Krieg und Saufen II

Was berechtigt mich, meinen Großvater anzuklagen? Was weiß ich über meinen Großvater? Er war Nationalsozialist, von Anfang an. Das wurde immer wieder erzählt, denn sie brauchten einen, an dem sie sich reinwaschen konnten, um zu vergessen, dass sie selber Nazis waren. Also war mein Großvater der böse Nazi in der Familie. Also war mein Großvater der böse Nazi im Dorf. Es ist immer gut, einen zu haben, dem man Unangenehmes zuschieben kann, um es bei sich selbst nicht sehen zu müssen. Ich zeige mit dem Finger auf meinen Großvater.

Ich sehe meinen Großvater, wie er nachhause kommt vom Wirtshaus, stockbesoffen. Er hat zugeschlagen, der böse Nazi, hat seine Frau und seine Söhne geschlagen, unerbittlich und unversöhnlich. Ein böser Nazi schlägt zu, was denn sonst? Ich sehe meinen Vater, wie er sich duckt vor den Schlägen. Ich sehe, wie mein Großvater endlich von den Schlägen ablässt und erschöpft ins Bett fällt und eine quälende Ruhe einkehrt. Die Nacht vergeht ohne Schlaf, und im Morgengrauen möchte jeder glauben, dass nicht geschehen ist, was geschehen ist. An den Tagen klebte ein Geruch wie verschüttetes Bier. Auf diesen Geruch wurde neues Bier geschüttet.

Die Zettel meiner Väter auf dem Boden, und ich beginne zum ersten Mal, an meiner Friedfertigkeit zu zweifeln. Denn die Zettel auf dem Boden machen mich wütend. Aber ich bin nicht bereit, meine Friedfertigkeit aufzugeben. Sie ist mein Markenzeichen. Ich bin der nette Emil, der der Welt nichts Böses tut. Und Krieg – Krieg ist ganz weit weg von mir. Der Therapeut zeigt unterdessen auf den anderen Zettel am Boden und fragt, was es denn mit diesem Zettel auf sich habe? Das ist mein Vater, sage ich, aber das interessiert mich nicht. Mein Vater hat hier nichts zu sagen, denn mein Vater hat sowieso sein ganzes Leben lang seine Fresse gehalten, hat zu allem geschwiegen. Das habe ich nie verstanden, sage ich, dass mein Vater sein ganzes Leben lang seine Fresse gehalten hat, dass er geschwiegen hat, mehr noch, ich habe mich maßlos darüber geärgert. Ich merke, wie ich schon wieder wütend werde. Da fällt mir eine kleine Episode ein, die durch meine Wut hochkommt: Als Pubertierender habe ich meinen Vater mal so lange genervt, bis ihm die Hand auskam und er mir eine gescheuert hat. Das war einer der schönsten und intensivsten Momente mit meinem Vater. Ich habe ihn gespürt. Ich habe ihn erlebt als einen Mann der Tat. Sonst war er wie ein lebloses Opfer. Warum war er sonst so leblos? Haben ihn die Schläge meines Großvaters so leblos gemacht? Ich koche vor Ärger und Wut über die Leblosigkeit meines Vaters und sehe meine Friedfertigkeit davonschwimmen. Ist der Krieg in mir, und ich kann gar nicht gegen ihn sein, weil er ein Teil von mir ist? Sollte ich vorher den Krieg mit mir beenden, bevor ich den Krieg von anderen anklage?

Refugees welcome! Dieser Spruch regt mich auf. Hier ist gar niemand welcome, denn hier ist Krieg. Ich gehe die Straße entlang und sehe in die Gesichter, die mir entgegenkommen. Die meisten sind angespannt als befänden sie sich mitten im Krieg, sodass ich annehmen muss, dass sie sich im Krieg befinden. Doch welcher Krieg wird hier ausgefochten? Woher diese Abwehrhaltung? Refugees are not welcome, natürlich nicht. Scheiß Islamisten, kommt bloß nicht hierher, sondern bleibt dort, wo ihr herkommt! Wenn ihr hier seid, zeigt ihr uns nämlich, dass wir Scheiß Christen sind. Das halten wir nicht aus. Mit Kriegen kennen wir uns aus in Europa, können eine jahrhundertelange Erfahrung vorweisen. Aber wir wollen diese Erfahrung vergessen, leugnen, und jetzt kommt ihr daher und zeigt uns gnadenlos, wie kriegserfahren wir sind. Warum wir so kriegserfahren sind? Weil wir geil sind auf Krieg. Krieg bedeutet, jemand anderen zu finden, auf den ich meine Waffen richten kann, auf den ich mit dem Finger zeigen kann. Ablenkung von mir selbst, das ist die oberste Maxime, auch wenn andere dabei krepieren. Und wenn das nicht hilft, dann hilft nur: Saufen, saufen, saufen, bis ich nichts mehr spüre.

Mein Vater hat nicht schlimm gesoffen. Er hat diskret gesoffen, meist im Keller. Er schämte sich, dass die Bierflasche sein Rettungsanker war, aber er konnte nicht von ihr lassen. Er hat auch nicht geschlagen im Suff, nie. Lieber trank er noch ein Bier, klammerte sich noch fester an die Flasche, bevor er auf die Idee kam zu schlagen. Er hatte Angst vor Schlägen, davor, welche abzubekommen und davor, selbst zu schlagen. Er wollte mich beschützen vor allen Schlägen dieser Welt. Er hatte panische Angst vor den Schlägen dieser Welt, solche Angst, dass er Angst hatte vor dem Leben als ganzes. Als Dreijähriger die Bomben zu sehen, die die Stadt zerstören, und die Angst, der eigene Vater könnte es sein, den sie getroffen haben; danach den Vater wiederzusehen, aber seinen Schlägen ausgesetzt zu sein, das war zu viel, das hat er sein Leben lang nicht verkraftet. Das hat ihn stumm gemacht. Das hat ihn an die Bierflasche geklammert. Es ist leicht, sich dem Alkohol hinzugeben, sich dem Alkohol hinzugeben und nicht anderen Drogen. Denn Alkohol ist eine legale Droge, im Gegensatz zu anderen Drogen. Saufen bis zur Besinnungslosigkeit, und keiner sagt etwas. Die Gesellschaft gibt ihren Segen dazu. Saufen bis zur Besinnungslosigkeit, um die Schläge zu vergessen. Aber die Schläge gehen weiter, im Kopf, gnadenlos, trotz Betäubung.

Fortsetzung folgt…

Krieg und Saufen I

Der Kriegsschauplatz meiner Beziehung zu Josefine hat mich zu meinem Therapeuten geführt. Alles tobt zwischen ihr und mir, dabei bin ich doch der friedfertigste Mensch, den man sich vorstellen kann. Ich würde keiner Fliege etwas zuleide tun. Warum tut Josefine mir das an? Womit habe ich das verdient?

Krieg? Natürlich bin ich gegen den Krieg, schon immer. Manchmal werde ich wütend wegen der Kriege, wegen dem Krieg, der noch immer in den deutschen Köpfen ist. In meiner Wut bekomme ich einen Hass auf die Juden. Die Juden sind die Provokateure der Weltgeschichte. Erlöstes Volk – das ich nicht lache! Sie sind Menschen wie du und ich, die sich zu Opfern hochstilisieren. Ihr Opfer, ihr! Manchmal regt sich in mir eine gewisse Empathie für den Bastard Hitler. Hat er nicht getan, was unausweichlich war? Die deutsche Geschichte – eine Erfolgsgeschichte, wäre da nicht Hitler gewesen! Was für eine Lüge! Die deutsche Geschichte – eine Erfolgsgeschichte, weil da Hitler gewesen ist! Schon besser! Hitler als Stellvertreter der Deutschen, ein Mann des Volkes, der seinen Kopf hingehalten hat für das Volk. Das Volk hat ihn bereitwillig unterstützt. Geh voran, Bastard, und tu endlich, was wir schon lange tun wollten! Ablenkung von der eigenen Not tut immer gut. Da kommt der Jude gerade recht. Da schauen wir lieber auf den Juden und zeigen mit dem Finger auf ihn, anstatt auf uns zu schauen. Wir Täter, wir!

Dachau? Lemberg? Stalingrad? Ich weiß nicht, wo er war. Ich weiß nicht, ob er Juden hasste oder Nazis liebte. Sie sagten und sagen es mir nicht. Er kam nachhause, mein Großvater, haben sie gesagt. Aber von wo er kam, haben sie nicht gesagt. Er war nicht geläutert, haben sie gesagt, er war und blieb der Nazi. Vielleicht wollten sie gar nicht, dass er nachhause kam, aber er kam nachhause. Kam nachhause und war nicht mehr derselbe. War verstört und hat sich dem Alkohol hingegeben. Es war leicht, sich dem Alkohol hinzugeben, sich dem Alkohol hinzugeben und nicht anderen Drogen. Denn Alkohol ist eine legale Droge, im Gegensatz zu anderen Drogen. Saufen bis zur Besinnungslosigkeit, und keiner sagt etwas. Die Gesellschaft gibt ihren Segen dazu. Saufen bis zur Besinnungslosigkeit, um den Krieg zu vergessen. Aber der Krieg geht weiter, im Kopf, gnadenlos, trotz Betäubung.

Natürlich bin ich gegen den Krieg, schon immer. Ich bin der friedfertigste Mensch, den man sich vorstellen kann. Doch etwas tobt in mir, beständig. Ich will es nicht Krieg nennen, doch nicht Krieg, nein, das ist ein zu krasses Wort, das ich ungern in den Mund nehme, eher innere Unruhe, die mich in meinem friedfertigen Dasein stört. So sage ich es dem Therapeuten. Ich sage, dass ich es nicht mehr aushalte, nicht nur mit Josefine, nein: dass ich insgeheim meine Mutter nicht mehr aushalte, dass ich sie hasse dafür, dass sie mich auf diese Welt gebracht hat, in der nur der Krieg tobt und ich als friedfertiger Mensch völlig fehl am Platz bin.

Ich habe den Eindruck, mein Therapeut will mich nicht hören. Er geht nicht ein auf meine Klagen über meine Mutter, sondern redet von meiner väterlichen Linie und davon, dass Hass auf die Frauen nur entsteht, wenn man sich als Mann selbst nicht liebt. Er legt drei Zettel auf den Boden und sagt: Ein Zettel bist du, einer ist dein Vater, einer ist dein Großvater.

Ich habe meinen Großvater nie gekannt. Er ist gestorben, als selbst mein Vater noch ein Kind war. Er war 45 Jahre alt, als er gestorben ist. Da war der Krieg seit zehn Jahren vorbei. Zehn Jahre hat er den Krieg überlebt, an dem er, wie ich vermute, gestorben ist. Zehn Jahre hat er seinen Leib noch weiter geschleppt durchs Leben, obwohl er innerlich bereits gestorben war. In der Familie wurde nicht darüber gesprochen, warum er so früh gestorben ist, aber ich glaube es zu wissen: Er hat sich zu Tode gesoffen. Nach zehn Jahren hatte er es endlich geschafft: Genug gesoffen, um zu sterben. Der Zettel, der da als mein Großvater auf dem Boden liegt, wird lebendig, und ich werde wütend. Es ist Krieg im Raum. Ich bin im Krieg mit meinem Großvater. Ich fühle mich bedroht in meiner Friedfertigkeit. Mein Großvater bedroht diese Friedfertigkeit. Ich zeige mit dem Finger auf ihn.

Fortsetzung folgt…

Org Geder

Einer meiner Klassenkameraden hieß Georg Eder. Er war aber kein Kamerad. Er war ein isoliertes Subjekt in der Klasse. Keiner mochte ihn. Ich schämte mich für Georg, so peinlich war mir seine Erscheinung. Die dicke Hornbrille in seinem Gesicht wäre vielleicht noch zu verschmerzen gewesen, aber wie er ging, das ertrug ich nicht. Er hinkte nicht, und er hinkte doch. Alles schien schief zu sein an seinen Beinen. Seine Füße setzte er auf den Boden mit schiefem Tritt. Es war ein Wunder, dass er nicht bei jedem Schritt aus dem Gleichgewicht kam und hinfiel. Der hat Klumpfüße, sagte Peter, der Rudelführer in der Klasse und in dieser Funktion ein Verkünder der Wahrheiten. Die restliche Klasse stimmte dieser Wahrheit bei: Georg Eder hat Klumpfüße, so wie der geht!

Eines Tages war die ganze Klasse beim Bürgermeister im Rathaus zu einem Empfang eingeladen. Natürlich war Georg Eder auch mit dabei, er war ja Teil der Klasse. Er schleppte seine krummen Beine mit uns in das Rathaus. Wir standen versammelt vor dem Bürgermeister. Dem Bürgermeister muss Georg aufgefallen sein, denn er ging geradewegs auf ihn zu und fragte ihn nach seinem Namen. Georg bekam ein hochrotes Gesicht, schluckte so angestrengt, als müsse er seinen ganzen Mageninhalt zurückhalten, um anschließend herauszupressen: Org Geder.

Org Geder hatte dieser Idiot gesagt! Org Geder. Nicht mal seinen eigenen Namen konnte er sagen! Einige kicherten. Ich schämte mich in Grund und Boden für Georg, wie er dastand, mit seiner Hornbrille und den schiefen Beinen. Es war erbärmlich anzusehen. Unerträglich.

Auch der Bürgermeister schien peinlich berührt zu sein, denn er wandte sich sofort wieder von Georg ab und unserer Lehrerin zu. Während also der Bürgermeister mit unserer Lehrerin sprach, was er ohnehin, so mein Eindruck, lieber tat als mit uns Schülern zu sprechen, denn unsere Lehrerin war sehr hübsch und ich heimlich in sie verliebt, dachte ich über Georgs Versprecher nach. Aufgrund meines Nachdenkens erschien er mir jetzt logisch, der Versprecher: Georg hatte vor Nervosität die Vorsilbe ge seines Vornamens verschluckt. Diesen Verschlucker wollte er korrigieren, indem er die verschluckte Silbe seinem Nachnamen Eder voranstellte. In seinem gestressten Kopf war es scheinbar eine logische Vorgehensweise, die einzig richtige Möglichkeit, Org Geder zu sagen. Die Welt des Georg Eder – eine konfuse Welt, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Und die mir doch so nahe ging.

Nach dem Empfang standen wir noch eine Weile vor dem Rathaus herum. Georg dagegen hinkte alleine davon mit seinen krummen Beinen. Peter rief ihm hinterher: Org geder, der Eder! Was in unserem Slang so viel bedeutete wie: Arg, entsetzlich, grauenvoll geht er, der Eder! Und es stimmte, ja: Es war entsetzlich, grauenvoll anzusehen, wie Georg mühsam und einsam seines Weges ging. Ich werde dieses Bild nicht mehr vergessen: wie er mit seinem krummen Beinen sich vom Rathaus wegkämpfte und wir ihm alle nachsahen. Peter hatte wieder einmal die Wahrheit gesprochen.

Seit diesem Tag hieß Georg Eder in der Klasse nur noch Org Geder. Und ich habe an diesem Tag beschlossen, mich nicht mehr für Georg zu schämen, sondern ihn einfach zu ignorieren. Die Welt des Org Geder war mir zu erbärmlich. Ich wollte damit nichts mehr zu tun haben.

Peter, der ehemalige Rudelführer in unserer Klasse, ist aktuell in einem Kreisverband für die AfD aktiv. Der Verkünder der Wahrheiten. Was aus Georg Eder geworden ist, weiß ich nicht. Wieso will ich das wissen? Wieso kann ich Org Geder und seine konfuse, entsetzliche, grauenvolle Welt nicht einfach vergessen?

Neben mir der Nachmittag (Ruf der Nacht)

Neben mir der Nachmittag, nicht mit mir. Ich stehe neben ihm, als wäre ich aus ihm herausgefallen. Er vergeht ohne mich, und ehe ich mich berapple, ist er schon wieder vorbei. Es kommt der Abend, aber auch mit ihm ist es nicht besser. Abweisend und kalt präsentiert er sich mir und vergeht, ohne das ich ihn leben kann. Dann kommt endlich die Nacht, in der ich mich meiner Muse hingeben kann – der Schlaflosigkeit. In ihr finde ich Zeit für mich, werde nicht getrieben vom Getriebe des Tages. In ihr finde ich Zeit, Geschichten wie diese zu fabulieren:

Es war einst ein Sohn, dessen Vater hieß Rudolf Ruf. Zu Ehren des Vaters wurde der Sohn Rudolf genannt, zu Ehren des Familiennamens Rufus. Der Sohn hieß also Rudolf Rufus Ruf. Später ging der Sohn ins Verlagsgeschäft und gründete den rururu-Verlag.

Oder ich tauche ein in Zeilen wie diese:

Im welken Walde ist ein Vogelruf,
der sinnlos scheint in diesem welken Walde.
Und dennoch ruht der runde Vogelruf
in dieser Weile, die ihn schuf,
breit wie ein Himmel auf dem welken Walde.
(Rilke)

Ich stelle mir vor, wie ich bin, in diesem welken Walde, hineingeschmiegt in den Vogelruf, der mich trägt.

All das ermöglicht mir meine Schlaflosigkeit. In ihr finde ich zu mir, bin ganz ich selbst.

Nach einer Nacht voller Müßiggang mündet bald der Morgen vor meinem Fenster. Der Vormittag liegt vor mir. Ich sollte dringend schlafen, bevor mich der Sog des Tages wieder erfasst, ich mich darin verliere und wieder neben mir stehe. Doch halt:

Süße Schlaflosigkeit,
weiche noch nicht –
du bist so schön:
Ich liebe dich!

 

Münchner Fürstenwege, Teil 3

Oskar, ein Hagestolz noch nicht zu alten Datums, fuhr mit seiner Begleiterin Sophia auf der Pferdekutsche die Fürstenrieder Straße entlang. Die Kutsche wirkte wie ein Fremdkörper aus einer anderen Zeit. Sie bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von etwa zehn Kilometern pro Stunde fort, die Autos rauschten an ihr vorbei. Die zwei Pferde zogen die Kutsche mit rhythmischen und anmutigen Bewegungen vorwärts.

Als sie die Autobahn nach Lindau überquerten, schaute Oskar zu Sophia. Sie schauten sich in die Augen, woraufhin Sophia Oskars Hand nahm. Ein heißer Schauer durchzuckte daraufhin Oskar am ganzen Körper, als stünde Sophias Hand unter Starkstrom. Das war keine Kutschfahrt mehr, das war ein wilder Ritt! Was passierte hier? War der Wahnsinn ausgebrochen? Er war ausgebrochen, in Oskars Kopf. La Folie! Mit diesem Wahnsinn in Oskars Kopf ging es weiter die Fürstenrieder Straße entlang.

Schließlich erreichten sie den Waldfriedhof, dessen hohe Bäume sich rechts der Fürstenrieder Straße auftürmen. In Oskar tobte es, doch er versuchte, sich gefasst zu geben und erläuterte:
„Das ist der Vorbote des Schlosses. Der ehemalige Schlossforst. Seit gut hundert Jahren der Waldfriedhof.“
„Wir sind also bald da?“
„Der Friedhof ist riesig. Wir fahren noch einige Kilometer an ihm entlang.“

Am Ende der Fürstenrieder Straße waren sie immer noch nicht am Ziel angekommen, sondern bogen nach rechts ab, in eine Lindenallee, und fuhren in südwestlicher Richtung weiter, zwischen Waldfriedhof und Autobahn nach Garmisch. Der Wahnsinn ging weiter. Sophia blickte zu den Autos auf der Autobahn, die parallel von ihnen, sehr nahe und doch seltsam entrückt, links vorbeizogen. Die Pferde zogen unverdrossen die Kutsche vorwärts.

„Jetzt fahren wir direkt auf das Schloss zu. Du musst dir das so vorstellen: Wir fahren unter einer Lindenallee. Auf der anderen Seite der Autobahn gab es früher genauso eine Allee. Eine doppelte Auffahrtsallee, wie in Nymphenburg.“ erläuterte Oskar. Er klammerte sich an seine Worte, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen.

„Und was war früher anstelle der Autobahn? Auch ein Kanal wie in Nymphenburg?“

„Nein, ein tapis vert, ein grüner Teppich. Ein breiter Grünstreifen, der damals, vor dreihundert Jahren, aufwendig angelegt und gepflegt werden musste. Es gab noch keine Rasenmäher, und so waren Gärtner im Dauereinsatz damit beschäftigt, mit Sensen den grünen Rasenteppich zu stutzen und zu hegen.“

„Lauter Möchtegern-Louis-XIV waren das, diese bayrischen Monarchen! Aber irgendwie waren sie auch sehr romantisch. Fous, complètement fous! Wahnsinn!“ Sophia lächelte.

Oskar machte große Augen: Fous, complètement fous! Wie Otto! La folie, der Wahnsinn! Sie blickten von der Kutsche über die Autobahn hinweg zur Lindenallee gegenüber und konnten erahnen, wie breit und imposant dieser grüne Teppich gewesen sein muss.

Die Autobahn führt zwar geradewegs auf das Schloss zu, macht kurz davor aber einen geradezu abweisenden Linksschwenk Richtung Süden, um ihren Weg fortzusetzen. Die Kutsche fuhr indessen geradeaus weiter ans Tor des Schlosses, wo Oskar und Sophie ihr entstiegen. Endlich angekommen! Würde der Wahnsinn jetzt ein Ende nehmen?

Dem Himmel war anzumerken, dass sich der Tag langsam auf sein Ende vorbereitete. Die Wolken waren verzogen, sodass die Luft im zartrosa Licht der letzten Sonne lag. Oskar hätte den Kutscher gerne in die königliche Schwaige des Schlosses geschickt, aber die gibt es nicht mehr, sodass er ihn stattlich bezahlte für die königliche Fahrt. Dann zog die Kutsche ohne die beiden ab.

Oskar ging auf das Eingangstor des Schlosses zu, auf dem ein königliches Wappen prangt.
„Ein seltsam verlassener Ort. Hierher sind immer Leute gekommen, die sich zurückziehen wollten: Maria Amalia von Österreich und Maria Anna Sophia von Sachsen, als sie Witwen waren. Und Otto, der unglücklichste König Bayerns.“
„Und wir“, sagte Sophia.
Sie drehte sich um und ging über den Schloßvorplatz Richtung Autobahn. Dort setzte sie sich auf eine Bank, die sehr prominent und einsam steht. Die Autos donnerten auf sie zu, um dann links abzudrehen. Ihr Blick ging über die Autos hinweg auf die Frauenkirche im Zentrum Münchens, die in der Ferne sichtbar ist. Oskar schaute ebenfalls über die sitzende Sophia hinweg zur Stadt. Hinter der Frauenkirche ist die Residenz. Dort war Oskar heute morgen mit Sophia gewesen, am Anfang ihrer Reise. Wenn er es sich jetzt rückblickend überlegte, hatte er es dort sehr schön gefunden. Ja, im Nachhinein betrachtet, hatte er so etwas wie Glück empfunden. Wieso wollte er mit Sophia dann unbedingt weiter nach Nymphenburg und Fürstenried? Ist das nicht Wahnsinn? Würde er das Glück jetzt nicht spüren, wenn sie bei der Residenz geblieben wären? Findet das Glück nur, wer weite Wege geht? Zeig mir etwas Schönes, hatte sie gesagt. Hatte er das getan?

Ziemlich durcheinander setzte er sich zu ihr auf die Bank. Die Dämmerung setzte ein. Die Scheinwerfer der Autos beleuchteten sie.
„Weißt du, hinter der Frauenkirche ist die Resid…“, setzte Oskar an, um Schutz hinter den Worten zu finden, als Sophia sich zu ihm drehte mit forderndem Blick, was ihm die Sprache verschlug. Nein, der Wahnsinn nahm kein Ende!
„Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Schöne liegt so nah!“ sagte sie, schob ihren Mund ganz nah an seinen und packte ihn energisch zwischen den Beinen. Wieder durchzuckte es Oskar am ganzen Körper. La Folie, der Wahnsinn!

War das das Schöne, zwischen seinen Beinen, das sie die ganze Zeit sehen wollte? War das das Ende von seiner Existenz als Hagestolz? Jedenfalls küsste er sie, energisch und entschlossen, ohne darüber nachzudenken, ob es schön ist oder nicht. Vielleicht war es gerade deswegen schön. Wahnsinn!

Münchner Fürstenwege, Teil 2

Oskar, ein Hagestolz noch nicht zu alten Datums, hatte schlechte Laune. Hatte er sich zu viel erwartet vom Besuch des Schlosses Nymphenburg? Ja, er hatte sich zu viel erwartet: Er hatte sich nichts weniger als die Offenbarung der Schönheit erwartet. Seine Realität war an seinen Erwartungen zerbrochen. Seine Begleiterin Sophia war auf die Toilette gegangen, und so stand er alleine in den Parkanlagen. Sein Blick schweifte nach Westen, den Schlosskanal entlang. Er dachte an Otto, den unglücklichsten König Bayerns, über den er gestern gelesen hatte.

Sophia hatte vom Süden gesprochen; dass der Norden ein schöner Ort ist, weil man von dort nach Süden blickt. Der Süden: Sehnsuchtsort. Da schoss es ihm plötzlich siedend heiß durch den Kopf: Ziemlich genau südlich von hier, von Nymphenburg, liegt Schloss Fürstenried, auf dem König Otto seine geisteskranken Jahre, also den Großteil seines Lebens, verbracht hatte! Als Sophia von der Toilette zurückgekehrt war, bestürmte er sie: „Sophia, lass uns zum Schloss Fürstenried laufen! Hier… hier sind mir zu viele Leute. Und dort, in diesem südlichen Einöd, wird es sehr schön sein!“
„Ach Oskar! Sind wir nicht schon genug gelaufen heute? Ich würde gerne hier mit dir einen Kaffee trinken!“
„Ich trinke keinen Kaffee“, entfuhr es Oskar. „Wenn du nicht gehen willst, dann… dann fahren wir hin, ganz herrschaftlich, mit Kutsche, wie früher die Könige!“
„Du Spinner!“ sagte Sophia, fühlte sich aber gleichzeitig geschmeichelt.

Oskar ging ins Marstallmuseum am Schloss und fragte, ob es möglich sei, eine der ausgestellten Kutschen für eine Fahrt nach Fürstenried zu verwenden. Unmöglich, die Gefährte sind zu prächtig und wertvoll, um mit ihnen zu fahren, hieß es. Zu prächtig! Um die Schönheit selbst zu erfahren, kann nichts zu prächtig sein! ärgerte sich Oskar. Aber es half nichts. Nach längerer Diskussion ließ das Museum eine Kutsche aus der Stadt kommen. Ungeduldig stand Oskar am Rondell, um die Kutsche zu erwarten, während Sophia die Schwäne im Wasser beobachtete. Dann kam die Kutsche endlich. Oskar befahl in strengem Ton, den königlichen Weg nach Schloss Fürstenried zu nehmen.
„Den königlichen Weg?“ fragte der Kutscher verdutzt.
„Stellen Sie sich nicht so an! Stellen Sie sich stattdessen vor, Kurfürst Max Emanuel säße in Ihrer Kutsche, oder König Ludwig II, oder König Otto. Wie würden Sie diese Herrschaften nach Fürstenried bringen?“
Der Kutscher straffte die Zügel und setzte das Fuhrwerk Richtung Auffahrtsallee in Bewegung.
„Stopp! Nicht nach Osten! Oder wollen Sie uns zur Residenz bringen? Fahren Sie sofort scharf nach Süden, nach Fürstenried!“

Der Kutscher schwenkte nach Süden, um eine kleine Gasse aus dem Schlossrondell zu nehmen, die nur von Fußgängern und Radfahrern benutzt wird. Allerdings versperrte ein betonierter großer Blumentopf die Ausfahrt über diesen Weg. Oskar wurde wütend und schimpfte. Ein Blumentopf wird uns doch nicht daran hindern, nach Fürstenried zu fahren! Er stieg aus der Kutsche, um den Topf zu verrücken. Zwei Männer kamen den Weg entlang und halfen ihm, sodass sie es zu dritt schließlich schafften, ihn aus dem Weg zu räumen. Die Kutsche konnte passieren.

„So, wo wollen Sie jetzt hin?“ fragte der Kutscher etwas genervt.
„Nach Fürstenried natürlich!“
„Ja, aber auf welchem Weg? Welcher ist der königliche Weg?“
„Fahren Sie die Kutsche oder ich? Fahren Sie uns nach Fürstenried, wie Sie einen König nach Fürstenried fahren würden!“
Der Fuhrmann schüttelte den Kopf und fuhr die Hirschgartenallee entlang, bog dann rechts ab zur Laimer Bahnunterführung. Durch diese dunkle Unterführung erreichten sie die Fürstenrieder Straße. Die Fürstenrieder Straße ist eine mehrspurige Straße, die etwa fünf Kilometer lang schnurgerade nach Süden führt. Ursprünglich, vor fast dreihundert Jahren, als herrschaftlicher Verbindungsweg zwischen Nymphenburg und Fürstenried angelegt, führte sie damals über weite Wiesen und durch dichte Wälder. Heute ist sie eine stark befahrene westliche Tangente der Stadt und durchgehend bebaut, überwiegend im Nachkriegsstil.

Die Kutsche zuckelte langsam dahin, von Verkehr umtost, mit zwei Pferden vornedran. Inmitten dieses tosenden Verkehrs erfasste Oskar ein Gefühl der Geborgenheit. Er blickte zu Sophia, als würde er sie erst jetzt an seiner Seite bemerken. „Schön ist es!“ entkam es seinen Lippen, und ihm wurde leicht schwindelig dabei, als dieser Satz seine Lippen passierte, so ungewöhnlich klang er in seinen Ohren.

„Schön? Wenn du die Fürstenrieder Straße meinst, fällt es mir gerade schwer, sie schön zu finden. Andererseits: Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Sophia sagte das und schaute dabei Oskar in die Augen, mit einem Lächeln, das an diesem Tag nicht von ihr zu weichen schien, möge passieren was wolle.

Fortsetzung folgt.

Münchner Fürstenwege, Teil 1

Oskar, ein Hagestolz noch nicht zu alten Datums, saß in seinem Bett und las ein Buch über einen anderen Hagestolz: über Otto, den unglücklichsten König Bayerns. Otto war dreißig Jahre lang König von Bayern, vom Tod seines berühmten Bruders Ludwig II. bis zu seinem eigenen Tod. Otto wurde im Alter von 25 Jahren geisteskrank und wurde 68 Jahre alt. Wenn der Zweck des Lebens die Ausdehnung von Glück ist, dachte Oskar, hat das Leben Ottos keinen Zweck gehabt.

Sophia hatte angerufen. Das hatte Oskar in Aufruhr gebracht, weil es einen Hagestolz immer in Aufruhr bringt, wenn er mit Frauen Kontakt hat. Sophia hatte gesagt: „Oskar, lass uns morgen etwas Schönes machen! Zeige mir etwas Schönes!“ Oskar hatte schließlich eingewilligt, dass sie sich am Max-Joseph-Platz vor der Münchner Residenz treffen. Oskar legte das Buch über König Otto von Bayern zur Seite und versuchte einzuschlafen. Aber es ging nicht. Ständig dachte er an Sophias Worte: „Zeige mir etwas Schönes!“ Diese Aufforderung überforderte ihn. Was meint sie damit?

Nach einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht traf sich Oskar am nächsten Morgen mit Sophia am Max-Joseph-Platz. Sie betrachteten das Denkmal für König Max I. Joseph in der Mitte des Platzes. Sie betrachteten die Fassaden von Oper und Residenz. Sie schlenderten durch die zahlreichen Innenhöfe der Residenz, von wo sie in den Hofgarten gelangten. Die Bäume zeigten sich in kahlem Braun, der Himmel in tristem Grau. Bei Oskar wollte sich kein Gefühl von Schönheit einstellen, was ihn unter Stress setzte. Schließlich hatte Sophia gesagt: „Zeige mir etwas Schönes!“

Da kam ihm die rettende Idee: „Lass uns den alten Fürstenweg entlang zu Schloß Nymphenburg gehen, dem Sommersitz der bayerischen Fürsten und Könige. Dort werden uns vor weitem Himmel anmutige Herbstwinde umwehen!“ Ein Gefühl von Leichtigkeit, von Schönheit wird sich in Nymphenburg einstellen, dachte Oskar weiter für sich. Sophia goutierte seinen Vorschlag mit einem Lächeln, was ihn sehr erleichterte. Ich möchte sagen: Die Schönheit von Sophias Lächeln erleichterte Oskar, aber ich weiß nicht, ob er selbiges dachte. Die Schönheit scheint Oskar überall zu suchen, aber nicht bei Sophia. Was hat ein Hagestolz schon bei Frauen zu suchen?

Sie gingen den alten Fürstenweg entlang. Zunächst die Brienner Straße mit ihren prachtvollen Plätzen: Odeonsplatz, Wittelsbacher Platz, Karolinenplatz, Königsplatz. Königlich, dachte Oskar, königlich! Ab dem Stiglmaierplatz ging es weiter die Nymphenburger Straße entlang. „Hier fuhren die Könige noch über Wiesen und Felder, dem Bauerndorf Neuhausen entgegen“, sagte Oskar.
„Wieso heißt der Weg dann Fürstenweg, wenn hier die Könige fuhren?“ fragte Sophia.
„Weil die bayerischen Herrscher erst unter Napoleons Gnaden Könige wurden. Vorher waren sie Fürsten, und schon als Fürsten fuhren sie diesen Weg entlang.“

Schließlich, nach einigem Fußmarsch, erreichten sie den Nymphenburger Kanal. Sie gingen auf die Brücke über den Kanal. Von dort sahen sie das Schloß in der Ferne. Wieder war ein Lächeln in Sophias Gesicht.
„Ich sollte eine Gondel rufen“, sagte Oskar, „die uns über das Wasser zum Schloss bringt. Das wäre königlich. Dafür wurde der Kanal ursprünglich angelegt.“
„Ach, zu Fuß gehen ist doch auch schön!“ sagte Sophia.
„Ich bin erleichtert über deine Gehfreude – ich hätte nicht gewusst, wo eine Gondel hernehmen! Nehmen wir die Auffahrtsallee südlich oder nördlich des Kanals?“
„Die nördliche. Dann sehen wir nach Süden. Ich sehe gern nach Süden!“

So schlenderten sie auf der nördlichen Auffahrtsallee, am Kanal entlang, dem Schloss entgegen. Als sie am Ende der Allee das Schlossrondell erreichten, öffnete sich der Himmel, von dem sich Oskar so viel erhofft hatte. Von diesem weiten Himmel über Nymphenburg. Aber er war mit Wolken bedeckt. Es war absolut nichts Schönes an ihm. Zumindest nicht für Oskar.

Der Himmel über Nymphenburg

„Schau – der blaue Fleck am Himmel, hoch über dem Schloss – ist das nicht schön!“ meinte Sophia begeistert.
Oskar rümpfte die Nase und ließ sich nur widerwillig überreden, die Parkanlagen zu besuchen.

Fortsetzung folgt.

Die eine große Liebe

oder: ylop/mag onom mag ylop/nicht

Ylop und Onom sind zwei Menschen, bei denen es zunächst überhaupt nicht wichtig ist, welchen Geschlechts sie sind. Es ist jedoch nicht leicht, in der Sprache geschlechtsneutral zu bleiben. Die Sprache ist zu versext. Weil der westliche Mensch seinen Sex unterdrückt, ist er völlig verrückt nach Sex. Das drückt sich in seiner Sprache aus. Ich versuche, den Sex von Ylop und Onom auszuklammern, indem ich sie neutralisiere: Ich nenne sie das Ylop und das Onom.

Mit Ylop und Onom verhält es sich nun folgendermaßen: Ylop mag Onom, während Onom Ylop überhaupt nicht mag. Ylop könnte Onom fragen: „Warum magst du mich nicht?“ Aber Ylop fragt Onom das nicht, denn Ylop mag Onom, egal ob Onom es mag oder nicht. Ganz nach Christian Morgenstern: Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.

Apropos Liebe: Onom sagt, es glaube an die eine große Liebe. In dieser Aussage ist ein Vorwurf an Ylop enthalten. Onom wirft Ylop vor, nicht an die eine große Liebe zu glauben und das Leben deshalb zu entwürdigen.
Ylop fragt Onom, warum es glaube, dass es nicht an die große Liebe glaube.
„Weil ich weiß, dass du mehr als einen Menschen in deinem Leben geliebt hast!“ sagt Onom.
Ylop sagt: „Menschen gibt es viele, Liebe gibt es eine. Warum sollte ich diese eine Liebe nicht mit mehreren Menschen teilen?“

Onom wendet sich verärgert ab. Es findet sich bestätigt in seinem Grund, warum es Ylop nicht mag. Es gibt einen Menschen für jeden Menschen, der dessen große Liebe ist, davon ist Onom überzeugt. Und weil Ylop davon nicht so überzeugt ist, um das zu seinem alles beherrschenden Lebenskonzept zu machen, bleibt es dabei: Onom mag Ylop nicht. Aber Ylop wiederum mag Onom, da kann Onom Ylop so viel nicht mögen wie es will. Denn Ylop glaubt an die eine große Liebe und schließt deshalb auch Onom in seine Liebe ein.

Hannibal und Kannibal

eine Ballgeschichte

Hannibal und Kannibal lebten in einem etwas abgeschiedenen Landstrich. Um das Leben der beiden zu verstehen, muss man wissen, dass in diesem Landstrich ein anderes Deutsch gesprochen wurde. Das Wort ich existierte nicht, es wurde lediglich durch den Buchstaben i ausgedrückt. Das Verb haben wurde so konjugiert: I han, du hascht. Weitere Besonderheiten der Sprache in dieser Gegend: Die Bildung von Doppelkonsonanten wich von der im Standarddeutschen ab. Außerdem wurde das Prädikat immer vor das Satzsubjekt gestellt, Artikel und Präpositionen wurden weggelassen. Ein Beispiel: Wollte jemand sagen Ich gehe in das Haus, so sagte er: Geh i Haus.

Die Namen von Hannibal und Kannibal bedeuteten in dieser Sprache also soviel wie Ich habe den Ball und Ich kann mit dem Ball. Kannibal zeigte aus diesem Grund ständig, was er mit dem Ball kann, indem er ihn an Füßen, Schultern und Kopf jonglierte. Hannibal wollte den Ball jedoch haben, sodass er ihn, wenn er während Kannibals Jonglieren in der Luft war, mit seinen Händen schnappte und ihn fest an seinen Körper presste. Kannibal musste sich den Ball also wieder zurückerobern, um zu zeigen, was er mit dem Ball kann. Dabei halfen ihm in der Regel seine subtilen Jonglierfähigkeiten nicht, nein, es half nur rohe Kraft und Gewalt, um Hannibal den Ball wieder zu entreißen.

Eines Morgens, als Hannibal Kannibal den Ball wieder einmal weggeschnappt hatte, während jener mit ihm jongliert hatte, eskalierte der anschließende Kampf um den Ball. Hannibal wollte ihn unbedingt haben und ihn auf keinen Fall mehr hergeben, während Kannibal ihn mit Vehemenz zurückhaben wollte, um zu zeigen, was er mit ihm kann. Zwei Egos prallten unerbittlich aufeinander. Kannibal verfolgte Hannibal, während dieser mit dem Ball davonlief und ihn mit seinen Händen und Armen fest an seinen Körper presste. Als Kannibal Hannibal eingeholt hatte, wälzten sie sich im Staub, aber Hannibal, anders als manches andere Mal, ließ nicht locker und hielt den Ball fest umklammert. Kannibal war sehr zornig darüber, dass er nicht zeigen kann, was er mit dem Ball kann, weil Hannibal ihn nicht hergab. In einer Kurzschlusshandlung biss er Hannibal in die Kehle. Sein Biss war so stark wie sein Zorn (Sein Zorn manifestierte sich also in seinem Biss.): Er tötete Hannibal mit diesem Biss.

Hannibal bäumte sich noch einmal auf und fiel dann leblos zu Boden. Sein Lebenszweck Ich habe den Ball war dem Tod gewichen, und so ließen seine Hände den Ball endlich frei. Kannibal schnappte sich daraufhin den Ball und jonglierte ihn mit Füßen, Schultern und Kopf. Doch dann bemerkte er, dass es ihm gar nicht so viel Spaß macht, zu zeigen, was er mit dem Ball kann, wenn da kein Hannibal ist, der ihm den Ball wegnehmen will. Resigniert setzte er sich auf den Boden neben den leblosen Leib Hannibals. Der Ball kullerte davon. Kannibal langweilte sich. Wer hätte gedacht, dass sein Lebenszweck – zu zeigen, was er mit dem Ball kann – ihn ausgerechnet mit dem Tod Hannibals nicht mehr erfüllen würde. Aus dieser Langeweile heraus begann er, vom Leib des toten Hannibal zu essen. Seitdem ist Kannibal als Menschenfresser in Erinnerung geblieben, dabei ist er doch vor allem der gewesen, der mit dem Ball kann.

Sekt in der Trambahnschleife

Menschen bieten mir Sekt an, aber ich will keinen Sekt! Ich habe Sekt noch nie gemocht! Ich will weg von hier, hinaus an die frische Luft, und gerade als sich alle mit den Sektgläsern zuprosten, bahne ich mir den Weg nach draußen. Die Gläser klirren, aber nicht aneinander, sondern weil sie am Boden aufschlagen. Tizia, das sehe ich im Vorbeigehen, sieht mich vorwurfsvoll an. Sie hat allen Grund dazu, schließlich ist es ihre Galerie, die gerade eröffnet wird, die ich so stürmisch verlasse, dass Gläser auf den Boden klirren und in Scherben zerbrechen. Während meines stürmischen Abgangs fällt mir ein, dass ich früher dachte, eine Sekte sei eine Versammlung von Menschen, die gerne Sekt trinken. „Ihr Sektierer ihr!“ rufe ich in meinem Zorn, als ich endlich den Ausgang erreicht habe.

Draußen endlich Ruhe! Ich gehe die Straße entlang. Ich atme tief ein. Keine Leute um mich, die mich nerven. Ich bemerke aber jemanden hinter mir. Nicht optisch, denn weder habe ich hinten Augen noch drehe ich mich um, sondern akustisch. Es tut sich mir in Form einer lauten männlichen Stimme kund. Ich vermute Folgendes: Entweder der Mann spricht mit einem schwerhörigen Menschen, oder, und das erscheint mir die plausiblere Variante, er spricht über sein Mobiltelefon zu einem anderen Menschen. Ich drehe mich um, und finde meine Vermutung bestätigt: Der Mann spricht über sein Mobiltelefon mit einem anderen Menschen, und zwar in einer Lautstärke, die für einen Schwerhörigen angenehm, für mich, der direkt vor ihm geht, äußerst unangenehm ist.

Ich will es so sehen: Das Mobiltelefon ist ein Segen für die Menschheit. Früher telefonierten die Menschen hinter verschlossenen Wänden, zuhause in ihren Wohnungen oder in einer Zelle, und niemand anderer konnte teilhaben an ihren Gesprächen. Jetzt gehen sie während ihrer Telefonate mit ihren Mobilgeräten in der Gegend herum, um möglichst viele andere Menschen an ihren Gesprächen teilhaben zu lassen. Von diesem Blickwinkel aus gesehen ist mir das Gespräch meines Kompagnons – ja, so will ich ihn nennen: meinen Kompagnon, um das Soziale unserer Begegnung zu betonen – auf der Straße nicht mehr unangenehm. Ich fühle mich nicht mehr gezwungen, mitzuhören, habe nicht mehr den Eindruck, ein Gespräch wird mir aufgedrängt, nein, ich höre interessiert zu. Ich fühle mich als Teil einer intensiven Begegnung.

Die Diskussion meines Kompagnon hinter mir mit seinem schwerhörigen Gesprächspartner am anderen Ende der Funkverbindung dreht sich darum, wer Bier, wer Wein und wer Kippen mitbringt. Hauptsache kein Sekt, denke ich, denn das würde mich zornig machen. Sekt ist das Reizthema dieses Abends, das Reizthema meines Lebens, das bei mir das Fass zum Überlaufen bringt. Reift Sekt in Fässern? Egal. Hauptsache kein Sekt, nur Bier, Wein und Kippen. Gut. Sie vereinbaren, sich auf der Grüninsel in der Trambahnschleife zu treffen, dort seien sie ungestört und können in Ruhe feiern. Eines verstehe ich nicht: Sie wollen ungestört sein, andererseits bekommt gerade die ganze Straße mit, wo sie sich treffen werden, inklusive der Schwerhörigen. Und inklusive mir. Was machen sie, wenn die ganze Straße kommt? Haben sie genug Bier, Wein und Kippen dafür?

Mein Verständnisproblem ist mir egal: Ich will diese Begegnung nutzen, will mich einklinken in die soziale Komponente dieses offenen Mobilgesprächs. Ich drehe mich wieder um zu meinem Kompagnon und sage erfreut: „Ich komme auch!“ Offenbar irritiert verstummt er plötzlich. Sein Blick erinnert mich an den von Tizia, als ich die Galerie der sich mit Sekt Zuprostenden verließ. Mein Hirn assoziiert die Ähnlichkeit der vorwurfsvollen Blicke Tizias und meines Kompagnons sofort mit Sekt: Er wird doch wohl nicht Sekt mitbringen zur Feier in der Trambahnschleife! Streng schaue ich ihn an: Kein Sekt, sondern nur Bier, Wein und Kippen! Ich hoffe er versteht.

Trotzdem habe ich mein Vertrauen in diese Veranstaltung in der Trambahnschleife verloren. Ich biege ab in die nächste Querstraße, während mein Kompagnon, noch immer mit seinem Mobiltelefon am Ohr und das Gespräch wieder aufnehmend, geradeaus weitergeht. Zuhause angekommen, hocke ich mich betrübt in den Sessel. Ich kann Tizias Blick und den Blick meines Kompagnons nicht vergessen. Diese Blicke ähnelten sich so sehr, dass ein Zusammenhang mit Sekt zwangsläufig bestehen muss! Warum nur Sekt, warum nur immer Sekt, obwohl ich Sekt nicht ausstehen kann! Bin ich wirklich nur von Sektierern umgeben? Ich bekomme Angst. Ich bekomme Angst, dass die Partytiger der Trambahnschleife herausfinden wo ich wohne, mich abholen und gewaltsam zur Trambahnschleife schleifen, wo sie mir dann Sekt einflößen. Unruhig und voller Angst gehe ich ins Bett und schlafe erst ein, als meine Valium-Tablette endlich wirkt.

Nächster Morgen: Ich wache auf, noch benommen. Doch die Neugier treibt mich zur Trambahnschleife. Vorsichtig nähere ich mich dem Ort des Geschehens. Er ist verlassen. Ich finde leere Bier- und Weinflaschen und Zigarettenstümmel. Keine Sektflaschen, nirgends, soviel ich auch danach suche. Meine Angst war unbegründet. Da waren keine Sektierer am Werk. Die Einladung, die mein mobiltelefonierender Kompagnon an seine Umwelt ausgesprochen hat, war von ehrenhaftem Charakter, war ein Geschenk für die Welt. Um Buße zu tun und meine Gedanken zu ordnen, sammle ich Kronkorken und Zigarettenstümmel ein, die verstreut herumliegen, und gebe sie in leere Becher und Flaschen, um diesem großen Fest an der Trambahnschleife, das ich leider verpasst habe, ein Denkmal zu setzen.

Welt Wer Worte