…Unterfrau…

Nach dem Erlebnis im Sommer, als ich dreizehn war, begann ich, meinen Körper hinter weiten T-Shirts und pludrigen Pullovern zu verstecken. Nicht begehrenswert, nicht begehrenswert. Keiner der Männer sollte mir zu nahe kommen und mich enttäuschen. Ein Mauerblümchen war ich, ein scheues, sensibles Seelchen. Das sagten die Leute.

Ich vergrub mich in Bücher, bis ich eines Tages las: Ein bildender Künstler ist jemand, der durch sein Werk Eindruck macht, nicht durch sich selbst. Das faszinierte mich. Mit seinem Werk Eindruck machen und selbst unsichtbar bleiben. Ich studierte Kunst, und dann arbeitete und arbeitete ich: Graphik und Design für die Werbung. Ich arbeitete tagelang, nächtelang, Projekt über Projekt. Eindruck machen mit dem was ich mache. Wahrscheinlich hätte ich mich zu Tode gearbeitet, wäre nicht Oleg in mein Leben gekommen. Oleg interessierte sich für mich. Ich war irritiert. Mein Werk, nicht ich, sollte Eindruck machen. Ich wehrte mich gegen seine Avancen. Er würde sich schon verziehen. Aber er verzog sich nicht. Er ließ nicht locker. Bis ich mich fangen ließ. Er zog mir meinen pludrigen Pullover und mein weites T-Shirt aus. Heftig pochte mein Herz, als ich nackt vor ihm stand. Jede seiner Berührungen ließ meinen Körper explodieren. Ich wurde feucht wie ich es noch nie gewesen war. Seine Stöße brachten mich in Ekstase. Begehrt! Begehrt! Ich wurde begehrt!

Durch Oleg war ich in einen Kreislauf gekommen, aus dem es kein Entrinnen gab. Er begehrte mich. Ich ließ mich begehren. Ich wurde süchtig nach Oleg, er war mein Übermann.

Mitten in diesem Begehren geschah etwas Unvorhergesehenes: Mein Vater starb. Nicht ganz so klischeehaft, wie man es vermuten würde, nämlich beim Sex mit einer jungen Geliebten, aber fast: Er war in Begleitung einer wesentlich jüngeren Dame – zwei Jahre jünger als ich, wie sich später herausstellte – als er zusammenbrach und nicht mehr wiederbelebt werden konnte. Ein Schock. So wie damals, als ich dreizehn war. Der Mann der Männer: tot. Meine Mutter: ein Häufchen Elend, Trost suchend bei ihrer jüngsten Tochter – mir.

Materiell gesehen war ich plötzlich reich geworden: Mein Vater hatte ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Insgesamt gesehen war es eine Misere: Das unerträgliche Gejammer meiner Mutter. Ohne meinen Vater geriet das Gefüge aus den Fugen.
Oleg sagte: Lass uns abhauen! Du hast doch jetzt Geld!
Wohin denn?
Nach Biarritz. Ich mach den Surflehrer und du widmest dich deiner Kunst.
Ohne etwas zu sagen, sagte ich mit meinen Blicken: Ja Oleg, gehen wir nach Biarritz! Für dich mache ich alles! Du bist alles was ich habe! Du darfst mich nur nicht verlassen! Versprich mir das!

In Biarritz hatte Oleg das Surfen und ich die Kunst. Alles schien gut. Aber ich bekam Angst. Angst, Oleg zu verlieren. Eines Abends – ich wusste, Oleg würde gleich nachhause kommen – stellte ich mich im sanften Abendlicht splitternackt ans Fenster, wie eine Skulptur. Ich machte mich selbst zum Kunstwerk. Oleg kam zur Tür herein und sah mich erstaunt an. Ich spürte meine Verletzlichkeit. Ich musste mein Kunstwerk retten und sagte: Oleg, bitte berühre mich und sag mir, dass ich eine schöne Frau bin!
Sei nicht lächerlich, Liliane! sagte er: Ich habe Hunger, und ging zum Kühlschrank.
Ein Schock! War ich ihm nicht mehr schön genug? War es mein Schicksal, von Männern nicht begehrt zu werden?

In den nächsten Tagen folgte ich Oleg heimlich in die Surfschule. Ich sah, wie er mit anderen Frauen flirtete. Ich stellte ihn zur Rede. Er meinte, ich solle ihn nicht mit meiner kranken Eifersucht belästigen, er würde doch wohl mit anderen Frauen reden dürfen. Ich bat ihn auf Knien, mich zu lieben. Er aber verließ mich.

Was sollte ich alleine in Biarritz? Oleg war der einzige, den ich kannte. Außer ihm gab es hier niemanden für mich. Außer ihm würde es niemanden geben. Ich setzte mich ins Auto und ließ Biarritz hinter mir.

L’amour en fuite. Liebe auf der Flucht. Ich hörte diesen lächerlichen Chanson von Alain Souchon. Ich hörte ihn immer wieder. Ein darstellender Künstler stellt sich selbst dar. Wie schrecklich! Wie abscheulich! Wie verletzlich! Ça coule sur ma joue. Tränen fließen über meine Wange. Ich fuhr und fuhr. Ich schleppte mich nach München. Meine Mutter empfing mich mit offenen Armen. Sie berührte und küsste mich wie damals, im Sommer, als ich dreizehn war. Wie ein kleines, schutzbedürftiges Mädchen. Mittlerweile war ich aber über dreißig Jahre alt…