Alle Beiträge von EmilHinterstoisser

Zum Tod von Milan Kundera

Ich ging zum Bücherregal und betrachtete die Rücken seiner Bücher. Ich wollte alle lesen und nahm keines in die Hand.

Stattdessen las ich wieder und wieder: Am Dienstag, dem 11. Juli, ist Milan Kundera in Paris gestorben. Das ist an sich keine Nachricht. Ich habe Milan Kundera nicht gekannt und Milan Kundera wollte nicht gekannt werden. Der Romancier ist im Hintergrund.

Seine Bücher sind tiefer Hintergrund. Vielleicht ist sein Tod deshalb so ein stiller, weil der aktuelle Zeitgeist nur den Vordergrund kennt.

 

Frank an den Furten

Er war Frank
ging mit Ochsen und Schwein
durch das Land
und war voller Hass.
Den Fluss überquerte er
an einer seichten Stelle,
an einer Furt.
Dort ließ er die Ochsen.
An der nächsten Furt
ließ er das Schwein.
Nun war er allein
mit dem Hass
doch auch den
ließ er zurück
an der nächsten Furt.
Auch Frank
wollte er nicht mehr heißen
und ließ diesen Namen
an der nächsten Furt.
Als er zur nächsten Furt kam
war er nur mehr er.
Er brauchte nicht mehr.

Heute erinnern die Städte Ochsenfurt, Schweinfurt, Haßfurt, Frankfurt und Erfurt an ihn.

Gedanken los

Die

B u c h s t a b e n

stehen vor mir wie Zeichen, die keinen Sinn ergeben. Abstrakt, also sich nur im Gedanklichen, Theoretischen bewegend und keinen unmittelbar feststellbaren Bezug zur Wirklichkeit habend, ist der letzte Sinn, den ich in ihnen erkennen kann. Mein Leben, so wie ich es bisher kenne, entschwindet mit dem entschwindenden Sinn der Buchstaben.

Du sitzt neben mir, das kommt mir fast wie ein Wunder vor, nach allem, was geschehen ist. Es ist ein Wunder, dass wir beide auf dieser Bank sitzen. Auf einer Bank, nicht auf zwei Stühlen, nein, auf einer Bank. Dein Körper und meiner auf einer Bank sitzend, dieser Zustand beruhigt mich, nein: Er beruhigt mich nicht, denn Beruhigen ist ein zu abstraktes Wort, viel zu abstrakt, wenn ich an unser konkretes Sitzen auf einer Bank denke. Ich will überhaupt nicht denken – weder abstrakt noch konkret -, wenn es um dich geht und um mich, deshalb will ich auch nicht schreiben, denn Schreiben ist Denken.

Jetzt rieche ich dich, ich rieche dich wie du neben mir auf einer Bank sitzt, dein Geruch dringt in meine Nase und lässt mich hinüberkippen, zunächst glaube ich, zu dir hinüberzukippen, ich glaube, die Bank sei plötzlich schief und lässt mich zu dir hinüberkippen, doch das ist eine falsche Wahrnehmung und folgich eine unzureichende Darstellung des Ereignisses, die Bank ist nach wie vor gerade, zumindest nach menschlichen Maßstäben, bin etwa nicht ich hinüber-, sondern du herübergekippt, viel zu viele Gedanken, die sich im Moment ihres Denkens als überflüssig erweisen, finden wir uns doch plötzlich in einem weichen Bett wieder, es ist anzunehmen, dass wir in es hineingekippt sind, ich spüre deine weiche Haut auf meiner, unsere Bewegungen machen es mir unmöglich, weiter zu schreiben, m e i n     K    o    p    f         l   ä       s       s      t     d        i         e                           G                      e          d                a         n   k     e

n

 

l

o

s

Weil du mich liebst

Die feinen Härchen auf deiner Haut stellten sich auf und signalisierten Abwehr. Obwohl du nackt warst, verhülltest du dich. Alles an dir verschloss sich. Ich machte eine ungeschickte Bewegung, weil ich überrascht und überfordert war von deiner plötzlichen Verschlossenheit.

Du kommentiertest meine ungeschickte Bewegung: Bist du behindert? sagtest du.

Ich war drauf und dran, mich als behindert wahrzunehmen und mich in dieser Wahrnehmung aus dem Zimmer ins Bad zu schleichen. Dann besann ich mich und ließ das Schleichen sein. Ich richtete mich auf und ging aufrecht ins Bad.

Als ich zurückkam, schmolltest du. Wir schwiegen. Augenkontakt verweigtertest du. Nach einer Weile sprangst du auf und gingst ins Bad.

Als du zurückkamst, hatte ich mich hingelegt. Du beugtest dich über mich. Bist du mir böse? flüstertest du mir ins Ohr. Ich begann deine Haare und deine Haut zu streicheln: Böse? Ich bin dir nicht böse. Ich bin dir nie böse. Weil ich weiß, dass du mich liebst.

Ratg-Eber

Die Zahl 4, vermutet Vorderbrandner, begleitet mich seit meiner Geburt. Obwohl seit jeher mehr zu den Buchstaben als zu den Zahlen hingezogen, liebe ich es, vier Buchstaben in einer Reihe zu sehen, oder acht, die ich dann durch zwei teilen kann. In meiner frühen Schulzeit, als ich lesen und schreiben lernte, waren die Wörter dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn und neunzehn aufgrund ihrer klaren 4+4-Struktur meine Lieblinge. Später wagte ich mich an komplexere Fälle wie das Wort Ratgeber heran, das ich nicht in die Worte Rat und Geber teilte, was drei plus fünf Buchstaben ergeben hätte. Ich blieb bei meiner strengen 4+4-Arithmetik und teilte das Wort in die Teile Ratg und Eber. Dabei stellte ich mir vor, dass Ratg eine Stadt sei, irgendwo im slawischen Sprachraum. Bald modifizierte ich diese Vorstellung dahin, dass Ratg eine bäuerliche Rotte sei, in der spezielle Eber, die Ratg-Eber, gezüchtet werden.

Später, im fortgeschrittenen Schulalter, vertraute ich nicht mehr meiner Vorstellungskraft, sondern recherchierte, was Ratg zu bedeuten habe, und fand heraus, dass Ratg in Österreich für Rechtsanwaltstarifgesetz steht. Nun war wieder meine Vorstellungskraft gefragt, nämlich darüber, was ein Rechtsanwaltstarifgesetz-Eber sein könnte. Ich studierte das österreichische Rechtsanwaltstarifgesetz, doch es stellte sich als eine zu abstrakte Basis dar, um Phantasie darüber zu entwickeln, was ein Rechtsanwaltstarifgesetz-Eber sein könnte. Wieso muss es unbedingt ein Eber sein? Wieso kann es keine Sau oder ein Ferkel sein, eine Ratg-Sau oder ein Ratg-Ferkel? Oder könnte man nicht allgemein vom Rechtsanwaltstarifgesetz-Schwein sprechen?

Ich verzweifelte über meinen Überlegungen, so Vorderbrandner weiter, und bekam den Eindruck, dass die Worte Ratg und Eber gemeinsam überhaupt keinen Sinn ergeben, zumindest nicht in meinem Kopf. Ich fragte meinen Deutschlehrer, ob er denn einen Sinn in der Kombination der Worte Ratg und Eber sehe, woraufhin mein Deutschlehrer sagte: Nein, aber wenn ich dir einen Rat geben darf…

Ich unterbrach ihn, denn ich hatte genug gehört. In meinen Ohren klangen die Worte Ratg und eben, woraufhin sich die Phantasie in meinen Kopf wieder aktivierte: Es muss sich bei Ratg um eine bäuerliche Rotte handeln, die in der Ebene liegt, auf ebenem Grund, um Platz für die Eber zu haben, die dort gezüchtet werden. Ich dachte sofort an Niedersachsen und seine riesigen Schweinefarmen, ruderte jedoch umgehend zurück, denn Ratg als Name einer niedersächsischen Bauernrotte konnte ich mir nicht vorstellen. War Ratg gar, trotz der vielen Berge und der wenig ebenen Flächen, eine Ansiedlung im Österreichischen, aufgrund des österreichischen Rechtsanwaltstarifgesetzes? Dazu würde die historische und geographische Nähe des Österreichischen zum Slawischen passen. Doch warum stellte ich mir Ratg als eine slawische Rotte vor? Dachte ich an die Stadt Ratibor, im schlesischen Tiefland gelegen (Ist es dort eben?), die jedoch nicht slawisch, sondern schlesisch ist?

In meiner völligen Verwirrtheit, so Vorderbrandner am Ende seiner Ausführungen, erschien mir mein Deutschlehrer. Und ich ließ ihn zu Ende sprechen: Wenn ich dir einen Rat geben darf: Weiche in diesem Fall – wenn es dir möglich ist – von deiner strengen 4+4 zu einer 3+5-Arithmetik ab!

Wahre Liebe

Anfangs fuhr ich den Neckar entlang, dann, bevor ich Stuttgart erreichte, bog ich ab und hügelte mich durchs Ländle. Ohne dich hätte ich diese Reise nicht unternommen. Du hast mich geschickt. Ich bin dir dankbar für überall, wo du mich hinschickst. Durch dich bewege ich mich, wie ich mich aus mir heraus nicht bewegte.

Ich kam an die Murr, einen Nebenfluss des Neckars. Ich sah die Murr nicht. Ich sah nur die Straße und die Häuser an ihr, und hatte ohnehin nur einen Blick für die Straßenschilder, um dort hin zu gelangen, wo du mich hingeschickt hast. Am Schleifrain – was immer das heißt – lieferte ich ab, um dann frei zu sein zu gehen, ins Land von Schiller, Hesse und Hölderlin. Ich verließ den Schleifrain und ging die Straße entlang, an den Häusern entlang, die hier Steinheime genannt werden. Schließlich war ich in Steinheim an der Murr. Die Murr sah ich immer noch nicht, stattdessen schwere Wolken am Himmel, und so beschloss ich, die hügeligen Fluren nicht zu durchwandern, sondern in einen Bus nach Marbach zu steigen. Der Bus hügelte nicht nach Marbach, sondern tunnelte sich durch Tunnels. Kurz vor Marbach, gerade aus dem Tunnel kommend, sah ich die Murr, wie sie in den Neckar fließt. In Marbach schillerte der Himmel nicht, im Gegenteil, die schweren Wolken hingen noch schwerer am Himmel, sodass ich nicht nach Schiller-Town ging, sondern am Bahnhof blieb und einen Zug nach Stuttgart bestieg.

Zunächst ließ ich mich über den Neckar brücken, um dann durch die Hügel nach Stuttgart hineingetunnelt zu werden, bis ich dem Zug ent- und aufwärts ins Tageslicht stieg, wo mich die Königstraße aufnahm. Stuttgart also, noch immer die schweren Wolken, zu denen der Dunst des gefallenen Regens hinaufstieg. Ich sah nicht die Möglichkeit hierzubleiben. Ich hatte zu große Sehnsucht nach dir. Ich wollte in Bewegung bleiben. Ich ging eine Schleife über Schlossplatz und Schlossgarten, bis ich die große Baustelle am Hauptbahnhof erreichte, wo mich ein Holzverschlag aufnahm, der in langem Bogen zu den Gleisen der Fernzüge führte. Mit hunderten Anderen durchschritt ich den Holzverschlag, die wie ich zu den Fernzügen wollten, und hunderte Andere kamen uns entgegen, die von den Fernzügen kamen. Wie zwei Kolonnen Gefangener durchschritten wir den Holzverschlag. Wie Opfer der modernen Welt. Back on the Chain Gang – ich hörte Chrissie Hyndes Stimme in meinem Kopf.

Wo warst du? Ich glaubte, dich verloren zu haben. Dass du mich nach Stuttgart geschickt hast, erschien mir eine harte Prüfung. Doch durch dich ist mir keine Prüfung zu hart. Du bist die Prüfung, die ich bestehen will.

Der Zug stieß hinaus aus der Stadt zum Neckar, fuhr ihn eine Weile entlang. Dann raste er durch die Tunnel nach Ulm. Bei Augsburg erreichte er den Regen, der an die Scheiben perlte. Ein Schauer durchjagte meinen Leib bei dem Gedanken, bald wieder bei dir zu sein.

Alles kommt und geht, sagtest du.
Jetzt sind wir hier, sagte ich.
Du liebst mich, sagte ich.
Ja, ich liebe dich, sagtest du.

Ich durchschritt die Bahnhofshalle. Ich bin gekommen, und ich werde gehen. Jetzt bin ich hier. From this moment on I know exactly where my life will go. Ich hörte John Lennons Stimme in meinem Kopf, während alle Gesichter mir sagten: Ja, es ist wahre Liebe. Die Stadt jubilierte. Das alles schien nur möglich, weil du mich nach Stuttgart geschickt hast. Muss man Stuttgart und sein Land nicht lieben? Es ist magisch, wie du mich das Glück erkennen lässt.