Warten auf Weihnachten

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Mein Vater hat viele Dinge aus Metall erschaffen, die dann, sobald er sie erschaffen hatte, so etwas wie ein Eigenleben entwickelten, also wie lebendig erschienen.

Einmal kam er auf die Idee, Weihnachtsbäume aus Metall zu schmieden. Er meinte, so müsse man nicht jedes Jahr Schlange stehen vor den Ständen, um einen echten Baum zu kaufen. Sondern man hat einen Baum aus Metall zuhause, einen Baum für die Ewigkeit. Und um das ganze abzurunden, schuf er noch einen zweiten Ersatzbaum aus Metall. Meine Mutter überzeugte das jedoch nicht, und so kauften wir fortan weiter echte Bäume.

Ich habe dann, als ich erwachsen wurde und in die Welt zog zum Studieren und Arbeiten, die Bäume aus den Augen verloren. Ich wusste nicht, was aus ihnen geworden war. Ich dachte manchmal daran, dass sie Jahr für Jahr darauf warten, zu Weihnachten im Lichterglanz zu erstrahlen, um dann wieder in einer dunklen Ecke stehen gelassen zu werden. Das Warten metallener Weihnachtsbäume auf Weihnachten stelle ich mir fast schlimmer vor als das Warten Vladimirs und Estragons auf Godot im Stück von Beckett. Ich habe gehört, metallene Weihnachtsbäume haben kein Zeitgedächtnis, und so warten sie ohne ein Gefühl dafür, wie lange es noch dauern könnte, bis endlich Weihnachten ist.

Vor ein paar Tagen dann traute ich meinen Augen nicht. Der metallene Weihnachtsbaum stand da, an einem heißen Sommernachmittag, festlich geschmückt und bereit für das große Fest. Sein Bruder, der Ersatzbaum, hingegen, hat sich seiner Reservistenrolle gefügt und lag schmucklos daneben.

Warten sie auf Weihnachten, oder genießen sie den warmen Sommer, um den Winter wie immer in einer dunklen Ecke zu verbringen? Ich fragte mich, ob metallene Weihnachtsbäume denn einen wirklich heißen Sommertag genießen können. Ihnen muss doch viel heißer sein als uns Menschen aus Fleisch und Blut. Sie blieben stumm. Und trotzdem haben sie mir so viel gesagt, die metallenen Weihnachtsbäume meines Vaters.

Was ist jetzt?

Es ist vorbei. Das, was ich Vergangenheit nenne, ist vorbei. Die Sekunde, die jetzt ist, ist in der nächsten Sekunde vorbei. Doch was ist jetzt?

Ich spüre es so sehr, obwohl es längst vorbei ist. Diese Straße im engen Bergtal, auf der ich gehe, hat mein Großvater mitgebaut, damals, im Straßenbaufieber im Deutschen Reich der 1930er Jahre. Das ist vorbei. Doch ich bilde mir ein, ihn vor mir zu sehen, hier in diesem Tal. Was weiß ich schon von meinem Großvater! Ich spüre ihn nur, als ob die Vergangenheit nicht vorbei wäre, sondern jetzt wiederkommt zu mir.

Der Schlaf in der Hütte in diesem engen Tal fällt mir nicht leicht. Die Zukunft scheint zentnerschwer vor mir zu liegen. Ich stehe auf, gehe hinaus, hoch auf die Almwiese und blicke in die mondklare Nacht. Was ist jetzt? Ich blicke hinauf zu den Sternen und sage zu ihnen:

Die Vergangenheit beklage ich.
Die Zukunft befürchte ich.
Die Gegenwart bestreite ich.
Lebe ich denn?

Die Sterne schauen mich an, und in ihrer kraftvollen Ruhe bedeuten sie mir: Die Gegenwart sind wir. Ich hole tief Luft und spüre den Atem in mir. Ich spüre die Energie, die er mir gibt. Ist das das Leben? Vor mir wiegt sich das Gras in einem leichten Windstoß, vom Mondlicht beschienen. Ich rieche die Düfte der Pflanzen. Die Baumwipfel stehen mir Spalier.

Was ist jetzt? Die Beschreibung bleibt ungenau. Ich atme.

Gedanken und Gefühle

Ich denke viel nach. Wie fühlt sich fühlen an?

Meine Blicke auf sie schmeicheln ihr. Sie öffnet gnädig ihre Bluse und lässt mich an ihre Brust. Während ich mich darin vergrabe, beginnt sie schallend zu lachen. Ich fühle mich ausgelacht und bin mutig genug, ihr das zu sagen.

„Aber nein, mein Kleiner“, sagt sie darauf, „fühle dich doch nicht ausgelacht! Du bist mein Freund. Ich habe dich kreiert, als meinen Freund. Deshalb verlasse ich dich nicht, und wenn ich gut drauf bin, darfst du auch an meinem Busen nuckeln.“

Ich reisse mich weg von ihr. Ich habe plötzlich Spaß daran, sie so entblößt vor mir zu sehen, ihren zerbrechlichen Stolz zu Fall zu bringen.

Keine Aufrichtigkeit, kein Vertrauen zwischen uns; sondern Misstrauen und beiderseitiger Anspruch auf Überlegenheit. Ist es das, was uns zusammenhält: diese fatalen Abhängigkeiten?

Was sind das für Gedanken in meinem Kopf? Wo ist das Gefühl? Ich habe eine Idee: Ein Gefühl führt normalerweise zu einer Handlung. Wird die Handlung jedoch nicht ausgeführt, wird das Gefühl zum Gedanken ausgebaut, und der Gedanke umklammert das Gefühl und lähmt es und nimmt ihm die Chance, das Handeln geschehen zu lassen.

Ich habe schon oft ein Gefühl gehabt, und bin ihm dann im Kopf nachgegangen. Meine Gedanken haben das Gefühl getötet, langsam und quälend. Ich habe geweint ob dieser qualvollen Tode. Doch es erschien mir der einzig richtige Weg, mit den Gefühlen umzugehen.

Soll ich sie in meine Arme nehmen, als konsequente Handlung? Da fällt mir auf: Ich habe das alles nur geträumt.

Schief ist mein neues Gerade

Das Fenster klappert schief im Wind. Die schiefe Treppe knarzt unter meinen Füßen. Im Traum liege ich schief im Bett. Gerade macht mir Angst. Zu deutlich macht mir Angst. Das Schiefe um auf die neue Bahn zu geraten; nur scheinbar steckenbleiben im Schiefen, weil ich Pause brauche. Der schiefe Blickwinkel zeigt mir neue Perspektiven. Das kann ich jetzt so stehen lassen, denn es ist schief und hat nicht den Anspruch, gerade zu sein.

Mit dir auf die Insel

Das Meer und der Marmor, dazwischen das Grün. Bald ist der Hafen erreicht, ganz leicht. Ein Schiff wird kommen, nimmt uns mit. Vorne stehen auf dem Bug und die wogenden Wellen spüren. Der Blick auf das Ziel, auf die Insel, die Insel meiner Träume und du neben mir. Die Sonne wird tiefer, das Ziel rückt näher. Das Leben ist schön. Ich will so viel sagen, genau deshalb sage ich nichts. Es reicht mir mein Blick in deine Augen und ich sehe das Meer in dir. Das Meer in dir bringt uns auf unsere Insel. Du und ich.

Besorgungen eines Mannes, der Ruhe sucht

Einen ruhigen Ort aufsuchen, um dort zu ruhen, um dort zu mir zu kommen, und dann voller Kraft ins Leben zurückkommen. Das will ich tun!

Doch mich beschleicht der Zweifel: Es könnte zu ruhig sein an diesem Ort. Eine Frau soll mitkommen. Doch welche? Ich muss sie mir wohl vorher besorgen. Also Frau besorgen.

Einer Frau muss man etwas bieten. Geld, Einkommen, Status. Also muss ich mir zunächst einen Job besorgen, der mir Geld, Einkommen und Status bringt. Danach erst kann ich eine Frau besorgen.

Doch kann ich mir ohne die Zuneigung einer Frau einen Job besorgen? Es dreht sich alles im Kreis und ich bekomme keinen Fuß auf den Boden. Das Wirtschaftssystem, die Wertschöpfung, die Ausbeutung, die Ideen der Menschheit. Große Gedanken in meinem Kopf, die Unruhe erzeugen, anstatt Ruhe. Ich wollte doch ruhen!

Ich werde einen ruhigen Ort aufsuchen. Ohne Frau, ohne Job. Einfach so. Besorgungen später.

Wortlos im Wald (Gegenteile)

Mein Kopf ist voll von Worten. Oder soll ich es einfach nur Buchstabengewirr nennen? Um dem Gewirr zu entrinnen, schnappe ich mir den Hund, stecke uns beide ins Auto und fahre raus. Dorthin, wo sich der Wald kilometerweit erstreckt und die Pfade ihn so kreuz und quer durchziehen, dass man sich leicht verlaufen kann wenn man will.

Wir gehen wortlos durch den Wald. Selbst meine Gedanken will ich wortlos denken, doch ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich geht. Wortlose Gedanken? Zwei, drei Stunden begegnen wir keinem Menschen, der mich zwänge, Worte des Grußes auszusprechen. Nicht einmal einem Schild mit Aufschrift begegnen wir, das ich, unfähig es zu ignorieren, lesen müsste.

Dann sehe ich in einiger Entfernung einen Mann, der unseren Weg kreuzt. Um eine wortreiche Begegnung zu vermeiden, rufe ich Paul, den Hund. Ich rufe: „Hier!“, und während ich dieses Wort rufe, wird mir bewusst, dass ich ein Wort rufe. Ich habe das Wort hier gerufen, das aus vier Buchstaben besteht und zweifelsohne ein Wort ist. Für Paul ist es ein akustisches Symbol herzukommen, doch das soll nicht ablenken von der Tatsache, dass ich meinen Vorsatz des wortlosen Nachmittags im Wald gebrochen habe.

Ich bin plötzlich wieder mittendrin in der Welt der Worte, mit dem Ausruf des Wortes hier. Mir fällt auf, dass man dort als das Gegenteil von hier betrachten kann, und dass beide Wörter aus vier Buchstaben bestehen und so in meinem Kopf eine angenehme Symmetrie bilden. Dann fällt mir das Wort Dortmund ein, und es wundert mich, dass dieses Wort der Name einer Stadt im Ruhrgebiet ist, und dass Dortmund aus vier + vier = acht Buchstaben besteht. Gibt es ein Gegenteil zum Wort Mund? Mir fällt spontan der Anus ein. Das Gegenteil von Dortmund ist somit, nach logischer Schlussfolgerung, Hieranus.

Werden die Anhänger des Fußballvereins Borussia Dortmund, wenn sie dies hier lesen, ihren Konkurrenzverein FC Schalke 04, der ja so etwas wie das Gegenteil ihres Vereins darstellt, fortan FC Hieranus 04 nennen? Mich fasziniert die Zahl 4 im Vereinsnamen von Schalke, denn das bringt mich zurück zu den Wörtern dort, hier, Mund und Anus, die allesamt aus vier Buchstaben bestehen.

„Du Pappnase“, sagt jetzt mein kritisches Eltern-Ich zu mir, „was hast du nur für Gedanken im Kopf?“
„Danke“, sage ich zu meinem kritischen Eltern-Ich, „danke für das Wort Pappnase!“ Es besteht aus vier + vier = acht Buchstaben und reiht sich perfekt in meine bisherigen Überlegungen ein.

Der Mann, den ich gerade gesehen habe, ist weitergegangen und aus meinem Blickfeld verschwunden. „Lauf Paul!“ sage ich, und spüre plötzlich einen Zwang in mir, nur noch Worte mit vier Buchstaben auszusprechen. Dabei wollte ich doch wortlos durch den Wald gehen.

Weiter im Wald: Ich höre Vogelgezwitscher. Das Vogelbuch verrät mir, dass ich einen Stieglitz höre, der als Lockruf ein zweisilbiges, helles Didlitt ertönen lässt. Das ist ein schönes Wort, obwohl es aus sieben und nicht aus vier Buchstaben besteht.

Appe-ndix

Hier soll sehr viel Ruhe sein,
sagt Emil also zuse inem Hund.
Doch wenn derV ogel ruft
dann kann eswe rden laut,
sagt dann sein Hund.