behandelt, die glauben, an einer Krankheit zu leiden, obwohl sie an keiner Krankheit leiden. Er schickte mich zu Werner, und Werner sagte, ich solle mit ihm nach Ohlstadt kommen, dort würden wir uns mit anderen Leuten treffen, die auch glauben, krank zu sein, obwohl sie nicht krank sind.
Ich erbat mir Bedenkzeit und wollte von Miriam hören, dass ich nicht nach Ohlstadt fahren soll, doch Miriam sagte, dass ich nach Ohlstadt fahren soll, und auch eine kräftige, starke Stimme in mir sagte, dass ich nach Ohlstadt fahren soll. Ich fuhr nach Ohlstadt, und während der Fahrt sagten andere Stimmen in mir, ich solle umdrehen, es wäre sicherer, weiter krank zu sein, statt mich der Ungewissheit dieser Gruppe fremder Leute auszuliefern, die in Ohlstadt auf mich warten. Doch die kräftige, starke Stimme, die ich tief in mir spürte, setzte sich durch, und wenig später fand ich mich in einem hohen, hellen Raum in einem Stuhlkreis wieder, mit Werner und Leuten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Panik kam in mir hoch: Diesen kranken Leuten soll ich mich öffnen? Später im Bett wälzte ich mich hin und her, bis ich nur mehr einen Ausweg sah: Abhauen! Ich stieg ins Auto und raste zurück nach München. Ich schreckte Miriam aus dem Schlaf, um dann, nach nächtlicher Besprechung, wieder zurückzurasen nach Ohlstadt, zurück in die Ungewissheit, die man – das wusste ich damals noch nicht – das Leben nennt.
Der Tag begann im Freien, mit meditativer Musik, zu der wir in die Himmelsrichtungen atmeten. Es fühlte sich gesund an. Ich begann zu vertrauen, dass mich die Gruppe trägt, dass die anderen meine Freunde sind, dass ich durch ihre Anwesenheit mein Kranksein loslassen kann. Am Schluss der gemeinsamen Tage, bei einem von Werner organisierten Ritual, verkündete ich vor der Gruppe: „Ich bin jetzt endlich nur ich selber, so wie ich wirklich bin. Das Leben und ich sind eins.“ Danach, nach einem gemeinsamen Abend und einer letzten Nacht, fuhr ich ab aus Ohlstadt und kam nie mehr zurück. Das Leben rief.
Vor kurzem war ich in Garmisch, sagt Vorderbrandner. Bei der Rückfahrt nahm ich nicht die Autobahn, sondern die Bundesstraße 2 nach Murnau, die über Ohlstadt führt. Aufgeregt schlug mein Herz, als ich im gleißenden Sonnenlicht durch die Winterlandschaft rollte. Rechts von mir floss die Loisach, als vor mir ein riesiges Betonbauwerk auftauchte: die Loisachbrücke Ohlstadt, mit 1.315 Metern keine hohe, aber die längste Brücke Bayerns, auf der die Autobahn 95 nach Garmisch das Tal der Loisach überquert. Unter den schattigen Betonpfeilern der Brücke nahm ich die Ausfahrt von der Bundesstraße 2 nach Ohlstadt. Ich kam mir vor wie in einem Horrorfilm, der mir die Magie Ohlstadts austreiben soll. Wie viele Ingenieure waren beteiligt bei Konstruktion und Bau dieser riesigen, landschaftsdurchpflügenden Brücke, die Ohlstadt vom Murnauer Moos trennt? Hieß Ohlstadt beim Bau noch Ohlstadt oder Ing-Ohlstadt? Zogen die Ingenieure anschließend weiter nach Ingolstadt und haben das H in Ohlstadt vergessen?
Der Eindruck der Brücke hatte mich irritiert, abgelenkt. Ohlstadt durchquerte ich wie blind, ich konnte nichts mehr erkennen als einen schnöden Ort, der nicht ins Blaue Land von Kandinsky, Münter und Marc zu passen scheint. Ich blickte hinauf zu den Hängen Richtung Heimgarten und Herzogstand, wo wir damals umhergewandert sind mit Werner, auf dem Weg zu uns, auf dem Weg ins Leben. Die Wege trafen sich in Ohlstadt, doch sie gingen weiter, wie alles im Leben. Wohin sind die Wege der anderen gegangen, nachdem wir uns getrrennt hatten? Eine kurze Wehmut ergriff mich, ehe mich mein Weg weiter, zurück nach München führte.