Mit dir auf die Insel

Das Meer und der Marmor, dazwischen das Grün. Bald ist der Hafen erreicht, ganz leicht. Ein Schiff wird kommen, nimmt uns mit. Vorne stehen auf dem Bug und die wogenden Wellen spüren. Der Blick auf das Ziel, auf die Insel, die Insel meiner Träume und du neben mir. Die Sonne wird tiefer, das Ziel rückt näher. Das Leben ist schön. Ich will so viel sagen, genau deshalb sage ich nichts. Es reicht mir mein Blick in deine Augen und ich sehe das Meer in dir. Das Meer in dir bringt uns auf unsere Insel. Du und ich.

Besorgungen eines Mannes, der Ruhe sucht

Einen ruhigen Ort aufsuchen, um dort zu ruhen, um dort zu mir zu kommen, und dann voller Kraft ins Leben zurückkommen. Das will ich tun!

Doch mich beschleicht der Zweifel: Es könnte zu ruhig sein an diesem Ort. Eine Frau soll mitkommen. Doch welche? Ich muss sie mir wohl vorher besorgen. Also Frau besorgen.

Einer Frau muss man etwas bieten. Geld, Einkommen, Status. Also muss ich mir zunächst einen Job besorgen, der mir Geld, Einkommen und Status bringt. Danach erst kann ich eine Frau besorgen.

Doch kann ich mir ohne die Zuneigung einer Frau einen Job besorgen? Es dreht sich alles im Kreis und ich bekomme keinen Fuß auf den Boden. Das Wirtschaftssystem, die Wertschöpfung, die Ausbeutung, die Ideen der Menschheit. Große Gedanken in meinem Kopf, die Unruhe erzeugen, anstatt Ruhe. Ich wollte doch ruhen!

Ich werde einen ruhigen Ort aufsuchen. Ohne Frau, ohne Job. Einfach so. Besorgungen später.

Wortlos im Wald (Gegenteile)

Mein Kopf ist voll von Worten. Oder soll ich es einfach nur Buchstabengewirr nennen? Um dem Gewirr zu entrinnen, schnappe ich mir den Hund, stecke uns beide ins Auto und fahre raus. Dorthin, wo sich der Wald kilometerweit erstreckt und die Pfade ihn so kreuz und quer durchziehen, dass man sich leicht verlaufen kann wenn man will.

Wir gehen wortlos durch den Wald. Selbst meine Gedanken will ich wortlos denken, doch ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich geht. Wortlose Gedanken? Zwei, drei Stunden begegnen wir keinem Menschen, der mich zwänge, Worte des Grußes auszusprechen. Nicht einmal einem Schild mit Aufschrift begegnen wir, das ich, unfähig es zu ignorieren, lesen müsste.

Dann sehe ich in einiger Entfernung einen Mann, der unseren Weg kreuzt. Um eine wortreiche Begegnung zu vermeiden, rufe ich Paul, den Hund. Ich rufe: „Hier!“, und während ich dieses Wort rufe, wird mir bewusst, dass ich ein Wort rufe. Ich habe das Wort hier gerufen, das aus vier Buchstaben besteht und zweifelsohne ein Wort ist. Für Paul ist es ein akustisches Symbol herzukommen, doch das soll nicht ablenken von der Tatsache, dass ich meinen Vorsatz des wortlosen Nachmittags im Wald gebrochen habe.

Ich bin plötzlich wieder mittendrin in der Welt der Worte, mit dem Ausruf des Wortes hier. Mir fällt auf, dass man dort als das Gegenteil von hier betrachten kann, und dass beide Wörter aus vier Buchstaben bestehen und so in meinem Kopf eine angenehme Symmetrie bilden. Dann fällt mir das Wort Dortmund ein, und es wundert mich, dass dieses Wort der Name einer Stadt im Ruhrgebiet ist, und dass Dortmund aus vier + vier = acht Buchstaben besteht. Gibt es ein Gegenteil zum Wort Mund? Mir fällt spontan der Anus ein. Das Gegenteil von Dortmund ist somit, nach logischer Schlussfolgerung, Hieranus.

Werden die Anhänger des Fußballvereins Borussia Dortmund, wenn sie dies hier lesen, ihren Konkurrenzverein FC Schalke 04, der ja so etwas wie das Gegenteil ihres Vereins darstellt, fortan FC Hieranus 04 nennen? Mich fasziniert die Zahl 4 im Vereinsnamen von Schalke, denn das bringt mich zurück zu den Wörtern dort, hier, Mund und Anus, die allesamt aus vier Buchstaben bestehen.

„Du Pappnase“, sagt jetzt mein kritisches Eltern-Ich zu mir, „was hast du nur für Gedanken im Kopf?“
„Danke“, sage ich zu meinem kritischen Eltern-Ich, „danke für das Wort Pappnase!“ Es besteht aus vier + vier = acht Buchstaben und reiht sich perfekt in meine bisherigen Überlegungen ein.

Der Mann, den ich gerade gesehen habe, ist weitergegangen und aus meinem Blickfeld verschwunden. „Lauf Paul!“ sage ich, und spüre plötzlich einen Zwang in mir, nur noch Worte mit vier Buchstaben auszusprechen. Dabei wollte ich doch wortlos durch den Wald gehen.

Weiter im Wald: Ich höre Vogelgezwitscher. Das Vogelbuch verrät mir, dass ich einen Stieglitz höre, der als Lockruf ein zweisilbiges, helles Didlitt ertönen lässt. Das ist ein schönes Wort, obwohl es aus sieben und nicht aus vier Buchstaben besteht.

Appe-ndix

Hier soll sehr viel Ruhe sein,
sagt Emil also zuse inem Hund.
Doch wenn derV ogel ruft
dann kann eswe rden laut,
sagt dann sein Hund.

Schweigeminuten

Der Regen an diesem Morgen hat ihr Drehbuch geschrieben. Er und sie stehen am Bahnsteig der U-Bahn. Er versucht zu reden. Ganz deutlich höre ich Worte, die seine Lippen passieren. Doch es bleibt bei den Versuchen, denn seine Worte kommen nicht an. Wie hilflose Versuche einer Kontaktaufnahme entfliehen sie in die Weite des Seins.

Sie sagt ja.
Ja.
Nach ein paar Worten von ihm sagt sie wieder: Ja…
Ja.
Ihre Augen sind groß und fragend hinter der dicken Brille, so als bitte sie ihn inständig: Hör bitte zu reden auf! Deine Worte sind bedeutungslos. Sie bedeuten nichts. Nichts, nichts.

Die U-Bahn kommt, und ich habe das Glück, im Waggon direkt neben ihnen zum Stehen zu kommen. Sie reden nichts. Doch jetzt erzählen sie sich große, bedeutungsvolle Geschichten:

Seine Augen so traurig, voller Enttäuschung. Ihre Augen groß und fragend hinter der dicken Brille. Die Sehnsüchte im Raum unendlich. Ich und die vielen anderen im Waggon lauschen ihnen andächtig und gespannt.

Seine Augen sagen: Lass uns über weite grüne Fluren tanzen, wo die Sonne scheint und wir glücklich sind!
Ihre Augen sagen: Weite grüne Fluren? Du glaubst doch wohl nicht an weite grüne Fluren?
Seine Augen sagen: Ja, du hast recht. Ich glaube nicht an weite grüne Fluren. Ich bin ein Mann des Regens, obwohl ich solche Sehnsucht nach der Sonne habe.
Ihre Augen sagen: Ich habe mir so sehr gewünscht, dass du mir jetzt sagst, dass du an sie glaubst, an die weiten grünen Fluren, über die wir tanzen. Aber wieder sagst du mir, dass du nicht an sie glaubst, an die weiten grünen Fluren.

Die Sehnsüchte bleiben hängen, tragisch, unerfüllt. Ich würde ihm gerne eine Regieanweisung geben: Nimm ihr die Brille ab, und dann schaue ihr ganz tief in die Augen, bis sie sie sieht, die weiten grünen Fluren in dir!

Aber ich bin nicht zuständig für das Drehbuch ihres Lebens.

Der Applaus für das Drama bleibt aus an der nächsten Haltestelle. Es ist nicht zum Lachen. Und doch hat sich das Leben ruhig verraten, in diesen Schweigeminuten.

Latschenkiefernöl

„Ich mag den Duft von Latschenkiefernöl“, habe ich zu dir gesagt. Du hast gelächelt. Dieser Moment, er war schön, als ich zu dir gesagt habe, dass ich ihn mag, den Duft von Latschenkiefernöl.

Jetzt flehe ich dich an und sage: „Ich mag mich nicht. Rette mich vor meinem Ich! Du! Du! Du! Rette mich vor meinem Ich!“ Du stehst auf und gehst. Du gehst langsam und gelassen, aber du gehst. „Du kannst doch jetzt nicht gehen“, rufe ich dir nach, „jetzt, wo ich so verzweifelt bin!“ Aber das beeindruckt dich nicht.

Ich brauche Rat, denn ich weiß nicht, was ich nun tun soll mit meinem Ich. Ich raffe mich auf und suche Rat. Der erste Rat sagt: „Steh um sechs Uhr auf und mache sechs Ich-Übungen, so entdeckst du dein Ich.“ „Nein“, ruft da gleich der zweite Rat: „Sage alle zehn Minuten zehnmal Ich, so findest du dich!“ „Nein“, ruft der dritte Rat dazwischen: „Gehe abends in den dunklen Park und rede mit den Bäumen, die führen dich zu deinem Ich.“ Plötzlich bin ich umzingelt von Räten, und sie schlagen auf mich ein; denn das ist ja ihre Aufgabe: Rat-Schläge zu geben. „Wir meinen es nur gut mit dir!“ rufen sie, und schlagen und schlagen und sind in einem regelrechten Rausch. Und ich werde immer weniger ich.

Ich halte es nicht mehr aus. Ich flüchte. Ich laufe so schnell ich kann. Ab und zu möchte ich stehenbleiben und einen Rat erfragen, doch kaum werde ich langsamer, kommen wieder die Schläge über mich und ich laufe erschrocken weiter. Sie hören nicht auf, die Räte, den Weg zu säumen und mir Rat-Schläge zu geben. Um den Schlägen endgültig zu entfliehen, fasse ich meinen ganzen Mut zusammen und springe. Ich springe mitten ins Ungewisse meines Ichs…

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Das Wasser ist warm, in dem ich treibe. Ich recke und strecke meinen Körper und sage nur: „Ich Ich Ich.“ Das Wasser duftet nach Latschenkiefernöl. Da sehe ich dich. Du beschenkst mich mit dem Duft von Latschenkiefernöl, weil du weißt, dass ich ihn mag, den Duft von Latschenkiefernöl. Ist das schön, mit dir zu treiben im warmen Wasser! Durch dich habe ich mir mein Ich neu geschenkt. Ich berühre dich und sage: „Du Du Du“ und „Ich Ich Ich“, weil ich jetzt weiß, wie das geht: sich zu lieben.