Beute und Beate 1: Schreie und Stille

Ute saß im Gras. Ich ging zu ihr. Ich dachte: Heute ist der Tag, an dem wir uns näherkommen werden. Sie saß so hingemalt im Gras, dass ich dachte: Heilige Ute, sei meine Stute!

Als ich näherkam, bemerkte ich: Ute weinte. Ich blieb stehen. Ute sah zu mir hoch und lächelte kurz. Ich setzte mich neben sie ins Gras.
Es ist wegen meiner Schwester, sagte Ute. Wegen meiner älteren Schwester Beate. Ich komme gerade von ihr.
Was ist mit ihr?
Sie ist schwerbehindert.
Oh.

Ich war plötzlich unsicher, ob ich bei Ute im Gras bleiben will, doch unvermittelt, ohne mich zu fragen, ohne ersichtlichen Grund, fing sie zu erzählen an:

Unsere Mutter sagte oft zu Beate: Dir wird mal was Schreckliches passieren, du ungezogenes Mädchen! und Beate schimpfte daraufhin mit ihr: Mama, dir wird mal was Schreckliches passieren! Weil du es so willst! Hör auf mit diesem Gejammere! Mit deiner scheiß Angst vor allem und jedem!

Meine Mutter gelobte Besserung, trotzdem zog Beate bald aus. Sie hatte genug von diesem Scheiß. Sie suchte sich eine eigene Wohnung. Ich fühlte mich im Stich gelassen. Wahrscheinlich habe ich mich deshalb auf Hansi eingelassen. Hansi ist ein Lieber und Netter. Hansi glaubte zum Beispiel immer, dass meine Schwester wirklich Ate heißt, so wie ich sie rufe, und ich sagte: Nein Hansi, sie heißt nicht Ate, sondern Be-Ate, ein schöner Name, nicht so ein Wurmfortsatz wie Ute, woraufhin Hansi sagte: Wenn Ate Be-Ate heißt, dann heißt du für mich Be-Ute. Hansi glaubte, dass er mir damit seine Liebe beweist, mit diesem Wortspiel-Scheißdreck, und es war ja auch lieb gemeint, aber ich sagte nur: Das wäre schön Hansi, wenn ich deine Beute wäre!

Ich glaube nämlich, Hansi hat Angst vor Muschis, ja, ich bin mir sicher, er hat Angst vor Muschis: An einem Abend wollte ich es endlich wissen, ich war geil, legte mich nackt vor ihm aufs Bett, spreizte meine Beine, fingerte an meiner feuchten und erregten Muschi herum. Er blickte erstaunt und erschrocken, mehr erschrocken als erstaunt, und sagte: Entschuldige, aber ich kann gerade nicht.

Dann such dir eine andere, du Schlappschwanz! brüllte ich und komplementierte ihn zur Tür hinaus. Ohne Widerstand ging er. Ich lag daraufhin auf meinem Bett, als ich meinen Vater nachhause kommen hörte.

Er kam zur Tür herein, schrie meine Mutter an, ich hörte, wie er sie schlug, er schlug sie oft, dann schrie meine Mutter, sie schrie entsetzlich, es erschreckte mich, denn meine Mutter schrie nie, wenn mein Vater sie schlug, obwohl er sie so oft schlug, aber jetzt schrie sie. Und dann, plötzlich, war es still, mucksmäuschenstill. Eine unheimliche Stille, eine unerträgliche Stille, die nie zu enden schien. Ich kroch vorsichtig aus dem Bett, öffnete lautlos die Tür. Da sah ich meinen Vater vor meiner reglosen Mutter.

Ich habe sie erwürgt, sagte er. Ich hatte ihn noch nie so still gesehen.

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