Back to Anger (Ihr Kinderlein saufet) – Teil 1

Ein grauer Dezembertag im Jahr 2020, kurz vor Weihnachten, mitten im Corona-Lockdown. Vorderbrander fuhr mich mit einem London-Taxi durch München, triftige Gründe hatten uns dazu gebracht: Wir waren auf der Suche nach Inspiration für unser Feature Alkoholismus unterm Weihnachtsbaum, kamen aber nicht recht voran. Dann wurden wir auch noch von der Realität eingeholt. Doch bevor ich von dieser realistischen Einholung erzähle, muss für Ihr Verständnis, geneigter Leser, Folgendes erwähnt werden:

Zum Tal der Stoisser Ache – dem Stoissertal, wie ich es nenne – habe ich eine romantische Beziehung, obwohl es nicht nur von der Ache, sondern auch vom Verkehr der Autobahn München-Salzburg durchflossen wird. Zwischen den sanften Hügeln des Högls und des Stoissbergs liegt das grüne Tal, und oben, wo die Ache entspringt, an den Flanken des Stoissbergs, liegt das Gut Hinterstoiss, wo der erste Hinterstoisser wohnte, oder zumindest der erste, der so genannt wurde.

Ich war gerade achtzehn geworden, es war ein milder Frühlingstag Mitte der 1990er Jahre, und ich näherte mich dem Stoissertal wie immer von Norden, von Freilassing kommend, ich radelte über die Westflanken des Högls nach Anger, dem größten Dorf im Stoissertal. Ich weiß nicht mehr, was genau der Grund war, dass ich nach Anger radelte, es kam durchaus vor, dass ich ohne Grund nach Anger radelte, aber ich glaube, an diesem Tag war ich zum Sportplatz unterwegs, um meinen Onkel zu treffen, meinen Onkel traf man immer am Sportplatz, der Fußball war sein Leben, auch wenn er sich damit nicht sein Leben verdiente. Aber ich kam beim Sportplatz nicht an, denn ich traf Mitterbichler, ja, so war es, ich fuhr am Dorfplatz von Anger vorbei, der ein Anger ist, eine kleine Wiese, dann blickte ich kurz zurück, ich weiß nicht wieso ich zurückblickte – Don’t look back in Anger! – jedenfalls sah ich bei diesem Blick zurück Mitterbichler stehen, Mitterbichler, auch gerade achtzehn geworden, mit seinem gerade erworbenen Wagen, ich fuhr zurück, oder fuhr er zu mir, so genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls ließ ich mein Fahrrad stehen und stieg zu ihm in den Wagen, er fuhr los, er sagte:
„Das Gute an Anger ist, dass es eine Autobahnauffahrt nach München gibt, aber keine Abfahrt. So ist man schnell in München, aber nicht so schnell zurück.“
„Du willst nach München fahren?“
„Natürlich.“
Er bog auf die Autobahn, die direkt neben dem Ort vorbeiführt, drückte aufs Gas und ließ dazu Oasis – Don’t Look Back in Anger laufen, in Dauerschleife, bis nach München. Mitterbichler trug eine Sonnenbrille mit rötlichen Gläsern, das fällt mir jetzt wieder ein während ich es erzähle, und er sang lauthals mit, als eine Art bayrischer Noel Gallagher. Wir brausten die Autobahn entlang Richtung Westen, Richtung München, Richtung Freiheit.

In München hingen wir zunächst im Englischen Garten rum, dann gingen wir in Schwabing von Kneipe zu Kneipe, ich erinnere mich an Mitterbichlers erwartungsvolle Blicke jedesmal wenn wir eine neue Kneipe betraten, als erwarte ihn etwas ganz Besonderes, der Mythos Schwabing, die große Freiheit, alle schönen Frauen dieser Welt, die ihm all seine Träume erfüllen. Wir tranken und tranken, ich hielt zu meinem Glück nicht mit seinem Tempo mit, denn irgendwann war Mitterbichler sturzbetrunken, und so toll ich es fand, so unvermittelt mitten in Schwabing unterwegs zu sein, so unangenehm empfand ich es mit zunehmender Dauer, mit Mitterbichler unterwegs zu sein. Irgendwann torkelten wir aus der letzten Kneipe, hart aus unseren Träumen gerissen, Mitterbichler wusste erstaunlicherweise noch, wo der Wagen stand, wir klappten die Sitzlehnen um und versuchten zu schlafen, aber uns fröstelte, zwischendurch öffnete Mitterbichler die Tür und kotzte auf die Straße, ich tat kein Auge zu, es war schlechte Luft im Wagen, irgendwann stieg ich aus dem Wagen, ich wäre am liebsten gegangen, um mich alleine durchzuschlagen, aber ich tat es nicht, stattdessen fuhren wir verkatert nach Anger zurück, Mitterbichler gab wieder Don’t look back in Anger rein, aber schon bei Brunnthal machte er die Musik wieder aus, es war noch immer schlechte Luft im Wagen, an einem Ärmel von Mitterbichlers Jacke – sie war braun und hatte einen roten, einen gelben und einen weißen Streifen über der Brust und an den Ärmeln (erstaunlich, wie genau ich mich erinnere) – an einem Ärmel dieser Jacke hingen Reste von seinem Erbrochenen, dass er sich vom Mund gewischt hatte.
„Bist du noch im Fußballverein?“ fragte ich, als ich neben der Autobahn einen Fußballplatz sah.
„Ja, und bei der Musikkapelle. Heute Nachmittag Spiel, heute Abend Probe.“
Die Fahrt ging schweigend weiter. Mitterbichler bewies Durchhaltevermögen. In seinem Zustand fuhr er uns sicher nach Anger zurück. Als wir von der Autobahn abfuhren, sagte er:
„Irgendwann hau ich endgültig ab von hier, nach München, oder vielleicht sogar nach London, Manchester. Aber jetzt mal back to Anger.“

weiter zu Teil 2